mini|300px|Eingangsbereich des Nationalmuseums in Bangkok Denkmalschutz und Denkmalpflege in Thailand beschäftigen sich mit den gesetzlichen Grundlagen, der verwaltungsmäßigen Organisation und den konkreten Maßnahmen des Denkmalschutzes, sowie mit den Methoden der Denkmalpflege im Königreich Thailand resp. dem früheren Siam (bis 1939). Die denkmalschützerische und denkmalpflegerische Tradition in Thailand reicht bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. In der heutigen Zeit der zunehmenden Bedrohung von Kulturgütern gewinnen sie für das nationale Bewusstsein wie auch für die Belange des Kulturtourismus zunehmende Bedeutung.
Rahmenbedingungen mini|5.000 Jahre alte Keramik aus Ban Chiang in situ Die ältesten archäologischen Relikte des thailändischen Kulturareals stammen aus dem Neolithikum des 6. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Eine erste Zivilisation im engeren Sinne bildete sich mit der Dvaravati-Kultur im sechsten Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Der erste, kleinere Flächenstaat wurde mit Haripunjaya im Norden des Landes im 8./9. Jahrhundert gegründet. Im 13. Jahrhundert schließlich entstanden die beiden größeren Territorialstaaten von Sukhothai (im nördlichen Zentral-Thailand in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts) und Lan Na (in Nord-Thailand in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts). Ab dieser Zeit kann von einer staatlichen Kontinuität des Landes gesprochen werden. In den folgenden sieben Jahrhunderten konnte sich eine originäre Thai-Kultur entfalten. Deren Kontinuität wurde dadurch begünstigt, dass das Gebiet, das wir heute Thailand nennen, in seiner Gesamtheit zu keinem Zeitpunkt, nicht dauerhaft und nie flächendeckend okkupiert wurde, auch wenn es sich, bedingt durch die Lage des Landes zwischen den beiden Staaten der Burmesen im Westen und der Khmer im Osten, wiederholt massiven Angriffskriegen ausgesetzt sah und temporär in Teilen besetzt worden ist. Ferner wurde Thailand als einziges Land in Südostasien niemals kolonialisiert, was nicht zuletzt einer geschickten Außenpolitik der Herrscher der Chakri-Dynastie und ihrer Regierungen zu verdanken war, auch wenn diese mit nicht unerheblichen territorialen Zugeständnissen gegenüber den Kolonialmächten an allen damaligen Grenzen des Landes (Französisch-Indochina, Föderierte Malayenstaaten/Nichtföderierte Malayenstaaten und Britisch-Indien) einher ging. So konnte sich nahezu unbeschadet von kulturimperialistischen Bestrebungen eine authentische Kultur entwickeln und erhalten. Erst mit dem Vietnamkrieg (1965–1975), in dem das Land als Ruhe- und Rekreationsraum für die US-amerikanischen Streitkräfte dientePreston Jones: . John Brown University, Siloam Springs (AR) o. J., dann durch den Mitte der 1970er Jahre einsetzenden MassentourismusNick Kontogeorgopoulos: Tourism in Thailand. Patterns, Trends, and Limitation. In: Pacific Tourism Review, Vol. 2, University of Puget Sound, Tacoma (WA) 1998, S. 225–238. und zuletzt durch die Folgen der GlobalisierungMichael E. Jones: Thailand and globalisation. The state refom utilities of buddhism culture, and education and the social movement of socially and spiritually engaged alternative education. In Rodney K. Hopson, Carol Camp Yeakey, Francis Musa Boakari (Hrsg.): Power, Voice and the Public Good. Schooling and Education in Global Societies (Advances in Education in Diverse Communities. Research, Policy and Praxis, Volume 6), Emerald Group Publishing Limited, 2008, S. 419–453, ISBN 978-1-84855-184-8.Craig J. Reynolds: Globalization and cultural Nationalism in modern Thailand. In: Joel S. Kahn: Southeast Asian Identities. Culture and the Politics of Representation in Indonesia, Malaysia, Singapore, and Thailand. Institute of Southeast Asian Studies, Singapore 1998, S. 115–145.Patrick Jory: Thai Identity, Globalisation and Advertising Culture, in: Asia Studies Review, Volume 23, Issue 4, 1999, S. 461–467.Kevin Hewison: Localism in Thailand. A study of globalisation and its discontents. CSGR Working Paper No. 39/99, University of Warwick, Coventry 1999. wurde und wird diese Authentizität seit nunmehr einem halben Jahrhundert in immer zunehmenderem und schnellerem Maße bedrängt und verändert.
Siehe auch Geschichte Thailands
Geschichte mini|König Mongkut mit seinem Sohn und Nachfolger Chulalongkorn Das erste Gesetz zum Schutz von Kulturgütern in Thailand wurde zu Beginn der Herrschaft des Königs Mongkut (auch Phra Chom Klao oder Rama IV., 1851–1868) im Jahre 1851 erlassen und trug den Namen „Proklamation über Tempelgrenzen und Tempelplünderer“Fine Arts Department (Hrsg.): A Compilation of Royal Proclamations of King Rama IV, BE 2394-2404. Fine Arts Department, Bangkok 1968.. Diese Gesetzgebung stand im Kontext mit der Diplomatie des Königs, die einen erfolgreichen Spagat vollzog in dem Bemühen, auf der einen Seite das Land für positive internationale Impulse zu öffnen und Beziehungen zu den damaligen westlichen Mächten aufzunehmen, dabei aber auf der anderen Seite destruktive westliche Einflüsse oder gar die direkte Kolonisierung zu verhindern. Im Einklang mit den persönlichen Interessen des Königs für Geschichtswissenschaften, Kunstgeschichte und Archäologie bildete sich eine kleine intellektuelle Elite, die eine Anzahl von archäologischen Untersuchungen durchführte und Museumsausstellungen organisierte. Obwohl diese Projekte ein Privatangelegenheit des Königs und kein offizielles Regierungsprogramm waren, trugen sie dennoch dazu bei, die Bewahrung des kulturellen Erbes zu einem allgemein anerkannten Wert zu machen und den gebildeteren Teil der Öffentlichkeit für die Belange des Denkmalschutzes zu sensibilisieren.Thanik Lertcharnrit: Cultural Heritage Management in Thailand. Springer, New York 2013. Durch die Initiierung dessen, was wir heute Denkmalschutz und Denkmalpflege nennen, erweckte der König bei seinen Untertanen ein Bewusstsein für den Wert der Kultur und nutzte dies als willkommenes Mittel, das Nationalbewusstsein und die nationale Einheit weiterzuentwickeln.Thanik Lertcharnrit: Archaeological Heritage Management in Thailand. In: American Anthropologist, Vol. 119, No. 1, March 2017, S. 134.
Sein Sohn und Nachfolger König Chulalongkorn (auch Phra Chunlachom Klao oder Rama V., der Große, 1868–1910) setzte die Politik seines Vaters erfolgreich fort und intensivierte und beschleunigte sie noch. Auch dessen Interesse für die Vergangenheit teilte Chulalongkorn. Er schrieb selber über archäologische Themen, installierte 1874 in seinem Palast ein Museum, bemühte sich 1886 beim Ethnologischen Museum in Berlin um die Rückgabe gestohlener Objekte, gründete 1888 das Museumsdepartment als staatliche Behörde und begründete 1907 den Antiquitäten-Club, der für das Studium von Archäologie, Geschichte und Kunstgeschichte warb sowie 1914 den Literatur-Club. In seine Zeit fiel auch die erste wissenschaftliche Ausgrabung in Ayutthaya.Thanik Lertcharnrit: Cultural Heritage Management in Thailand. Springer, New York 2013, S. 2. Während einer längeren Reise im Jahre 1897 hatte er unter anderem Theben, Gizeh, Pompeji, Rom, Florenz und Venedig besucht. Beeindruckt und beeinflusst von den Palästen und Monumenten, die auf seiner Reise kennengelernt hatte, errichtete er einen Sommerpalast in der alten Hauptstadt Ayutthaya, um so eine Kontinuität zwischen deren alten, angesehenen Dynastien (1351–1767) und seiner eigenen, der Chakri-Dynastie (seit 1782) zu demonstrieren. mini|Kronprinz Vajiravudh Der nachfolgende König Vajiravudh (auch Phra Mongkut Klao oder Rama VI., 1910–1925) stand als Student der Geschichtswissenschaften (University of Oxford) und aktiver archäologischer Pionier (beispielsweise bei der Erforschung der Thanon Phra Ruang und der antiken Stätten von Sukhothai im Jahre 1907) ganz in der Tradition seiner beiden Vorgänger. In seiner Regierungszeit erreichte der Denkmalschutz in Thailand eine moderne Ebene bürokratischer Ausprägung mit einem deutlichen Bedeutungsgewinn des Schutzes, der Pflege und der Restaurierung von Kulturgütern, einschließlich der antiken Denkmale, der antiken Objekte, der Kunstobjekte und der archäologischen Fundstätten. All diese Angelegenheiten werden seit dieser Zeit durch das 1911 gegründete Fine Arts Department (FAD)Fine Arts Department (Hrsg.): 105 years of the Fine Arts Department. Fine Arts Department, Bangkok 2016. überwacht. Das FAD kümmert sich mit Hilfe seiner über das ganze Land verteilten 13 Regionalbüros um alle Aspekte des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege. Alle Regionalbüros verfügen über spezialisierte Unterabteilungen, darunter befinden sich eine akademische Forschungsabteilung, eine Abteilung für Denkmalpflege und eine technische Abteilung.
In eine noch mehr wissenschaftlich geprägte Phase traten der Schutz und die Pflege des kulturellen Erbgutes schließlich in einer frühen Periode der Regierungszeit des Königs Bhumibol Adulyadej (auch Bhumibol der Große oder Rama IX., 1946–2016) ein. Ein Meilenstein hierbei war der Erlass des Gesetzes über die antiken Monumente, Antiquitäten, Kunstobjekte und Nationalmuseen (Act of ancient monuments, antiques, objects of art and national museums) vom 2. August 1961Act of ancient monuments, antiques, objects of art and national museums vom 2. August 1961 auf der Webpräsenz der UNESCO (englisch), abgerufen am 7. Mai 2017. und die darauf aufbauenden ministeriellen ErlasseAct of ancient monuments, antiques, objects of art and national museums vom 2. August 1961 mit nachfolgenden ministeriellen Erlassen auf der Webpräsenz der UNESCO (englisch), abgerufen am 7. Mai 2017.. Unter anderem hat seit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes die Datierung archäologischer Befunde nur noch auf der Basis zuverlässiger Methoden zu erfolgen, die Restaurationsmethode der Anastilosis wurde in Thailand gängige Praxis und vieles mehr. Das Gesetz nahm durch Dezentralisierung der Denkmalverwaltung und einen höheren Grad der öffentlichen Teilhabe und Kooperation beim Schutz von Kulturgütern eine Anpassung an veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen vor. Es folgten weitere Vorschriften, die dieses Gesetz stützten, verstärkten, konkretisierten oder weiterentwickelten, so 1985 der Erlass des FAD über die Bewahrung von DenkmalenFine Arts Department (Hrsg.): Ancient Monuments, Ancient Objects, Art Objects and National Museum Act of 1961. Fine Arts Department, Bangkok 2005.. Eine Anzahl von Artikeln der Charta von Venedig wurde in Übereinstimmung mit dem Erlass von 1985 übernommenWaeowichian Abhichartvoraphan & Kenji Watanabe: . In: Proceedings of the School of Engineering. Series E 40, Tokai University, Tokyo 2015, S. 7–14.. Dies wurde wesentlich begünstigt durch den ebenfalls noch 1985 vollzogenen Beitritt Thailands zum International Council on Monuments and Sites (ICOMOS). All diese dem Gesetz von 1961 nachfolgenden Schritte und Erlasse führten zu strengeren Verfahrensweisen mit klaren Richtlinien, Regeln und Bestimmungen zur Denkmalpflege.
Die außergewöhnliche Bedeutung von Kulturdenkmälern für Politik und Gesellschaft in südostasiatischen Staaten mag an einer Singularität der Geschichte deutlich werden, dem Grenzkonflikt zwischen Kambodscha und Thailand um den inzwischen zum (kambodschanischen) Weltkulturerbe ernannten Prasat Preah Vihear. Dieser über mehrere Jahrzehnte dahin schwelende, in unterschiedlichen Intensitäten immer mal wieder aufflammende Konflikt – letztlich eine Spätfolge der Kolonialpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts – eskalierte im Jahr 2008 bis hin zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Staaten mit mehreren Toten und Verletzten.Sonja Meyer: Der Grenzkonflikt zwischen Thailand und Kambodscha. In Journal of Current Southeast Asian Affairs, 28 1, Hamburg University Press, Hamburg 2009, S. 47–68, .
Denkmalschutzgesetz von 1961