mini|Friedrich Schrader Friedrich Schrader (* 19. November 1865 in Wolmirstedt; † 28. August 1922 in Berlin) war ein deutscher Philologe der orientalischen Sprachen.

Als Schriftsteller, Kunsthistoriker, Sozialdemokrat, Übersetzer und Journalist lebte er in den Jahren 1891 bis 1918 in Istanbul. Er schrieb auch unter dem Pseudonym Ischtiraki ( = arabisch/osmanisch „der Sozialist“). Er war im Jahr 1908 Mitbegründer und bis 1917 stellvertretender Chefredakteur der deutsch- und französischsprachigen Istanbuler Tageszeitung Osmanischer Lloyd (Lloyd Ottoman). Sein bekanntestes Buch ist Konstantinopel in Vergangenheit und Gegenwart (1917).Friedrich Schrader: Konstantinopel in Vergangenheit und Gegenwart. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen 1917 Die literarische Essaysammlung über die Geschichte der multikulturellen Bosporusmetropole wurde 2015 in türkischer Sprache neu aufgelegt (1. Auflage Juni 2015, 2. Auflage August 2015).Friedrich Schrader, 2015, İstanbul 100 Yıl Öncesine Bir Bakış (deutsch: Konstantinopel in Vergangenheit und Gegenwart) (Übersetzung Kerem Çalışkan): ISBN 978-975-14-1675-9)

Leben Familiärer Hintergrund, Ausbildung in Magdeburg und Halle (1865–1891) Quelle: Vorwort zu: Der Karmapradipa.Vorwort zu: Der Karmapradipa. Dissertation, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 1889. Schraders Vorfahren waren über mehrere Generationen als Schönfärber in Wolmirstedt tätig. Ein Großonkel, Johann Wilhelm Christian Schrader, machte in der preußischen Armee als Offizier Karriere, heiratete einen weiblichen Nachkommen des legendären Artilleriegenerals Bernhard von Beauvryé (und von dessen Schwiegervater Christian von Linger, dem Begründer der preußischen Artillerie) und wurde im Jahr 1837 von seinem Schwiegervater adoptiert und anschließend in den preußischen Adelsstand erhoben („Schrader von Beauvryé“).

Friedrich Schrader legte sein Abitur am Domgymnasium Magdeburg ab. Nach seinem Studium der Philologie, Orientalistik und Kunstgeschichte wurde er 1889 in Indologie bei Richard Pischel (Geschäftsführer der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft) an der Universität Halle promoviert. Pischel war seinerzeit einer der bedeutendsten Prakrit-Forscher weltweit. Im Rahmen seiner Dissertation übersetzte Schrader den ersten Teil der sogenannten „Karmapradipa“, einer vedischen Sutra, ins Deutsche.Friedrich Schrader: Der Karmapradipa. 1. Prapathaka; mit Auszügen aus dem Kommentare des Açarka. Halle 1889 (Digitalisat). Der zweite Teil der Karmapradipa wurde im Jahre 1900 von Baron Alexander von Staël-Holstein übersetzt, ebenfalls im Rahmen einer Dissertation bei Pischel in Halle. Andere später bekannt gewordene, etwa gleichaltrige Mit-Doktoranden der damaligen Zeit bei Pischel (um 1890 herum) waren Richard Schmidt (1866–1939), später Indologieprofessor in Münster und Übersetzer des Kamasutra und des Hexenhammers, und der Österreicher Karl Eugen Neumann (1865–1915), der bereits vor der Promotion 1884 zum Buddhismus konvertiert war und Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinen vielgelesenen Übersetzungen buddhistischer und indischer Texte ein Mitauslöser der damaligen Indien- und Buddhismusbegeisterung deutschsprachiger Literaten und Intellektueller gewesen ist. Ein weiterer prominenter Schüler Pischels war der deutsche Diplomat, Politiker (DDP) und Kolonialbeamte Wilhelm Solf (1862–1936).

Von 1889 bis 1891 war Schrader als Bibliothekar der DMG in Halle tätig.

Lehrtätigkeit in Istanbul (1891–1907) Quelle: Jährliches Mitgliederverzeichnis der DMGQuelle: jährliches Mitgliederverzeichnis der DMG, in der Zeitschrift der DMG abgedruckt. Von 1891 bis 1895 arbeitete Schrader als Dozent für deutsche Sprache und LiteraturRobert College: Constantinople, Catalogue. 1893, S. 6. am Robert College in Bebek bei Istanbul. In dieser Zeit lernte Schrader den wohl bedeutendsten zeitgenössischen türkischen Dichter der damaligen Zeit, Tevfik Fikret, kennen. Schrader rezensierte Fikret in einem Artikel im Literarischen Echo im Jahr 1900Friedrich Schrader, 1900, Neutürkisches Schrifttum: Das Literarische Echo, Band 3, S. 1686–1690. und beschrieb später eingehend Fikrets Rolle am Robert College.Friedrich Schrader, Robert College, Nord und Süd, November 1919, S. 165–169. Um 1900 war er Professor an einem armenisch-französischen Lycée in Pera. Schrader begann bereits während der Amtszeit von Sultan Abdülhamid II., türkische Schriftsteller zu übersetzen und in deutschsprachigen Zeitschriften zu rezensieren. Während seiner Tätigkeit am Robert College lernte Schrader den deutschen Musikpädagogen Paul Lange kennen, der am mit dem Robert College eng verbundenen American College for Girls tätig war, und blieb ihm über Jahrzehnte freundschaftlich verbunden. Langes Sohn Hans emigrierte später in die USA, wo er ein bekannter Dirigent wurde.

Erste journalistische Aktivitäten, Kritik am Export ethnisch-nationalistischer Ideologien in den Nahen Osten Etwa ab dem Jahr 1900 war Schrader Korrespondent für verschiedene deutsche Tageszeitungen und Zeitschriften und unterrichtete außerdem an verschiedenen höheren Schulen Istanbuls.

Zusammen mit Paul Weitz und dem wesentlich jüngeren Max Rudolf Kaufmann berichtete er für die liberale Frankfurter Zeitung über die politische und kulturelle Szene der Bosporusmetropole mit kritischer Sympathie für die „Neue Türkei“. Innerhalb der konkurrierenden Netzwerke in der Deutschen Botschaft, die verschiedene Autoren beschreiben, gehörten Schrader und Kaufmann zur sogenannten „Weitz-Gruppe“, die Kritik an der deutschen Haltung zur jungtürkischen Minderheitenpolitik übte und im Gegensatz zur Gruppe um Hans Humann und Ernst Jäckh stand.Über den Antagonismus der Netzwerke von Hans Humann und Paul Weitz an der Deutschen Botschaft: siehe Gust, S. 105 (Wolfgang Gust, ed., The Armenian Genocide: Evidence from the German Foreign Office Archives: Berghahn Books, New York, 2014, ISBN 978-1-78238-143-3)

Im Vorwärts und in Die Neue Zeit (Hrsg. SPD) veröffentlichte er regimekritische Artikel unter dem Pseudonym „Ischtiraki“, in denen er die Politik Deutschlands im Osmanischen Reich kritisierte, speziell die Fokussierung auf wirtschaftliche und militärische Interessen unter Vernachlässigung des kulturellen Austausches zwischen den beiden Nationen. In einem begleitenden Brief an Karl KautskyKarl Kautsky Papers, IISG Amsterdam, D XX 441, handle.net (PDF). (heute im Kautsky-Archiv im IISG Amsterdam) wies Schrader auf die Repression und Bespitzelung durch die türkischen Behörden in dieser Zeit hin. Im Brief erwähnt Schrader eine Tätigkeit für ein französischsprachiges armenisches Lyzeum in der Hauptstadt.

Im 1900 unter Pseudonym in Die Neue Zeit erschienenen Artikel Das geistige Leben in der Türkei und das jetzige Regime würdigt Schrader insbesondere die Rolle, die die türkischen Autoren Sinasi („Schinasi Effendi“) und Namik Kemal („Kemal Bey“) in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Wegbereiter der jungosmanischen und späteren jungtürkischen Reformbestrebungen gespielt haben.Ischtiraki (Friedrich Schrader): Das geistige Leben in der Türkei und das jetzige Regime. In: Die neue Zeit: Revue des geistigen und öffentlichen Lebens. – 18.1899-1900, 2. Bd.(1900), H. 45, S. 548–555 Online-Artikel bei der FES Bonn, dort S. 549 ff. Schrader fordert, das demokratische Potential der pluralistischen Gesellschaft des Osmanischen Reiches zu entfalten (siehe auch den Artikel „Robert College“ von 1919, in dem er entsprechende US-amerikanische Aktivitäten der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg würdigt), und kritisiert scharf Wissenschaftler wie Vámbéry (ungarischer Orientalist und Zionist und Berater von Theodor Herzl) und Friedrich Max Müller (Indologe wie Schrader und Erfinder des Begriffs „Arier“), die durch den Export ethnisch-nationalistischer Ideologien in den Nahen Osten (Zionismus, Panturanismus) ohne jegliches Verständnis für die komplexen gesellschaftlichen Strukturen der realen osmanischen Gesellschaft bei gleichzeitiger Kollaboration mit dem repressiv-diktatorischen Abdul-Hamid-Regime Unheil anzurichten drohen.

Ebenfalls im Jahr 1900 stellte Schrader. wiederum unter dem Pseudonym „I.Schiraki“ (= Ischtiraki), in der Kulturbeilage des SPD-Parteiblattes Vorwärts „Die Neue Welt“ Scheich Bedreddin und seinen Gefährten und Jünger Böreklice Mustafa als erste „muhammedanische Kommunisten“ vor.I. Schiraki: "Böreklidsche Mustapha, ein muhamedanischer Kommunist.": Die Neue Welt, Beilage zum Vorwärts, Jahrgang 1900, S. 139–147. Der türkische Poet Nazim Hikmet verfasste, lange nach Schraders Tod, im Gefängnis in Bursa 1932–1934 sein berühmtes „Epos vom Scheich Bedrettin“ nachdem er eine „Schrift über Bedreddin“ gelesen hatte, und ihm bewusst wurde, wie nahe er den Ideen des marxistischen Sozialismus gestanden hatte (1936)Dietrich Gronau, Nazim Hikmet: rororo Bildmonographie 1991, ISBN 3-499-50426-X, S. 86f.. Es ist nicht bekannt, ob der des Deutschen Mächtige (Hikmet hatte als Schüler an der Marineschule in Halki 1917–18 den ältesten Sohn von Friedrich Schrader kennengelernt, der dort als Marine-Stabsdolmetscher des Kommandeurs der Schule, Kapitänleutnant Kurt Böcking, diente.) Bedreddin durch den Aufsatz von Schrader kennengelernt hatte.

Lehrtätigkeit in Baku (1907–1908) mini|Russische Handelsschule in Baku Von 1907 bis 1908 war Schrader Dozent an der Russischen Handelsschule in Baku (Aserbaidschan)N.N., Nachruf auf Dr. Friedrich Schrader. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, 30. August 1922. und betrieb Feldforschungen in der Kaukasusregion. Schrader studierte die Geschichte des Kaukasus und beschäftigte sich mit der tatarischen Sprache. Über die in der Nähe von Baku an natürlichen Erdgasquellen gelegenen Kultstätten der Parsen („Feueranbeter“) und deren Feuertempeln schrieb er einen Artikel.F. Schrader: Am Feuertempel. In: Magdeburgische Zeitung, Montagsblatt (Wissenschaftliche Beilage) Nr. 19, 1908. Nach dem Ausbruch von Unruhen in Baku im Mai 1908 schaffte Schrader erst seine Familie (Ehefrau und drei Söhne (14, 12, und 3 Jahre alt)) in die Türkei zurück, wo sie im heutigen GiresunÜber den Nachbarort Trabzon hat Schrader den folgenden Text verfasst: Friedrich Schrader: Trapezunt. In: Am Bosporus. Deutsche Soldatenzeitung. Nr. 12, 17. März 1918, S. 2–3 (Link siehe Wikisource) eine Bleibe fanden, wo seine englisch erzogene bulgarischstämmige zweite Ehefrau vor der Eheschließung 1903 als Hauslehrerin bei englischsprachigen pontusgriechischen Familien tätig gewesen war, und folgte kurze Zeit später selber.

Stellvertretender Chefredakteur beim Osmanischen Lloyd (1908–1917)

Schrader kehrte 1908 aus Giresun nach Konstantinopel zurück, um dort die jung-osmanische Revolution zu unterstützen, deren intellektuelle Führungsriege er durch seine akademischen, journalistischen und literarischen Aktivitäten kannte.

Von 1908 bis 1917 arbeitete Schrader als Mitbegründer und stellvertretender Chefredakteur der deutsch- und französischsprachigen Konstantinopeler Tageszeitung Osmanischer Lloyd. Eine Sammlung seiner Essays aus dieser Zeit für das Feuilleton der Zeitung findet sich im Buch „Konstantinopel in Vergangenheit und Gegenwart“, s. u. Seine kenntnisreichen literarischen und kulturhistorischen Essays erhielten in Fachkreisen Lob und wurden beispielsweise in der „Frankfurter Zeitung“ oder der „Kölnischen Zeitung“ nachgedruckt.

Eine quellenkritische Dokumentation ausgewählter Leitartikel und Feuilletonbeiträge Schraders im Osmanischen Lloyd findet sich in: Kulturpolitik für die neue Türkei. Friedrich Schrader und der Osmanische Lloyd, Konstantinopel 1908–1918. Eine kommentierte Quellensammlung. Hrsg. von Ingrid Lohmann und Timm Gerd Hellmanzik. Bad Heilbrunn 2025.

Schrader wohnte ab 1908 mit seiner Familie im Doğan Apartmanı, einem heute noch existierenden Wohnkomplex, der überwiegend von europäischen Ausländern bewohnt ist und sich im Stadtteil Beyoğlu befindet.