Fortspinnungstypus bezeichnet ein musikalisches Formprinzip, das zu den typischen Stilmerkmalen des Spätbarock zählt. Geprägt wurde der Begriff von Wilhelm Fischer als Gegenbegriff zum von ihm sogenannten „Liedtypus“, welcher in etwa der in der Formenlehre nach Arnold Schönberg sogenannten Periode entspricht:

Der Vordersatz kann nach Fischer aus einer einzigen Phrase, aus der Wiederholung, Sequenzierung oder Imitation einer Phrase, oder aus einer Reihung verwandter oder kontrastierender Phrasen bestehen (sodass der Vordersatz mitunter selbst als Fortspinnungstypus erscheint).Fischer 1915, S. 36. Die Fortspinnung basiere meist auf der Quintschrittsequenz. Melodisch könne sie mit dem Vordersatz zusammenhängen, oder auch neues Motivmaterial enthalten.Fischer 1915, S. 43. Typisch sei zudem eine „rhythmische Verengerung“, indem die Glieder der Fortspinnung in der Regel kürzer (meist halb so lang) sind wie die Glieder des Vordersatzes, und im Falle mehrerer Sequenzgruppen die Glieder späterer Sequenzen abermals verkürzt werden.Fischer 1915, S. 43–44. Ein Epilog nach der Fortspinnung ist Fischer zufolge daher relativ selten.Fischer 1915, S. 44.

Als Beispiel bespricht Fischer u. a. die ersten acht Takte des ersten Satzes der Sonate für Viola da Gamba und Cembalo (BWV 1029) von Johann Sebastian Bach.Fischer 1915, S. 32. Clemens Kühn veranschaulicht das Formprinzip u. a. anhand der Eröffnungsritornelle von Antonio Vivaldis Violinkonzert a-Moll op. 3 Nr. 6 (1711) und der Arie Bereite dich, Zion aus Bachs Weihnachtsoratorium.Kühn 2001, S. 42–45. Ein weiteres Beispiel wäre der erste Abschnitt von Bachs Invention in d-Moll BWV 775:

mini|none|400px|J.S. Bach, Invention d-Moll BWV 775, T. 1-18.

In seiner Wirkung zeichnet sich der Fortspinnungstypus nach Kühn durch „fließendes Weitertreiben“ (statt Symmetrie) und „ungehinderte motivische Energie“ (statt „entgegengestelltem Kontrast“), bzw. durch „Bewegung statt Gleichgewicht“ aus.Kühn 2001, S. 45.

Einzelnachweise

Literatur Wilhelm Fischer: Zur Entwicklungsgeschichte des Wiener klassischen Stils. In: Studien zur Musikwissenschaft 3, Wien 1915, S. 24–84. Clemens Kühn: Formenlehre der Musik. 6. Auflage. Bärenreiter, Kassel 2001, ISBN 3-7618-1392-9.

Weblinks Ulrich Kaiser: Fortspinnungstypus und Formfunktionen auf musikanalyse.net

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