Die Drachenzählerlieder waren ein Streetart-Projekt anlässlich der Bundesgartenschau 2005 in München. Dabei wurden an verschiedenen Orten in München 10 × 30 cm große Plaketten am Boden befestigt, auf denen jeweils ein Vers der Drachenzählerlieder zu lesen war. Außerdem jeweils Kapitel und Vers und der Hinweis Kunstebene, auf 10×30cm, besprech- und betanzbar.
Auf der Internetseite des Projekts (nicht mehr verfügbar) wurde weiter erläutert: Die Kunstebenen sind lizenzfreie Aktionsorte die von Jedermann genutzt werden können, d. h. ohne die Einholung von Genehmigungen darf darauf getanzt und/oder mimisch dargestellt werden; auch kann eine Installation in maximaler Höhe von 3 Meter aufgestellt werden, ohne die Einholung einer Genehmigung des Baureferat und der Lokalbaukommission der Stadt München.
Die am Projekt beteiligten Künstler bildeten die Gruppe der „Drachenzähler“ (Robert Hofmann, Berkan Karpat, Philipp Kolb und Andreas Ohrenschall). Die Texte der Plaketten stammen von Andreas Ohrenschall.
Der Erhaltungszustand der Plaketten ist sehr unterschiedlich, abhängig vor allem davon, wie stark sie dem Verkehr ausgesetzt sind (parkende Autos, Einfahrten etc.). Einige der Plaketten sind inzwischen auch nicht mehr auffindbar.
Standorte der Plaketten mit Texten, Fotografien und Erläuterungen Untenstehende Tabelle führt die Standorte der Plaketten mit Texten und Erläuterungen auf.
Bild Vers Ort TextAufgrund der dauerhaften Anbringung im öffentlichen Raum sind die Texte in Deutschland und anderen Ländern mit Panoramafreiheit urheberrechtlich nicht geschützt. ErläuterungDie kursiv erscheinenden Erläuterungen sind Zitate von der . Kleinere Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Erläuterungstexte erscheinen in verkleinerter Schrift auch auf den Plaketten. Kapitel I 100px I/1 Orleansplatz / Ecke Wörthstraße „VIVE LA FRANCE !“ heißt nicht zugleich „tuez le dragon!“, sondern zählt auch der Unterwelt Gewächse zum Wurzelwerk grenzenloser Eichenwälder. Die Benennung einiger Haidhauser Plätze und Straßen bezog sich auf französische Städte, die im deutsch/französischen Krieg 1870/71 Schauplatz deutscher Aggression wurden. Freiherr von Eichthal (1813–1880) ließ hier die ersten sozialpolitisch motivierten Reißbrettsiedlungen errichten. 100px I/2 Bordeauxplatz / Pariser Straße (ehemalige Wohnhäuser Max Reger) Er ging und hörte mehr: Nuancen, große Flügel. Sachfremd verbittert las ein Urteil von schon gilbenden Papieren ab, es zu schleudern gegen ihn, der Drachenhäute zu dichtem Klang verweben konnte. In memoriam Max Reger und seines Weggangs aus München, beschimpft von einer Musikkritik, deren Wahrnehmung in „Wagner versus Brahms“ -Schablonen versickerte. Reger wohnte vom Oktober 1902 bis September 1903 in der Wörthstraße 20 am Bordeauxplatz. 100px I/3 Preysingstraße / Nähe Kriechbaumhof Hölzerner Drache getarnt als bäuerlicher Schrein. Wiederkäuende Mumie – aus ihren Mäulern quellen frisch Geranien. Für unsichtbare Passanten unverdaulich, soweit sie mal in der Nähe hausten, noch knurrt ihr Geist vor Hunger nach Sehnsucht und gebratnen Knöpfen. 100px I/4 Johannisplatz beim Durchgang zur Preysingstraße Fürstliche Hecken rascheln im Gedächtnis. Domus Dei ziegelrot. Erbauung suchend im Erbauten tränenüberströmt bei versperrten Toren. Bis zum Turm geflutet ertrinken manche betend im Halse ihrer meistgehaßten Bestien, über deren Antlitz sie sich einig sind, ihrer Herkunft sich allerdings aufs unkundigste verschließen. Die Neue Pfarrkirche St. Johann Baptist (Haidhausen) wurde zwischen 1852 und 1874 nach Plänen von Matthias Berger erbaut. Der Johannisplatz, vormals Schloß- und Gartenanlage der „Haidhauser Hofmark“ (1685–1812), dann sogenannter Metzgeranger, dann nach der Eingemeindung Sakralbaustelle mit begleitendem Rechtsstreit zwischen Erzbistum und Stadt München, wem nun der Platz gehöre, auf dem die Kirche steht. 100px I/5 Max-Weber-Platz / Einsteinstraße / Innere Wiener Straße „Ich schreite kaum und wähne mich schon weit. – Du siehst mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit“ Im Seelenorbit Parsifals, intuitiv der kleine Physikus – doch leider arg gewärmt von mütterlicher Selbstgeburt und dichtbezeilt. Erkenntnis und Wahrheit sich aneinanderlehnen wie zwei Zechbrüder – könnte man denken. Und haben Schönheit und Gravitation nicht stets gestellt die ähnlichen Rätsel? Aus dem Libretto von Richard Wagners Oper Parsifal (1882)Libretto von Parsifal: PARSIFAL Ich schreite kaum, doch wähn ich mich schon weit.
GURNEMANZ Du siehst, mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit. Den Zusammenhang zwischen Gravitation und Raumzeit untersuchte Albert Einstein in seinen Arbeiten zur Allgemeinen Relativitätstheorie. 100px I/6 An der Kreppe / Sckellstraße Monopteros aus Knochen, Säuglingsstall für Rattenmütter. Armutsmetaphern von glitschig spiegelnden Schuppen abgeschüttelt. Albumschnörkel für den Ortsverein. Der stete Strom der Landbevölkerung nach München während der letzten 400 Jahre fand in den sogenannten „Gemächern“ oder Herbergen ein Unterkommen. Der in der Mitte des 19. Jahrhunderts stark anwachsende Zuzug verschärfte die Armut, machte ohnehin beengten Wohnraum noch enger und teurer. Die hygienischen Umstände verursachten Krankheiten wie die Cholera. In den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts werden in Haidhausen zentral geplant Mietshäuser für die ärmere Bevölkerung errichtet. Kostengünstig und daher oft mangelhaft. 100px I/7 Wiener Platz / Grütznerstraße „Cheeeese!!“ Auch Grinsen kann das Ohr betäuben. Er hat's gewußt. Unzählige, benebelte Gesichter mit dem Kruge in der Hand. Oh Ahnherr aller Versicherungsbroschüren – nüchtern familiär durchnässt von hysterischem Gelächle. Ja, Grützner hats gewußt: dieser Drache ist zu groß. Standort der ehemaligen Villa des Malers Eduard Theodor von Grützner (1846–1925), Akademieprofessor und Schöpfer populärer Wirtshausszenen mit weinseligen Mönchen. 100px I/8 Randstein Busparkplatz Landtag Umsäumt, umfahren, so diesseits muß der Ort beschaffen sein, trotz elysischer Parzellen, Flaneure ruhig gestellt. Aufbegehren im Inneren verschlissen. Zirzensisch schwärmen Landesdrachenzähmer, wenn Unbill es ermöglicht. 100px 100px I/9 Wasserwirtschaftsamt beim Wehrhäuschen Spucken Drachen in den Fluß, schäumt er wie das Meer, kein Sterblicher wird daran erkranken. In früherer Zeit man sie hier zu ertränken suchte, ließ sie treiben bis zur Donau. Das bekam den Bürgern schlecht. Warens doch ausgelassne Doppelgänger, die schamvoll auszutreiben man beschlossen hatte. Kapitel II 100px II/1 Heilig-Geist-Kirche / Prälat-Miller-Weg (nicht aufgefunden) Von allen Türmen verfolgen sie den Wurm. Wie ein stolzer Bürger schlendert er unter Reichen wie den Armen. Sie aber vertreiben die Furcht, sehend von den Kreuzen „in hoc signo vinces“ herab. Nun liegt er und seine Glieder zieren unbemerkt die Suppenschalen. 1387 Fischerhäuser in der nach ihnen benannten „Fischergasse“ nach Umleitung des Roßschwemmbach-Wassers in neuangelegten Fischerbach. 1250 erstmals urkundlich belegtes Heilig-Geist-Spital. Bis 19.Jhdt. auch Armenspeisung. Seit 1833 „Heilig-Geist-Straße“. 100px 100px II/2 Rumfordstraße / Buttermelcherstraße Für die Stadt war angeordnet Menschlichkeit, die Oase und zudem entdeckt der Wärme Grund. Basilisk des Ruhmes – eingraviert in des Grafen Brust, feiern wollte er sich lassen, nicht das Werk. Der Fürsten Genius – prächtiges Gefieder aus Übersee. Wenn der Vogel am eigenen Gesange Freude hat, nimmt der Stumme ihms meist übel. Geheimen Orden wars ein Flackern im Gewölbe. Sir Benjamin Thompson, Graf von Rumford (1753–1814), britisch-amerikanischer Physiker. Ab 1784 in bayerischen Diensten. Einführung effizienter Maßnahmen gegen Armut und Elend (Schulen, Armenhäuser, „Rumfordsuppe“ etc). Veranlasst Errichtung des englischen Gartens. Entdeckt, dass Wärme kein Stoff ist (Reibungswärme) und verursacht durch die „Danksagungsaffäre“ den Kniefall des Münchner Rates vor dem Bild des Kurfürsten. Die genannte Danksagung war eine vermutlich auf Rumford zurückgehende Dankadresse an den Kurfürsten Karl Theodor unter Umgehung des Münchner Rates, was zu einer mit diversen Flugschriften geführten publizistischen Auseinandersetzung führte, in die schließlich der Kurfürst eingriff und 1790 dem neugewählten Rat die „Konfirmation“ verweigerte, so dass München ohne Stadtregierung war. Erst nach der erwähnten Unterwerfungsgeste durfte eine Neuwahl nach vom Kurfürsten geänderten Richtlinien stattfinden.Michael Schattenhofer: Der Kniefall des Münchner Rats vor dem Bild des Kurfürsten Karl Theodor. In: (ders.): Von Kirchen, Kurfürsten & Kaffeesiedern etcetera. Süddeutscher Verlag, München 1974, ISBN 3-7991-5804-9, S. 211–251. Vgl. Ralf Zerback: München und sein Stadtbürgertum: Eine Residenzstadt als Bürgergemeinde 1780–1870. De Gruyter, 1997, ISBN 3-486-82988-2, S. 65 f. 100px 100px II/2a Reichenbachstr. 10 ANGST ESSEN SEELE AUF KORKU RUHU YER Die Plakette befindet sich vor dem Wohnhaus von Rainer Werner Fassbinder gegenüber der Deutschen Eiche, dessen ehemaligem Stammlokal. 100px 100px II/3 Buttermelcherstraße 16 (Auslieferung Rischart) „Bäckermeister als Mäzen“, commedia per musica, posthum notiert von später Mannheimer Schule täglich, allzutäglich vorgebracht, da starb selbst der kräftigste und erhaltenswerteste unserer Drachen einen brokatigen Tod. 100px 100px II/4 Kohlstraße gegenüber dem Europäischen Patentamt Die Schöpfung ist mein! erstarrt der Schrei im Empfangsglas der Wächter, die nichts wissen, nichts wußten, mit Solitär im Rücken sich neigen vor den Geistern, bald großen Herren, mit der Gestattung versehen, zu sagen: Mein! und kein Getüm nagt an den Lebern der Geizigen des Feuers. Hier befand sich ehemals ein Gefängnis. 100px