Die South West African Territory Force (SWATF), auch afrikaans SWA Gebiedsmag (SWA GM), , war das Militär der südafrikanischen Besatzungspolitik auf dem Gebiet des ehemaligen Südwestafrika (Namibia) während eines zeitlichen Teilabschnitts der Apartheid. Untergeordnet tritt auch die Bezeichnung SWA/N Territorial Force auf.SAIRR: Survey of Race Relations in South Africa 1981. Johannesburg 1982, S. 444, 446.
Die SWATF verfügte über eine Mannstärke von 10.100 im Jahr 1981 und 22.000 sechs Jahre später.
Überblick Die ersten unter südafrikanischer Verwaltung für Südwestafrika zuständigen und dort stationierten Militäreinheiten entstanden in den 1920er und 1930er Jahren. 1927 wurde von Südafrikanern die Citizen Force (SWA) errichtet. Deren Oberkommandeur war Oberst M. J. de Jager.S. D. Olley: 1 SWA Provost Unit, 1968–1989. auf home.mweb.co.za (englisch).Andries M. Fokkens: The Suppression of Internal Unrest in South West Africa (Namibia) 1921–1933. In: Scientia Militaria, Vol. 40 (2012), Nr. 3, S. 109–146, online auf www.ajol.info (englisch).
Die Proclamation No 234 of 1939 der Südafrikanischen Union stellte Südwestafrika unter die Bestimmungen des Defence Act of 1912. Auf Grundlage der Verordnung entstand im November 1939 das SWA Command (deutsch etwa: „Kommando Südwestafrika“) aus Teilen der Bürgerwehr (Citizen Force, Reservisten) und weiteren Militäreinheiten. Am 1. Dezember 1939 wurde das 1 SWA Infantry Battalion (kurz: 1 SWA Inf Bn) mit Hauptquartier in Windhoek errichtet, das zur Union Citizen Force gehörte.
Eine systematische Gewinnung einheimischer und nichteuropäischer Personen für die in Südwestafrika operierenden südafrikanischen Streitkräfte begann im Jahre 1977. Die Rekrutierung verlief auf der Basis einer freiwilligen Militärausbildung für Angehörige unterschiedlicher ethnischer Gruppen. Das Angebot richtete sich vorrangig an Ovambos, Kavangos, Caprivianer, Rehoboth Baster und San. An einige Gruppen der Nama und Herero wurde die Frage zur Mitwirkung an diesem Militärdienst herangetragen. Die Dienstkonditionen beliefen sich auf einen monatlichen Sold in Höhe von 70 Rand sowie der unentgeltlichen Bereitstellung von Uniformen, Unterkünften und Verpflegung. In den Operationseinheiten der Nordgebiete stammten die Freiwilligen vorwiegend aus der ansässigen Bevölkerung. Im Landesinnern gab es ethnisch gemischte Trainingseinheiten. Die so ausgebildeten Soldaten waren Angehörige der South African Defence Force (SADF). Nach einer Interviewaussage vom September 1977 des Oberkommandierenden der südafrikanischen Streitkräfte in Südwestafrika/Namibia, Generalmajor Geldenhuys, war die Überleitung dieser Militärpersonen in die Strukturen einer künftigen „South West Africa/Namibia Defence Force“ geplant.SAIRR: Survey 1977. S. 602–603. Angehörige der San kamen im 102. Bataillon und der Ovambo in Koevoeteinheiten wurden als Spurensucher zum Einsatz.Leopold Scholtz: The Namibian Border War: An Appraisal of the South African Strategy. In: Scientia Militaria. Vol. 34 (2006), Nr. 1, S. 19–48, hier S. 35. doi:10.5787/34-1-15 (PDF).
Eine relativ eigenständige Armee des südafrikanischen Besatzungsgebietes Südwestafrika wurde 1980 auf Basis der dort langjährig praktizierten Militärpolitik der Regierung in Pretoria geschaffen. Formell entstanden diese Streitkräfte jedoch infolge der Proclamation No AG 105 (1980) mit dem Titel Establishment of South West African Territory Force. Die Veröffentlichung dieser Verordnung erfolgte in der Official Gazette of SWA No. 4237 vom 1. August 1980.André du Pisani: SWA/Namibia: The Politics of Continuity and Change. Jonathan Ball Publishers, Johannesburg 1985, ISBN 978-0-86850-092-8, S. 515. Faktisch konstituierten sich die SWATF-Strukturen ab dem 6. September 1980. Zuvor bestanden bereits spezielle Militäreinheiten in dieser Region unter dem Oberkommando der SADF. Der Übergang zur SWATF erfolgte in geordneten und kontinuierlich gestalteten Rahmenbedingungen. Zunächst waren diese Militäreinheiten formell dem Generaladministrator unterstellt; seit 1985 gab es jedoch ein SWA Department of Defence. Das Verteidigungsbudget für die SWATF belief sich 1986 auf 186 Millionen Rand.
Im Gegensatz zum rassenpolitisch determinierten Militärrecht von Südafrika dienten in der SWATF weiße, farbige und schwarze Militärangehörige in allen Truppeneinheiten und waren demzufolge gleichermaßen an den bewaffneten Auseinandersetzungen mit der SWAPO bzw. PLAN und FAPLA (Forças Armadas de Libertação de Angola) und anderen gegnerischen Gruppen beteiligt. Dieser Gesichtspunkt erzeugte bis zur Auflösung der SWATF und über diesen Zeitpunkt hinaus politisch-ethnisch begründete Binnen- und Außenkonflikte.
Die Wehrpflicht in Südwestafrika/Namibia innerhalb der SWATF wurde im Januar 1981 für alle männlichen Bürger des besetzten Gebietes im Alter zwischen 18 und 24 Jahren eingeführt. Auf eine Einberufung wurde bei Männern verzichtet, wenn diese in Grenzregionen lebten, insbesondere in den Homelands Ovamboland, Kavangoland und Caprivi. Nach einer Verlautbarung eines Armeesprechers sollen ausreichend Freiwillige dieser Personenkreise in regionalen Bataillonen gedient haben. Aus kirchlichen Gruppen und politischen Organisationen der schwarzen Bevölkerung kamen erhebliche Bedenken gegen eine Einberufung in diesen Gebieten zur Sprache, weil sich dadurch Familienmitglieder auf verschiedenen militärischen Seiten gegenüberstehen könnten. Die Damaraland-Ratsversammlung lehnte die Anwendung dieses Militärdienstes unter ihrer Bevölkerung ab.SAIRR: Survey 1982. S. 617. Für politisch motivierte Wehrdienstverweigerer wurde der Pflichtdienst in nicht-kämpfenden Einheiten durchgeführt.SAIRR: Survey 1981. S. 446.
Die SWATF bestand um 1987 aus fünf Hauptkomponenten:Joe Pütz, Heidi Von Egidy, Perri Caplan: Political Who’s Who of Namibia. Magus, Windhoek 1987, S. 227. Headquarters, Personal für Stäbe, Operationszentralen, Informationsdienste, Finanzen und Logistik, Reaction Force (Citizen Force), ein Teil der SW Reserve Force zur Landesverteidigung und Terrorabwehr, Area Force (Commandos), ein Teil der SW Reserve Force zur Aufklärung gegen PLAN-Gruppen, Full-time Auxilliary Force, Freiwilligendienst zur späteren Gründung nationaler Streitkräfte, Air Force (nur das 1 SWA Squadron, sonst durch South African Air Force gewährleistet).
Führungspersonal Im Verlaufe der Bildung der SWATF übertrug Südafrika am 8. Februar 1980 das militärische Oberkommando auf dem Gebiet von Südwestafrika/Namibia vom SADF SWA Command unter Generalmajor Johannes Geldenhuys auf die neuen militärischen Kommandostrukturen der SWATF.SAIRR: Survey 1980. S. 651. Zum Oberkommandierenden der SWATF wurde mit ihrer Gründung der Generalmajor Charles Lloyd berufen.SAIRR: Survey 1982. S. 619. Dessen erster Stabschef war Brigadier Jan Klopper.SAIRR: Survey 1981. S. 453. Verordnungen, die in Pretoria und in Windhoek am 1. August 1980 veröffentlicht wurden, gaben die Aufstellung der SWATF offiziell bekannt. Diese setzte sich aus den bisher hier stationierten Einheiten der südafrikanischen Sicherheitskräfte zusammen. Die exekutive Kontrolle ging im Zuge der Umsetzung dieser Rechtsgrundlagen von Südafrika auf den Council of Minsters in SWA/Namibia über, in dessen Folge sich hier ein Department of Defence bildete.SAIRR: Survey 1981. S. 446.
Charles Lloyd übergab am 9. November 1983 das SWATF-Oberkommando (General Officer Commanding the SWATF) an Georg Meiring.C. J. Nöthling: Military Chronicle of South West Africa (1915–1988). In: South African Defence Force Review, 1989, online auf rhodesia.nl (englisch)
Das Oberkommando über die SWATF und die South African Army Forces in SWA ging am 23. Januar 1987 von Generalmajor Georg Meiring auf Generalmajor Willie Meyer über. Meyer diente vorher in Südwestafrika als Second-in-Command, bevor er im Januar 1983 als Officer Commanding of OVS Command eingesetzt wurde.
Im Jahre 1979 begann die Ausbildung an der SWA Military School in Okahandja.
Regionale Truppenstruktur mini|Abzeichen der Regionalkommandos Der Oberkommandierende der SWATF, George Meiring, teilte am 21. Dezember 1984 in einem Pressestatement mit, dass die Truppenstärke der ihm unterstellten bewaffneten Kräfte 19.000 Mann umfasse, von denen 61 Prozent im Grenzgebiet zwischen SWA/Namibia und Angola stationiert seien.SAIRR: Survey 1984. S. 849.
Folgende Militärbezirke der SWATF haben existiert:Bruce Ross Strachan: Military Operations – Militere Operasies: The South West Africa Sectors. auf sadf.info (englisch) Abkürzung: AME in Afrikaans: Area Mag Eenheid; AFU in Englisch: (Area Force Unit)
Sektor 10 (Kaokoland and Owambo) – Hauptquartier Oshakati Dieser Militärbezirk bestand aus vier modularen Bataillonen (Bn): Bn 51 in Ruacana, Bn 52 in Oshakati, Bn 53 in Ondangwa und Bn 54 in Eenhana. Ferner die Einheiten der SWATF, das 101 Bn in Ondangwa und 102 Bn in Opuwo, 61 Mechanised Battalion in Omuthiya, 25 Engineering Squadron in Oshakati, 5 Maintenance Unit in Ondangwa und eine Ausbildungseinheit in Oshivelo.
Sektor 20 (Kavango and Western Caprivi) – Hauptquartier Rundu 55 Bn in Nepara, 32 Bn in Buffalo, SWATF 201 Bn in der Omega base, 202 Bn in Rundu und 203 Bn in Mangetti.
Sektor 30 – Hauptquartier Otjiwarongo (Citadel). 301 Bn in Otjiwarongo, SWATF Otjiwarongo AME, Outjo AME, Grootfontein AME, Tsumeb AME, Hereroland AME, Ethosa AME, Otavi AME, Damaraland AME und UIS PL. Die Einheiten waren ebenso verantwortlich für die Regionen Grootfontein, Tsumeb, Otavi, Outjo, Otjiwarongo, Hereroland und Damaraland.
Sektor 40 – Hauptquartier Windhoek 911 Bn, 1 SWA PRO Unit, SWATF Alte Feste AME, Khomas AME, Hochl AME, Okahandja AME, Omaruru AME, Swakopmund AME, Rehoboth AME, Katatura AME und Khomasdal AME.
Sektor 50 – Hauptquartier Gobabis SWATF Aranos AME, Auob AME, Bo-Nossob AME, Aminius PL, Gobabis AME, Rietfont AME, Mariental AME und Maltahöhe AME.
Sektor 60 – Hauptquartier Keetmanshoop SWATF Karasburg AME, Keetmanshop AME, Hoop AME, Bethanien AME, Oranjemund AME, Luderitz AME und Namaland AME.
Sektor 70 (Eastern Caprivi) – Hauptquartier Mpacha SWATF 701 Bn in Mpacha mit Unterstützung der SWATF KfZ-Infanterie und Artillerie-Batterie. Eine südafrikanische Navy Marine Company war hier für Patrouillen in den Flusszonen stationiert.
Ethnisch gemischte Einheiten existierten im Gegensatz zu Südafrika in den Streitkräften von Südwestafrika. Es handelte sich um sogenannte Ethnic battalions. Das waren hauptsächlich die Einheiten 21 Battalion, 61 Battalion, 62 Battalion und 101 Battalion. Beispielsweise war der Angriff auf Cassinga eine von Südafrika geleitete Militäroperation, an der ethnisch gemischte Kampftruppen zum Einsatz kamen.Johannes Christiaan Rudolph Liebenberg: Truth and Reconciliation Process and Civil-Military Relations: A Qualitative Exploration. Ph.D.-Dissertation an der UNISA, Pretoria 2008, S. 195–200 (PDF-Dokument S. 195–200), online auf www.unisa.ac.za (englisch)
Konfliktpunkte im rechtlichen Rahmen (Auswahl) Fall Erick Binga Im Jahre 1983 lag dem Supreme Court of South West Africa (etwa: Oberster Gerichtshof von Südwestafrika) in Windhoek eine Frage zur Prüfung vor, ob das damalige südafrikanische Militärrecht in Südwestafrika/Namibia überhaupt von Geltung sei. Ein junger Wehrdienstpflichtiger, Erick Binga, entzog sich zunächst durch Flucht dem Einberufungsbefehl und dessen Vater erklärte vor dem Supreme Court diesen Einberufungsbefehl als „null und nichtig“.