mini|rechts|Japanischer Bomber des Typs Mitsubishi Ki-21 über Chongqing, 1940 (Asahi Shinbun) Bei den Luftangriffen auf Chongqing (, japanisch ) während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges bombardierte Japans Kaiserliche Heeres- und Marineluftwaffe die damalige chinesische Kriegshauptstadt Chongqing. Das japanische Militär erhoffte sich von den Bombenangriffen eine Wende im Abnutzungskrieg auf dem chinesischen Festland. Die planmäßigen Luftangriffe begannen im Januar 1939 und endeten nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941. Aufgrund der Unterlegenheit ihrer Luftwaffe beschränkten sich die Verteidigungsanstrengungen der Kuomintangregierung größtenteils auf Flakartillerie, Luftschutzräume und Evakuierungen. Verschiedene Quellen geben die Anzahl der Getöteten mit 10.000 bis 23.000 an.

Hintergrund mini|Ausdehnung der japanischen Besatzungszone während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieges im Jahr 1940. Chongqing 8px befindet sich in der Provinz Sichuan im Südwesten des Landes

Im Jahr 1937 begann Japan den Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg, um durch einen kurzen Waffengang von China territoriale und wirtschaftliche Zugeständnisse zu erzwingen. Auch wenn die japanischen Streitkräfte den chinesischen weit überlegen waren und Gefecht um Gefecht für sich entschieden, entzog sich die Kuomintang (KMT) unter Chiang Kai-shek durch den Rückzug ins Inland der vollkommenen militärischen Niederlage. Nachdem die damalige chinesische Hauptstadt Nanking 1937 durch die japanischen Streitkräfte besetzt worden war, wich die Kuomintang-Regierung zunächst nach Wuhan aus. Danach verlegte sie ihren Sitz ins weit im gebirgigen Inland liegende Chongqing, das danach als Kriegshauptstadt fungierte. Aufgrund ihrer Lage und des umgebenden Terrains war die Stadt außerhalb der Operationsreichweite der japanischen Bodentruppen. Nach der anfänglichen Siegesserie für Japan entwickelte sich eine Pattsituation, bei der die Japaner die KMT-Armee und den KMT-Staat nicht zerschlagen konnten. Andererseits gelang es auch den nationalchinesischen Truppen nicht, nennenswertes Territorium zurückzuerobern. Die japanische Regierung und Militärführung sahen in Luftangriffen ein Mittel, die Kampfkraft der Kuomintang zu untergraben und diese zu einem Friedensschluss zu japanischen Bedingungen zu bewegen. Die japanischen Luftstreitkräfte konzentrierten sich zunächst auf die Hauptversorgungswege der chinesischen Regierung, um die Lieferung ausländischen Nachschubs zu unterbinden. Daher lag zunächst der Fokus der Luftoperationen auf Lanzhou, dem Verbindungspunkt zur Sowjetunion, und den Brücken und Verkehrsknotenpunkten in Südchina zur Burmastraße. Ebenso versuchten sie, durch die Bombardierung von Flugplätzen die chinesische Luftwaffe zu vernichten, was jedoch nicht erreicht wurde.Hagiwara Mitsuru: The Japanese Air Campaigns in China 1937 - 1945. In: Mark Peattie, Edward Drea, Hans van de Ven (Hrsg.): The Battle for China - Essays on the Military History of the Sino-Japanese War of 1937 - 1945. Stanford 2011, S. 246.

Am 18. Februar 1938 führten japanische Kampfflugzeuge erstmals einen Luftangriff auf Chongqing durch. Der Angriff mit neun Bombern war Teil von mehreren Operationen gegen verschiedene chinesische Städte im Sinne einer Machbarkeitsstudie. Der Angriff kostete drei Menschen das Leben und zerstörte drei Gebäude. Am 2. Dezember 1938 beschloss das Kaiserliche Große Hauptquartier mit dem Befehl Nr. 241 eine strategische Bombardierungskampagne gegen die Kriegshauptstadt. Mittelbar sollte dies über das Lahmlegen der chinesischen Kriegswirtschaft und das Brechen der Moral der chinesischen Zivilbevölkerung erreicht werden. Neben der Militärführung trugen auch die Zivilregierung unter Konoe Fumimaro und der Kaiser den Befehl mit. Die Eskalation des Bombenkriegs war das Hauptwerkzeug des japanischen Staates in dem Versuch, den Krieg in China zu einem siegreichen Ende zu bringen und einen pro-japanischen Marionettenstaat unter dem KMT-Deserteur Wang Jingwei zu errichten.Edna Tow: The Great Bombing of Chongqing and the Anti-Japanese War, 1937 - 1945. In: Mark Peattie, Edward Drea, Hans van de Ven (Hrsg.): The Battle for China - Essays on the Military History of the Sino-Japanese War of 1937 - 1945. Stanford 2011, S. 258 f.

Verlauf der Bombenangriffe Bombenangriffe 1939 bis 1940 mini|Schematische Darstellung der Bombenangriffe auf das Stadtgebiet von Chongqing Im Januar 1939 begannen die ersten Luftangriffe, die dezidiert die Zivilbevölkerung zum Ziel hatten. In diesem Monat erfolgten drei Angriffe, welche rund 100 Zivilisten das Leben kosteten. Aufgrund der Wetterlage über Chongqing waren den japanischen Luftstreitkräften von Februar bis April 1939 keine Luftangriffe möglich. Am 3. und 4. Mai 1939 erfolgte ein konzentrierter japanischer Bombenangriff von Wuhan aus, das man in der vorhergehenden Schlacht eingenommen hatte. Die für die Zivilbevölkerung überraschenden Angriffe lösten durch eine Mischung aus Spreng- und Brandbomben großflächige Brände in der Stadt aus. Die chinesischen Behörden zählten 3.700 Tote, 2.650 Verletzte und 4.900 zerstörte Gebäude. Von Mai bis November 1939 folgten zwanzig weitere Luftschläge verschiedenen Umfangs. Die japanische Führung intensivierte die Angriffe mit der Operation 101 vom Mai 1940 bis Ende September 1940. Hierbei wurden Kräfte sowohl der Heeres- als auch der Marineluftwaffe zusammengezogen, die pro Angriff rund 50–100 Tonnen Bomben abwarfen. Die Angriffe erfolgten am Tage und in der Nacht. Die chinesischen Behörden zählten in dieser Zeit 2.600 einzelne Angriffe und rund 10.000 abgeworfene Bomben sowie 4.100 Tote und 5.400 Verletzte.Edna Tow: The Great Bombing of Chongqing and the Anti-Japanese War, 1937 - 1945. In: Mark Peattie, Edward Drea, Hans van de Ven (Hrsg.): The Battle for China - Essays on the Military History of the Sino-Japanese War of 1937 - 1945. Stanford 2011, S. 259–268. Laut japanischen Angaben wurden im Sommer 1940 insgesamt 27.000 Bomben mit einem Gewicht von 2.957 Tonnen über der Stadt abgeworfen. Die Japaner bezifferten ihre eigenen Verluste im Rahmen der Operation 101 auf 107 Flugzeuge und 89 Tote unter den Besatzungsmitgliedern. Durch die Eroberung von Yichang reduzierte sich die Distanz für die japanischen Flugzeuge bis zum Ziel, wodurch die Luftschläge leichter durchgeführt werden konnten.Hans van de Ven: China at War - Triumph and Tragedy in the Emergence of the New China. Cambridge 2018, S. 124 f.

Aufgrund seiner großen Reichweite fiel die Wahl für die lange Flugstrecke zwischen Wuhan und Chongqing vorwiegend auf den landgestützten Marinebomber Mitsubishi G3M. Die Hauptlast der Luftangriffe trug infolgedessen die Marineluftwaffe. Der Oberbefehl über die Luftangriffe lag beim Chef der Kombinierten Luftflotte Ōnishi Takijirō. Die Planung der Operationen lag bei Inoue Narumi, dem Stabschef der japanischen Flotte in China.Tetsuo Maeda: Strategic Bombing of Chongqing by Imperial Army und Naval Forces. In: Yuki Tanaka, Marylin B. Young: Bombing Civilians - A Twentieth Century History. New York 2009, S. 144. Die Heeresluftwaffe setzte den Langstreckenbomber Mitsubishi Ki-21 für Angriffe auf Chongqing ein.Hagiwara Mitsuru: The Japanese Air Campaigns in China 1937 - 1945. In: Mark Peattie, Edward Drea, Hans van de Ven (Hrsg.): The Battle for China - Essays on the Military History of the Sino-Japanese War of 1937 - 1945. Stanford 2011, S. 249. Die japanische Einsatztaktik legte bei größeren Operationen ihr Augenmerk nicht nur auf die Zerstörung von Zielen. Die Bomberströme wurden so gelenkt, dass durch ungleichzeitiges Eintreffen die Stadt möglichst lange im Luftalarm gehalten werden musste. Vom Frühjahr bis zum Spätsommer hatte die Stadt rund 10 Stunden Luftalarm pro Tag, wobei der längste durchgehende Luftalarm 96 Stunden währte.Edna Tow: The Great Bombing of Chongqing and the Anti-Japanese War, 1937 - 1945. In: Mark Peattie, Edward Drea, Hans van de Ven (Hrsg.): The Battle for China - Essays on the Military History of the Sino-Japanese War of 1937 - 1945. Stanford 2011, S. 262 f. Die Stärke der Angriffsverbände variierte und steigerte sich im Laufe der Operation. Zum Ende der Kampagne waren Verbände aus rund 200 Bombern üblich. Chongqing war die von Bombenangriffen am meisten betroffene chinesische Stadt des gesamten Krieges. So wurde beispielsweise die Hauptstadt der Kommunisten Yan’an von 1938 bis 1941 nur siebzehnmal aus der Luft angegriffen. Dabei waren 241 Todesopfer zu vermelden.Rana Mitter: China’s War with Japan 1937 - 1945 - The Struggle for Survival. London 2013, S. 191.

Einstellung der Luftangriffe wegen des Pazifikkriegs Von Januar 1941 bis September 1941 erfolgten nur 40 Angriffe, da die japanische Führung ihre Luftstreitkräfte für den Pazifikkrieg gegen die Westalliierten vorbereitete und deswegen umorientierte. Mitte Oktober 1941 verblieben nur rund 70 japanische Kampfflugzeuge der Heeresluftwaffe am chinesischen Kriegsschauplatz. Die Mehrheit von rund 1100 einsatzbereiten Maschinen der Heeresluftstreitkräfte waren zu zwei Dritteln für den südostasiatischen Kriegsschauplatz vorgesehen und zu einem Drittel in der Mandschurei in Reserve gehalten. Mit dem Beginn des Pazifikkriegs durch den japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 wurde die Bombardierungskampagne von den japanischen Streitkräften fast vollständig eingestellt. Im Jahr 1943 erfolgte ein letzter einzelner Luftangriff Japans auf Chongqing.Edna Tow: The Great Bombing of Chongqing and the Anti-Japanese War, 1937 - 1945. In: Mark Peattie, Edward Drea, Hans van de Ven (Hrsg.): The Battle for China - Essays on the Military History of the Sino-Japanese War of 1937 - 1945. Stanford 2011, S. 259–268.

Als Militärhilfe der Vereinigten Staaten von Amerika erhielt die chinesische Luftwaffe Unterstützung durch die US-amerikanische Fourteenth Air Force, wodurch die japanischen Luftstreitkräfte ab 1943 die Luftherrschaft über China verloren. Anfang 1944 standen etwa 100 japanischen Flugzeugen (ausschließlich von der Heeresluftwaffe) 170 Kampfflugzeuge der chinesischen Luftwaffe und 230 US-Kampfflugzeuge gegenüber. Ende 1944 hatte sich dieses Verhältnis mit 150 japanischen Flugzeugen in China zu 800 alliierten Maschinen weiter verschoben. Durch den Einsatz der den japanischen Modellen überlegenen Jagdflugzeuge Curtiss P-40 und North American P-51 hatten die alliierten Luftwaffen, neben der zahlenmäßigen Überlegenheit, auch einen technischen Vorteil gegenüber ihren japanischen Gegnern. Dies führte zu einer Beschränkung der japanischen Luftmissionen auf Nachtangriffe und zur Limitierung der Luftnahunterstützungseinsätze auf seltene Angriffe mit dafür wenig geeigneten Jagdflugzeugen. Damit war eine erneute strategische Bombardierungskampagne aus japanischer Sicht unmöglich.Hagiwara Mitsuru: The Japanese Air Campaigns in China 1937 - 1945. In: Mark Peattie, Edward Drea, Hans van de Ven (Hrsg.): The Battle for China - Essays on the Military History of the Sino-Japanese War of 1937 - 1945. Stanford 2011, S. 248–251.

Luftabwehr- und Luftschutzmaßnahmen Luftabwehrmaßnahmen