Die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) sind seit 2006 durchgeführte Erhebungen zu rechtsextremen Einstellungen in der deutschen Gesellschaft. Die Studien erscheinen im Zwei-Jahres-Rhythmus und werden durch die Friedrich-Ebert-Stiftung beauftragt und herausgegeben. Zwischen 2006 und 2012 wurden sie in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe an der Universität Leipzig (Elmar Brähler, Oliver Decker und Johannes Kiess) durchgeführt. Seit 2014 werden die Studien gemeinsam mit dem Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld unter Leitung von Andreas Zick weitergeführt. Durch die neue Kooperation wurden die Mitte-Studien der FES mit der Reihe Deutsche Zustände des IKG zusammengeführt und dabei um das Analysemodell der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit erweitert. Zusätzlich bestimmen Herausgeber und Autoren für jede Erhebung aktuelle Schwerpunkte. So wurde beispielsweise 2016 ein besonderer Fokus auf Einstellungen gegenüber Geflüchteten gelegt.

Die Ergebnisse der Studie wurden sowohl von der Wissenschaft, als auch von den Medien intensiv aufgegriffen.Vgl. u. a. Sasan Abdi-Herrle: Neue Rechte rückt in die Mitte der Gesellschaft. In: Die Zeit, 21. November 2016; Deutschlandfunk: Die deutsche Gesellschaft polarisiert sich, 21. November 2016; Britta Kollenbroich: Die AfD rückt nach rechts – ihre Anhänger rücken mit. In: Spiegel Online, 21. November 2016; Michael Meisner: AfD und ihre Anhänger werden immer radikaler. In: Der Tagesspiegel, 21. November 2016.

Entstehung und Entwicklung Mit der Frage, wie rechtsextreme Einstellungen zu messen seien, beschäftigte sich 2001 eine Expertenkonferenz. Auf Einladung von Oskar Niedermayer und Richard Stöss kamen 2001 mehrere Wissenschaftler in Berlin zusammen, um die Messung rechtsextremer Einstellungen zu diskutieren. Folgende Definition wurde dabei erarbeitet:„Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen.“Joachim Kreis: Zur Messung rechtsextremer Einstellungen. Probleme und Kontroversen anhand zweier Studien. Berlin 2007, S. 5. Im Anschluss an diese Konferenz konnten die Teilnehmenden sich auch auf Items zur Messung der verschiedenen Komponenten rechtsextremen Denkens einigen. Mit welcher Skala die Antworten gemessen werden sollten, konnte jedoch nicht abschließend geklärt werden.

Eine Forschungsgruppe um Elmar Brähler und Oliver Decker führte in der Folge eine Umfrage auf der Basis der Ergebnisse der Konferenz durch. Eine zweite Umfrage wurde durch eine Berliner Forschungsgruppe durchgeführt. Durch diese Erhebungen konnten die theoretisch entwickelten Items empirisch getestet und der Fragebogen auf die geeignetsten Items reduziert werden.Joachim Kreis: Zur Messung rechtsextremer Einstellungen. Probleme und Kontroversen anhand zweier Studien. Berlin 2007, S. 6.

2005 wurde in der Friedrich-Ebert-Stiftung das Projekt „Gegen Rechtsextremismus“ geschaffen. Zu dessen Aufgaben zählt u. a. die Erforschung, in welchem Maße Rechtsextremismus auf der Einstellungsebene verbreitet ist. Die Ergebnisse dienen als Grundlage für Maßnahmen der politischen Bildungsarbeit. 2006 wurde erstmals im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie zu rechtsextremen Einstellungen in der deutschen Bevölkerung von Wissenschaftlern der Universität Leipzig unter Leitung von Elmar Brähler und Oliver Decker durchgeführt. Weitere Studien folgten im Zwei-Jahres-Abstand. Zusätzlich wurde im Mai 2008 eine qualitative Studie („Ein Blick in die Mitte“) publiziert. Seit 2012 erscheinen die Mitte-Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung im Verlag J.H.W. Dietz Nachf. Bonn.

Seit 2014 ist das IKG Kooperationspartner der Friedrich-Ebert-Stiftung für ihre Mitte-Studien, die weiterhin im Dietz-Verlag erscheinen. Die Leipziger Forschungsgruppe führt die Studien als Leipziger Mitte-Studien fort.

Ausgangspunkt für die Erhebung rechtsextremer und menschenfeindlicher Orientierungen ist, dass diese nicht dann erst relevant werden, wenn sie sich auch in aktivem Verhalten manifestieren. Vielmehr bereiten rechtsextreme Einstellungen entsprechendes Verhalten vor bzw. liegen diesem zu Grunde.Andreas Zick, Beate Küpper: Rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen. in: Fabian Virchow, Martin Langebach, Alexander Häusler (Hrsg.): Handbuch Rechtsextremismus. Edition Rechtsextremismus, Wiesbaden 2017, S. 83–114, hier S. 83. Die Autoren der Mitte-Studien verweisen außerdem auf den Einfluss der Verbreitung rechtsextremer Einstellungen für die organisierte rechtsextreme Szene. Diese sei umso aktiver und gewaltbereiter, desto mehr sie das Gefühl habe, ihre Überzeugungen würden von vielen Menschen geteilt.Andreas Zick, Beate Küpper, Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Bonn 2016, S. 112.

Befragung Von 2006 bis 2012 wurden die Umfragen als Face-to-Face-Interviews durchgeführt. Es war dementsprechend beim Ausfüllen des Fragebogens ein Interviewer anwesend.Oliver Decker, Elmar Brähler: Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Berlin 2006, S. 26. Die Befragungsmethode wurde 2014 geändert. Wie schon zuvor für die GMF-Langzeitstudie des IKG werden seitdem die Interviews per Telefon als „Computer Assisted Telephone Interview“ (CATI) vom Sozialwissenschaftlichen Umfragezentrum Duisburg durchgeführt.Andreas Zick, Beate Küpper, Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Bonn 2016, S. 23. Die repräsentative Stichprobe liegt bei einer Größe von rund 2.000 Befragten. Analysiert werden die Einstellungen von Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft, darunter auch ein Anteil mit Migrationshintergrund.Andreas Zick, Beate Küpper, Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Bonn 2016, S. 26.

Messung rechtsextremer Einstellung Die Konsensdefinition legt Rechtsextremismus sechs Einstellungsdimensionen zugrunde. Die erste Dimension, die Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, beschreibt die Forderung nach einer homogenen, diktatorisch geführten Gesellschaft. Die zweite Dimension Chauvinismus beschreibt ein übersteigertes Nationalgefühl verbunden mit dem Ziel einer entschlossenen Durchsetzung deutscher Interessen. Die Abwertung von Menschen aufgrund ihrer nicht-deutschen Herkunft wird durch die Dimension Ausländerfeindlichkeit gemessen. Antisemitismus bezieht sich auf die Abwertung oder Stereotypisierung von Jüdinnen und Juden. Die Dimension Sozialdarwinismus beschreibt die Befürwortung eines aus der Natur abgeleiteten Rechts des Stärkeren. Die sechste Dimension ist die Verharmlosung des Nationalsozialismus, die diesen nicht nur relativiert, sondern auch in ein positives Licht rückt.Andreas Zick, Beate Küpper, Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Bonn 2016, S. 126ff.

In den Mitte-Studien der FES werden die Dimensionen durch je drei Items gemessen. Die Antwortskala gibt den Befragten fünf verschiedene Antwortmöglichkeiten: „stimme voll und ganz zu“, „stimme überwiegend zu“, „stimme teils zu/teils nicht zu“, „lehne überwiegend ab“, „lehne voll und ganz ab“.Oliver Decker, Elmar Brähler: Vom Rand zur Mitte. Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland. Berlin 2006, S. 21.

Die Messung wurde im Verlauf der Mitte-Studien der FES nicht geändert, um die Vergleichbarkeit mit vergangenen Erhebungen zu wahren.

Messung Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit Definiert wurde das Syndrom Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von einer Arbeitsgruppe unter Leitung von Wilhelm Heitmeyer: „Werden Personen aufgrund ihrer gewählten oder zugewiesenen Gruppenzugehörigkeit als ungleichwertig markiert und feindseligen Mentalitäten, der Abwertung und Ausgrenzung ausgesetzt, dann sprechen wir von Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.“Wilhelm Heitmeyer: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Gesellschaftliche Zustände und Reaktionen in der Bevölkerung aus 2002 bis 2005. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände, Folge 4. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 15–38, hier S. 21.Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (kurz: GMF) unterscheidet zwischen Ingroups und Outgroups. Ingroups werden als wertvoller angesehen, als Outgroups, die abgewertet und als minderwertig beschrieben werden.Wilhelm Heitmeyer: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und erste empirische Ergebnisse. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände, Folge 1. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, S. 15–36, hier S. 17. Heitmeyer verweist darauf, dass nicht nur rechtsextreme Einstellung, sondern bereits eine Verbreitung von Einstellungen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit für Rechtsextreme eine Legitimation für die Anwendung von Gewalt bedeuten können.Wilhelm Heitmeyer: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF) in einem entsicherten Jahrzehnt. In: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.): Deutsche Zustände, Folge 10. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2012, S. 15–41, hier S. 16.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird als Syndrom beschrieben. Dieses setzt sich aus verschiedenen Elementen der Ungleichwertigkeit zusammen, die jedoch einen Zusammenhang aufweisen. Zustimmung zu den verschiedenen Elementen der Ungleichwertigkeit tritt meist nicht unabhängig voneinander auf.Wilhelm Heitmeyer (Hg.): Deutsche Zustände, Folge 1. Frankfurt am Main 2003, S. 22. Zu Beginn der GMF-Studienreihe wurden dem Syndrom sechs Elemente zugeordnet. Mittlerweile können dreizehn Elemente als Teil des Syndroms beschrieben werden: Rassismus, Sexismus, Fremden- und Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Abwertung von Sinti und Roma, Abwertung asylsuchender und geflüchteter Menschen, Abwertung homosexueller Menschen, Abwertung von Trans*Menschen, Abwertung wohnungsloser Menschen, Abwertung von Menschen mit Behinderung, Abwertung von langzeitarbeitslosen Menschen sowie die Befürwortung von Etabliertenvorrechten.Andreas Zick, Beate Küpper, Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Bonn 2016, S. 37. Bei all diesen Elementen ist empirisch nachgewiesen, dass sie eng miteinander zusammenhängen und somit ein Syndrom bilden.Andreas Zick, Beate Küpper, Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Bonn 2016, S. 42.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird gemessen, indem die Zustimmung zu den verschiedenen Elementen des Syndroms durch je zwei Items gemessen wird. Aus der Zustimmung zu diesen beiden Items wird für jedes Element eine Kurzskala berechnet. Dabei können die Zustimmungswerte zu den verschiedenen Elementen nicht miteinander verglichen werden, da die Items unterschiedlich hart formuliert sind.Andreas Zick, Beate Küpper, Daniela Krause: Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2016. Bonn 2016, S. 43. Im Gegensatz zur Messung rechtsextremer Einstellungen wird bei der Messung der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit also kein Gesamtindex berechnet.

Rechtspopulistische Einstellungen