Heinz Weil (* 11. Dezember 1913 in StuttgartAlfred Marx: Das Schicksal jüdischer Juristen in Württemberg und Hohenzollern 1933–1945 DIJV Regionalgruppe Südwest, 1. Auflage 2019, S. 85.; † 1998 in WeilimdorfHeinz Weil - Ein Stuttgarter Jude kämpft gegen Hitler Stuttgarter Zeitung, September 2008.) war ein deutscher Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus. Er war Fremdenlegionär, von 1969 bis 1974 Präsident eines Zivilsenats des Oberlandesgerichts Stuttgart und von 1974 bis 1978 Präsident des Landgerichts Ellwangen. Heinz Weil verließ Deutschland am 14. März 1938, um sich der Fremdenlegion anzuschließen, weil er nicht in Deutschland abwarten wollte, bis er ins Konzentrationslager musste.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 38. Er kämpfte als Führer einer Granatwerfergruppe und nahm 1944 an Offensiven gegen Italien teil und am Vormarsch der Alliierten von Südfrankreich nach Colmar im Elsass.
Jugend und Ausbildung Heinz Weils Eltern waren der königlich-württembergische Staatsanwalt Ludwig Weil, der kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs am 5. August 1914 als Vizewachtmeister fiel, und Julie Weil geb. Gutmann (* 6. Mai 1882, † nach dem 26. April 1942 im Durchgangsghetto Izbica).Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 12 f. Urgroßvater Weils war Elias M. Gutmann (1809–1873), ein Gründungsaufsichtsratsmitglied der Württembergischen Notenbank.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 12. Heinz Weil wurde evangelisch getauft. Von 1923 bis 1932 besuchte er das Karls-Gymnasium Stuttgart.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 19. 1932 begann er das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Heidelberg und besuchte die Einführungsvorlesungen von Gustav Radbruch. Er setzte sein Studium in München, Kiel und Berlin fort.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 25. Die Erste Staatsprüfung legte er 1935 mit „lobenswert“ ab, der zweitbesten Note nach „vorzüglich“.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 35 f. Im gleichen Jahr wurde Weil zum Dr. jur. promoviert. Die Dissertation handelte darum, ob der Staat einem Retter, der einen Amokläufer entwaffnet, und dabei einen Körperschaden erleidet, die Heilungskosten zu erstatten hat. Weil orientierte sich am Aufopferungsanspruch für das Gemeinwohl des Preußischen Allgemeinen Landrechts.§ 75 des Allgemeinen Landrechts für die preußischen Staaten Weil schätzte den wissenschaftlichen Wert seiner Dissertation eher gering ein.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 37. Ähnliche Fallkonstellationen wurden aber später so bedeutsam, dass der Gesetzgeber geschädigte Retter ab 1963 in den Genuss der gesetzlichen Unfallversicherung kommen ließ.§ 539 Abs. 1 Nr. 9 lit. c RVO, ab 1977 § 2 Abs. 1 Nr. 13 lit. c SGB VII
Auswege aus der Verfolgung mini|Straßenszene in Naharija, 1950er Jahre Zum Vorbereitungsdienst für die zweite juristische Staatsprüfung, die Voraussetzung für alle juristischen Berufe ist, wurde Weil nicht zugelassen. Als Gerichtsreferendar war er Beamter auf Widerruf, und als Jude durfte er nach dem Berufsbeamtengesetz keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden. Weil bemühte sich deshalb 1935 um eine Anstellung in der Eisengießerei Kleemann in Stuttgart-Obertürkheim, wo er aber im gleichen Jahr entlassen wurde. Um nicht bloß abzuwarten, ob er ins Konzentrationslager musste, besuchte er 1936 die Siedlung Naharija im Norden Palästinas an der Grenze zum Libanon.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 39. Der Dreiundzwanzigjährige konnte sich aber nicht vorstellen, wie sich bei ihm ein Heimatgefühl entwickeln sollte, wo die künftigen Landsleute Kaftane und Schläfenlocken trugen und samstags nur widerwillig die Kühe molken.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 40 f. Weil kehrte nach Deutschland zurück und fand 1937 eine Arbeitsgelegenheit in einer Ölhandlung.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 41. Weils Reisepass lief 1938 ab, und Weil hätte einen neuen nicht mehr bekommen.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 42. Er verließ Deutschland am 14. März 1938 über Kehl am Rhein mit dem Ziel, in die Fremdenlegion einzutreten.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 43.
In der Vichy-treuen Fremdenlegion mini|Mutterhaus der Fremdenlegion in Sidi bel Abbès Aufgrund guter körperlicher Eignung wurde er in Straßburg in die Legion aufgenommen und trat nach der Schiffspassage über das Mittelmeer seinen Dienst in Sidi-bel-Abbès in Algerien an. Die Grundausbildung fand in Saida statt, 100 km südöstlich von Sidi-bel-Abbès am Südhang des Tell-Atlas.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 50. 1939 nahm Weil am Gefreitenlehrgang in Sidi-bel-Abbès teil und wurde wegen des Kriegsausbruchs ohne die bisher übliche Prüfung zum Gefreitenstellvertreter ernannt.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 63. Im gleichen Jahr wurde er nach Gabes in Tunesien und noch näher an die tripolitanische Grenze verlegt.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 66. Weil wurde dort zum Ausbau der Mareth-Linie herangezogen, die Tunesien vor einem italienischen Angriff aus dem besetzten Libyen schützen sollte. Im November 1939 wurde Weil zum Korporal befördert.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 67. Im Mai 1940 wurde Weil nach Djerba verlegt, wo die Fremdenlegion einen erwarteten italienischen Angriff abwehren sollte. Am 10. Juni 1940 erklärte Italien Frankreich den Krieg; am 24. Juni 1940 schlossen beide Mächte einen Waffenstillstand. Italien verlangte die Entmilitarisierung Tunesiens. Wegen der Räumung Tunesiens wurde Weil zuerst nach Tebessa in Algerien verlegt und dann zum 68. Afrikanischen Artillerieregiment in Sidi-bel-Abbès versetzt.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 73 f.
Die einen Einheiten der Fremdenlegion dienten dem Rumpfstaat von Vichy, die anderen dem freien Frankreich. In einem Urlauberheim der Fremdenlegion in Arzew gewann Weil einen Überblick über die gegensätzlichen Loyalitätsvorstellungen in der Fremdenlegion. Der Vertreter des freien Frankreich, General de Gaulle, wurde in Arzew als Verräter angesehen.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 75. Zur Jahreswende 1941/1942 wurde Weil an die Unteroffiziersschule in Saida abkommandiert.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 76. 1942 wurde Weil zum 3. Bataillon des 1. Régiment étranger in Aïn Sefra versetzt. mini|100 px|links|Stolperstein Julie Weil
mini|Ghetto Izbica Grundsätzlich galt in der Fremdenlegion ein „Arierparagraph“, also ein Ausschluss der Juden vom Dienst. Diese Vorschrift wurde aber im 1. Régiment étranger nicht angewendet. Am 26. April 1942 wurde die Mutter Weils, Julie Weil in das Durchgangslager Izbica deportiert, wo sie später umgebracht wurde.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 80. Weil plante eine Flugzeugentführung, um sich zu den Alliierten durchzuschlagen, um an den Kampfhandlungen teilzunehmen.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 84. Der Plan war nicht durchzuführen, weil es keinen geeigneten Piloten gab. Das dritte Bataillon wurde nach Colomb-Bechar verlegt, so dass Weil nicht mit dem 1. Regiment gegen die am 9. November 1942 unter Kesselring nach Tunesien vorgerückten Truppen eingesetzt wurde.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 87. Er wurde aber zur 1. US-Infanteriedivision abkommandiert, um dort das moderne amerikanische Gerät kennenzulernen.
In der Fremdenlegion des freien Frankreich Am 24. Dezember 1942 wurde der Hochkommissar von Frankreich in Afrika und Gegner de Gaulles, François Darlan, von dem Gaullisten Fernand Bonnier de La Chapelle erschossen. Weil musste in Aïn Sefra deswegen wider Willen die Flagge auf halbmast setzen.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 88. Weil gelang es, sich zum 1. Regiment de la Marche versetzen zu lassen, von dem einige Bataillone auf Seiten des freien Frankreich und der Westalliierten am Tunesienfeldzug teilgenommen hatten, und verpflichtete sich für das Jahr 1943 weiter.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 89. Am 4. April 1943 wurde er von Aïn Sefra nach Tunesien verlegt und erhielt den Legionsnamen Paul Bernard. Er nahm an den tunesischen Kämpfen teil, darunter am Gefecht beim Djebel Zaghouan. Am 12. Mai 1943 kapitulierte die Heeresgruppe Afrika mit 250.000 Mann, Deutschen und Italienern.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 91.
Weil und die Befreiung Europas Um am weiteren Vormarsch der Alliierten teilnehmen zu können, ließ sich Weil in einem Rekrutierungsbüro für gaullistische Truppen in Algier anwerben. Weil wurde der 1. Division Française Libre zugeteilt, die auf Veranlassung von Henri Giraud, dem Hochkommissar von Französisch Nord- und Westafrika im libyschen Zuwara kurz vor der Ostgrenze Tunesiens stationiert war.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 93. Die Division war in die britische 8. Armee eingegliedert, und die Atmosphäre war deshalb britisch.Heinz Weil: Am Rande des Strudels: Erinnerungen 1913–1982. 2. Auflage, Stuttgart 1988, S. 94. Kern der 1. Division war die 13. Demi-Brigade de Légion étrangère. Die 13. Halbbrigade wurde am 1. März 1940 in Großbritannien aufgestellt, um Finnland im Winterkrieg gegen die Sowjetunion zu unterstützen. Sie bestand anfangs aus zwei Bataillonen mit 55 Offizieren, 210 Unteroffizieren und 1984 Mannschaften. Ihr erster Einsatz war am 28. Mai 1940 bei der Entsetzung von Narvik. Am 28. Juni 1940 schlossen sich auf Betreiben von Marie-Pierre Kœnig 28 Offiziere und rund 900 Mann, vorwiegend vom ersten Bataillon, Charles de Gaulle an und blieben in Großbritannien. 31 Offiziere und 636 Mann, vorwiegend vom 2. Bataillon, wurden nach Marokko verlegt. Die 13. Halbbrigade hatte bis 1943 teilgenommen an den Schlachten von Dakar im September 1940, Gabun im November 1940, Keren im März 1941, Massaoua im April 1941, Syrien im Juni 1941, Bir Hakeim im März 1942 und el Alamein im Oktober 1942.John W. Osborn Jr: French Foreign Legions Demi-Brigade Fought in World War II. Military History Monthly, London December 2006, Vol. 23, No.9.
Befreiung Italiens mini|Burg Radicofani