Das Gymnasium Neue Oberschule (NO) in Braunschweig wurde 1828 gegründet und ist damit das zweitälteste staatliche Gymnasium dieser niedersächsischen Stadt. Die Schule hieß zunächst Herzogliches Realgymnasium und wurde nach dem Ersten Weltkrieg in Reform-Realgymnasium umbenannt. Im Wesentlichen geht der heutige Name auf das Jahr 1937 zurück, als Realschulen und Realgymnasien zu sogenannten „Oberschulen“ vereinheitlicht wurden.
Schwerpunkte werden in der offenen Ganztagsschule unter anderem auf den bilingualen Unterricht, Lernen mit digitalen Medien sowie Musik- und Theatergruppen gelegt, die in der Aula regelmäßig auftreten.
Geschichte Zeitalter der Industrialisierung Anfang des 19. Jahrhunderts begann die Braunschweiger Bürgerschaft, eine Schule zu fordern, die den neuen Anforderungen infolge der beginnenden Industrialisierung durch ein erweitertes Bildungsangebot, vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich, besser gerecht wurde als die traditionellen Gymnasien, die vor allem auf ein Studium vorbereiten sollten. So wurden z. B. am Gymnasium in den höheren Klassen alleine 13 Stunden Latein und 6 Stunden Griechisch unterrichtet. Als Kompromiss konnten damals Gymnasialschüler, die nicht studieren wollten, vom Griechischunterricht befreit und in Ersatzfächern unterrichtet werden. Als Friedrich Traugott Friedemann 1824 Direktor des Katharineums wurde, ging er als erstes gegen diese sogenannten Barbaren vor und verbot diese Praxis. Er sah jeden Bildungsweg ohne Griechisch als staatsgefährlich und menschheitsverderbend an: mini|Ankündigung der Eröffnung des Realinstituts Der 25-jährige August Heinrich Werner Brandes, damals Sprachlehrer am Collegium Carolinum, betrachtete dies als Missstand und entwarf ein Bildungskonzept, das besser für Industrie, Handel und Gewerbe geeignet war. Er eröffnete gemeinsam mit Pastor Möhle und dem Münzbuchhalter Süpke am 12. April 1825 in der Reichenstraße No. 1118 eine Privatschule, ein Realinstitut, das der Vorbereitung von Jungen auf gehobene technische und kaufmännische Berufe diente. Brandes’ Konzept zur „Erziehung zum praktischen Leben“ hatte aber auch Schwächen: Zum einen wurden in über 40 Wochenstunden mehr als 20 Unterrichtsfächer gelehrt, allerdings eher auf dem Niveau einer Fachschule. Andererseits fehlte es an pädagogisch ausgebildeten Lehrern: Neben den drei Gründern unterrichteten der Mediziner Lachmann, der Artilleriefeuerwerker Bolte, der Schreiblehrer Niemeier, der Sprachlehrer Küster sowie der Kunstmaler Pape. Obwohl das Schulgeld doppelt so hoch war wie an den Gymnasien, hatte die Schule mit über 60 Schülern schon im ersten Jahr so großen Zulauf, dass die Braunschweiger Gymnasien und selbst das Collegium Carolinum sich Sorgen um ihren Bestand machten. Daher beschloss die Schulkommission unter Vorsitz von Magistratsdirektor Bode bereits 1827, die Schule mit dem Martineum und Katharineum zu einem Gesamtgymnasium zu vereinigen. Diese Maßnahme wurde zum 15. Januar 1828 umgesetzt und bedeutete die Anerkennung als Realgymnasium sowie eine Steigerung der Schülerzahl, die 1835 auf 150 angewachsen war.
mini|110x110px|Siegel Herzogliches Realgymnasium
1839 erfolgte eine Inspektion der Schule durch Schulrat August Uhde, die als Ergebnis eine wesentliche Umstellung des Unterrichtsplanes mit sich brachte: Die Vielzahl der technischen und praktischen Fächer fielen ab 1841 weg, stattdessen wurde bis auf die Altsprachen der Lehrplan an den der Gymnasien angepasst.Hans Kaufmann: Im Wandel der Zeiten. In: G. Linne, H. Kaufmann, H. Lindemann (Hrsg.): Bilder und Berichte aus dem Leben einer Braunschweiger Oberschule. Staatliche Neue Oberschule für Jungen 1828–1953. Braunschweig 1953, S. 17–76, hier S. 43. .
1848 wurde die Verschmelzung zu einer einzigen höheren Schule diskutiert, aber nicht umgesetzt. In der Folgezeit kam es aufgrund von wiederholten Konflikten zwischen Gymnasiasten und Realgymnasiasten zu einer räumlichen Abtrennung des Realinstituts, das 1856 in die ehemalige Katharinenschule am Hagenmarkt zog.
Nach Brandes’ Tod wurde Ludwig August Berglein zum Direktor ernannt. 1859 mussten wegen Raumnot 66 % der angemeldeten Schüler zurückgewiesen werden. 1869 wurde schließlich ein Neubau zwischen der Breiten Straße und der Scharrnstraße bezogen. Berglein setzte sich dabei persönlich für eine Aula für Schulveranstaltungen ein und gründete eine Schülerbibliothek. Aber auch in der Folgezeit war die Schulgeschichte von Raumnot geprägt, die nur durch wechselnde Außenstellen bewältigt werden konnte.
In den 1860er Jahren herrschte eine große religiöse Toleranz an der Schule, obwohl sie fast ausschließlich von Protestanten besucht wurde. Auf die wenigen jüdischen Mitschüler wurde besondere Rücksicht genommen: sie wurden am Sabbat vom Unterricht oder zumindest vom Schreiben befreit.
Berglein hatte sich bereits in Preußen erfolgreich für den Ausbau des Realunterrichts eingesetzt, u. a. für die Einführung des Lateinunterrichts an Realschulen, der in Braunschweig 1868 noch kategorisch abgelehnt wurde. 1871 sorgte er für einen in der Lokalpresse beachteten Skandal, als er eine ganze Klasse nicht versetzte.
Kaiserreich und Erster Weltkrieg Erst nach der Gründung des Kaiserreichs orientierte sich Braunschweig stärker am preußischen Vorbild. 1876 wurde die Schule geteilt und eine lateinlose Realschule 2. Ordnung abgetrennt (die heutige Realschule Sidonienstraße) und 1878 wurde die Schule zum abiturfähigen „Herzoglichen Realgymnasium“ umbenannt und als Realschule 1. Ordnung anerkannt. 1879 legten die ersten drei Kandidaten das Abitur ab. mini|Primaner des Realgymnasiums 1892 Nach Bergleins Pensionierung wurde 1884 mit Karl Friedrich Ernst Koldewey ein bedeutender Schulreformer Direktor, der die Angleichung des Lehrplans an den des Gymnasiums noch stärker vorantrieb, so dass bis zur Quarta ein reibungsloser Übergang möglich war. Ihm folgte 1891 mit Wilhelm Johann Dahl ein Mathematiker, der die Naturwissenschaften wieder stärkte. Im Jahr 1900 wurden Gymnasien, Realgymnasien und Oberrealschulen durch kaiserlichen Erlass gleichgestellt.Hans Kaufmann: Hundert Jahre Staatliches Realgymnasium. In: Hans Kaufmann (Hrsg.): Staatliches Reform-Realgymnasium Braunschweig – Festschrift zur Feier des Hundertjährigen Bestehens, Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig, 1918, S. 101 DNB 579384047 In den darauffolgenden Jahren wurde die reichsweite Anerkennung des Abiturs vorangetrieben und 1907 wurde durch die Teilung der Prima das 13. Schuljahr eingeführt. mini|Kollegium des Reform-Realgymnasiums vor dem Ersten Weltkrieg (vorne Mitte Direktor Karl Hildebrandt) Nach Dahls Tod 1909 folgte ihm Karl Gottlieb Hildebrandt als Direktor, der Anhänger der Reformschulbewegung nach dem Frankfurter System war. Er trieb diese Schulreform voran, bis schließlich 1912 die Schule als „Herzogliches Reform-Realgymnasium“ den neuen Fremdsprachen gegenüber stärker geöffnet wurde. Nach diesem neuen Lehrplan wurde Französisch erste Fremdsprache, gefolgt von Latein und Englisch.
Schon 1912 legten zeitweilig auch Mädchen ihre Reifeprüfung am Reform-Realgymnasium ab, da dies an den höheren Mädchenschulen noch nicht möglich war.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs brachte eine Ausdünnung der Primen mit sich, da sich viele Primaner und fünf Lehrer als Kriegsfreiwillige meldeten. Mit dem Fortschritt des Krieges änderte sich auch der Schulalltag grundlegend, z. B. durch Einsatz der Schüler bei Sammlungen oder in Fabriken. Insgesamt fielen im Ersten Weltkrieg fünf Lehrer und 111 ehemalige Schüler.
Weimarer Republik Mit Beginn der Weimarer Republik setzten wieder schulpolitische Reformdiskussionen ein, z. B. die Einführung einer Gemeinschaftsschule oder die Frage der Lehrerbildung. 1922 wurde die Unterteilung der Oberstufe in einen sprachlichen und einen naturwissenschaftlichen Zweig eingeführt.
Nach Hildebrandts Pensionierung 1923 wurde die Schule zunächst kommissarisch geleitet, bis im Herbst 1924 mit dem Physiker Karl Bergwitz, der auch außerordentlicher Professor an der TH Braunschweig war, ein Nachfolger gefunden wurde. Bergwitz war Mitentdecker der kosmischen Höhenstrahlung. Da er allerdings seine Ergebnisse als Messfehler interpretierte, wurde Victor F. Hess der Nobelpreis für die korrekte Interpretation zugesprochen.
Nach der Währungsreform 1924 startete die Schule ein ausgedehntes Fahrtenprogramm mit insgesamt 28 Schulfahrten bis 1934. 1926 gründete sich eine Schulgruppe des Vereins für das Deutschtum im Ausland, die schon bald 350 Mitglieder zählte. Ab 1927 nahmen Lehrer und Schüler an deren Veranstaltungen und Fahrten teil. Auch die Bündische Jugend war an der Schule aktiv.Walter Vibrans: Wanderfahrten durchs deutsche Land. In: G. Linne, H. Kaufmann, H. Lindemann (Hrsg.): Bilder und Berichte aus dem Leben einer Braunschweiger Oberschule. Staatliche Neue Oberschule für Jungen 1828–1953. Braunschweig 1953, S. 138–142. . Insgesamt war aber in den 1920er Jahren das Klima an der Schule „durchaus liberal“, wenn auch von den Schülern nur eine „Minderheit...mit der Republik sympathisierte“.
Aufgrund seiner guten Kontakte zur TH und zur Industrie konnte Bergwitz trotz finanzieller Schwierigkeiten des Landes durchsetzen, dass 1927 ein Erweiterungsbau bezogen werden konnte, der unter anderem den modernsten Physikraum der Stadt enthielt.
Am 8. Dezember 1927 wurde die Vereinigung ehemaliger Braunschweiger Realgymnasiasten gegründet, und vom 22. bis 24. März 1928 fanden die Jubiläumsfeiern zum 100-jährigen Bestehen der Schule statt, bestehend aus Fackelzug, interner Schulfeier, Festakt sowie Festkommers.Hans Kaufmann: Im Wandel der Zeiten. In: G. Linne, H. Kaufmann, H. Lindemann (Hrsg.): Bilder und Berichte aus dem Leben einer Braunschweiger Oberschule. Staatliche Neue Oberschule für Jungen 1828–1953. Braunschweig 1953, S. 17–76, hier S. 52. . Das Jubiläum war Titelgeschichte aller Braunschweiger Zeitungen. Nur der sozialdemokratische Volksfreund kommentierte kritisch
Dank der Unterstützung der Ehemaligen und Spenden der Industrie konnte trotz der Finanzkrise 1931/32 die Schülerzahl ohne Beeinträchtigungen auf 458 steigen. mini|Standorte der Schule (inkl. Außenstellen) bis 1944 Da die Nationalsozialisten im Land Braunschweig schon ab 1930 an der Regierung beteiligt waren, begann bereits ab 1931 eine politische Säuberung der Lehrerschaft, von denen das Reform-Realgymnasium allerdings noch nicht betroffen war.
Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung wurde auch das Reform-Realgymnasium gleichgeschaltet. Aus der Schulbücherei wurden alle Bücher entfernt, die nicht der Parteilinie entsprachen, und die HJ übernahm Teile des Sportunterrichts (Wehrsport).Gymnasium Neue Oberschule: Neue Oberschule 1828–1978. Braunschweig 1978, S. 36, . Der Großteil des Kollegiums wurde Parteimitglied, und der Hitlergruß wurde üblich. Das Fahrtenprogramm und das Schultheater wurden eingestellt.
Direktor Bergwitz versuchte, den inneren Schulbetrieb von Parteipolitik abzugrenzen.Hans Kaufmann: Im Wandel der Zeiten. In: G. Linne, H. Kaufmann, H. Lindemann (Hrsg.): Bilder und Berichte aus dem Leben einer Braunschweiger Oberschule. Staatliche Neue Oberschule für Jungen 1828–1953. Braunschweig 1953, S. 17–76, hier S. 57. . Allerdings mussten jüdische Schüler ausscheiden. Am Reform-Realgymnasium sind nur Einzelfälle belegt (z. B. Bernhard Glatt 1935,) da der Anteil jüdischer Schüler am Reform-Realgymnasium traditionell gering war. Ein nationalsozialistisch motivierter Ausschluss von Lehrern ist nicht belegt.