mini|Jüdisches Gemeindezentrum und Beth-David-Synagoge (hebr.: Haus Davids) in Tokio Die Geschichte der Juden in Japan beginnt im Jahre 1861, als die ersten jüdischen Familien in Yokohama sesshaft wurden. Während des Zweiten Weltkriegs schuf Japan Zufluchtsstätten für tausende Juden – auch in von Japan besetzten Gebieten. Durch die Hilfe des Konsuls des japanischen Kaiserreiches, Chiune Sugihara, durch den chinesischen Konsul in Wien, Ho Feng Shan, und durch den Sekretär der Gesandtschaft der Mandschurei in Berlin, Wang Tifu, die Transitvisa nach Japan ausstellten, konnten sie der systematischen Vernichtung durch die Nationalsozialisten im japanisch besetzten Shanghaier Ghetto entgehen. Juden bilden heute mit etwa 2000 Personen eine kleine ethnische und religiöse Minderheit in Japan (Stand 2016).
Erste Einwanderer mini|Die erste, 1896 erbaute Synagoge in Nagasaki: Beth Israel (hebr.: Haus Israels) mini|Jüdischer Friedhofsteil im Internationalen Friedhof Sakamoto in Nagasaki, 1888 mini|Aschkenasische Ohel-Moshe-Synagoge in Shanghai mini|links|100px|Inuzuka Koreshige mini|links|100px|Yasue Norihiro mini|links|100px|Higuchi Kiichirō mini|Sephardische Ohel-Rachel-Synagoge (hebr.: Zelt Rachels) in Shanghai, 1921 mini|Synagoge in Kōbe, 2013 Am 31. März 1854 hatte die US Navy den Vertrag von Kanagawa dazu genutzt, die Öffnung der japanischen Häfen Shimoda und Hakodate für den Handel mit den USA zu erzwingen, und damit die 200 Jahre währende Abschließung Japans (sakoku) beendet.
Die ersten Juden in Japan waren Alexander Marks und sein Bruder, die sich in Yokohama im Jahre 1861 niederließen, gefolgt vom amerikanischen Geschäftsmann Raphael Schover, der neben seiner Handelstätigkeit Herausgeber des Japan Express, der ersten fremdsprachigen Zeitung in Japan, wurde. Die ersten Juden kamen hauptsächlich aus Polen, den Vereinigten Staaten und England. Im Jahre 1895 eröffnete die kleine Gemeinde Yokohamas, die bis dahin aus etwa 50 Familien bestand, die erste Synagoge in Japan.Daniel Ari Kapner, Stephen Levine, In: Jerusalem Letter. Nr. 425, 1. März 2000, Jerusalem Center for Public Affairs. Abgerufen am 15. Juni 2017. Nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) gab es nur wenige tausend Juden in Japan, über die der Großteil der japanischen Bevölkerung nichts wusste. Viele nahmen das Judentum als christliche Sekte wahr. Ein Teil dieser Gemeinde zog nach dem Großen Kantō-Erdbeben 1923 nach Kōbe. Trotzdem ist auch heute noch Yokohama eine wichtige Drehscheibe des japanischen jüdischen Lebens.
Eine weitere jüdische Ansiedlung entstand in den 1880er Jahren in Nagasaki. Diese Gemeinde bestand aus mehr als 100 Familien, hauptsächlich russischer Herkunft, die vor den dortigen Pogromen geflüchtet waren. Sie kamen nach Nagasaki, weil der Ort seit langem von der russischen Fernostflotte als Erholungsbasis genutzt wurde. In Nagasaki wurde die Beth-Israel-Synagoge in den Jahren 1894–1896 von Sigmund D. Lessner erbaut, der ebenso wie der jüdische Kaufmann M. Ginsberg und der Unternehmer Haskel Goldenberg im internationalen Friedhof Sakamoto begraben ist. Der Eingang zum jüdischen Teil des Friedhofs besteht aus einem Steinbogen, in den Bet-Olam (hebr.: ewige Wohnstätte) eingemeißelt ist. Die Gemeinde bestand bis 1924, als sie während und nach dem Russisch-Japanischen Krieg (1904–1905) sukzessive aufgelöst wurde. Das Gebäude der Synagoge wurde verkauft, nachdem die letzten Juden Nagasaki verlassen hatten. Die Tora-Rolle der Gemeinde wurde der jüdischen Gemeinde in Kōbe übergeben. Außer dem Friedhof sind in Nagasaki – auch durch die Zerstörungen nach dem Atombombenabwurf am 9. August 1945 – keine Spuren jüdischen Lebens mehr auffindbar.Japan Virtual Jewish History Tour, Jewish Virtual Library. Abgerufen am 14. Mai 2017.. Abgerufen am 28. Juni 2017., Nagasaki Sakamoto Internationaler Friedhof, ユダヤ人区域 Jüdisches Viertel. Abgerufen am 28. Juni 2017. Umegasaki Stories. Abgerufen am 28. Juni 2017.
Ferner immigrierten Juden aus dem Nahen Osten (vor allem aus dem Irak und Syrien) und aus mittel- und osteuropäischen Ländern, darunter Deutschland, nach Kōbe. Es wurde sowohl eine aschkenasische als auch eine sephardische Synagoge errichtet.Takayoshi Iwata (神戸のユダヤ人): History of Jews in Kobe (englisch). Abgerufen am 2. Juni 2017. Gleichzeitig wuchs die jüdische Gemeinde Tokios langsam durch die Ankunft von Juden aus den Vereinigten Staaten, Westeuropa und Russland und entwickelte sich zu Japans größter jüdischer Gemeinde.
Immigrationsbestrebungen im kaiserlichen Japan Einige japanische Führungspersönlichkeiten wie die Offiziere Koreshige Inuzuka (; 1890–1965), Yasue Norihiro () und der Industrielle Aikawa Yoshisuke (; 1880–1967, Gründer des Automobilherstellers Nissan), glaubten, dass Japan die Gunst der Vereinigten Staaten durch den Einfluss des amerikanischen Judentums erlangen und die wirtschaftliche und politische Macht Japans durch kontrollierte Einwanderung von Juden gesteigert werden könnte. Koreshige Inuzuka war von März 1939 bis April 1942 der Chef des Beratungsbüros der japanischen Marine für jüdische Angelegenheiten. Anders als sein Pendant bei der Armee, Oberst Yasue, hielt er an einer antisemitischen Ideologie fest und glaubte stark an die (antisemitischen) Protokolle der Weisen von Zion. Andererseits schien ihm die Ansiedlung von Juden im japanisch kontrollierten Asien in Japans Interesse zu sein.
Antisemitismus in Mandschukuo Mandschukuo war ein von Japan errichtetes koloniales „Kaiserreich“ unter Aisin Gioro Puyi (, 1906–1967) im Nordosten Chinas, das von 1932 bis 1945 bestand.Martin Kaneko: Die Judenpolitik der japanischen Kriegsregierung. Metropol, Berlin 2008, ISBN 3-938690-91-7, S. 66–80. Generalmajor Higuchi Kiichirō (jap. , 1888–1970) hat während seiner Stationierung in Harbin () etwa 5000 an der mandschurisch-sowjetischen Grenze wartenden Juden die Einreise in den Marionettenstaat Mandschukuo gewährt.
In der Folge ereigneten sich in Harbin zunehmend brutale Streitigkeiten zwischen Juden und den antisemitischen „weißen“ russischen Gruppierungen. Sie machten die Juden für die Revolution (1917) und für den Zarenmord (1918) verantwortlich. Wohlhabende Geschäftsleute wurden immer öfter Opfer von Raubzügen, Mord oder Geiselnahmen. Die Judenfeindlichkeit fand heftigen Niederschlag in der örtlichen Presse, wobei das militante Hetzorgan Nash Put (russ.: Unser Weg) sie besonders scharf attackierte. Antisemitische Tendenzen begannen unter den japanischen Soldaten aufzukommen, die an der Sibirischen Intervention (1918–1922) teilgenommen und von der extrem antisemitischen Weißen Armee antijüdisches Gedankengut aufgenommen hatten.
Fugu-Plan Während der 1930er Jahre wurde das später als Fugu-Plan (, Fugu keikaku) bezeichnete Vorhaben des Japanischen Kaiserreichs zur Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus dem deutschen Reichsgebiet entwickelt.
Die Bezeichnung Fugu leitet sich metaphorisch von einer kulinarischen Spezialität ab, dem Muskelfleisch des Kugelfisches Fugu, der hochgiftige Bestandteile enthält, die vor dem Kochen entfernt werden müssen, weil der Genuss sonst tödlich enden kann. Die Bezeichnung Fugu-Plan wird in dem 1979 erschienenen Roman von Marvin Tokayer The Fugu Plan – The untold story of the Japanese and the Jews during World War II („Der Fugu-Plan – die ungeschriebene Geschichte der Japaner und Juden im Zweiten Weltkrieg“) erstmals verwendet. Abgerufen am 15. Juni 2017. Sie wird im Roman dem japanischen Marinekapitän Koreshige Inuzuka (犬 塚 惟 重, 1890–1965, von März 1939 bis April 1942 Leiter des Shanghaier „Bureau for Jewish Affairs“, deutsch „Büro für jüdische Angelegenheiten“) als historischer Ausspruch in den Mund gelegt. Die Metapher „blowfish“ (Kugelfisch) steht in Inuzukas Rede für die Juden, die in den Augen eines japanischen Imperialisten sehr nützlich, aber auch gefährlich sind.
Die Vorgänge zum Fugu-Plan sind in streng vertraulichen Kriegsdokumenten des japanischen Außenministeriums archiviert, die nach dem Krieg von den Alliierten beschlagnahmt und in die Washingtoner Library of Congress verlegt wurden. In diesen sogenannten Kogan Papers ist jedoch nur von „settlement plans“ („Siedlungsplänen“) und der Gründung eines „jüdischen autonomen Staats“ die Rede. Das Potential der jüdischen Intellektuellen für den ökonomischen, technologischen und wissenschaftlichen Aufschwung des japanischen Imperiums sollte genutzt sowie Kontakte zu wohlhabenden jüdischen Geschäftsleuten in der westlichen Welt geschaffen werden. Die Initiatoren dieses Plans hatten während ihrer Teilnahme am Russischen Bürgerkrieg von den Protokollen der Weisen von Zion gehört und waren von der angeblichen Macht der jüdischen Kreise fasziniert. Anfang der dreißiger Jahre wurde der Fugu-Plan zum ersten Mal ernsthaft von der japanischen Regierung in Erwägung gezogen, als man die Invasion der Mandschurei durchführte. Yasue Norihiro hatte zwar die Protokolle Anfang der 1920er Jahre übersetzt, jedoch nur, um den Antisemitismus der „Weißen“ Russen zu verstehen. Obwohl zunächst als antisemitisch eingestuft, setzte er sich in der Folge jedoch vehement für die Juden und deren Schutz ein. Yasue starb 1950 in einem russischen Gulag.Gerhard Krebs, Die Juden und der Ferne Osten (PDF) Universität Hamburg, Institut für Japanologie, 2004 (Webarchiv). Abgerufen am 15. Juni 2017. Die jüdische Bevölkerung begann aus Harbin nach Tianjin (), Qingdao (), Kōbe oder Shanghai abzuwandern, wodurch sich innerhalb von zehn Jahren (1929 bis 1939) ihre Zahl um über die Hälfte auf 5000 verringerte. Ab Mitte der 1920er Jahre war die jüdische Gemeinde Kōbe die größte jüdische Gemeinde in Japan. Sie bestand aus emigrierten Juden aus Russland, vor allem aus der mandschurischen Stadt Harbin.
Ende der Anwerbung Die Umsetzung des Fugu-Plans fand mangels Erfolgsaussichten nicht statt, als Repressionen der Kaiserlich Japanischen Armee gegen die jüdischen Einwohner Harbins in Mandschukuo bekannt wurden. Zudem wurde er nach der Unterzeichnung des Dreimächtepakts 1940 unrealistisch, da man Deutschland nicht provozieren und die Allianz nicht aufs Spiel setzen wollte.
Am 6. Dezember 1938 beschloss der sogenannte Fünf-Minister-Rat, der sich aus dem Ministerpräsidenten Konoe Fumimaro (), dem Heeresminister Itagaki Seishirō (), dem Marineminister Yonai Mitsumasa (), dem Außenminister Arita Hachirō () und dem Finanzminister Ikeda Shigeaki () zusammensetzte, ein Verbot, Juden aus Japan auszuweisen, aber auch anzuwerben, „außer Unternehmer und technische Fachkräfte“.
Dennoch stellte der Sekretär der Gesandtschaft der Mandschurei in Berlin, Wang Tifu (; 1911–2001), von 1939 bis Mai 1940 Visa an 12.000 Flüchtlinge aus, darunter auch zahlreiche Juden.陸茂清 (Pinyin: Lu Maoqing): 歷史與空間:中國的「舒特拉」 (chinesisch: Geschichte: Chinesischer Schindler). In: Wen Wei Po (Zeitschrift), 23. November 2005. Abgerufen am 3. Juni 2017.Abe, Yoshio, (PDF) Universität Kyūshū, Studies in Languages and Cultures, Nr. 16, 2002. Wang veröffentlichte 1988 hierzu Memoiren und wurde neben Ho Feng Shan in der chinesischen Literatur als „Oskar Schindler Chinas“ bezeichnet.
Juden im chinesischen Shanghai mini|Siegel des International Settlement in Shanghai mini|Siegel der französischen Konzession in Shanghai