Der Cerro da Vila (Hügel der Villa/Hügel des alten Dorfes) ist eine archäologische Fundstelle in Vilamoura, Gemeinde Quarteira an der südportugiesischen Algarveküste, etwa 15 km nordwestlich von Faro. Vornehmlich bekannt ist sie für ihre reichen architektonischen Zeugnisse einer ländlichen Siedlung der römischen Kaiserzeit, welche sich primär auf die maritime Wirtschaft (Fischfang, Garum- und Purpurproduktion) fokussierte. Unter anderem weist sie aber auch Bau- und Grabbefunde westgotischer sowie islamischer Zeitstellung auf. Die als IIP klassifizierten Ruinen sind teils musealisiert und als Freilichtmuseum der Öffentlichkeit zugänglich (s. u., Musealisierung und Schutzbemühungen).

Topographie

Heute liegt Cerro da Vila auf einer etwa sechs Meter hohen Anhöhe. Im Norden und Osten ist der Hügel durch die moderne Bebauung der Stadt begrenzt. Im Süden der Anlage befindet sich der heutige Hafen. Westlich grenzt die Fundstelle an einen etwa 400 Meter breiten Schilfgürtel und an den für diese Region beliebten Badestrand. In den letzten 25 – 30 Jahren wurde das Areal um Cerro da Vila im Zuge der Vorbereitungen zum Bau einer geplanten Hotelanlage zusätzlich durch Bauschutt und Aufschlämmung erhöht.F. Teichner. Zwischen Land und Meer – Entre tierra y mar. Studien zur Architektur und Wirtschaftsweise ländlicher Siedlungen im Süden der römischen Provinz Lusitanien. Stvdia Lvsitana 3 (Merida 2008). ISBN 978-84-612-7893-0 (online), 271–416.

Historisch gesehen liegt die Fundstelle am südöstlichen Ende einer während der letzten 6000 Jahre verlandeten Lagune. Der Verlandungsprozess ging durch erhöhte Bodenerosion und dadurch erzeugtes Sediment spätestens seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. beschleunigt vonstatten, allerdings waren bis in die römische Zeit wohl noch einige an das offene Meer führende Fahrrinnen schiffbar.C. Hilbich, I. Mügler, G. Daut, P. Frenzel, F. Teichner, R. Mäusbacher. Geophysikalische, sedimentologische und mikrofaunistische Methoden zur Rekonstruktion der Paläogeographie einer Römischen Hafensiedlung: Die Landschaftsgenese der Lagune von Vilamoura (Portugal) während der letzten 6000 Jahre. In: N. Beck (Hrsg.), Neue Ergebnisse der Meeres- und Küstenforschung. Beitr. 23. Jahrestagung des Arbeitskreises Geographie der Meere und Küsten – Koblenz 2005. Schr. Arbeitskreis Landes- und Volkskunde 4, 2005, 51–71. https://www.researchgate.net/publication/255979251. Auf Grund von 14C-Datierungen und Funden von Resten römischer Ruinen ca. 600 m vor der rezenten Küstenlinie ist davon auszugehen, dass der Meeresspiegel zu römischer Zeit ca. acht Meter unter dem heutigen Niveau lag.

Historischer Kontext Späte Republik bis frühe Kaiserzeit

Erste Siedlungsnachweise (Siedlungsphase AF. Teichner 2008, 284) lassen sich bereits in der spätrepublikanischen Zeit mit Ende des zweiten punischen Krieges in der Gründungsphase von Hispania ulterior greifen. Im Zuge der Provinzeinrichtungen auf der iberischen Halbinsel konnte im Bereich des Cerro da Vila ein Kleingehöft mit Kernbau („kompakte Gehöftanlage“F. Teichner 2008, 287.) und eine zugehörige Zisterne bereits unter Kaiser Augustus im Zuge seiner Neuordnung des Territoriums nachgewiesen werden.

Mittlere Kaiserzeit mini|Ausbauphase der Siedlung während der mittleren Kaiserzeit

Für die spätflavische Zeit bis in die Spätantike hineinreichend, konnte ein kontinuierlicher Ausbau der zunächst sehr kompakten Anlage zu einer Siedlung nachgewiesen werden.F. Teichner 2008, 584 Rege Handelsbeziehungen der Hafensiedlung ist durch zahlreiche Importkeramik aus Italien und Gallien belegt.F. Teichner 2008, 607 Mit Anstieg der Bevölkerungszahl wurden neben dem Ausbau der Wasserversorgung und einer Thermenanlage auch Gewerbebauten angelegt, die sog. fabricae. Diese dienten zur Verarbeitung von maritimen Erzeugnissen und der Herstellung von Purpur.

Die „Krise“ der römischen Wirtschaft

Auch während der Zeit der sog. Reichskrise des 3. Jahrhunderts, welche durch innerpolitische Probleme, diverse Konflikte mit Fremdvölkern und der Pest wirtschaftliche Schwierigkeiten für das gesamte römische Imperium mit sich zog und damit die Produktion und den Handel von Garum an der lusitanischen Westküste beeinträchtigte, blieb Cerro da Vila offensichtlich dank seines Spezialgewerbes, der Gewinnung von Farbstoff aus Meeresschnecken, weitestgehend verschont. Zwar sind für diesen Zeithorizont einige Umstrukturierungen auf dem Cerro da Vila identifizierbar, doch deuten diese eher auf einen Aufschwung durch eine Steigerung der Produktionskapazitäten hin. Dies steht allgemein im Einklang mit den Entwicklungstendenzen der Wirtschaft im lusitanischen Westen.F. Teichner 2008, 586–588

Spätrömische Zeit

In den darauffolgenden Jahrhunderten, der Zeit der Tetrarchie bis in die 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts, war die Entwicklung von Cerro da Vila von größeren Um- und Ausbauten geprägt. Auf Grund der Verwaltungsreform Diokletians, der den Aufstieg der einstigen Provinzhauptstadt Emerita Augusta zur Metropole der dioecesis Hispaniarum zur Folge hatte und der starken Verbindung in den nordafrikanischen Raum, florierten die Hafenstädte des lusitanischen Westens und entwickelten sich fortlaufend zu immer größer werdenden Siedlungen. Auch auf dem Cerro da Vila wurde das Siedlungsareal immer weiter ausgebaut, besondere Beachtung lag hier auf dem Ausbau der Wohnareale A (Teichner Phase III a–c).F. Teichner 2008, 590–595

Westgotische wie Islamische Zeit

In den folgenden Jahrhunderten nahm der christliche Einfluss im römischen Reich immer mehr zu. Vor allem nach Erhebung des Christentums zur Staatsreligion im Anschluss an die Konstantinische Wende unter Konstantin I. und Licinius machte sich dieser Einfluss allmählich auch in Cerro da Vila bemerkbar, wie ein mehrschiffiger, vermutlicher Kultbau im Bereich der fabrica J andeutet. Dieser wird anhand der Keramik in die westgotische Zeit des 6. – 7. Jahrhunderts datiert.F. Teichner 2008, 596 Auch nach der islamischen Expansion und dem damit einhergehenden Beginn des al-Andalus, belegen die Funde ein weiteres Fortbestehen der Siedlungsaktivitäten auf dem Cerro da Vila. Spuren dieser islamischen Ansiedlung zeigen sich durch die Funde von lokal hergestellter und hochwertiger Tonware, welche sich der „emiralen und kalifalen Phase der arabischen Herrschaft“ zuordnen lassen.F. Teichner 2008, 601 Nach durchgeführten Geländeforschungen, ließ sich ebenfalls der Nachweis eines islamischen Wohnviertels erbringen. Das Cerro da Vila weiterhin als wichtiger Siedlungsplatz genutzt wurde, lässt sich nicht nur auf Grund seiner, trotz fortschreitender Verlandung der Lagune, naturräumlich begünstigten Lage erahnen. So weist ein reicher Münzschatz aus Dirhem-Münzen des 9. Jahrhunderts auf den vor Ort konzentrierten Reichtum hin.F. Teichner 2008, 601 Islamische Feinkeramikfunde aus dem 10. und 11. Jahrhundert waren mitunter die letzten Zeugnisse einer Besiedlung auf dem Cerro da Villa, bis der Hügel wohl noch vor der christlichen Rückeroberung in 1249 vollends aufgegeben wurde.F. Teichner 2008, 595–601

Forschungsgeschichte Ein erster Hinweis auf die Fundstelle erfolgte bereits durch Estácio da Veiga in dessen 1910 posthum erschienenem Werk Antiguidades Monumentaes do Algarve V.F. Teichner 2008, 274.

Durch Erschließungsmaßnahmen im Jahr 1963, im Zuge der Erweiterung von Vilamoura, kam die Fundstelle in moderner Zeit zurück in das Blickfeld der Archäologie. Leider verliefen die ersten Arbeiten archäologisch unbegleitet, so dass wesentliche Teile der Ruinen undokumentiert zerstört wurdenJorge de Alarcão. Roman Portugal. (Warminster 1988) 207., bevor eine Baubegleitung durch José Farrajota gewährleistet werden konnte. Noch im selben Jahr, am 11. Oktober 1963, begannen schließlich die ersten Ausgrabungen unter der Leitung des Archäologen Afonso do Paço, der diese bis 1968 leitete. Während dieser ersten Grabungskampagne wurden neben zahlreichen antiken Fundstücken auch ein Mosaikfußboden in situ in dem Bereich des zentralen villenartigen Komplexes gefunden. Ferner fand man in mittelbarer Nähe zwei, mit opus signinum ausgekleidete, rechteckige Becken und ca. zwei km nordöstlich der Fundstelle, im Vale de Tesnado, die Reste einer Staumauer und einer Frischwasserleitung. Bereits hier ging man von einer Ausdehnung der Anlage von über drei Hektar aus.F. Teichner 2008, 274.

Der Lissabonner Archäologe Fernando de Almeida übernahm die Grabungen Afonso do Paços im Jahre 1969 und setzte diese bis 1971 fort, bis José Luís Martins de Matos übernahm und die Grabungen für die folgenden 20 Jahre leitete. Bereits zu dieser Zeit ließ sich anhand der Keramikfunde eine zeitliche Tiefe der Fundstelle zeigen, welche römische, westgotische und islamische Zeithorizonte abdeckte. Dies ließ zum einen eine andauernde Siedlungskontinuität annehmen, erschwerte aber zugleich die Interpretation der einzelnen Baustrukturen, die so nicht nur funktional, sondern auch chronologisch klar voneinander zu trennen waren.

Im Zuge seiner 20-jährigen Grabungskampagne hielt de Matos sein Hauptaugenmerk auf die Baueinheiten A, C, D, E, F, H, J, K und O, sowie südlich des heutigen Museums gelegene, vermutlich in der islamischen Epoche errichtete Brennöfen, späte technische Einrichtungen der Baueinheiten A und H. Hinzu kam, in Zusammenarbeit mit Ana Luisa Santos der Universität von Coimbra, die Untersuchung der Nekropole N, dem römischen Gräberfeld.

Von 1999 bis in 2003 erhielt das Frankfurter Forschungsprojekt ("Archäologische Untersuchungen von vier römischen Landvillen und ihrer Territorien in Südportugal (Algarve)"), finanziell unterstützt von der Fritz Thyssen Stiftung, eine Grabungsgenehmigung in Cerro da Vila. Ziel des Projektes war primär, die bislang unterbliebene feinchronologische Abfolge der einzelnen Baustrukturen zu klären. Aufgrund der nicht den derzeitigen Standards entsprechenden früheren Ausgrabungen sind jedoch viele Detailfragen im Hinblick auf die Siedlungsentwicklung nicht mehr zu beantworten gewesen. So sind Untersuchungen der Stratigraphie der einzelnen Baustrukturen bzw. des Gesamtareals bis zum Beginn des Frankfurter Forschungsprojektes nur unzureichend vorgenommen worden, was die unwiederbringliche, da undokumentierte, Zerstörung (archäologische Methode) wichtiger Schichtfolgen zum Resultat hatte. Des Weiteren zielte das Projekt auf eine Analyse der antiken Gewerbebauten in ausgewählten Stätten der Algarve hin, die näheren Aufschluss über die hergestellten Güter, das Leben und den Handel geben sollten. Durch archäometrische Untersuchungen bestätigt, wurde in der Gewerbeanlage (fabrica) J, welche in der Antike an einem als Ankerplatz genutzten Lagunenarm lag, die Herstellung des in der antike teuren und kostbaren Farbstoffes Purpur nachgewiesen.F. Teichner, Purpur, Olivenöl und Fischsaucen als Exportartikel. Forschung Frankfurt, 1/2004, 2004, 60–63. Umfassend konnte auf Basis der Frankfurter Forschungen die Entwicklung der Siedlung vom Ende der römischen Republik (Anfang 1. Jahrhundert v. Chr.) bis hin zur Ankunft der arabischen Berber Anfang des 8. Jahrhunderts festgestellt, sowie die Siedlungskontinuität in den einzelnen Baustrukturen nachgewiesen werden.

Unterstützend zur traditionellen Ausgrabung kam zudem in weiten Teilen des Frankfurter Forschungsprojekts die Geophysikalische Prospektion zum Einsatz, mit deren Hilfe weitere Baustrukturen nachgewiesen werden konnte. Der Gewerbebau fabrica J beispielsweise ist zunächst komplett mit Hilfe der Geomagnetik und anschließend in Teilen diagnostisch untersucht worden.

Die Genese der Topographie im unmittelbaren Umland der Lagune, vom Neolithikum bis heute, konnte zwischen 2006 und 2011 im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts „Geoarchäologische Rekonstruktion der jungholozänen Landschaftsgeschichte an der Algarve (Südportugal)“ geklärt werden.http://gepris.dfg.de/gepris/projekt/15273496 Förderungsübersicht der DFG (online)

Architektonische Zeugnisse Überblick