mini|Pressekonferenz zur Deklaration am 30. März 2017Die Deklaration zur gemeinsamen Sprache () der Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner wurde am 30. März 2017 veröffentlicht.Tripunovski, Stiven: Gemeinsamkeit wider Willen? Sprache im südslawischen Raum. In: Grenzen im Fluss, Heiner Grunert, Florian Kührer-Wielach (Hrsg.), Regensburg Schnell et Steiner, Regensburg 2017, S. 30–31. ISBN 978-3-7917-2940-4, Zweihundert Intellektuelle aus Kroatien, Serbien, Bosnien-Herzegowina und Montenegro hatten sie vor ihrer Veröffentlichung unterzeichnet. (archiviert auf ) (archiviert auf ) Danach stieg die Zahl der Unterschriften in kurzer Zeit auf achttausend. Min. 4:31 Es handelt sich um Unterschriften von einzelnen Menschen, nicht von Institutionen oder politischen Parteien. Min. 0:38
Text der Deklaration Angesichts der negativen gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgen politischer Manipulationen durch Sprache und der aktuellen Sprachpolitik in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien, verabschieden wir, die Unterzeichnenden, die
DEKLARATION ZUR GEMEINSAMEN SPRACHE
Die Frage, ob in Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien eine gemeinsame Sprache verwendet wird, kann bejaht werden.
Es handelt sich um eine gemeinsame polyzentrische Standardsprache – beziehungsweise um eine Sprache, die von mehreren Völkern in mehreren Staaten mit erkennbaren Varietäten gesprochen wird – wie zum Beispiel Deutsch, Englisch, Arabisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch und viele andere. Diese Tatsache wird gestützt durch den štokavischen Dialekt als gemeinsame Dialektgrundlage der Standardsprache, das Verhältnis von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Sprache und die sich daraus ergebende gegenseitige Verständlichkeit.
Der Gebrauch von vier Bezeichnungen für die Standardvarietäten – Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch – bedeutet nicht, dass dies auch vier verschiedene Sprachen sind.
Das Beharren auf der kleinen Anzahl bestehender Unterschiede und der gewaltsamen Trennung der vier Standardvarietäten führt zu einer ganzen Reihe von negativen gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Phänomenen, wie dem Gebrauch der Sprache als Argument für die Trennung von Kindern in gewissen multinationalen Milieus, unnötigen „Übersetzungen“ in Administration und Medien, dem Erfinden von Unterschieden, wo gar keine bestehen, bürokratischen Zwängen, sowie Zensur (und Zwang zur Selbstzensur), wobei der sprachliche Ausdruck als Kriterium ethnonationaler Zugehörigkeit und Mittel zum Beweis politischer Loyalität aufgezwungen wird.
Wir, die Unterzeichnenden dieser Deklaration, sind der Meinung, dass
die Tatsache der Existenz einer gemeinsamen polyzentrischen Sprache das individuelle Recht auf Ausdruck der Zugehörigkeit zu verschiedenen Völkern, Regionen oder Staaten nicht in Frage stellt; jeder Staat, jede Nation und jede ethnonationale oder regionale Gemeinschaft frei und selbständig die eigene Varietät der gemeinsamen Sprache kodifizieren kann; alle vier momentan bestehenden Standardvarietäten gleichwertig sind und nicht eine davon als Sprache angesehen werden kann, und die anderen als Varietäten dieser Sprache; die polyzentrische Standardisierung eine demokratische Form der Standardisierung ist, die dem tatsächlichen Gebrauch der Sprache am nächsten kommt; die Tatsache, dass es sich um eine gemeinsame polyzentrische Standardsprache handelt, jedem Benutzer die Möglichkeit gibt, sie zu benennen, wie er es wünscht; zwischen den Standardvarietäten einer polyzentrischen Sprache Unterschiede in den sprachlichen und kulturellen Traditionen und in der Praxis, im Gebrauch der Schrift, im Wortschatz wie auch auf allen übrigen sprachlichen Ebenen bestehen. Davon zeugen auch die unterschiedlichen Standardvarietäten der gemeinsamen Sprache, in denen diese Deklaration veröffentlicht und benutzt werden wird; die Unterschiede der Standardvarietäten sowie die dialektalen und individuellen Unterschiede keine gewaltsame institutionelle Trennung rechtfertigen, sondern, im Gegenteil, zum riesigen Reichtum der gemeinsamen Sprache beitragen.
Daher rufen wir, die Unterzeichnenden dieser Deklaration, auf
zur Abschaffung sämtlicher Formen der Trennung und Diskriminierung aufgrund von Sprache in Bildungseinrichtungen und öffentlichen Institutionen; zur Einstellung repressiver, unnötiger und für die Sprecher schädlicher Praktiken zur Trennung der Sprache; zur Einstellung der rigiden Definition der Standardvarietäten; zur Vermeidung unnötiger, sinnloser und teurer „Übersetzungen“ in der gerichtlichen und administrativen Praxis sowie in den Medien; zur Freiheit der individuellen Wahl und zur Achtung sprachlicher Vielfalt; zur Freiheit dialektaler und regionaler Verwendungen; und, schließlich, zur Freiheit zur „Durchmischung“, zu gegenseitiger Offenheit und zum wechselseitigen Einfluss unterschiedlicher Formen und Ausdrücke der gemeinsamen Sprache zum umfassenden Nutzen aller ihrer Sprecher.
Entstehung der Deklaration mini|hochkant=1.2|Plakat zum Projekt Sprachen und NationalismenDie Deklaration hat sich aus einem einjährigen Projekt zum Thema Sprache und Nationalismus ergeben, (archiviert auf ) (archiviert auf ) das 2016 in allen vier Ländern lief Min. 15:00 und vom Forum Ziviler Friedensdienst und der Allianz Kulturstiftung unterstützt wurde. (archiviert auf ) Das Projekt wurde von vier Nichtregierungsorganisationen (P.E.N. Bosnien-Herzegowina, Kurs Kroatien, Krokodil Serbien, Centar za građansko obrazovanje Montenegro) durchgeführt, Min. 1:28 welche die Inspiration dafür im Buch Sprache und Nationalismus von Snježana Kordić fanden. Min. 01:05 (archiviert auf ) (serbokroatisch) Im Rahmen des Projekts wurden Konferenzen in allen vier Ländern organisiert (serbokroatisch) (serbokroatisch) (archiviert auf ) (archiviert auf )(archiviert auf) und somit wurden Einblicke in die Sprachproblematik vor Ort gewonnen.
Danach sind junge Menschen, geboren nach dem Krieg der 90er-Jahre, auf die Idee gekommen, eine Deklaration über die gemeinsame Sprache zu verfassen, Min. 1:50 (serbokroatisch) Min. 9:44 (serbokroatisch) da gerade junge Menschen als Schüler in multinationalen Umgebungen aufgrund ihrer nationalen Zugehörigkeit in getrennte Schulen oder Klassen aufgeteilt werden, unter dem Vorwand, sie sprächen verschiedene Sprachen. Min. 14:00 (archiviert auf ) (archiviert auf ) Den Vorwand nutzen rechtspopulistische Parteien, um ihre eigene Darstellung der Geschichte und Feindseligkeit gegenüber Mitgliedern anderer Religionen und Völker an ihre zukünftigen Wähler zu übertragen. (archiviert ) Einige Linguisten aus allen vier Ländern Min. 3:00 haben die Initiative der jungen Menschen angenommen und die Deklaration verfasst. (archiviert auf ) Die Arbeit daran hat vier Monate gedauert. Um die Deklaration zu Ende zu schreiben, hat auch ein zweitägiges Arbeitstreffen in Zagreb stattgefunden. (archiviert auf )
mini|hochkant=0.7|Noam Chomsky 2017 (Unterzeichner der Deklaration)Der britische Soziolinguist Peter Trudgill stellt fest, „dass Linguisten auf der Liste der Unterzeichner gut vertreten sind“. Besondere Aufmerksamkeit haben die südslawischen Medien der Nachricht geschenkt, dass auch der berühmteste Linguist der Welt „Noam Chomsky die Deklaration über die gemeinsame Sprache unterzeichnet hat“. (archiviert auf )
Reaktionen mini|hochkant=1.6|Kordićs Keynote-Präsentation zur Deklaration auf einer Konferenz in Japan 2018 (archiviert auf ) Die Deklaration hat ein enormes Echo in den Medien aller vier Länder erhalten (serbokroatisch) und die Diskussion über Schattenseiten der aktuellen Sprachpolitik ins Leben gerufen. (archiviert auf ) (archiviert auf ) (serbokroatisch) (archiviert auf ) (archiviert auf ) Zahlreiche prominente Intellektuelle aus allen vier Ländern haben die Deklaration unterstützt. (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) Im Gegensatz dazu haben serbische, (archiviert auf ) (archiviert auf ) kroatische, bosnische und montenegrinische Nationalisten die Deklaration angegriffen, (archiviert auf ) denn sie zerstört den nationalistischen Mythos, dass Volk und Sprache übereinstimmen müssen. Dass die Deklaration abgelehnt werden sollte, sagten auch einige Politiker, darunter der kroatische Premierminister Andrej Plenković und die Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović. Das niedrige Argumentationsniveau dieser Politiker wurde in Kroatien, aber auch in Deutschland und Österreich kritisiert. (archiviert auf )
Die Deklaration weist darauf hin, dass die Kommunikation zwischen Bosniaken, Kroaten, Serben und Montenegrinern reibungslos abläuft und dass dies das Wesen jeder Sprache ist. (archiviert auf ) Die Deklaration sehnt Jugoslawien oder einen anderen gemeinsamen Staat nicht herbei, da darin steht, dass die gemeinsame Sprache die Existenz der verschiedenen Staaten und Nationen nicht in Frage stellt. (serbokroatisch) (serbokroatisch) Die gemeinsame Sprache ist Mitte des 19. Jahrhunderts standardisiert worden, (archiviert auf ) längst vor der Entstehung Jugoslawiens, und es ist deshalb unbegründet, sie an Jugoslawien zu binden. (archiviert auf ) (archiviert )
Von Unterzeichnern verfasste Medien-Artikel zur Deklaration mini|hochkant=1.1|Unterschriftensammlung für die Deklaration (archiviert auf ) (archiviert auf ) Arsenijević, Vladimir; Bodrožić, Ivana; Pavićević, Borka; Brković, Balša; Kazaz, Enver: Pressekonferenz zur Deklaration am 30. März 2017 in Sarajevo. Min. 17:11 auf YouTube (serbokroatisch) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) Bugarski, Ranko: Govorite li zajednički? Belgrad 2018. ISBN 978-86-7562-138-6 (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) Min. 53:27 (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert ) (archiviert auf )
Min. 26:12 (archiviert auf ) (archiviert auf ) Longinović, Tomislav; Ivančić, Viktor; Kordić, Snježana; Buden, Boris: Podiumsdiskussion über die Deklaration: Sprache und Nationalismus., Subversive Festival in Zagreb 19. Mai 2017 auf YouTube (serbokroatisch) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) Min. 17:36 (archiviert auf ) mini|hochkant=0.7|Rauchen tötet – identische Wörter werden dreimal präsentiert, zweimal in lateinischer, einmal in kyrillischer Schrift (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert auf ) (archiviert ) (archiviert auf ) Zanelli, Aldo: Eine Analyse der Metaphern in der kroatischen Linguistikfachzeitschrift Jezik von 1991 bis 1997, Dr. Kovač, Hamburg 2018, S. 83 (= Studien zur Slavistik, Bd. 41), ISBN 978-3-8300-9773-0, ,
Siehe auch Serbokroatische Sprache Illyrische Sprache (Neuzeit)
Weblinks
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Einzelnachweise
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