hochkant|mini|Der Gedenkstein in Thal hochkant|mini|Der Gedenkstein bei Mechterstädt mini|Gedenktafel in Marburg

Als „Morde von Mechterstädt“ (auch Massaker von Mechterstädt) wird die Erschießung von 15 zuvor festgenommenen Arbeitern auf der Straße von Mechterstädt nach Gotha in Thüringen durch Mitglieder des „Studentenkorps Marburg“ am 25. März 1920 bezeichnet. Der Vorfall und die nachfolgenden Freisprüche der Täter erregten großes öffentliches Aufsehen und wurden in Publizistik und Politik kontrovers diskutiert. Vertreter der politischen Linken und demokratischen Mitte verurteilten die Tat der Studenten als feigen Mord und betrachteten sie als symptomatisch für die reaktionäre, republikfeindliche Einstellung großer Teile der Studentenschaft, während konservative und nationale Kreise das Vorgehen im Kontext der Abwehr revolutionärer Aufstände und der Wiederherstellung der staatlichen Ordnung billigten.

Vorgeschichte Aufstellung des Marburger Studentenkorps Nachdem Reichswehrminister Gustav Noske am 11. September 1919 die Reichswehr zur Aufstellung zusätzlicher Zeitfreiwilligenverbände aufgefordert hatte, berichtete die in Kassel stationierte Reichswehrbrigade 11 am 24. September über ihr Vorhaben, gezielt an Universitäten und Technischen Hochschulen um Freiwillige zu werben. Viele der damaligen Studenten hatten im Ersten Weltkrieg gedient, oft als Offiziere.James J. Weingartner: Massacre at Mechterstädt. The Case of the "Marburger Studentencorps", 1920. In: The Historian. Band 37, 1975, S. 600–601. Die Werbung richtete sich vor allem an Korporierte, die in der Studentenschaft der Universität Marburg die führende Rolle spielten.Siegfried Weichlein: Studenten und Politik in Marburg. Die politische Kultur einer Universitätsstadt 1918–1920. In: Peter Krüger, Anne C. Nagel (Hrsg.): Mechterstädt - 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Lit Verlag, 1997, S. 30. Bereits im Frühjahr desselben Jahres waren Verbindungsstudenten von der örtlichen Reichswehreinheit mit Waffen ausgestattet worden, da angeblich mit einem kommunistischen Angriff auf Marburg zu rechnen sei.Siegfried Weichlein: Studenten und Politik in Marburg. Die politische Kultur einer Universitätsstadt 1918–1920. In: Peter Krüger, Anne C. Nagel (Hrsg.): Mechterstädt - 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Lit Verlag, 1997, S. 37.

Nach Beginn des Kapp-Putschs am 13. März 1920 wurde das Studentenkorps Marburg (kurz StuKoMa) mobilisiert. Etwa 1.800 Mann stellten sich zur Verfügung und bildeten zwei Bataillone mit insgesamt zehn Kompanien. Die 1. bis 6. Kompanie bildeten das erste Bataillon, die 7. bis 10. Kompanie das zweite Bataillon. Die Kompanie-Einteilung richtete sich nach den Korporationen, denen die Studenten angehörten. Die 1. Kompanie bildeten die Corps Teutonia, Hasso-Nassovia, Guestphalia und Palatia Straßburg, die 2. Kompanie die Burschenschaften Arminia, Alemannia und Germania, die 3. Kompanie die Turnerschaften Philippina, Schaumburgia und Saxonia. Die 4. Kompanie bestand aus den Landsmannschaften Hasso-Guestfalia, Hasso-Borussia sowie einem Zug Nichtkorporierter, die 5. Kompanie aus dem Marburger Wingolf und den katholischen Verbindungen Rhenania, Palatia und Thuringia. Die 6. Kompanie bildeten schließlich die schwarzen Verbindungen VDSt Marburg, AMV Fridericiana, ATV Marburg und ATV Kurhessen. Der Stab und die Kompanieführer waren beritten, die Infanteristen marschierten zu Fuß. Die insgesamt 805 studentischen zeitfreiwilligen Freikorpskämpfer des ersten Bataillons waren zu einem großen Teil Offiziere und Unteroffiziere der Reserve. Alle trugen die graue Reichswehruniform ohne Abzeichen, die Korporierten zudem ihr Couleurband unter dem Waffenrock.Bernhard Schroeter: Marburger Studenten im Freikorps-Einsatz in Thüringen und die Ereignisse von Mechterstädt. Hilden 2023, ISBN 978-3-910672-01-7, S. 147.

Zum Kommandeur des ersten Bataillons mit der 1. bis 6. Kompanie wurde ein Geschichtsstudent und früherer Marineoffizier, der Fregattenkapitän a. D. Bogislav von Selchow, gewählt; sein Adjutant war der Medizinstudent Otmar von Verschuer.Siegfried Weichlein: Studenten und Politik in Marburg. Die politische Kultur einer Universitätsstadt 1918–1920. In: Peter Krüger, Anne C. Nagel (Hrsg.): Mechterstädt - 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Lit Verlag, 1997, S. 40 f. Erster Ordonnanzoffizier war der Westfale Oberleutnant Rudolf Baldus; zweiter Ordonnanzoffizier der Hessen-Nassauer Wolfgang Fischer. Weitere bekannte Angehörige des ersten Bataillons waren Karl August Eckhardt,Martin Niemann: Karl August Eckhardt. In: Matthias Schmoeckel (Hrsg.): Die Juristen der Universität Bonn im „Dritten Reich“. (= Rechtsgeschichtliche Schriften. Band 18). Köln / Weimar / Wien 2004, S. 169. (books.google.de) Heinrich Wilhelm Kranz,Hans-Christian Harten, Uwe Neirich, Matthias Schwerendt: Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs. Bio-bibliographisches Handbuch. Berlin 2006, S. 297. (books.google.de) Paul Hinkler, Robert Hördemann und Paul Schneider.

Erst einige Tage nach Abmarsch des ersten Bataillons aus Marburg wurde das zweite Bataillon (7. bis 10. Kompanie) des StuKoMa unter der Führung des Hauptmann a. D. Karl-Ludwig von Buttlar mit 800 Mann aufgestellt. Einerseits sollte Marburg nicht ohne Schutz bleiben, andererseits fehlten die Kapazitäten für einen gemeinsamen Transport beider Bataillone. Deshalb versah das zweite Bataillon zuerst Wachdienst. Die 7. Kompanie bildeten die Studentenverbindung Chattia, die Freie Burschenschaft Normannia, die Burschenschaft im ADB Sigambria, die Wehrschaft Irminsul und die Schwarzburgverbindung Frankonia. Die 8. Kompanie bildeten die wissenschaftlichen Vereinigungen, die 9. Kompanie die sogenannte „Volkskompanie“, während die 10. Kompanie aus kriegsversehrten Studenten bestand. Letztere war nur für Objektschutz und Sicherungsaufgaben vorgesehen und zog auch nicht mit in den Einsatz nach Thüringen.Bernhard Schroeter: Marburger Studenten im Freikorps-Einsatz in Thüringen und die Ereignisse von Mechterstädt. Hilden 2023, ISBN 978-3-910672-01-7, S. 174–175. Angehöriger des zweiten Bataillons war unter anderem Karl Winter.

Nichtkorporierte Studenten machten ein Drittel der Mitglieder des gesamten StuKoMa aus, jedoch wurden demokratische und linksgerichtete Studenten, aber auch die Mitglieder der nationalkonservativen jüdischen Studentenverbindung „Hassia“ im KC abgewiesen. Daraufhin organisierte der Jurastudent Ernst Lemmer, Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und Leutnant der Reserve, der schon früher gegen die enge Zusammenarbeit von Universität und Reichswehr mit den Korporationen protestiert und zur Abwehr des Putschs vergeblich die Bewaffnung der Arbeiter gefordert hatte, gemeinsam mit anderen republiktreuen Studenten (darunter Gustav Heinemann, Wilhelm Röpke und Viktor Agartz) die Aufstellung einer „Volkskompanie“ mit 80 Mitgliedern aus Anhängern der Weimarer Koalition und Angehörigen der „Hassia“. Sie wurde dem zweiten Bataillon des StuKoMa als 9. Kompanie angegliedert und von dem Theologieprofessor Heinrich Hermelink geführt.James J. Weingartner: Massacre at Mechterstädt. The Case of the "Marburger Studentencorps", 1920. In: The Historian. Band 37, 1975, S. 602–604.

Nachdem sich schon zu Beginn des Kapp-Putschs einige Marburger Korporationen unter der Koordination Selchows mit einem Flugblatt hinter die Berliner Putschisten gestellt hatten, nahm von Selchow Kontakt zu den Putschisten auf und wurde von diesen am 16. März beauftragt, bis zum 21. März Hessen zu besetzen. Dazu kam es jedoch nicht, da Selchow zunächst den Erfolg des Putsches in Berlin abwarten wollte, der aber schon am 17. März infolge eines Generalstreiks zusammenbrach. Der Marburger Senioren-Convent hatte bereits bei Gefährdung der Verbindungshäuser durch Arbeiter eine Besetzung Marburgs gefordert.Siegfried Weichlein: Studenten und Politik in Marburg. Die politische Kultur einer Universitätsstadt 1918–1920. In: Peter Krüger, Anne C. Nagel (Hrsg.): Mechterstädt - 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Lit Verlag, 1997, S. 38 f.

Einsatz in Thüringen

In Thüringen, wo sich die Führung der dort stationierten Reichswehrverbände dem Kapp-Putsch angeschlossen und den Ausnahmezustand verhängt hatte, kam es zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit der Arbeiterbewegung, die von der USPD und KPD dominiert war. Die Streiks und Kämpfe dauerten auch nach dem Ende des Putsches an und steigerten sich, unter Beteiligung von bürgerlichen Einwohnerwehren, insbesondere in der Region um Gotha und Eisenach zu bürgerkriegsähnlichen Gefechten mit zahlreichen Todesopfern. Die Reichsregierung entschloss sich, die Arbeiteraufstände durch die Reichswehr gewaltsam niederschlagen zu lassen. Dabei wurden zahlreiche Arbeiter „standrechtlich“ oder willkürlich erschossen.

Am 19. März ließ in Marburg der Ortskommandant der Reichswehr einen Aufruf plakatieren, wonach in Thüringen Aufstand herrsche und „bewaffnete Banden […] raubend und plündernd“ durch das Land zögen.Zit. nach Michael Lemling: Das „Studentenkorps Marburg“ und die „Tragödie von Mechterstädt“. In: Peter Krüger, Anne C. Nagel (Hrsg.): Mechterstädt - 25.3.1920. Skandal oder Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Lit, Münster 1997, S. 60; vgl. auch Siegfried Weichlein: Studenten und Politik in Marburg. Die politische Kultur einer Universitätsstadt 1918–1920. In: Peter Krüger, Anne C. Nagel (Hrsg.): Mechterstädt - 25.3.1920. Skandal und Krise in der Frühphase der Weimarer Republik. Lit Verlag, 1997, S. 39. Mit der „Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung“ wurde die „Brigade Rumschöttel“ beauftragt, die aus Teilen der Reichswehrbrigade 11 und dem Studentenkorps Marburg bestand.

Am folgenden Tag wurde das erste Bataillon des Studentenkorps nach Thüringen in Marsch gesetzt; das zweite Bataillon unter dem Kommando des Hauptmanns a. D. von Buttlar folgte am 26. März. In seiner Verabschiedungsrede verglich der Rektor der Universität, Wilhelm Busch, den Geist der Truppe mit dem des Kriegsausbruchs im August 1914.

Die Morde Am 18. März 1920 hatte der Gendarmeriewachtmeister Heß aus dem Ort Thal im Landkreis Gotha dem Landratsamt berichtet, dass in zwei Versammlungen zur Bildung einer „roten Garde“ aufgerufen worden sei. Am folgenden Tag hätten etwa 150–200 Arbeiter, in Trupps aufgeteilt, zur Beschaffung von Waffen die Ortschaften Kälberfeld, Schönau, Kahlenberg, Sättelstädt und Sondra durchkämmt und unter Androhung von Gewalt die Herausgabe von Schusswaffen erzwungen. Daneben sei es auch zu Lebensmitteldiebstählen und Plünderungen von privaten Anwesen gekommen.

Selchow, dessen Truppe auf dem Vormarsch von Eisenach nach Gotha die nahegelegenen Orte Sättelstädt und Mechterstädt erreicht hatte, erhielt davon Nachricht und entsandte am 24. März 60 Mann der 1. und 2. Kompanie unter dem Kommando des Oberleutnants Rudolf Baldus (Corps Guestfalia) auf vier Lkws nach Thal mit dem Auftrag, den dortigen Aufstand zu unterdrücken und die Rädelsführer festzunehmen. Der zuvor telefonisch in Kenntnis gesetzte Gendarm Heß und der Thaler Schultheiß Schein übergaben dem studentischen Trupp eine Liste mit 40 Verdächtigen, die als „Vertrauenspersonen der Arbeiterschaft“ galten und festgenommen wurden, obwohl die meisten von ihnen nicht politisch aktiv waren. 25 von ihnen wurden wieder freigelassen; die übrigen fünfzehn – darunter vier der sechs Gemeinderäte von Thal – wurden unter dem Verdacht festgehalten, Anführer des geplanten „roten“ Aufstandes zu sein.Denkmal der Märzgefallenen. auf: mechterstaedt.de Zudem wurden Waffenlager ausgehoben.James J. Weingartner: Massacre at Mechterstädt. The Case of the "Marburger Studentencorps", 1920. In: The Historian. Band 37, 1975, S. 605–606.