mini|hochkant=1.8|Munigua, Überreste des Terrassenheiligtums Munigua (auch Mulva; ) war ein römisches municipium in der römischen Provinz Baetica. Seit 1956 wird das Munizipium durch das Abteilung Madrid des Deutschen Archäologischen Instituts ausgegraben. Damit gehört es mit über 60 Jahren Grabungsgeschichte zu den gut erforschten Munizipien.. Mitteilung der Deutschen Botschaft in Spanien.
Erster Grabungsleiter war Wilhelm Grünhagen. Im Osten der Stadt wurde 1967 das erste Wohnhaus durch den Architekten und Bauforscher Theodor Hauschild entdeckt. Bis 1997 wurden insgesamt sieben Wohnhäuser identifiziert. Munigua ist das einzige bekannte Munizipium außerhalb Italiens, das ein aufwendig gestaltetes Terrassenheiligtum besaß, und diente wie alle Munizipien als Zentrum für die umgebenden Siedlungen. Wirtschaftliche Grundlagen waren eine ertragreiche Metallgewinnung und -verarbeitung sowie die Öl- und Weinproduktion.
Geschichte der Besiedlung Keramikfunde belegen eine Besiedlung der oberen Höhen ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. In der Mitte des 1. Jahrhunderts lässt sich ein starkes Bevölkerungswachstum feststellen, das die Einwohner bewogen hat, die oberen Höhen zu verlassen und sich in tieferen Bereichen niederzulassen. Reste der alten Wohnbauten finden sich in neuen Häusern, aber auch unter öffentlichen Gebäuden wie dem Terrassenheiligtum. Zwischen 70 und 80 n. Chr. bekam Munigua das latinische Bürgerrecht von Kaiser Vespasian verliehen.Wilhelm Grünhagen: Die Ausgrabungen des Terrassenheiligtums von Munigua. In: Neue deutsche Ausgrabungen im Mittelmeergebiet und im vorderen Orient. Mann, Berlin 1959, S. 354.
Ihre Blütezeit erlebte die Stadt im 2. Jahrhundert. Aus dieser Zeit stammen die meisten öffentlichen Bauten. Lange Zeit wurde angenommen, dass die auch in Munigua spürbare Krise des 3. Jahrhunderts zum Ende der Stadt führte, was heute nicht mehr so gesehen wird. Wohl aber lassen sich starke Veränderungen im städtischen Gefüge feststellen. In konstantinischer Zeit umfasste die Stadt lediglich eine Fläche von 4,5 ha. Am Übergang vom 3. zum 4. Jahrhundert wurde die Stadt, vermutlich in Verbindung mit dem Niedergang des Bergbaus, größtenteils verlassen. Die restliche Bevölkerung zog sich auf die Hügel zurück, wo sich bis Ende des 4. Jahrhunderts Spuren menschlicher Anwesenheit finden. Die Stadt wurde vermutlich nie zerstört, sondern ist eher seit dem 3. Jahrhundert allmählich verfallen.Wilhelm Grünhagen: Die Ausgrabungen des Terrassenheiligtums von Munigua. In: Neue deutsche Ausgrabungen im Mittelmeergebiet und im vorderen Orient. Mann, Berlin 1959, S. 340. Nahm man früher noch an, dass anschließend nach nur wenigen Generationen die menschliche Besiedlung endete, ergab die neuere Forschung ein differenzierteres Bild. Demnach konzentrierten sich die menschlichen Aktivitäten nun an der die Stadt von Norden nach Süden durchziehenden Hauptstraße, dem cardo maximus. Des Weiteren entstanden mehrere spätrömische Tabernae. Dominierende wirtschaftliche Faktoren dieser Spätphase waren Handwerk und Kleingewerbe.Felix Teichner: Spuren islamischer Besiedlung auf dem Castillo de Mulva (Villanueva del Río y Minas, prov. Sevilla)? In: Madrider Mitteilungen. Band 39, 1998, S. 352. Importe von Keramik zeigen, dass die Stadt auch zu dieser Zeit noch eine gewisse wirtschaftliche Kraft besaß.Sven Ahrens: Baudekor von Munigua. In: Madrider Mitteilungen. Band 45, 2004, S. 413. Im 5. Jahrhundert wurden Teile des ursprünglich mit Wohnhäusern bebauten Gebietes als Nekropole genutzt. Grabfunde belegen den Fortbestand einer Ansiedlung bis mindestens in das 7. Jahrhundert. Eventuell schätzte man den Ort als Rückzugspunkt auf Grund der hervorragenden fortifikatorischen Eigenschaften.Christoph Eger: Frühislamische Bestattungen in Munigua (Prov. Sevilla/E). In: Archäologisches Korrespondenzblatt. Jahrgang 46, Heft 2, 2016, S. 255–269.
Nach längerer Zeit ohne menschliche Besiedlung finden sich ab dem 8. Jahrhundert Hinweise auf islamische Niederlassungen. Funde aus dieser Zeit sind eine arabische MünzeFelix Teichner: Spuren islamischer Besiedlung auf dem Castillo de Mulva (Villanueva del Río y Minas, prov. Sevilla)? In: Madrider Mitteilungen. Band 39, 1998, S. 346. sowie typisch islamische Gefäße und Öllampen aus Terrakotta.Felix Teichner: Spuren islamischer Besiedlung auf dem Castillo de Mulva (Villanueva del Río y Minas, prov. Sevilla)? In: Madrider Mitteilungen. Band 39, 1998, S. 348–349.
Forschungsgeschichte mini|Grabungsfoto Übersicht mini|Munigua. Plan Stand 1997 nach Katharina E. Meyer1. Eisenzeitliche Befunde2. Terrassenheiligtum3. Podiumstempel4. Haus 15. Haus 26. Haus 37. Haus 48. Haus 59. Haus 610. Thermen11. Süd-Nekropole12. Ost-Nekropole & Mausoleum13. Kalkofen14. WerkstattFarben:Grün: Private BautenDunkelgrün: Öffentliche BautenHellgrün: vorrömische BefundeBlau: GräberHellblau: WasserleitungenRot: Stadtmauer Schon 1565 erwähnt Ambrosio de Morales, Chronist von Philipp II., Inschriften aus Mulva in einem Brief an seinen Schüler Alfonso Chacón. Eine erste schriftliche Gleichsetzung von Mulva mit Munigua scheint durch den Altertumsforscher Rodrigo Caro im 17. Jahrhundert festgelegt worden zu sein, 1756 gab es dokumentierte Untersuchungen des Ortes durch die Gelehrten Tomás de Gusseme, Sebastián Antonio de Cortes und José de Cuentas Zayas.Thomas G. Schattner: Die Wiederentdeckung von Munigua. In: Madrider Mitteilungen. Band 46, 2005, S. 267–288.
Die ersten systematischen Kampagnen zur Untersuchung der allgemein „Castillo de Mulva“ genannten Anlage wurden 1956 durch die Abteilung Madrid des Deutschen Archäologischen Instituts unter der Leitung von Wilhelm Grünhagen gestartet und konzentrierten sich hauptsächlich auf die Grabung und Dokumentation der öffentlichen Bauten auf dem Stadthügel, der Thermen am östlichen Abhang und ab 1957 auch der vorrömische Besiedlung des Hügels.Klaus Raddaz: Mulva I. Die Grabungen in der Nekropole in den Jahren 1957 und 1958 (= Madrider Beiträge. Band 2). Philipp von Zabern, Mainz 1973, S. 1. Daneben wurde auch bis einschließlich 1958 die im Osten des Hügels gelegene Nekropole untersucht.
Ab 1967 änderten die Forscher die Fragestellung der Grabungen und konzentrierten sich mehr auf die Wohnstätten und deren Beziehung zu den öffentlichen Bauten. Im Osten des Hügels entdeckte Hauschild im gleichen Jahr durch Suchschnitte Teile des ersten Hauses („Haus 1“) und Teile eines südlichen Nebengebäudes („Haus 6“), das von 1982 bis 1989 ausgegraben wurde.Katharina E. Meyer, Carlos Basas, Felix Teichner: Mulva IV. Philipp von Zabern, Mainz 2001, S. 7. 1974 wurde bei einer Untersuchung des südlichen Forums ein weiteres Haus angeschnittenen („Haus 2“), das in den Jahren 1988, 1993 und 1996 vollständig ergraben wurde.Katharina E. Meyer, Carlos Basas, Felix Teichner: Mulva IV. Philipp von Zabern, Mainz 2001, S. 211. 1977 bis 1983 wurde zudem in mehreren Schnitten die an der Stadtmauer gelegene Südnekropole untersucht. 1984 übernahm Hauschild die Leitung der Grabungen, in den Jahren 2002, 2003 und 2005 wurde das Gebiet geophysikalisch untersucht.Burkart Ullrich, Cornelius Meyer: Die Untersuchung römischen Städtebaus mit geophysikalischen Prospektionsmethoden am Beispiel von Pompeji, Italien und Munigua, Spanien. In: Georadar und andere zerstörungsfreie Untersuchungsmethoden von Bodendenkmälern. Findling, Neuenhagen 2005, S. 146–152.Cornelius Meyer, Burkart Ullrich, Christophe D. M. Barlieb: Archaeological Questions and Geophysical Solutions: Ground-Penetrating Radar and Induced Polarization Investigations in Munigua, Spain. In: Archaeological Prospection. Band 14, 2007, S. 202–212 (online).
Wirtschaftliche Grundlagen Metallgewinnung Die Iberische Halbinsel ist generell sehr reich an Erzen, neben Eisen finden sich große Mengen an Kupfer und streckenweise Gold. Die Bedeutung des Bergbaus ist bereits den ersten Entdeckern des 18. Jahrhunderts aufgefallen. Schlackenreste lassen sich in der ganzen Stadt feststellen, teilweise als Füllmaterial für Mauern und Belag für Straßen. Der Bergbau in der Umgebung ist vermutlich ein Grund für den Reichtum der Stadt, durch Schlackefunde seit den ersten Begehungen wurde er schon länger angenommen. Es befanden sich mehrere Minen im Umland, wo genau diese lagen, wird aktuell geforscht, doch noch bis in die 1940er Jahre wurde in der Region Bergbau betrieben. Die Einnahmen durch den Bergbau stellten vermutlich auch die Möglichkeit, die öffentlichen Bauten zu errichten. Ein wirtschaftlicher Aufschwung lässt sich in der Regierungszeit des Tiberius feststellen. Eventuell war die Stadt der zentrale Kult- und Verwaltungsort der Minenbetriebe.Christoph Eger, Sabine Panzram: Michael Kulikowski und die spätrömische Stadt in Spanien. Kritische Anmerkungen zum Fallbeispiel Munigua. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift. Band 47,2, 2006, S. 270. Der Niedergang der Stadt hängt eventuell mit dem Niedergang des Bergbaus im ausgehenden 2. Jahrhundert zusammen.Markus Griepentrog: Bergbau im Umland von Munigua. Neue Ergebnisse zur Wirtschaftsgrundlage der Stadt. In: Provinzialrömische Forschungen. Festschrift für Günter Ulbert zum 65. Geburtstag. Leidorf, Espelkamp 1995, S. 237–252.
Wein- und Ölproduktion Weitere wichtige wirtschaftliche Faktoren waren die Gewinnung und der Export von Wein sowie insbesondere Öl. Von der Bedeutung der Ölproduktion zeugen mehrere in der Stadt gefundene Anlagen.Norbert Hanel: Römische Öl- und Weinproduktion auf der Iberischen Halbinsel am Beispiel von Munigua und Milreu. In Madrider Mitteilungen. Band 30, 1989, S. 205–238.
Die Nekropole und die Gräber Die Nekropole wird seit dem Jahr 1957/1958 systematisch erforscht. 1973 wurden von Klaus Raddatz fünf reiche Brandbestattungen entdeckt. Die Gräber waren von einer Mauer umgeben, was für einen abgeschlossenen umfriedeten Grabbezirk spricht. Da das Gebiet vollkommen eben ist, kann man von einer zusammenhängenden Anlage ausgehen.Mercedes Vegas: Mulva II. Die Südnekropole von Munigua. Grabungskampagnen 1977 bis 1988 (= Madrider Beiträge. Band 15). Philipp von Zabern, Mainz 1988, S. 1.
Bei Brandbestattungen kann man allgemein zwischen zwei Arten unterscheiden: Der Leichenbrand und die Beigaben bleiben direkt am Ort der Verbrennung, hierbei spricht man von einem Bustum, oder sie werden anschließend an einen separaten Ort bestattet. Dabei wird der Tote in einer sogenannten Ustrina verbrannt und der Leichenbrand anschließend geborgen. Dies ist in der Südnekropole die geläufigste Bestattungsform. Da die Beigaben keine oder kaum Brandspuren aufweisen, kann man davon ausgehen, dass sie erst nach dem Verbrennen hinzugegeben wurden.
Bei der Beisetzung von Leichenbrand und Beigaben lassen sich vier verschiedene Anlagen feststellen: Ohne Schutz in der Grabgrube. In einer Urne oder einem Behälter. In einem Bustum, Leichenbrand und Beigaben bleiben am Ort der Verbrennung. Diese Art wurde noch bis ins 3. Jahrhundert verwendet, als sie an anderen Orten bereits sehr selten wurde. In der Abfallgrube einer Ustrina. Hierbei finden sich in der Grube Scheiterhaufenrückstände sowie Beigabenreste ohne Leichenbrand.Mercedes Vegas: Mulva II. Die Südnekropole von Munigua. Grabungskampagnen 1977 bis 1988 (= Madrider Beiträge. Band 15). Philipp von Zabern, Mainz 1988, S. 17–18.
In der Erde finden sich weiterhin viele kleine Keramikfragmente, die jedoch nicht Teil der Beigaben sind, sondern mit der Erde in das Gräberfeld gelangten.
Die Untersuchung der Skelette nach dem Geschlecht des Bestatteten konnte noch nicht vollständig abgeschlossen werden, daher erfolgt die Bestimmung der Geschlechter lediglich anhand der Beigaben. Beigaben unterschiedlicher Geschlechter lassen sich wie folgt aufteilen: Frauen: Schmuck und Toilettengerät (Pinzette, Spiegel, Parfümfläschchen) Männer: Waffen, Werkzeuge und Trachten, bei diesen sind häufig die Gürtelschnallen besonders gut erhalten.