mini|Tarompet in der Sammlung des indonesischen Kulturinstituts (ISBI) in Bandung Tarompet, terompet (sundanesisch), auch () selompret (selomprèt, seromprèt, somprèt), saronen (serunèn) und tètèt (tètèpret), ist ein hölzernes konisches Doppelrohrblattinstrument, das als führende Melodiestimme in einigen kleinen Ensembles auf den indonesischen Inseln Java und Madura gespielt wird. Am bekanntesten ist die tarompet der Region Sunda in Westjava, die zusammen mit Gongs und Trommeln bei festlichen Prozessionen im Freien eingesetzt wird. Auf Madura begleiten Ensembles mit saronen unter anderem rituelle Bullen-Wettrennen. In Zentral- und Ostjava ist der Name selompret gebräuchlich, der heute jedoch meist ein Clairon bezeichnet. Auf der Insel Lombok wird die preret gespielt, die auf Bali auch prereret genannt wird. Der Name der ebenfalls verwandten serunai auf Sumatra und der Malaiischen Halbinsel verweist auf die Zugehörigkeit zu den in Asien weit verbreiteten Kegeloboen vom Typ der orientalischen surnai.
Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Tarompet aus Westjava. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1873. Die in der Volksmusik in weiten Teilen Asiens vorkommenden konischen Doppelrohrblattinstrumente werden auf Vorbilder in der persisch-arabischen Musik zurückgeführt, die im Orient surnai oder ähnlich (zurna, surna oder zirna in der türkischen Musik) genannt werden. Charakteristisch für diesen Blasinstrumententyp ist das Zusammenspiel mit Trommeln (vom Balkan bis Indien tapan, dohol und naqqara) in Ensembles, die im Freien bei Festen und Prozessionen musizieren. Auch wenn sich die Existenz von Doppelrohrblattinstrumenten in Indien auf Abbildungen und an der Etymologie des Wortes mohori möglicherweise bis in altindische Zeit zurückverfolgen lässt, so sind die indischen shehnai namentlich mit den orientalischen surnai und mit der Kultur der muslimischen Einwanderer ab etwa dem 10. Jahrhundert in Nordindien verbunden. Im 14. Jahrhundert kommt das Wort sannayi in der südindischen Sprache Telugu vor.Nazir A. Jairazbhoy: The South Asian Double-Reed Aerophone Reconsidered. In: Ethnomusicology, Band 24, Nr. 1, Januar 1980, S. 147–156, hier S. 153
Zu den namensverwandten Kegeloboen orientalischer Herkunft, die weiter östlich anzutreffen sind, gehört zunächst die burmesische hne oder nhai mit einem aufgesetzten Schallbecher aus Metall. Ihr Name geht möglicherweise über sanoy in der Mittleren-Mon-Sprache des 15./16. Jahrhunderts und saneyi oder shehnai in indischen Sprachen auf surnai zurück.Johk Okell: The Burmese Double-Reed “Nhai”. In: Asian Music, Band 2, Nr. 1, 1971, S. 25–31, hier S. 26 Die in der Provinz Aceh im Norden Sumatras gespielte srune, die sarune (saruné, auch sarunei) der Batak in der Provinz Nordsumatra, die serunai der Minangkabau in der Provinz Westsumatra und der Dayak auf Borneo sowie die javanischen Doppelrohrblattinstrumente sind von der orientalischen surnai-Familie der Kegeloboen mit aufgesetztem großen Schallbecher und mit einem kleinen Doppelrohrblatt abgewandelte Formen. Sie besitzen eine schlanke zylindrische Holz- oder Bambusspielröhre, einen kleinen hölzernen Schallbecher und ein kleines Doppelrohrblatt, das vom Spieler ganz in den Mund genommen wird.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. Georg Reimer, Berlin 1915, S. 155
Von den beiden genannten, eher schrill klingenden Varianten deutlich verschieden sind die zylindrischen Doppelrohrblattinstrumente ohne Schallbecher und mit einem großen Doppelrohrblatt, die einen weichen, geräuschhaften Ton produzieren. Hierzu gehören die armenische duduk, die türkische mey, die chinesische guan, die japanische hichiriki, die kambodschanische pey ar (auch beyaw) und die koreanische piri. Die koreanische taepyeongso, die chinesische suona, die vietnamesische kèn bầu und die nur 19 Zentimeter lange, thailändische pi chanai gehören hingegen zu den typischen orientalischen Kegeloboen.
Einen vierten Typ mit einem kurzen Doppelrohrblatt, der sich sowohl von den Verwandten der surnai als auch der duduk unterscheidet und aus einer einteiligen, in der Mitte ausgebauchten, hölzernen Spielröhre besteht, bilden die kambodschanische sralai (sralay) und die thailändische pi nai (pi bezeichnet eine Gruppe unterschiedlicher thailändischer Doppelrohrblattinstrumente). Die thailändische pi chawa ist mit 27 Zentimetern länger als die pi chanai und stammt dem Namen nach (Chawa entspricht Java) aus Java.Terry E. Miller: Thailand. In: Terry E. Miller, Sean Williams (Hrsg.): Garland Encyclopedia of World Music. Volume 4: Southeast Asia. Routledge, London 1998, S. 237
Der Name saronen geht auf surnai zurück. Tarompet ist unabhängig vom Instrumententyp von Niederländisch trompet abgeleitet, dieses von Französisch trompette, hiervon auch Deutsch Trompete. Die Namen prereret, pleret, gempret und gemret sind aus der hindu-javanischen Zeit (bis zum 15. Jahrhundert) überliefert. Bereits in dieser Zeit finden sich die mit muslimischen Einwanderern gekommenen Kegeloboen auch in nichtmuslimischen Gesellschaften auf Java, Bali und bei den Batak auf Sumatra. Ebenso gelangte die aus dem islamischen Orient stammende Stachelfiedel rebab in die höfische Musik von Java und Bali, während etwa die Zupflaute gambus und die Rahmentrommel rebana spezifisch für die Musik der Muslime geblieben sind.Jaap Kunst, 1973, S. 238; Margaret J. Kartomi (Performance, Music and Meaning of Réyog Ponorogo. In: Indonesia, Nr. 22 (Southeast Asia Program Publications at Cornell University), Oktober 1976, S. 84–130, hier S. 99) meint dagegen, die Kegeloboen seien vielleicht von Südindien aus erst nach der hindu-javanischen Periode nach Java gekommen. Dies gilt auch für die bis zu 80 Zentimeter lange silberne Naturtrompete nafiri, die früher im Riau-Archipel vor der Ostküste Sumatras verwendet wurde und bis heute zu den Hoforchestern (naubat) der malaiischen Sultanate gehört.
Die am weitesten verbreiteten Blasinstrumente in Indonesien sind Flöten (suling). Konische Doppelrohrblattinstrumente kommen in Ensembles der informellen Unterhaltungsmusik demgegenüber seltener vor. Sie werden von Sumatra über Java bis nach Sumbawa und im Süden von Sulawesi gespielt, auf anderen Inseln nur gelegentlich zur Begleitung einer Kampfkunstveranstaltung (pencak silat) oder in der traditionellen Musik am Hof eines Sultanats. In größerer Vielfalt kommen regional in Indonesien aus Holz, Bambus oder aus einem Reishalm selbst gefertigte Einfachrohrblattinstrumente vor, die im Unterschied zu den Doppelrohrblattinstrumenten überwiegend solistisch gespielt werden. Zu ihnen gehört bei den Toba-Batak die sarune na met-met im Ensemble gondang hasapi und auf Java die puwi-puwi mit einer konischen Holzröhre, die in der prajurit-Musik (Militärmusik) am Sultanshof von Yogyakarta verwendet wird.Philip Yampolsky: Indonesia. I. 3. Instruments. (iii) Aerophones. In: Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2001 Von seltenen Ausnahmen abgesehen gehören Rohrblattinstrumente nicht zu den klassischen großen Ensembles, gamelan.
Bauform und Spielweise Die Doppelrohrblattinstrumente dieser Region sind zwischen 30 und 60 Zentimeter lang und verbreitern sich trichterförmig zu einem Schallbecher mit rund 12 Zentimetern Durchmesser. Die konische Spielröhre und der Schallbecher bestehen aus Holz. Das kleine Doppelrohrblatt wird aus Bambus oder Palmblatt hergestellt. Der Spieler umschließt die Rohrblätter vollständig mit dem Mund und bläst mit Zirkularatmung. Hierbei dient eine halbmondförmige Lippenstütze aus einer Kokosnussschale, einem Schildkrötenpanzer, Holz oder Metall am Mundstück als Lippenstütze. An den Enden ist sie wie ein spitz auslaufender Schnurrbart gestaltet (Zier und Zeichen von Männlichkeit) und in ihrer Funktion ähnelt sie mutmaßlich der Phorbeia am antiken Doppelblasinstrument Aulos. Während der Spieler bläst, soll die Lippenstütze die Verbindung vom Mund zum Instrument abdichten. Um den erforderlichen Anpressdruck auf die Lippenstütze zu verringern, tragen manche Spieler eine Binde um die Wangen, die hinter dem Kopf verknotet wird. Das Spielrohr im oberen Bereich und der Trichteransatz sind üblicherweise mit gedrechselten Rillen und eingekerbten Mustern verziert. Durch geschickte Fingerpositionierung lassen sich die Töne der fünfstufigen Skala slendro und der siebenstufigen Skala pelog produzieren. Der Klang der Oboen ist laut und schrill.
Tarompet Die westjavanische tarompet ist etwa 50 Zentimeter lang und besitzt sieben Fingerlöcher, einschließlich eines Daumenlochs an der Unterseite. Die tarompet wird in kleinen Ensembles für die Musik im Freien gespielt, bei Zeremonien, festlichen Prozessionen und zur Begleitung des Kampftanzes pencak silat.
mini|Kenong. Tropenmuseum, Amsterdam, vor 1887. Das pencak silat seni-Ensemble in Westjava setzt sich im Wesentlichen aus ein bis zwei tarompet als Melodieinstrumente, einem oder zwei Trommelsets und einem kleinen Gong zusammen. Seni in der Bedeutung „Kunstform“ wird hinzugefügt, wenn die Kampftänze von Musik begleitet werden und der Name kendang pencak des Musikensembles bezieht sich auf die zweifellige Fasstrommel kendang. Insgesamt können zu einem pencak silat-Ensemble ein Trommelset kendang ibu („Mutter-Trommel“) mit zwei kleinen Fasstrommeln kulanter gehören, dazu eine kendang anak („Kinder-Trommel“) mit ebenfalls zwei kulanter, ferner kenong (ein hoher Buckelgong, der waagrecht in einem Holzgestell liegt), ein hängender Gong, ceng-ceng (Handzimbeln) und eine tarompet. Die kendang ibu spielen meist einen konstanten Grundrhythmus, während die kendang anak ihre Schläge mit den Tanzbewegungen koordinieren. Der hängende Gong markiert die sich wiederholenden melodischen Zyklen. Die tarompet spielt eine konstante Tonfolge, deren Intensität auf die Aktionen der Darsteller und die Reaktionen des Publikums abgestimmt ist.Paul H. Mason: Pencak Silat Seni in West Java, Indonesia. In: Uwe H. Paetzold, Paul H. Mason (Hrsg.): The Fighting Art of Pencak Silat and its Music. From Southeast Asian Village to Global Movement. Brill, Leiden 2016, S. 244 f.
Auf Sundanesisch heißt die Kampfkunst penca silat und das dazugehörende Ensemble kendang penca. Mit den sundanesischen Instrumentennamen besteht das Ensemble aus zwei der genannten Trommelsets, zu denen jeweils eine kendang indung (sundanesisch, „Mutter-Trommel“) und ein oder zwei kulanter gehören, sowie einem kleinen Gong: entweder bende (einzelner, kleiner hängender Buckelgong, der nicht im gamelan verwendet wird), kempul (etwas größerer hängender Buckelgong) oder goong (noch größerer hängender Buckelgong). Das melodische Material stammt aus dem sundanesischen Liedgut und verwendet pelog- oder slendro-Tonskalen. Bei der Auswahl der mit der tarompet gespielten Liedmelodien nehmen die Musiker generell Rücksicht auf den Kontext der Veranstaltung und verwenden etwa bei eher muslimischen Veranstaltungen keine Melodien von Liedern mit besonders weltlich-sinnlichen Inhalten, auch wenn die Texte nicht zu hören sind. Eine entsprechende melodische Funktion wie die tarompet in diesem Ensemble besitzt die Stachelfiedel rebab im Ensemble ketuk tilu, das jedoch ein völlig anderes Klangergebnis hervorbringt. Das ketuk tilu begleitet den gleichnamigen Unterhaltungstanz (tari ketuk tilu). Namensgebend sind drei (sundanesisch tilu) einzelne waagrechte Buckelgongs (ketuk). Das kendang-Trommelset sorgt auch hier für die ostinate Schlagfolge, für Tempowechsel und für die rhythmische Gestaltung.Henry Spiller: Sundanese Penca Silat and Dance Drumming. In: Uwe H. Paetzold, Paul H. Mason (Hrsg.): The Fighting Art of Pencak Silat and its Music, 2016, S. 320 f., 326