Neudörfl (, ; ) ist eine Marktgemeinde mit Einwohnern (Stand ) im Bezirk Mattersburg im Burgenland (Österreich).
Geografie Geografische Lage Neudörfl ragt westlich bis Wiener Neustadt und auch nördlich und östlich nach Niederösterreich. Neudörfl an der Leitha grenzt einerseits an die Aulandschaft entlang der Leitha, andererseits an den Zillingdorfer Wald und das Rosaliengebirge. Neudörfl, kongruent mit der gleichnamigen Katastralgemeinde, ist die einzige Ortschaft sowie der einzige Siedlungsname in der Marktgemeinde.Burgenland, Marz–Oberpullendorf, 89. Neudörfl. In: Österreichischer Amtskalender online. Jusline Österreich (Verlag Österreich), Wien 2002–, OBV.
Die Grenze zwischen Neudörfl (heute Burgenland, früher Ungarn) und Wiener Neustadt (Niederösterreich) verläuft aber nicht direkt in Flussmitte der Leitha, sondern einige Meter weiter östlich.
Ausdehnung des Gemeindegebiets Die Hottergrenzen rund um Neudörfl sind historisch gewachsen:
Die letzten Häuser von Neudörfl gehören schon – wie auch das Waldheim – zum Bezirk Wiener Neustadt. Auch die Straße und Eisenbahn zwischen Neudörfl und Sauerbrunn verlaufen auf dem Gebiet von Lichtenwörth, dann ein Stück über Pöttsching. Daher ist Neudörfl mit Auto und Bahn nur über Niederösterreich erreichbar.
Nachbargemeinden
Geschichte Vor Christi Geburt war das Gebiet Teil des keltischen Königreiches Noricum und gehörte zur Umgebung der keltischen Höhensiedlung Burg auf dem Schwarzenbacher Burgberg. Unter den Römern lag das heutige Neudörfl dann in der Provinz Pannonia.
Im Jahre 1194 wird vom Babenbergerherzog Leopold V. mit einem Teil des Lösegeldes des englischen Königs Richard Löwenherz westlich von Neudörfl die Festungsstadt Wiener Neustadt gegen die Ungarn gegründet.
Bis zum Mongolensturm (1240/1241) war die Bevölkerung rein ungarisch. Im Mittelalter hieß die Gemeinde Röjtökör (von ungarisch rejtek, das Versteck und őr, die Wart).
mini|links|„Hofleithamühl“, Mitte des 17. Jh. von Graf Nikolaus Esterházy de Galantha erbautes KastellNeudörfl, ehemaliges Esterházy-Kastell „Hofleithamühl“. In: bundesdenkmalamt.at, März 2007, abgerufen am 11. Oktober 2010. mini|1994 wieder aufgebautesRadel: 350 Jahre, S. 46. Grenzwächterhäuschen am ehemaligen Übergang von Trans- nach Cisleithanien, 150 m östlich der Leitha-Mitte (Blickrichtung). mini|hochkant|Johannes-Nepomuk-Kapelle, 1745 nach einer Pestepidemie vom Pächter des Leithagasthauses dem Brückenheiligen gewidmet. mini|Leithagasthaus (ursprünglich: „Hofleithamühl“), 1874 Ort des Gründungsparteitags der österreichischen SozialdemokratieGöhring: Gründungsparteitag, 1974. mini|Neudörfl (Lajtaszentmiklós), historische Ansichtskarte (um 1900). Gebäude links (Anschnitt): Hauptstraße 1, bis 1911 Volksschule (in der Rudolf Steiner ab 1868 verhältnismäßig früh gut lesen lernte)Rudolf Steiner: Mein Lebensgang. Philosophisch-anthroposophischer Verlag, Dornach 1925, 1. Kapitel (1861–1872). – Volltext online.
Neudörfl war seit 25. Februar 1872 Sitz der freimaurerischen Grenzloge Humanitas (Hauptstraße 142),Von der Gründung bis 1874 Meister des Stuhls war Franz Julius Schneeberger (1827–1892), der unter dem Pseudonym Arthur Storch ab Ende der 1860er Jahre als Schriftsteller erfolgreich war. 1869 hatte Schneeberger gemeinsam mit Ludwig Lewis (1799–1890), Universitätsprofessor in Pest und Nestor der ungarischen Freimaurer, eine Logengründung in Cisleithanien versucht, war jedoch gescheitert. Die grundsätzliche behördliche Ablehnung (in der österreichischen Reichshälfte) führte letztlich zum Modell für jenes Provisorium, das die Freimaurerei in Österreich-Ungarn bis 1918 bestimmen sollte: Schneeberger gründete 1869 in Wien den unpolitischen, vor allem mit der Betreuung von Findelkindern beschäftigten Verein Humanitas, der ausschließlich aus Freimaurern bestand, aber keine rituellen Arbeiten vornahm. Für diese war zunächst die auf ungarischem Boden (Ödenburg) behördlich nicht beanstandete Loge Zur Verbrüderung bestimmt. Von dieser Loge aus gründete Schneeberger im ungarischen Neudörfl (Lajtaszentmiklós) die ritualpraktizierende Loge Humanitas, die erste der sogenannten Grenzlogen. – Siehe: – Zu Ludwig Lewis siehe: , sowie einer Tochterloge der Großloge Pest. Als Local-Loge von Wien bzw. sogar von ganz Cisleithanien wurde ihr besondere Bedeutung beigemessen., sowie
Am 5. und 6. April 1874 wurde im damaligen Leithagasthaus (Hauptstraße 154)Heute: Caritas-Hilfseinrichtung mit den Schwerpunkten Asyl/Migration/Integration. – Siehe: caritas-wien.at; abgerufen am 31. August 2011. die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Österreichs) in die Wege geleitet.
Der Ort gehörte, wie das gesamte heutige Nordburgenland, bis 1920/21 zum ungarischen Komitat Sopron. Ab 1898 musste aufgrund der Magyarisierungspolitik der Budapester Regierung ausschließlich der (bereits bestehende) Ortsname Lajtaszentmiklós verwendet werden.In Band zwei der auf Ungarisch erschienenen Topographie von Ungarn, 1799, findet sich der alphabetische Eintrag Neudorf, zusätzlich vermerkt als Laita Sz. Miklós. – Siehe: András Vályi: Magyar országnak leírása. Band 2. A Királyi Universitásnak betűivel, Buda 1799, S. 678, online.
1919, nach Ende des Ersten Weltkriegs, wurde nach zähen Verhandlungen Deutsch-Westungarn (mit Ausnahme von Ödenburg) in den Verträgen von St. Germain und Trianon der Republik Österreich zugesprochen. Der Ort gehört seit 1921 zum damals gegründeten Bundesland Burgenland (siehe auch Geschichte des Burgenlandes).
Marktgemeinde ist Neudörfl seit 1. Juni 1973.
Bevölkerungsentwicklung Die Zunahme der Einwohnerzahl seit 1981 erfolgt trotz negativer Geburtenbilanz, da die Zuwanderung überwiegt.
Seit 1951 leben immer mehr Menschen in Neudörfl. 2025 waren es 5015 Einwohner.
Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|Denkmalgeschütztes Bürgerhaus aus 1839
Pfarrkirche Neudörfl an der Leitha Mariä Geburt Flur-/Wegkapelle Landespflegeanstalt Neudörfl Ehem. Esterhazysches Kastell Kriegerdenkmal Bildstock, Santer-, Marien- oder Wetterkreuz Pest-/Dreifaltigkeitssäule Josephssäule, Steinpfeiler von 1738, 1969 mit einer von Hubert Wilfan gestalteten Statue des hl. Joseph versehen (nunmehr vor Hauptstraße 66)Schmeller-Kitt: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Mattersburg, S. 393 f. Ehem. Zollhaus bzw. Dreißigstamt, erbaut 1815 (Hauptstraße 167)Schmeller-Kitt: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Mattersburg, S. 398 f. Ehemaliges Gasthaus, erbaut um 1900 (Hauptstraße 11)Schmeller-Kitt: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Mattersburg, S. 400, 402. Villa, erbaut um 1870/80 von Johann Knura, seit ca. 1880 Besitzer der ehemaligen örtlichen Zündwarenfabrik (Am Brunnenfeld 1)Schmeller-Kitt: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Mattersburg, S. 401 f.Johann Knura, Sohn eine Gärtners und selbst gelernter Gärtner aus Kummerau in Mähren, trat als Handwerksbursch in die Dienste des Fabriksbesitzers, der ihn zu seinem Erben machte. Mit seiner Ehefrau Josefine, geb. Kleemann aus Wiener Neustadt, hatte er sich die Villa erbauen lassen, in der seine Witwe 1924 (im Alter von siebzig Jahren) verstarb. Ein Enkel des Ehepaars war der Germanist Rudolf Fahrner (1903–1988). – Siehe: Rudolf Fahrner, Stefano Bianca (Hrsg.): Gesammelte Werke. Band 2: Erinnerungen und Dokumente. Böhlau, Köln/Wien 2008, ISBN 978-3-412-20111-1, S. 113 ff., online. Söllnersiedlung Neugebäu; geschlossenes Ensemble giebelständiger Kleinbauernhäuser, 1987 restauriertSchmeller-Kitt: Die Kunstdenkmäler des politischen Bezirkes Mattersburg, S. 402.
Wirtschaft und Infrastruktur
Neben mittelständischer Wirtschaft hat auch der Tourismus Bedeutung. Durch den Weinbau und die Buschenschenken (Heurigen) kam der Ort zum Beinamen „Grinzing von Wiener Neustadt“.
Größtes Industrieunternehmen mit etwa 250 Mitarbeitern ist die Firma Neudoerfler Office Systems GmbH, die seit ihrer lokalen Betriebsaufnahme durch Karl Markon am 12. Juni 1946 (als Neudörfler Türen-, Fenster- und Möbelfabrik Ges.m.b.H.) In: neudoerfler.com, abgerufen am 11. Oktober 2013. zu einem der führenden Büromöbel-Hersteller Österreichs wurde, mit Exporten nach Deutschland, Ungarn und Slowakei. Neudörfler gehört Stand 2026 zur Gruppe um Bene und Hali und hat 140 Mitarbeiter.
Mit über 80 Mitarbeitern ist das in den Branchen Elektronik bzw. Gesundheit und Medizintechnik tätige Unternehmen HTP Electronics GmbH ein weiterer großer Arbeitgeber. In: htm-gmbh.at, abgerufen am 11. Oktober 2013.
Die Anzahl der Erwerbstätigen, die im Ort wohnen, entspricht etwa den Arbeitsplätzen. Rund 1500 Menschen pendeln zum Arbeiten aus und ebenso viele pendeln ein.
Politik mini|Das Rathaus der Marktgemeinde Neudörfl Gemeinderat Der Gemeinderat hat 25 Mitglieder.
Gemeinderatswahlen im Burgenland 1997: SPÖ 12, ÖVP 7, FPÖ 4. (23) Gemeinderatswahlen im Burgenland 2002: SPÖ 16, ÖVP 6, FPÖ 1. (23) Gemeinderatswahlen im Burgenland 2007: SPÖ 13, PRON 8, ÖVP 2, FPÖ 1, GRÜNE 1. (25) Gemeinderatswahlen im Burgenland 2012: SPÖ 13, PRON 7, ÖVP 3, FPÖ 1, GRÜNE 1. (25) Gemeinderatswahlen im Burgenland 2017: SPÖ 15, PRON 3, ÖVP 3, FPÖ 3, GRÜNE 1. (25) Gemeinderatswahlen im Burgenland 2022: SPÖ 15, ÖVP 5, GRÜNE 3, FPÖ 2. (25)
Bürgermeister
1923–1934: Johann Reiter (Sozialistische Partei) 1934–1938: Johann Pehm (Christlichsoziale Partei) 1938–1945: Leopold Tschirk (NSDAP) 1945–1947: Leopold Patzelt (SPÖ) 1947–1950: Johann Reiter (SPÖ) 1950–1962: Johann Eitzenberger (SPÖ) 1962–1985: Josef Posch (SPÖ) 1985–1997: Ernst Götz (SPÖ) seit 1997 Dieter Posch (SPÖ) Quelle
Wappen rechts|150px Der Gemeinde wurde 1973 folgendes Wappen verliehen: Auf rotem Feld in der Mitte eine silberne Brücke schwebend, darüber drei goldene Kugeln, darunter ein goldenes Zahnrad. Die drei goldenen Kugeln symbolisieren den Kirchenpatron von Neudörfl, den hl. Nikolaus. Die Brücke weist auf die historische Grenzsituation zu Ungarn hin, das Rad steht für die Bedeutung der Industrie für die Gemeinde.
Gemeindepartnerschaften mini|Neudörfl (Mitte rechts) und Umgebung um 1873 (Aufnahmeblatt der Landesaufnahme) Nach ersten Kontakten im Jahr 1971 wurde 1973 die Partnerschaft mit Zollikofen in der Schweiz amtlich besiegelt.
Persönlichkeiten Personen mit Bezug zur Gemeinde Rudolf Steiner (1861–1925), Begründer der Anthroposophie, verbrachte in Neudörfl einen Teil seiner Kinder- und Jugendzeit. Er schrieb hierüber in der autobiografischen Schrift Mein Lebensgang. Josip Broz Tito (1892–1980), ab 1953 Präsident Jugoslawiens, wohnte von 1912 bis 1913 bei seinem Bruder in Neudörfl, Hauptstraße 8KULTURPFAD der Marktgemeinde Neudörfl. In: neudoerfl.gv.at, abgerufen am 4. Juni 2023., nachdem er bei Daimler in Wiener Neustadt eine Stelle als Einfahrer (Probechauffeur) gefunden hatte. Eduard Uhl (1813–1892), Jurist und Bürgermeister von Wien, Mitglied der Freimaurerloge Humanitas, Neudörfl.
Söhne und Töchter der Gemeinde Johann Pehm (1898–1961), Schmiedemeister und Politiker Josef Posch (* 1934), Politiker; seit 1985 Ehrenbürger der Marktgemeinde Neudörfl.Radel: 350 Jahre, S. 95 ff. Anton Schreiner (1873–1932), Ziegeleibesitzer und Politiker Bernhard Schwindel (1787–1856), Zisterzienser, Abt des Stiftes Neukloster Rudolf Streng (1915–1988), 1. Solobratschist der Wiener Staatsoper und der Wiener Philharmoniker Herbert Schügerl (* 1948), Künstler
Literatur Festschrift anläßlich der Markterhebungsfeier 29. September 1973 bis 7. Oktober 1973. Neudörfler Jahrbücher, Band 1, . Marktgemeinde Neudörfl an der Leitha, Neudörfl an der Leitha 1973, OBV, ÖNB. Walter Göhring: Der Gründungsparteitag der österreichischen Sozialdemokratie, Neudörfl 1874. Jugend und Volk, Wien (u. a.) 1974, ISBN 3-8113-7433-8, ISBN 3-7141-7433-8. 100 Jahre Sozialdemokratischer Parteitag. Neudörfl 1974 – Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung. Geschichte der Arbeiterbewegung, Band 8, . Europaverlag, Wien 1976, ISBN 3-203-50601-7.