mini|Dorfkirche Mestlin (2013) Die Dorfkirche Mestlin ist eine gotische Backsteinkirche in der Gemeinde Mestlin im Landkreis Ludwigslust-Parchim in Mecklenburg-Vorpommern. Sie gehört zur Kirchengemeinde Mestlin in der Propstei Parchim im Kirchenkreis Parchim der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland (Nordkirche).
Geschichte mini|hochkant|Portal auf der Südseite (2012) Der Ort Mustelin wurde 1312 erstmals urkundlich erwähnt.MUB V. (1869) Nr. 3570. Die Kirche Mestlin war von 1448/1450 bis zur Auflösung des Dobbertiner Klosteramtes 1919 Patronatskirche des Klosters Dobbertin.
Die Visitation aller Kirchen, an denen das Kloster Dobbertin das Kirchenpatronat hat, begann in Mestlin am 19. September 1557, wie im Protokoll Visitatio aller Dobbertinschen Kirchen Anno 1557 vermerkt.LHAS 2.12-3/5 Kirchevistationen.Nr. 22 Visitation der Kirchen des Klosters Dobbertin, 1557. In diesem Protokoll ist Ruest als Mestliner Filial-Kirche genannt. In den Vorbemerkungen steht, die Nonnen seien so böse auf die Herren Visitatoren gewesen, dass sie keine Auskunft über ihre Kirchen geben wollten. Deswegen habe man anders nichts erfahren können, als dass man sich beim dortigen Küchenmeister Johannes Graetzen erkundigte, was er nach anfänglichem Sträuben auch angegeben hat. So wurde Mestlin mit Ruest gleich nach Goldberg visitiert. In Mestlin hatten die Visitatoren noch öffentliche Abgötterei, also vorreformatorische Heiligenverehrung, vorgefunden. Es waren viele Bilder geschmückt wie zur Zeit der „Papisterei“. Ein Kruzifix war aufgerichtet und davor hingen Flachs und Wolle. Auch Wachslichte, die neulich gebrannt hatten, waren vorhanden. Und als man den Pastor befragte, warum er so etwas zulasse, sprach er: „Wenn ich es hinweg tue, würde ich Undank verdienen, denn die Bauern sind es so gewohnt.“ Die Visitatoren entfernten alle Ärgernis erregende Bilder und die Bauernschaft wurde wegen solcher öffentliche Abgötterei hart bestraft. „Außerdem haben sie dem Dorfschulzen befohlen, die papistischen Bücher zu entfernen. Die Befragung des Pastors Joachim Harney in Mestlin ergab: Er sei ein armer, elender Mensch und zum Predigeramt nicht geeignet. Er war ein alter Meßpfaffe und hat an die sechzig Jahre in Mestlin gedient. Im Gesicht hatte er einen grausamen und schrecklichen Schaden: das linke Auge hing ihm aus dem Kopf und sah wie Aussatz aus. Darum ist er im Amt nicht zu dulden. Den Katechismus kann er nicht, er hat ihn auch nie bei der Predigt dem Volk vorgesprochen, wie die Bauern geklagt haben. In der Predigt ist er nicht bildend, in den Examen hatte er schlecht abgeschnitten. Er weiß auf keine Frage richtig zu antworten. Des Pastors Frau hat den Katechismus auch nicht gewusst, desgleichen kann des Pastors Sohn, der Küster ist, den Katechismus auch nicht.“ Vor Durchführung der Kirchenvisitation hatten die beiden regierenden Herzöge Johann Albrecht I. zu Schwerin und Ulrich zu Güstrow für beide Herzogtümer eine Kirchenordnung erlassen. In der Kommission waren die Rostocker Professoren Georgius Venetus und Tilmanus Heßhusen, der Superintendent Magister Gerhard Oemeke aus Güstrow, der von Herzog Johann Albrecht wegen Unbeliebtheit abgelehnt, auf Wunsch Herzog Ulrichs aber trotzdem in die Kommission aufgenommen wurde, der Magister Johannes Freder von der Marienkirche in Wismar und der Magister Simon Leupold aus Güstrow als herzoglicher Visitationssekretär.LHAS 2.12-3/5 Kirchenvisitationen. Nr. 22 Visitation der Kirchen des Klosters Dobbertin. 1557.
Während des Dreißigjährigen Krieges flüchtete 1638 der Pastor Bartholomäus Simonis nach Parchim und starb dort im selben Jahr an der Pest. Von ihm stammt ein Büchlein Pfarr Nachrichten der Jahre 1611–1638.Johann Clamor Buchholz: Ausführliche Nachricht und Pfarr Sachen in Mestlin und Ruest. S. 149–151. Die Mestliner Pfarre blieb sechs Jahre lang verwüstet. Simonis Sohn Johann, Kantor in Crivitz, wurde 1645 durch den Dobbertiner Klosterhauptmann Paschen von der LüheHorst Alsleben: Liste der Persönlichkeiten des Klosters Dobbertin zum Pastor in Mestlin bestellt. Gleich nach Amtsantritt wurde auch das Pfarrhaus verwüstet und Simonis wohnte um 1650 im Vicarien-Katen zu Ruest. Nach dem Kirchenvisitationsprotokoll von 1662 wohnten in Mestlin 8 Bauern und 7 Kossaten, in Ruest nur noch 4 Bauern und 2 Kossaten.
Der Parchimer Georg Brennecke wurde 1706 durch den Dobbertiner Provisor Philipp Cuno von Bassewitz auf Dalwitz neben zwei anderen Kandidaten zum Pfarrer in Mestlin befördert.
Pastor Johann Heinrich Birkenstaedt war von 1830 bis zu seinem Tod 1871 41 Jahre lang Pastor in Mestlin. Unter seinen Nachfolgern waren der Präpositus Tarnow aus Zabel bei Malchow, der Pastor und Schuldirektor Peters aus Schwerin und Pastor Hunzinger aus Drei Lützow. Dieser wurde am 14. September 1871 erwählt.LHAS 5.11-2 Landtagsprotokoll. 22. November 1871, Nr. 25.
Baugeschichte Die erste Kirche, der Chor ist davon erhalten, wurde zwischen 1220 und 1250 gebaut. Die Umfassungswände des Feldsteinchores könnten von märkischen Bauleuten errichtet worden sein, während der Backsteingiebel und die Einwölbung eher zur Formwelt der westfälischen Sakralarchitektur gehören.Tilo Schöfbeck: Mittelalterliche Kirchen zwischen Trave und Peene. 2014, S. 65.
Erst Anfang des 14. Jahrhunderts wurde der Kirchenbau im gotischen Stil fortgeführt. Nicht mehr fest abgeschlossene Räume, sondern weite Hallen mit breiten Fenstern öffnen den Innenraum zur Außenwelt. Bemerkenswert ist die Höhe vom Boden bis zum First, denn sie entspricht der Länge des Kirchenschiffes. Die Höhe der Kirchenmauern gleicht der Breite der Kirche. Zwei schlanke achteckige Pfeiler teilen die Halle in zwei Schiffe, genutzt als Männer- und Frauenseite. Der Chor, damals auch kleine Kirche genannt, wurde bis unter das Dach fünf Fuß dick mit Feldsteinen ausgeführt. Am Westgiebel befanden sich drei kleine, enge Fenster, die mit eisernen Gittern vor dem Einbruch durch Diebe gesichert waren.Johann Clamor Buchholz: Von den Kirchen Gebäuden zu Mestlin. 1785, S. 104.
Während des Dreißigjährigen Krieges wurde auch die Kirche schwer beschädigt und ihrer Ausstattung beraubt. In den sieben Jahren Vakanz von 1638 bis 1645 sollen auf den Mauern und dem Dach Fliederbüsche und Birken gewachsen sein. 1697 erhielt die Mestliner Kirche eine Turmuhr. 1708 wurde zur Stützung der Seitenmauern des Chores je ein Pfeiler außen angebaut. Nach 1745 erfolgte die Erhöhung des Turmes um zwei Stockwerke mit einem Pyramidendach. Die Jahreszahl 1749 befindet sich in einem Ziegelstein an der Südseite des Kirchturms und auf der Wetterfahne des Turmes ist die Jahreszahl 1750 verewigt.
Das 1653 noch mit einem Schilfdach gebaute alte Pfarrhaus wurde abgerissen und dafür 1755/56 das heutige Pfarrhaus errichtet. Die Dach- und Mauerziegel kamen aus der klostereigenen Ziegelei in Lähnwitz.LHAS 3.2-3/1 Landeskloster/Klosteramt Dobbertin. Nr. 1235–1237 Haupt-Register des Jungfräulichen Kloster-Amtes Dobbertin 1754–1756. Es hatte im Erdgeschoss acht Wohnzimmer, eine Leutestube, eine Küche mit Speisekammer, eine Hinterdiele und einen Keller. Im Obergeschoss gab es zwei Böden mit vier Giebelstuben, sechs Kammern und eine Räucherkammer. Auf dem Pfarrhof befanden sich noch eine Scheune, ein Viehhaus, ein Schweinestall, ein Waschhaus und ein Gartenkeller.
Bedingt durch Setzungen und Risse in den Außenwänden wurden 1708 an beiden Seiten des Kirchenschiffs die ersten Stützpfeiler angebaut. 1770 wurden an der Ostwand des Chores auch zwei Stützpfeiler angebracht. 1771 wurde das Dach des Chores komplett erneuert und die alten Mönch-Nonnen-Dachziegel durch Zungensteine ersetzt worden. In der Pfarrchronik von 1785 bemängelt der damalige Pastor Johann Clamor Buchholz auch Fehler beim Kirchenbau. Der einzige Hauptfehler dieses sonst schönen Gebäudes sind die beiden mittigen Pfeiler, besonders der nahe der Kanzel. So kann man den Prediger nicht überall sehen und hören. Welch ein Schaden, dass ein so kostbares Gebäude einen Pfuscher zum Baumeister hatte.Johann Clamor Buchholz: Von den Kirchen Gebäuden zu Mestlin.1785, S. 107.
1878 konnten die Fenster im Langhaus erneuert werden, dazu kamen auch Rechteckscheiben aus den Fenstern der Dobbertiner Klosterkirche.LHAS 5.11-2 Landtagsprotokoll. 6. November 1878, Nr. 8.
1985 und 1986 wurde elektrisches Licht und eine Bankheizung installiert. Ab 1995 bis 1996 erfolgten Instandsetzungsarbeiten am Turm, dem äußeren Kirchenschiff mit Dach, Fenstern und den Fassaden.Horst Alsleben: Neuer Helm für die Mestliner Kirche. SVZ Lübz-Goldberg-Plau, 14. Februar 1996.Horst Alsleben: Mestliner Kirche bald in neum Glanz. Elde-Express, 4. Juli 1996.
Am 25. Februar 2021 verübten bislang unbekannte Täter in der Kirche einen Brandanschlag, in dem sie ein mittelalterliches Gestühl in der Nähe des Altars und der Kanzel anzündeten. Dabei wurde nicht nur das Gestühl arg in Mitleidenschaft gezogen, sondern die gesamte innere Kirche mit einer Rußschicht überzogen. Dies ist als ein schwerer Fall von Vandalismus zu betrachten. Nur durch schnelles Handeln des Pastors Kornelius Taetow und seiner Frau konnte Schlimmeres verhindert werden.Michael-G. Bölsche: Brandanschlag auf Mestliner Kirche. SVZ, Parchimer Zeitung, 26. Februar 2021. Der entstandene Schaden, ohne die Restaurierung der Malereien an der Kanzel und dem Altar, beläuft sich auf mehrere 10 000 Euro.Michael-G, Bölsche: Mit Staubsauger gegen Ruß. SVZ, Parchimer Zeitung, 12. März 2021. Durch den Restaurator Andre Streich aus Putlitz wurden Anfang April 2021 erste Begutachtungen der Brandschäden und dem Ruß auf Kunstgut vorgenommen.Michael-G. Bölsche: Ruß kann man nicht einfach wegwischen. SVZ, Parchimer Zeitung, 15. April 2021.
Baubeschreibung Äußeres Die Dorfkirche Mestlin ist ein stattliches gotisches Bauwerk, das wie zahlreiche andere mecklenburgische Dorfkirchen äußerlich klar in Chor, Langhaus und Turm gegliedert ist. Der älteste Teil ist der im unteren Teil in Feldsteinmauerwerk erbaute Chor quadratischer Grundform aus der Zeit vor 1250. Zur hervorragenden norddeutschen Kirchenbaukunst dieser Jahre gehört der Schaugiebel auf der Ostseite vom Chor. Er zeigt eine Gruppe von drei rundbogigen Fenstern, darüber einen Giebel aus Backstein mit Deutschem Band, rundbogigen Blenden und einem Kreuz in Blendenform, die von einem ansteigenden Rundbogenfries in den Giebelschrägen gerahmt sind.Adolf Friedrich Lorenz: Mestlin, im Katalog Handzeichnungen von Kirchen, 28. September 1953.
Der etwa gleichzeitig mit dem Langhaus errichtete Westturm auf quadratischem Grundriss besitzt zwei Geschosse in Backsteinmauerwerk mit abgetrepptem Portal und ist mit einem Oberteil aus Fachwerk und einem Pyramidendach aus der Mitte des 18. Jahrhunderts geschlossen. 1876 bedurfte die Kirche neuer Fenster, diese kamen 1877 von der Dobbertiner Klosterkirche.LHAS 5.11-2 Landtagsprotokoll. 15. November 1876, Nr. 23.
Im Kirchen-Register von 1697 wurde am Turm schon eine Schlag-Uhr erwähnt, die der Uhrmacher Gabriel Runge aus Wismar gebaut hatte. 1751 vom Schweriner Uhrmacher Lipell repariert, wurde sie 1763 vom Parchimer Uhrmacher Hempel mit anderweitigen Verbesserungen repariert. Pastor Johann Clamor Buchholz fand es bequem, eine Schlag-Uhr im Dorfe zu haben.Johann Clamor Buchholz: Ausführliche Nachricht von Kirchen und Pfarr Sachen zu Mestlin und Rüest. 1784/85, S. 62.
Innenraum mini|hochkant|Altar von 1859 (2012) mini|hochkant|Ehemaliger Altar von 1693 (2012) mini|hochkant|Kanzel (2012) mini|hochkant|Triumphkreuzgruppe (2012)