L’amour de loin (dt.: „Die Liebe aus der Ferne“) ist eine Oper in fünf Akten von Kaija Saariaho (Musik) mit einem Libretto von Amin Maalouf. Die Uraufführung fand am 15. August 2000 im Rahmen der Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule statt.
Handlung
Die Handlung basiert auf der nur fragmentarisch überlieferten Lebensgeschichte des aquitanischen Troubadours Jaufré Rudel (um 1100 bis 1147), der in seinem in okzitanischer Sprache verfasstem Werk eine ferne hochstehende Dame als unerreichbares Liebesideal verherrlichte. Von einem Pilger erfährt Jaufré, dass in Tripolis (einem Kreuzfahrerstaat auf dem Gebiet des heutigen Libanon) eine Dame lebt, die diesem Ideal entspricht. Er begibt sich auf die Reise über das Meer, um diese kennenzulernen, erkrankt aber schwer und stirbt nach seiner Ankunft in deren Gegenwart.
Erster Akt
Die Oper beginnt mit einem als „Überfahrt“ („Traversée“) bezeichneten Orchestervorspiel.
Erstes Bild: „Jaufré Rudel“
In einem kleinen mittelalterliches Schloss im Südwesten Frankreichs komponiert der Troubadour Jaufré Rudel ein Lied auf seiner Fidel. Er hat Mühe, die richtigen Worte zu finden. Im Gegensatz zu den Rufen der Nachtigall, die damit ihre Partnerin anlockt, reichen seine eigenen Worte nur dazu aus, weitere Verse zu erzeugen. Einige Freunde unterbrechen Jaufrés Selbstmitleid. Früher war er bei den Frauen beliebt und wurde von den Männern beneidet. Doch nun hat er sich verändert. Er hat kein Interesse mehr an der oberflächlichen Gesellschaft, sondern sehnt sich nach einer perfekten, doch unerreichbaren Frau voller Schönheit, Bescheidenheit, Tugend und Anmut. Während Jaufré den Freunden sein Ideal beschreibt, tritt unbemerkt ein Pilger ein, der ihn eine Weile mit Wohlwollen betrachtet. Die Freunde machen sich über Jaufré lustig: Eine solche Frau gebe es überhaupt nicht.
Zweites Bild: „Le pèlerin“ – Der Pilger
Der Pilger erzählt Jaufré, dass er einst in Tripolis einer Frau begegnet sei, die seinem Ideal entspreche. Sie habe am Ostersonntag auf ihrem Weg zur Kirche alle Blicke auf sich gezogen, ohne selbst jemanden anzublicken. Sie sei schön und edel, doch frei von jeglichem Hochmut. Jaufré möchte Näheres erfahren, bittet den Pilger aber, ihren Namen vorerst zu verschweigen. Obwohl der Pilger ihr Äußeres nicht beschreiben kann, stellt sich Jaufré alle Details vor: ihre Augen haben die Farbe des Meeres bei Sonnenaufgang, ihre Haare sind schwarz wie die Nacht, ihre Hände weich wie frisches Wasser, ihre Lippen wie ein süßer Brunnen. Während seiner Schwärmerei bemerkt Jaufré nicht einmal, dass der Pilger wieder gegangen ist. Er glaubt, dass er nie in der Lage sein werde, seinen „Durst“ zu löschen.
Zweiter Akt
Erstes Bild: „Clémence“
Im Garten der gräflichen Zitadelle schaut Clémence, die Schwester des Grafen von Tripolis, von einem Felsvorsprung aus über das Meer in die Ferne. Als der Pilger vorbeikommt, ruft sie ihn zu sich und fragt ihn nach der Herkunft eines in der Bucht ankernden Schiffes. Der Pilger erwidert, dass er selbst mit diesem Schiff aus Marseille gekommen sei, um ihren Bruder und sie selbst zu besuchen. Er stamme aus Blaye in Aquitanien und habe sich auf Reisen begeben, um die „magischen Mysterien des Orient[s]“ mit eigenen Augen zu sehen – Konstantinopel, Babylon, Antiochien, die Sandozeane, die Feuerflüsse, mit Tränen aus Asche weinende Bäume, die Löwen in den Bergen Anatoliens und die Hügel der Titanen, aber vor allem das Heilige Land. Auch die Gräfin träumt von der Ferne. Sie hatte im Alter von fünf Jahren Toulouse verlassen und sich in Tripolis nie heimisch gefühlt. Nun erinnert sie jedes ankommende Schiff an ihre Herkunft und ihre Kindheit. Sie hofft, dass in Toulouse noch jemand („eine einzige Wand, eine einzige Blume“) an sie denkt. Nach einigem Zögern erwidert der Pilger, dass dort ein Troubadour ihrer gedenke: Jaufré Rudel, der Prinz von Blaye. Seit dieser durch einen Reisenden von ihr erfahren habe, seien alle seine Lieder von Gedanken an sie durchdrungen.
Zweites Bild: „L’amour de loin“ – Die Liebe aus der Ferne
Der Pilger weist Clémence darauf hin, dass sie nicht verpflichtet sei, Jaufré zu lieben, aber ihn auch nicht davon abhalten könne, sie aus der Ferne zu lieben. Er verehre sie ohne jegliche Hoffnung auf Erfolg. Dann trägt er eines der Liebeslieder Jaufrés vor: „Jamais d’amour je ne jouirai, si je ne jouis de cet amour de loin.“ Clémence ist zutiefst gerührt. Sie überlegt sich, wie sie Jaufré bei einer etwaigen Begegnung gegenübertreten sollte – doch ihr fallen keine passenden Worte ein. Der Pilger zieht sich schweigend zurück. Clémence singt einige von Jaufrés Versen und grübelt darüber nach, ob der Troubadour sie auch dann so sehnsuchtsvoll besungen hätte, wenn er sie gekannt hätte. Sie glaubt nicht, dass ihre tatsächlichen Eigenschaften den Worten Jaufrés entsprechen.
Dritter Akt
Erstes Bild: „Au château de Blaye“ – Im Schloss von Blaye
Nach seiner Rückkehr berichtet der Pilger dem Troubadour von seiner Begegnung mit dessen Traumfrau. Er empfiehlt Jaufré jedoch, nicht ganz so viel an sie zu denken. Seine Landsleute würden ihn bereits für verrückt halten, da er das Schloss nie mehr verlasse. Auch Jaufré selbst zweifelt an seinem Verstand, da die von ihm Verehrte weit entfernt lebe und noch nicht einmal von seiner Existenz wisse. Um ihn zu beruhigen, gibt der Pilger zu, der Dame bereits von seiner Liebe und seinen Liedern berichtet zu haben. Sie schien darüber zunächst in ihren Gefühlen verletzt zu sein, aber schon schnell habe sie sich beruhigt und „resigniert“. Sie habe erkannt, dass Jaufrés Absichten die eines edlen, leidenschaftlichen, aber respektvollen Mannes seien und war wohl auch geschmeichelt. Jaufré gefallen die Worte „verletzt“, „resigniert“ und „geschmeichelt“ überhaupt nicht. Er fühlt sich vom Pilger hintergangen. Als der Pilger dann auch noch ergänzt, dass er ihr möglicherweise seine Lieder vorgesungen habe, sich aber nicht mehr genau erinnern könne, ist Jaufré entsetzt. Nachdem er soviel Mühe in seine Verse gesteckt hat, um die richtigen Worte zu finden, wurden sie von dem gedächtnisschwachen Pilger vorgetragen! Der Pilger glaubt, es sei an der Zeit, sich zurückzuziehen. Doch Jaufré hält ihn auf und bittet um Entschuldigung. Durch diese Nachricht habe sich alles verändert. Er will der Dame seine Lieder unbedingt persönlich vortragen und ihre Reaktion sehen. Nun erfährt er auch ihren Namen, „Clémence“.
Zweites Bild: „A Tripoli, sur la plage“ – In Tripolis, am Strand
Bei einem Spaziergang außerhalb der Zitadelle stimmt Clémence erneut Jaufrés Lied an. Einige tripolitanische Frauen, die ihr folgen, bemerken, wie sehr Clémence von diesem Troubadour eingenommen ist. Sie fürchten, dass sie ihr eigenes Leben und ihre Verehrer vernachlässigen werde, zu denen immerhin der Prinz von Antiochien, der vormalige Grafen von Edessa und der Sohn des Kaisers zählen. Sie fragen Clémence, ob sie nicht darunter leide, nie den Atem ihres Geliebten auf ihrer Haut spüren zu können. Clémence verneint dies. Seine Lieder umschmeicheln sie mehr als es Küsse könnten, und sie ist sich nicht sicher, ob sie ihn als Mann ebenso lieben könnte wie als Dichter. Sie würde natürlich leiden, wenn sie für immer vergeblich auf ihn warten würde – doch sie wartet nicht.
Vierter Akt
Erstes Bild: „Mer indigo“ – Indigofarbenes Meer
Jaufré und der Pilger befinden sich auf dem Schiff in den Orient. Es ist Abend, doch noch nicht völlig dunkel. Das Meer ist ruhig und indigofarben. Jaufré teilt dem Pilger mit, dass dies seine erste Seereise ist. Der Pilger dagegen ist bereits mindestens zehn Mal über das Meer gefahren. Er gibt zu, dass er bei seinen ersten Reisen unter Seekrankheit gelitten habe und nie wieder die Küste verlassen wollte – doch dann habe er sich unter der Unermesslichkeit des Himmels und dem Duft des Ozeans verloren. Jaufré hatte noch nie das Verlangen nach einer Reise verspürt, aber nun, auf seiner Reise zu Clémence, fühlt er sich wie neugeboren. Der Pilger erklärt ihm, dass das Meer blau sei, weil es ein Spiegel des Himmels sei. Umgekehrt sei auch der Himmel ein Spiegel des Meeres. Er rät Jaufré, sich auszuruhen, da die Reise noch lang sei.
Zweites Bild: „Songe“ – Traum
Die Nacht wird dunkler und das Meer zunehmend stürmisch. Jaufré schreckt aus einem Traum hoch. Er erzählt dem Pilger, dass er Clémences Gesicht und Lächeln gesehen habe, als wäre es real. Auch habe sie sein Lied gesungen. Der Traum manifestiert sich während Jaufrés Beschreibung auf der Bühne: Clémence geht in einer weißen Robe auf das Meer zu und gibt Jaufré ein Zeichen. Sie singt: „Deine gewaltige Liebe besitzt meine Seele, wenn ich träume oder wache. Doch ziehe ich den Traum vor, denn darin bist du ganz mein“. Jaufré beschreibt, wie er ihrem Locken folgte, aus dem Boot stieg und wie Jesus auf dem Meer wanderte. Doch als sie sich ihm zuwandte und ihre Arme öffnete, verließ ihn der Mut. Er habe sich unfähig gefühlt, auf sie zuzugehen, und sei in Tränen ausgebrochen. Dann sei er erwacht. Der Pilger versichert ihm, dass es lediglich ein Traum war und er kein Feigling sei. Jaufré gesteht, dass er fürchte, Clémence nie zu finden und Tripolis niemals zu erreichen. Er habe gleichermaßen Angst vor dem Tod und dem Leben.
Drittes Bild: „Tempête“ – Sturm
Bei Tagesanbruch nimmt die Meeresbewegung weiter zu. Jaufré klammert sich bleich an die Reling. Er ist verzweifelt. Als er bei einer Erschütterung das Gleichgewicht verliert, verspotten ihn seine Begleiter. Doch nicht das Meer ist der Grund für seine Schwäche. Er fragt den Pilger, ob Clémence bereits von seiner Reise nach Tripolis weiß. Der Pilger hält es für möglich, dass ihr jemand davon erzählt hat. Er selbst sei schon häufig am Zielort erwartet worden. Möglicherweise werden die Geheimnisse der Männer von Engeln über den Wind verbreitet. Jaufré wird von Selbstzweifeln geplagt. Er bereut seinen Aufbruch und wünscht, er hätte sich weiterhin aus der Ferne bezaubern lassen. Der Sturm verstärkt sich weiter. Jaufré gerät ins Wanken. Der Pilger stützt ihn und hilft ihm dabei, sich hinzulegen.
Fünfter Akt
Erstes Bild: „Jardin de la citadelle“ – Garten der Zitadelle
Im Garten der Zitadelle in Tripolis sucht Clémence den Horizont über dem Meer ab. Die Frauen bringen die von ihr zugleich ersehnte und gefürchtete Nachricht, dass der „verrückte Troubadour“ eingetroffen sei. Clémence ist unsicher, wie sie sich ihm gegenüber verhalten soll. Soll sie sich geschmeichelt zeigen, oder eher gleichgültig? Der Pilger erscheint, atemlos und weniger „würdigen“ Schrittes als üblich, und kündigt eine Nachricht an, die sie mit Traurigkeit erfüllen werde. Clémence entgegnet, dass sie selbst entscheiden werde, ob ihr die Nachricht gefalle. Sie wisse bereits, dass Jaufré eingetroffen sei. Der Pilger teilt ihr mit, dass Jaufré auf der Reise erkrankt sei und im Sterben liege. Nur Clémence könne ihn noch ins Leben zurückrufen. Vier Männer tragen den bewusstlosen Jaufré auf einer Bahre herein. Er kommt unter den Blicken Clémences allmählich wieder zu sich.
Zweites Bild: „Si la mort pouvait attendre“ – Wenn der Tod warten könnte