Der Verband der deutschen Minderheiten in Europa, ab 1929 Verband der deutschen Volksgruppen in Europa (VDV), war von 1922 bis 1944 der Dachverband deutscher Minderheiten im europäischen Ausland. Der Hauptsitz befand sich bis 1932 in Wien, anschließend in Berlin.Michael Garleff: Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich. Band 2. Böhlau Verlag, 2001, S. 57.Tammo Luther: Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933–1938: die Auslanddeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalsozialisten. Franz Steiner Verlag, 2004, S. 50.
Gründungsfaktoren und Strukturen Nach 1918 mussten das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn große Teile ihrer Territorien an die Siegermächte des Ersten Weltkriegs sowie an neu erschaffene Staaten abtreten. Dies führte dazu, dass sich rund 8,5 Millionen Deutsche als nationale Minderheiten außerhalb ihres ursprünglichen Herkunftslandes wiederfanden.Bundeszentrale für politische Bildung, abgerufen am 10. Mai 2017. Überwiegend Länder in Ostmittel- und Südosteuropas strebten die Schaffung homogener Nationalstaaten an und unterwarfen Minderheiten – nicht nur deutsche – einer scharfen Assimilationspolitik.Rolf Wörsdörfer: Krisenherd Adria 1915–1955: Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum. F. Schöningh, 2004, S. 233–234. Vor diesem Hintergrund organisierten sich viele Auslandsdeutsche (damals auch Grenzlanddeutsche genannt) in Vereinen, Verbänden und Parteien, um Minoritätenschutzrechte in den „Wirtsländern“ zu erlangen. Als überstaatliche Interessenorganisation und Dachverband für diese Vereinigungen wurde im Oktober 1922 der Verband der deutschen Minderheiten in Europa gegründet, dem ausschließlich auf dem europäischen Kontinent ansässige deutsche Volksgruppen aus folgenden Ländern angehörten:
Belgien (Deutschsprachige Gemeinschaft Eupen-Malmedy) Dänemark (Deutsche Minderheit in Dänemark) Estland (Deutsch-Balten) Frankreich (Deutsch-Lothringener, Elsässer) Jugoslawien (Jugoslawiendeutsche) Lettland (Deutsch-Balten) Litauen (Memelländer) Polen (Deutsche Minderheit in Polen) Rumänien (Rumäniendeutsche) Russland (Russlanddeutsche) Italien (Südtiroler) Tschechoslowakei (Sudetendeutsche) Ungarn (Ungarndeutsche).Tammo Luther: Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933–1938: die Auslanddeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalsozialisten. Franz Steiner Verlag, 2004, S. 51.
Zu den Gründungsvätern und Hauptinitiatoren gehörten der Siebenbürger Sachse Rudolf Brandsch sowie die Deutsch-Balten Ewald Ammende und Paul Schiemann. Die mitgliederstärksten Verbände innerhalb des Dachverbandes waren die Sudetendeutschen, gefolgt von Verbänden der deutschen Minderheiten in Polen (Oberschlesien, Ostpommern, Westpreußen etc.).Tammo Luther: Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933–1938: die Auslanddeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalsozialisten. Franz Steiner Verlag, 2004, S. 51. Der Dachverband hatte bis 1939 ein demokratisch gewähltes Präsidium, welches sich aus Vertretern der einzelnen Landesverbände zusammensetzte. Aus dem Kreise des Präsidiums wurde ein Vorsitzender (Präsident) gewählt, namentlich von:
1922 bis 1931 der Siebenbürger Sachse Rudolf Brandsch 1931 bis 1934 der Siebenbürger Sachse Hans Otto Roth 1934 bis 1935 der Posen-Deutsche Kurt Graebe 1935 bis 1936 der Sudetendeutsche Max Richter 1936 bis 1939 der Sudetendeutsche Konrad Henlein Februar 1939 bis Dezember 1939 der Siebenbürger Sachse Fritz Fabritius.Sabine Bamberger-Stemmann: Der Europäische Nationalitätenkongress 1925 bis 1938. Herder-Institut, 2000, S. 266 f.
Der jeweilige Verbandspräsident hatte keine operativen Funktionen. Er war eher eine „Galionsfigur“ mit repräsentativen Aufgaben, der die deutschen Minderheiten in ihrer Gesamtheit beispielsweise im Präsidium des Europäischen Nationalitätenkongresses in Genf vertrat. Für die operative Geschäftsführung waren von 1922 bis 1931 Carl Georg Bruns und nach dessen frühen Tod von 1931 bis 1944 der Deutschbalte Werner Hasselblatt als Generalsekretäre sowie hauptamtliche Rechtsberater eingesetzt. Nach 1939 übte Hasselblatt faktisch die Geschäftsführung und den Vorsitz aus.
Politische Tendenzen mini|Deutsche Siedlungs- und Sprachgebiete um 1918 In der Hauptsache vertrat der Verband beim Europäischen Nationalitätenkongress die Interessen der deutschen Minderheiten gegenüber dem Völkerbund. Dabei liefen die Vertreter von Anfang an Gefahr, unfreiwillig in die Nähe von Bestrebungen gerückt zu werden, die territoriale Revisionen verfolgten. Tatsächlich wurden der Dachverband sowie die einzelnen deutschen Minderheitenorganisationen spätestens ab 1924 maßgeblich vom Auswärtigen Amt finanziert. Offiziell erklärte sich das Deutsche Reich unter Gustav Stresemann zur Schutzmacht der deutschen Minderheiten im Ausland.Natali Stegmann: Kriegsdeutungen – Staatsgründungen – Sozialpolitik: Der Helden- und Opferdiskurs in der Tschechoslowakei 1918–1948. Walter de Gruyter, 2010, S. 203. Die deutsche Politik zielte bereits in der Weimarer Republik darauf ab, Minderheiten zum Bleiben zu überreden, um sie als Hebel für künftige Grenzrevisionen benutzen zu können.Mark Mazower: Hitlers Imperium: Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. C.H.Beck, 2009, S. 52.
Fast alle Verbandspräsidenten vertraten während ihrer Amtszeit keine revisionistischen Ziele und bekannten sich ausdrücklich zu den internationalen Minderheitenorganisationen. Sie gingen davon aus, dass eine Lösung der nationalen Fragen auf dem Wege des Irredentismus nie möglich sein werde und daher ein Ausgleich zwischen Nationen und Staaten auf der Basis gegenseitiger Anerkennung gefunden werden müsse.Tammo Luther: Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933–1938: die Auslanddeutschen im Spannungsfeld zwischen Traditionalisten und Nationalsozialisten. Franz Steiner Verlag, 2004, S. 51.Heinrich Lackmann: Ammende, Ewald. in: Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 253. Dementsprechend führten die finanziellen Unterstützungen des Auswärtigen Amtes sowie der unter Stresemann begonnene „Minderheitenkreuzzug“ beim Völkerbund lange Zeit zu keinen merklichen Einschränkungen in der Handlungsfreiheit der Verbandsvorsitzenden, zumal die deutschen Außenminister in der Weimarer Republik grundsätzlich eine auf Ausgleich, nicht auf Eskalation bedachte Politik betrieben und liberal eingestellte Funktionäre beim VDV bis 1932 die Oberhand behielten.Dan Diner: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur: Band 2: Co–Ha. Springer-Verlag, 2016, S. 285–290. Dennoch musste sich der Verband der deutschen Minderheiten in Europa auf Betreiben des Auswärtigen Amtes bereits in der Weimarer Republik in Verband der deutschen Volksgruppen in Europa umbenennen. Der Beschluss wurde am 24. November 1927 gefasst, tatsächlich änderten die Minderheitenvertreter den Verbandsnamen offiziell erst zwei Jahre später im Dezember 1929. Die deutsche Regierung bezeichnete den Verband eine Zeitlang auch als „Ausschuß der deutschen Minderheiten“ beziehungsweise „Ausschuß der deutschen Volksgruppen“.Michael Garleff: Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich. Band 2. Böhlau Verlag, 2001. S. 57.
Gegen Ende der 1920er Jahre verschärfte sich in mehreren Ländern die Situation für verschiedene Ethnien. Besonders in ost- und südosteuropäischen Staaten waren Minderheiten zunehmenden Repressionen ausgesetzt. So erteilten beispielsweise polnische Behörden im Zuge der Polonisierung deutschen Apothekern, Ärzten, Rechtsanwälten ein Berufsverbot, oder erhielten in der Tschechoslowakei im Zuge der Tschechoslowakisierung über 30.000 Beamte deutscher Nationalität ihre Entlassung.Rudolf von Thadden, Steffen Kaudelka, Thomas Serrier: Europa der Zugehörigkeiten: Integrationswege zwischen Ein- und Auswanderung. Wallstein Verlag, 2007, S. 62.Ingo Schewiola: Wie der Zweite Weltkrieg gemacht wurde. Band 1. LULU, 2010, ISBN 3-00-029884-3, S. 46 Im Staat der Slowenen, Kroaten und Serben wurde die Verwendung von Volksbezeichnungen (auch der Serben, Kroaten und Slowenen) verboten, alle Einwohner sollten sich in Zukunft nur noch als „Jugoslawen“ betrachten. Im seit 1922 faschistischen Italien verloren die deutschsprachigen Südtiroler zusehends ihre kulturellen Rechte und mussten Schul- und Vereinsverbote hinnehmen.John S. Stephens: Danger Zones. Eine Untersuchung zu nationalen Minderheiten in Europa. Hrsg. und kommentiert von Hannes Obermair und Josef Prackwieser. Aus dem Englischen übersetzt von Maria Kampp. Edizioni Alphabeta Verlag: Bozen 2024, ISBN 978-887223428-0, S. 61–70. Trotz bestehender Minderheitenschutzverträge wurden Enteignungen durchgeführt, womit Auswanderungen von Bevölkerungsteilen erzielt werden sollten, die sich nicht assimilieren lassen wollten. Neben deutschen Volksgruppen betraf das ungarische, bulgarische, ukrainische, rumänische und andere Minderheiten.Sebastian Bartsch: Studien zur Sozialwissenschaft. Minderheitenschutz in der internationalen Politik: Völkerbund und KSZE/OSZE in neuer Perspektive. Springer-Verlag, 2013, S. 107. Allein von der deutschen Minderheit in Polen wanderten bis 1933 mehrere Hunderttausend Menschen nach Deutschland aus.Deutscher Bundestag, Wissenschaftliche Dienste: Deutsche Minderheiten in der Zwischenkriegszeit. Deutscher Bundestag, 2009: PDF; abgerufen am 23. Mai 2017. Tatsächlich stand die Weimarer Republik mit Beginn der Weltwirtschaftskrise wirtschaftlich und sozial vor einem Kollaps; damit stellten die unkontrollierbaren Einwanderungen eine zusätzliche finanzielle Herausforderungen hinsichtlich der Integration von Zugewanderten dar.
Vor diesem Hintergrund wurde eine Zentralisierung der Verbandsarbeit vom Deutschen Reich aus anstrebt, was insbesondere bei dem 1931 neu ernannten Generalsekretär des Verbandes, Werner Hasselblatt, auf Akzeptanz stieß. Seine Berufung kritisierten mehrere Präsidiumsmitglieder, da er offen mit der Volkstumspolitik der Nationalsozialisten sympathisierte. Dennoch setzten sich die Befürworter einer restriktiveren Unterstützung der deutschen Minderheiten durch. Folglich verlegte Hasselblatt den Hauptsitz des Verbandes 1932 von Wien nach Berlin. Das Auswärtige Amt stärkte sofort seine Position, indem Fördermittel nicht mehr an einzelne deutsche Minderheitenorganisationen im Ausland flossen, sondern nur noch direkt an den VDV. Auf diese Weise avancierte der Verband zum einzigen Kanal zur Verteilung deutscher Fördermittel, was die vorhergehende Autonomie der einzelnen deutschen Minderheitenorganisationen erheblich untergrub.Dan Diner: Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur: Band 2: Co–Ha. Springer-Verlag, 2016, S. 285–290.
Bedeutungsverlust und Niedergang mini|Umsiedlungen deutscher Volksgruppen nach dem Hitler-Stalin-Pakt (zeitgenössische Propagandakarte) Obwohl Werner Hasselblatt den Nationalsozialisten nahestand, werden seine Einstellung sowie die daraus resultierende Bedeutung des VDV in der neueren Geschichtswissenschaft differenziert betrachtet. Demnach sind gravierende Unterschiede zwischen der „traditionalistischen“ Volkstumspolitik des Verbandes und der nationalsozialistischen Volkstumspolitik feststellbar, wonach die Verbandsfunktionäre kein Interesse an der Eroberung von Lebensraum im Osten hatten, keine rassischen Theorien verfolgten und auch keine Bereitschaft zeigten, auslandsdeutsche Interessen machtpolitischen Kalkülen unterzuordnen.Tammo Luther. Volkstumspolitik des Deutschen Reiches 1933–1938. Franz Steiner Verlag, 2004, S. 69 f. Die Mehrheit der Verbandsfunktionäre nebst der ehemaligen oder während der NS-Zeit amtierenden Präsidenten geriet nach 1933 mit den neuen Machthabern im „Mutterland“ in Konflikt. Selbst Konrad Henlein unterwarf sich erst 1937 Hitlers expansiver Politik, nachdem er massiv unter Druck gesetzt wurde.„Kohen“ ist nicht zu fassen – Zwei Studien über Konrad Henlein – Spion der Briten und Gauleiter des Sudetenlandes. In: Die Welt-Online; abgerufen am 27. Mai 2017.