Der Talisman, in einem ersten Konzept Titus Feuerfuchs oder Die Schicksalsperücken benannt, ist eine Posse mit Gesang in drei Akten von Johann Nestroy. Die Uraufführung fand am 16. Dezember 1840 im Theater an der Wien als Benefizvorstellung für Nestroys Lebensgefährtin Marie Weiler statt.
Inhalt
Akt 1 Die Gänsehirtin Salome Pockerl wird von den jungen Leuten im Dorf wegen ihrer roten Haare verspottet und ausgegrenzt.schon Abraham a Sancta Clara schrieb Judas Iskariot rote Haare zu (Judas der Erzschelm); daher auch die Volksetymologie Iskariot = ist gar rot Sie räsoniert über das falsche Vorurteil: „Rot ist doch g’wiß a schöne Farb’, die schönsten Blumen sein die Rosen, und die Rosen sein rot. Das Schönste in der Natur ist der Morgen, und der kündigt sich an durch das prächtigste Rot. Die Wolken sind doch g’wiß keine schöne Erfindung, und sogar die Wolken sein schön, wann s’ in der Abendsonn’ brennrot dastehn au’m Himmel; drum sag’ ich: wer gegen die rote Farb’ was hat, der weiß nit, was schön is.“ (Erster Akt, dritte Szene)Brukner/Rommel: Johann Nestroy, Sämtliche Werke. S. 387. Ähnliche ausgrenzende Erfahrungen macht auch der ebenfalls rothaarige, arbeitslose Geselle Titus Feuerfuchs. Feuerfuchs trifft auf den Gärtnergehilfen Plutzerkern, der ihn für den erwarteten neuen Gartengehilfen hält. Titus zeigt sich an der Stelle interessiert: „Gehilfe der Witwe? – Wie g’sagt, ich qualifizier’ mich zu allem.“ (Erster Akt, sechste Szene)Brukner/Rommel: Johann Nestroy. Sämtliche Werke. S. 393. Salome, der Titus’ feuerrotes Haar gefällt, will für ihn eine Anstellung beim Bäckermeister erbitten, der aber ablehnt. Als Titus das scheuende Pferd einer Kutsche bändigt, schenkt ihm der gerettete Friseur Marquis zum Dank dafür einen Talisman, eine schwarze Perücke. Diese verhilft Titus zur Gartengehilfen-Stellung bei Flora Baumscheer. Diese ist von dem schwarzhaarigen Titus und seinem selbstbewussten Auftreten beeindruckt, macht ihm Avancen und gibt ihm einen Anzug aus der Garderobe ihres verstorbenen Mannes. Aber auch die ebenfalls verwitwete Kammerfrau Constantia findet an Titus Gefallen und nimmt ihn mit auf das Schloss. „Der Herr Gärtner wird die Früchte überbringen, dies ist zugleich die schicklichste Gelegenheit, ihn der gnädigen Frau vorzustellen.“ (Erster Akt, zweiundzwanzigste Szene)Brukner/Rommel: Johann Nestroy. Sämtliche Werke. S. 417.
Akt 2 Titus kleidet sich in die goldbordierte Livree von Constantias verstorbenem Gemahl und wird anschließend zum Jäger ernannt. Kurz darauf erscheint Marquis auf dem Schloss, da er dort eine Verabredung hat. Als er beobachtet, wie freundlich Constantia Titus behandelt, wird er von Eifersucht erfüllt. Aus diesem Grund droht er Titus, dessen Geheimnis preiszugeben, sollte er sich nicht von Constantia fernhalten. Während Titus schläft, murmelt er Constantias Namen. Diese Gelegenheit nutzt Marquis, um ihm die Perücke zu stehlen. Als Titus erwacht, bemerkt er sofort ihr Verschwinden. In der Dunkelheit versucht er, sie zurückzuholen, greift jedoch versehentlich nach einer goldblonden Perücke.
Frau von Cypressenburg ist entzückt von seinen Locken und bietet ihm eine Stellung als Sekretär und außerdem noch die elegante Kleidung ihres verblichenen Gemahls an. Wenig später geraten Frau von Cypressenburg und Constantia in Streit. Constantia behauptet, Titus habe schwarze Haare, während die Schlossherrin überzeugt ist, er sei blond. Als Titus hinzukommt, ist Constantia völlig überrascht. Titus nutzt seine neue Stellung aus und spricht abfällig über Constantia, Flora und Marquis. Daraufhin werden alle drei aus dem Schloss entlassen.
Am Abend findet eine Soiree statt, bei der Frau von Cypressenburg Titus als ihren Sekretär vorstellt. Plötzlich stürmen die drei Entlassenen in den Saal. Marquis verrät Titus’ Geheimnis, indem er laut verkündet, dass Titus in Wirklichkeit rothaarig sei. Titus bestreitet dies nicht, sondern nimmt seine Perücke ab und offenbart sein rotes Haar. Enttäuscht und erzürnt entlässt Frau von Cypressenburg ihn daraufhin und weist ihn aus dem Schloss. Er wird aufgefordert, das neu erworbene Gewand zurückzugeben, und findet dabei eine graue Perücke vor, welche er sich aneignet.
Akt 3 Sein Onkel Spund, ein berühmter „Bierversilberer“, hört von Titus’ Missetaten und eilt zum Schloss. Titus ahnt von alledem nichts. Als Frau von Cypressenburg ihn zu sich rufen lässt, erscheint er verkleidet im Schloss. Er trägt eine graue Perücke, um seinen Vetter zu täuschen. Spund ist tief bewegt, als er Titus sieht, und empfindet großes Mitgefühl für ihn. Sofort will er Titus als Universalerben einsetzen und als wohlhabender künftiger Geschäftsmann erscheint dieser allen Damen plötzlich als gute Partie. Jedoch zieht er die Perücke ab und verzichtet – er will keine heiraten, die rote Haare nur an einem Universalerben verzeihlich finden. Endlich wird ihm klar, wie sehr ihm Salome als Einzige stets zugetan war. Er trägt ihr die Heirat an und sagt zu seinem Onkel: „Ich weiß, Herr Vetter, die roten Haar’ mißfallen Ihnen, sie mißfallen fast allgemein. Warum aber? Weil der Anblick zu ungewöhnlich is; wann’s recht viel’ gäbet, käm’ die Sach’ in Schwung, und daß wir zu dieser Vervielfältigung das unsrige beitragen werden, da kann sich der Herr Vetter verlassen drauf.“ (Dritter Akt, einundzwanzigste Szene)Brukner/Rommel: Johann Nestroy. Sämtliche Werke. S. 493.
Werksgeschichte Vorlage für Nestroys Stück war die dreiaktige französische comédie-vaudeville BonaventureInhaltsangabe in Brukner/Rommel: Johann Nestroy. Sämtliche Werke. S. 621–625. von Charles Désiré Dupeuty, die am 23. Jänner 1840 am Pariser Théâtre du Vaudeville uraufgeführt worden war. Vom im Ersten Kaiserreich angesiedelten Original entfernte sich Nestroy insbesondere in den Szenen mit dem Bierversilberer – der seine ureigenste Erfindung war – und der „literarische Diskussion“ mit Frau von Cypressenburg (im Original die Gräfin de Château-Gaillard), in der er sie als Blaustrumpf zeichnete. Die 14 Gesangsstücke des Vaudeville reduzierte er auf die Entreechöre, die Couplets und das stets von ihm eingesetzte Quodlibet, auch die sexuellen Anspielungen hat er – mit Blick auf die strengere Wiener Zensur – entschärft.
In seinen Werken zeichnete Nestroy bisher meist ein Bild der unveränderbaren Situationen und Charaktere – im Talisman rennt Titus erfolgreich gegen Borniertheit an, wenn er sich dabei auch durchaus der Beziehungen bedient.Ahrens: Bis zum Lorbeer versteig’ ich mich nicht. S. 219–226.
Die Uraufführung fand am 16. Dezember 1840 im Theater an der Wien statt. Nestroy selbst spielte den Titus Feuerfuchs, Wenzel Scholz alternierend mit Alois Grois den Gartenknecht Plutzerkern, Direktor Carl Carl, später auch Ignaz Stahl den Bierversilberer Spund, Marie Weiler die Gärtnerin Flora Baumscheer.Rommel: Johann Nestroy, Gesammelte Werke. S. 418.
Die Rolle der Salome Pockerl wäre eigentlich wie geschaffen für Eleonore Condorussi, doch Marie Weiler, misstrauisch geworden durch Nestroys berufsbedingt engen Kontakt mit diesem klassischen „süßen Mädel“, sorgt dafür, dass er, der notorische Schwerenöter, dieser Schauspielerin keine weiteren Hauptrollen mehr in seinen Stücken „auf den Leib schreibt.“ So bekam die junge Elise Rohrbeck die begehrte Rolle, obgleich die Condorussi wohl die bessere Besetzung gewesen wäre.
Das Originalmanuskript Nestroys ist verschollen, ein Konzept in Nestroys Handschrift mit dem Titel Titus Feuerfuchs oder Die Schicksalsperücken im Besitz von Nestroys Erben wurde letztmals 1922 in einer Aufstellung von Fritz Brukner zitiert und ist ebenfalls seither verschollen.Brukner/Rommel: Johann Nestroy. Sämtliche Werke. S. 613. Die Originalpartitur Adolf Müllers befindet sich im Besitz der Wienbibliothek im Rathaus.Musiksammlung der Wienbibliothek im Rathaus, Signatur MH 758.
Der Talisman ist das meistgespielte Werk Nestroys. Zahlreiche bekannte Schauspieler der Neuzeit haben die Rolle des Titus Feuerfuchs gespielt, darunter Karl Paryla, Walter Kohut, Hans Putz, Heinz Conrads, Heinrich Schweiger, Peter Weck, Helmuth Lohner, Helmut Qualtinger, Robert Meyer, Toni Böhm und Johannes Krisch. Auch die Rolle der Salome Pockerl ist bei Schauspielerinnen sehr begehrt, gespielt haben sie u. a. Inge Konradi, Brigitte Swoboda, Dolores Schmidinger, Gerti Drassl, Christine Ostermayer, Regina Fritsch, Sarah Viktoria Frick, Caroline Vasicek, Julia Jelinek, Dorothee Hartinger, Barbara Kaudelka, Gabriele Schuchter, Andrea Wildner und Claudia Rohnefeld.
Zeitgenössische Rezeption Die Reaktion von Publikum und Presse war von Anfang an sehr positiv und dauerte zu Nestroys Lebzeiten an.Brukner/Rommel: Johann Nestroy. Sämtliche Werke. S. 632–642 (gilt für das gesamte Kapitel Zeitgenössische Rezeption).
Adolf Bäuerles Nestroy stets gewogene Wiener Theaterzeitung schrieb am 18. Dezember 1840 in einer ausführlichen Rezension: „Die Form des Stückes ist des höchsten Lobes würdig. Solchen witzsprudelnden Dialog, wo beinahe jede Silbe so bonmotistischbonmotistisch = abgeleitet von Bonmot, witziger Einfall. gestaltet, so herrliche Couplets vermag nur Nestroy zu schaffen und außerstande, vorzugsweise gelungene Einzelheiten herauszuheben, da alles meisterhaft gemacht ist, beschränke ich mich lieber auf die allgemeine, aber nicht zu viel sagende Bemerkung. […] In der Darstellung exzellierte begreiflicherweise der Autor, als Titus Feuerfuchs, am meisten.“ Der Humorist vom 18. Dezember beschrieb die Aufführung ebenfalls lobend: „Der Erfolg seines neuesten Stückes war höchst glänzend. Seit geraumer Zeit haben wir den Beifall nicht aus so vollen und offenen Schleusen fallen gehört und seit geraumer Zeit wurde er unseres Erachtens nicht so verdient gespendet als dieses Mal.“ In der Wiener Zeitschrift war am 19. Dezember zu lesen: „‚Bonaventure le beau Brun‘,Bonaventure le beau Brun = französisch, Bonaventure, der schöne Braunhaarige. so heißt, glaub’ ich, das Original, welches Herr Nestroy frei bearbeitete und womit er eine treffliche Wahl traf, denn nicht bald hab’ ich eine Fabel gefunden, die so voll heiteren Situationen gewesen wäre und eine so geschickte dramatische Disposition gehabt hätte.“ Im Sammler wurde am 19. Dezember festgestellt, Nestroy habe noch kein witzigeres Stück geschrieben.
Ein Versuch von Joseph Kupelwieser (1791–1866), durch eine Übersetzung des Originals unter dem Titel Rot, braun und blond oder Die drei Witfrauen (Erstaufführung am 16. Jänner 1841 im Theater in der Josefstadt) Nestroy Konkurrenz zu machen, wurde von der Wiener Presse eher abfällig beurteilt.
Spätere Interpretation Otto Rommel stellt fest, die Assimilation eines fremden Stoffes sei Nestroy im Talisman ganz besonders gut gelungen. „Nestroy hat die desillusionierende Tendenz des harmlosen französischen Vaudevilles raffiniert ausgebeutet, die überwältigende Komik der Situation verzehrt aber jede Bitterkeit“ (Zitat). Lediglich die Figur der Salome Pockerl habe gegenüber dem Original an Persönlichkeit verloren.Rommel: Nestroys Werke. S. LVI–LVII.