Abicada (villa romana de Abicada) ist die Bezeichnung römischer Ruinen nördlich der Gemeinde Alvor im Kreis Portimão (Distrikt Faro), Algarve, Portugal. Die Ruinen liegen auf einem Hügel an der Mündung des Rio de Alvor. Das als villa maritima klassifizierte Bauwerk zeichnet sich durch seine anspruchsvolle Architektur mit einem sechseckigen Innenhof aus. Die Villa enthält gut erhaltene Mosaiken und stammt mutmaßlich aus dem 4. Jahrhundert nach Chr. Der Sporn selbst wurde vom 1. bis 5. Jahrhundert nach Christus besiedelt.
Lage mini|hochkant=1.5|Lage der Fundstelle (Freihandzeichnung – nicht maßstabsgetreu) Das Umfeld der Quinta da Abicada setzt sich aus den Flusstälern des Ribeira de Bensafrim, Ribeira do Farelo und des Ribeira de Torres sowie dem Arade-Fluss zusammen.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. S. 419.
Der Komplex befindet sich auf einem zwischen Mexilhoeira Grande und Alvor gelegenen südlich vorstehenden Geländesporn. Der Sporn liegt etwa acht Meter über dem Meeresspiegel und wird von den unmittelbar südlich in die Ria de Alvor mündenden Flüssen Ribeira do Farelo und Ribeira de Senhora do Verde umflossen.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. S. 420.
Die noch vorhandenen Gebäudeteile sind durch Hangerosion teils stark beschädigt.
Historischer Kontext
Die hohe Dichte eisenzeitlicher Fundstellen in der Umgebung deutet auf eine Siedlungskontinuität der einheimischen Bevölkerung in den noch zu römischer Zeit genutzten Arealen hin.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. S. 419. Anhand des Fundmaterials lässt sich eine Nutzung der Anlage vom 1. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. nachweisen. Über die frühe Phase der Anlage ist weder über die Größe noch den Aufbau etwas bekannt, diese ist aber über das vorhandene Fundgut belegt. In tetrachischer Zeit wurde die Anlage zu den nun sichtbaren Überresten ausgebaut, wodurch eine typische villa maritima mit einer 50 m langen portikus und mit Blick auf das offene Meer entstand. Danach kam es noch zu einem nicht näher datierbaren Umbau und dem Einbau des nördlichen Kanalsystems sowie im 4. und 5. Jahrhundert n. Chr. zu einer Umgestaltung des Bereichs A.
+ Phasenplan nach TeichnerFelix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. Abb. 247. Siedlungsphasen Datierung Baubefunde I 2. Hälfte 1. Jahrhundert – 3. Jahrhundert keineIIa 4. Jahrhundert (?) tetrarchisch Kernbau A–CIIb (?) Tür A1/2, Drainage EIII 4.–5. Jahrhundert Neuaufteilung der N-Hälfte von Baueinheit A
Forschungsgeschichte mini|Turmruine nahe der Villa Erstmals erwähnt wurde die Fundstelle 1917 in der Zeitschrift O Arqueólogo Português von José Leite de Vasconcellos, der sie ein Jahr zuvor anhand von Dachziegeln, Mauerresten und Mosaiken entdeckt hatte.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. S. 420. Der Notar José Formosinho stellte 1937/1938 erste archäologische Untersuchungen an. Die dabei gemachten Funde befinden sich im nach ihm benannten Museum in Lagos.
1940 wurde die Stätte unter Denkmalschutz gestellt. In den folgenden Jahren erschienen mehrere Artikel, die sich mit den Einzelfunden und Mosaiken beschäftigten. Von 1984 bis 1989 führte die zuständige Denkmalbehörde (IPPAR) notwendige Konservierungsarbeiten durch, da die Anlage durch Erosion, Touristen und den Landbesitzer in Mitleidenschaft gezogen worden war.
1999 bis 2003 folgten Untersuchungen durch die Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main unter der Leitung von Felix Teichner. Er legte 2008 eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Areals und der Einzelfunde vor.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. Band 1. S. 417–474, Band 2 S. 134–137.
Geoarchäologische Untersuchungen mini|hochkant=1.5|Küstenlinienrekonstruktion Die ersten Sondagen durch das zuständige Denkmalamt (IPPAR) fanden von 1984 bis 1989 statt, die Ergebnisse sind unpubliziert.Felix Teichner: „entre tierra y mar, zwischen Land und Meer.“ In: „Studia Lusitana.“ S. 420. 1999 prospektierte die Firma Posselt & Zickgraf an der Fundstelle und entdeckte eine den Geländesporn umgebende Mauerlinie am unmittelbaren Rand des Brackwasserbereiches.Felix Teichner: „entre tierra y mar, zwischen Land und Meer.“ In: „Studia Lusitana.“ S. 423. Im Jahr 2000 erstellten Mitarbeiter der irischen Universität Galway genaue topografische und geomagnetische Aufnahmen. Letztere erzielten allerdings aufgrund starker metallischer Verunreinigung des westlich und östlich mit Bauschutt angefüllten Geländeteils keine verwertbaren Ergebnisse.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. S. 423.
Ab 2006 wurden von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte geophysikalische Untersuchungen zur geoarchäologischen Rekonstruktion der jungholozänen Landschaftsgeschichte an der Algarve vom Bereich für Vor- und Frühgeschichte und dem Institut für Geographie der Universität Jena durchgeführt.. Website des Instituts für Geographie der Universität Jena. Abgerufen am 19. Mai 2017. In der Lagune von Abicada wurden Rammkernsondierungen und geoelektrische Untersuchungen vorgenommen. Website des Instituts für Geographie der Universität Jena. Abgerufen am 19. Mai 2017.
Durch geophysikalische Untersuchungen wurde unweit der villa ein Kai identifiziert.
Neueste Untersuchungen ergaben eine zunehmende Verlandung der Flussmündung seit der Bronzezeit. Während der Kaiserzeit entstanden brackige Bedingungen sowie eine sandige Barriere gegen das offene Meer, die auch heute noch die Landschaft um die villa prägen. Trotz der Verlandung dürften die verbleibenden fluvialen Gewässer einen freien Zugang zwischen der Siedlung, dem Kai und dem offenen Meer gewährleistet haben.
So lag die heute im Landesinneren gelegene villa zu ihrer Hochzeit direkt am Wasser. Durch die Verlandung wanderte die Küstenlinie Richtung Süden. Das führte dazu, dass einst unter Wasser liegende Areale sich heute oberhalb der Wasserlinie befinden. Die einstige Bucht entwickelte sich so zu einem durch fluviale Einträge brackig gewordenen Flussdelta, das die Bucht nach und nach verfüllte. Die starken landschaftlichen Veränderungen hatten mutmaßlich tiefgreifende Auswirkungen auf die maritimen Ressourcen, welche die Grundlage der lokalen Wirtschaft gewesen sein dürften. In unmittelbarer Nähe waren und sind keine großen landwirtschaftlich nutzbaren Flächen vorhanden.Felix Teichner: Subsídios para a restituiçãovirtual da villa romanade Abicada (Mexilhoeira Grande, Algarve), Partimónio estudos 10.2007.
Die Anlage mini|hochkant=2|Gebäudeplan der Villa Abicada Bereich A gelb; Bereich B blau; Bereich C braun; Bereich D grün; Bereich E orange (nach Teichner) Die Anlage umfasst eine Fläche von ca. 2000 m² und liegt heute 8 m über dem Meeresspiegel. Einteilbar ist sie in fünf eigenständige Bereiche (A–E). Mit 1300 m² Gebäudegröße nehmen die Bereiche A–C der villa mit über 30 Räumen den größten Teil ein. Dabei handelt es sich um eine pars urbana mit angegliederter Portikus (Bereich D). Die Räume erstrecken sich von West nach Ost, wobei sie dem Hangverlauf folgen. mini|Luftaufnahme des Villenareals
Bereich A Für den Westteil mit den Räumen A1–10 wird eine Nutzung als Privatbereich angesprochen. Die Räume gruppieren sich um einen Zentralraum (A 6), der von einem Gang (A5) umgeben wird. Insgesamt nimmt dieser Bereich eine Fläche von 250 m² ein.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. Band 1. S. 428 Der Zugang zu den Räumen erfolgte wie in den andern Bereichen über die portikus (D3). Zwei Ziergärten (A4 und 7) lassen sich aufgrund des fehlenden Fußbodens identifizieren.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. Band 1. S. 426. Die übrigen Räume dienten als Wohn- und Schlafräume.
Bereich B Der Mittelteil des Gebäudekomplexes (Bereich B) diente als repräsentativer Empfangsbereich. Über die portikus (D3) und einen Vorraum (B6) gelangte man in einen hexagonalen Innenraum (B9) mit einem sich der Raumform anpassendem Wasserbecken (B10). Bleierne Wasserleitungen und die Auskleidung mit opus caementitium belegen die Nutzung von B10 als Wasserbecken. An den Ecken erhoben sich Säulen, die das Becken einfassten. Die Räume B1 und B2 dienten als Übergangsflächen zwischen den beiden rechteckig gestalteten Bereichen A und C sowie dem polygonalen Grundriss von B. Ob sie als Wohnräume dienten, ist ungewiss, vor allem, da weder Zugänge noch Fußböden nachgewiesen wurden.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitana. Band 1. S. 436. Die Räume B3 – B5 sowie B7 – 8 gruppieren sich um den hexagonalen Innenhof und besitzen eine rechteckige Grundfläche.
Bereich C Bereich C umfasst mit den Räumen C1–11 den Ostteil der Anlage. Aufgrund fehlender Mosaikböden wird dieser Bereich als Wirtschaftstrakt angesehen. Hier sollen Lagerräume, Küche und Quartiere der Sklaven gewesen sein. Eine genaue funktionelle Zuordnung der einzelnen Räume ist aufgrund des Erhaltungszustandes nicht möglich.
Bereich D Die portikus (D3) schloss sich direkt an die Wohnbereiche an und war wie diese auf den Zusammenfluss der beiden Flüsse und somit das Meer ausgerichtet. D4 bezeichnet die pars rustica. Sie besteht aus mehreren Bassins zur Verarbeitung von Meeresfrüchten. Verbunden war dieser Teil der Anlage mit dem Hauptgebäude über Gang D2.
Bereich E Bereich E besteht aus einem nördlich des Hauptgebäudes liegenden Kanalsystem (Drainage) sowie aus einem weiteren Raumgeviert, das sich östlich anschließt. Das Kanalsystem bestand aus Bleirohren, die in einem Schotterbett lagen.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitania. Band 1. S. 447. Welche Funktion die von den Mauerresten eingefassten Räumen hatten, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.
Das direkte Umfeld Da es im direkten Umland an landwirtschaftlicher Fläche mangelt, bezog die villa ihren Reichtum aus dem nahe gelegenen Meer. 20 m südlich der villa fand Formosinho die Überreste der pars rustica. Die gefundenen Becken wurden zur Verarbeitung der vor der Küste gefangenen Meeresfrüchte genutzt. Direkt nach der Freilegung wurden die Becken durch den Grundbesitzer zerstört.Felix Teichner: entre tierra y mar, zwischen Land und Meer. In: Studia Lusitania. Band 1. S. 420 Ein auf dem Areal gelegener Pier zeugt ebenfalls von der Nutzung maritimer Ressourcen.Felix Teichner: A Multi-Disciplinary Approach to the Maritime Economy. In: Lusitanian Amphorae: Production and Distribution. S. 244–245.
Die Mosaiken mini|hochkant=1.5|Römische Villa von Abicada, Umzeichnung des Mosaikbodens aus Raum B3: Erhaltene Bereiche Schwarz; Rekonstruierte Bereiche Grau; (nach Teichner)
Mosaikböden fanden sich in fast allen Räumen der Bereiche A und B. Auf eine Schicht aus opus caementitium wurden prachtvolle Muster aus tesserae gelegt. Die Mosaike sind polychrom und zeigen geometrische und florale Muster. Aber auch Gefäße sind dargestellt.Filomena Limao: The Vase’s Representation (Cantharus, Crater) on the Roman Mosaic in Portugal: A Significant Formal and Iconographic Path from Classic Antiquity to Late Antiquity. S. 567 Die tesserae aus verschiedenen Steinarten kommen im Grau, Rot, Weiß und Blau vor.
Funde Die in den 1930er Jahren ergrabenen Funde befinden sich im Museum Formosinko in Lagos. Das Fundensemble besteht hauptsächlich aus Metallartefakten wie Blei- und Bronzegegenständen. Sie sind für die Zeit der Ausgrabungen nicht untypisch, da organische Materialien meist nicht als Fundgut interpretiert wurden. Auf Grund der fehlenden Stratifizierung geben die Funde leider keinen aussagekräftigen Überblick.