mini|Neue Synagoge am Schweizerberg (1910)

Die Synagoge der oberschwäbischen Stadt Memmingen, Bayern, war das Gotteshaus der dortigen Jüdischen Gemeinde. Sie wurde am 8. September 1909 eingeweiht und – als einzige in Bayerisch-Schwaben – unmittelbar nach der Schändung während des Novemberpogroms noch ab dem 10. November 1938 bis auf die Grundmauern zerstört.Neben der Memminger Synagoge wurde in Bayerisch-Schwaben während der NS-Zeit nur noch diejenige von Krumbach-Hürben zerstört, allerdings erst 1941/42 nach einer Brandstiftung im Jahr 1939. Sie war nach dem Pogrom zunächst als Heulager für die Wehrmacht genutzt worden. Die anderen Synagogen der Region wurden zweckentfremdet und zum Teil erst Jahre nach Kriegsende abgerissen. Siehe

Der Bau war 23 Jahre nach Nördlingen (1886) und wenige Jahre vor Augsburg (1914/17) die bis heute vorletzte in Bayerisch-Schwaben neu errichtete Synagoge. Ihr Architekt, Max Seckbach aus Frankfurt am Main, war – soweit bekannt – der erste jüdische Baumeister, der in der Region einen solchen Bau realisieren konnte. Unter Abkehr vom bis dahin für jüdische sakrale Neubauten vorherrschenden Stil, insbesondere von neomaurischen Formen, legte Seckbach auf expliziten Wunsch der Kultusgemeinde in seinem einer Barockkirche ähnelnden Entwurf Wert auf einen bewusst bodenständigen Baukörper, lockerte die Fassade jedoch mit modernen Details auf. Dieser Ansatz wurde später, etwa von Fritz Landauer in Augsburg, im Sinne einer eigenständigen jüdischen Synagogenbausprache fortentwickelt.

Vorgeschichte mini|Schappelerhaus mit Gedenkstein mini|Nordflügel des Fuggerbaus Ab 1861 zogen jüdische Familien aus Landgemeinden wie Osterberg oder Fellheim wegen der besseren wirtschaftlichen Voraussetzungen nach Memmingen. Bereits 1871 wurden 54 Juden gezählt, so dass ab August 1872 die Gründung einer eigenen Kultusgemeinde betrieben wurde. Eine zentrale Vorbedingung hierfür war die Einrichtung einer Synagoge oder wenigstens eines Betsaals.

Hierzu mietete die anfangs kleine Gemeinde zunächst ab Oktober 1873 vom Kaufmann Derpsch einen Saal mit Nebenzimmer im zweiten Stock des „Schappelerhauses“Alte Hausnummer 108; vormals Vöhlinsche Prädikatur, anschließend Wohnhaus des Reformators Christoph Schappeler () an. Dabei handelt es sich um das Rückgebäude des „Kaufhauses“Alte Hausnummer 112 (), in dem mit Bankier Heinrich Mayer und dessen Prokuristen Albrecht Gerstle wichtige und engagierte Vertreter der Memminger Kultusgemeinde wohnten.

Die Zahl der jüdischen Memminger stieg durch weitere Zuzüge schnell an. Im Jahr 1875 wurden schon 99, fünf Jahre später dann 144 Gemeindemitglieder gezählt, so dass bald nach neuen Räumlichkeiten gesucht wurde. Man fand diese in unmittelbarer Nachbarschaft, im Erdgeschoss des NordflügelsAlte Hausnummer 106d des Fuggerbaus (), der am 12. Mai 1879 bezogen werden konnte. Dieser Ort sollte für 30 Jahre der Mittelpunkt der Kultusgemeinde bleiben.

Ende Oktober 1879 konnte der im Osten der Stadt gelegene jüdische Friedhof durch eine Schenkung von Heinrich Mayer erweitert werden, so dass bereits für den Landkauf vorgesehene Gelder frei wurden. Diese wurden umgewidmet in einen Baufonds für eine zukünftige Synagoge. In diesen Fonds flossen über die Jahre weitere Mittel, insbesondere aus Nachlässen. So vermachte der Metzgermeister Isak Mannheimer einen Großteil seines VermögensRund 4000 Mark laut Miedel in seinem Testament vom 6. August 1896 der Gemeinde. Auch die Pflegerin Therese FränkelMiedel verwendet auch die Schreibweise Fränkl hinterließ nach ihrem Tod am 15. August 1907 eine erhebliche Summe,1800 Mark laut Miedel die dem Fonds zugeschlagen wurde.

Planung und Bau mini|Westertorplatz mit Synagoge, Bismarckschule und Finanzamt (um 1911) mini|Synagoge und Bismarckschule (um 1925) mini|Festlicher Umzug der Torarollen in die neue Synagoge (1909) Ab dem Jahr 1901 waren die Gemeindemitglieder mit der gegebenen Situation im Fuggerbau zunehmend unzufrieden. Im Folgejahr erfolgte ein Grundsatzbeschluss, nicht das bestehende Gebäude zu erweitern, sondern nun endlich Schritte in Richtung einer eigenen Synagoge zu unternehmen. Allerdings fand sich zunächst kein geeignetes Grundstück.

Im Laufe des Jahres 1907 wurden zwei mögliche Bauplätze verfügbar. Die erste, äußerst attraktive Option war das Wohnhaus nebst Stadel und GartenAlte Hausnummer 391½ laut Miedel bzw. Nummern 391 und 392 gemäß Stadtplan des Zahntechnikers F. S. Kohn (). Im Jahr 1899 war das NachbarhausAlte Hausnummer 103 abgebrochen und der Ring der Stadtmauer geöffnet worden, so dass die Straße vom Schweizerberg kommend zwischen dem „Rabenkeller“Alte Hausnummer 104 () und dem Kohnschen Wohnhaus hindurch in die Hopfengärten hinaus fortgeführt werden konnte. Die so entstandene Bismarckstraße war – neben der Buxacher Straße – absehbar eine der Hauptentwicklungsachsen nach Westen, und in der Tat war dort bereits am 15. September 1902 die repräsentative Bismarckschule eröffnet worden. Das ins Auge gefasste Grundstück erstreckte sich somit entlang dieser neuen Achse zwischen Stadtmauer und KaisergrabenDamals Kaiserpromenade mit der unmittelbar daran anschließenden Schule, so dass in nächster Nähe zur Altstadt großzügiges Bauen möglich war.

Alternativ hierzu wurde der Ort des 1907 abgerissenen Zehntstadels des früheren Antoniterklosters () vorgeschlagen. Dieser Bau lag einst – durch den ehemaligen Friedhof getrennt – neben der Martinskirche und war direkt mit der Kinderlehrkirche verbunden. Obwohl inmitten der Altstadt gelegen war hier, im Schatten von St. Martin, weniger Platz für architektonische Entfaltung und insbesondere für andere gemeindliche Einrichtungen.

Vorerst noch unentschlossen kam man am 1. Dezember 1907 zunächst überein, den Frankfurter Architekten Max Seckbach zu beauftragen, Entwürfe für beide Grundstücke anzufertigen. Auf Einladung der Gemeinde weilte Seckbach kurz darauf, am 5. Januar 1908, zu einer Besprechung in der Stadt. Dabei wurde ihm von der Gemeinde aufgetragen, dass die äußere Form der Synagoge „möglichst die Umgebung berücksichtigen und sich der bodenständigen Bauart anpassen“ solle.

Am 22. März 1908 schließlich legte sich die Gemeinde auf das Kohnsche Anwesen fest, dessen Vorteile den höheren Kaufpreis von 36.000 Mark rechtfertigten. Die beiden dort bestehenden, innerhalb der früheren Stadtmauer gelegenen Gebäude, Wohnhaus und Stadel, sollten renoviert und zu einem Gemeindehaus mit Wohnung für den Religionslehrer und Kantor umgewandelt werden. Der außerhalb der Stadtbefestigung liegende Garten sollte mit der eigentlichen Synagoge bebaut werden. Das als Bauplatz abgelehnte Areal des ehemaligen Zehntstadels wurde stattdessen durch die Stadt mit Bäumen bepflanzt und zu der noch heute existierenden Grünanlage umgestaltet.

Im Juni 1908, nachdem ein gewählter Bauausschuss der Kultusgemeinde verschiedene Synagogen besichtigt hatte, wurde Seckbach offiziell damit beauftragt, seinen Entwurf zu realisieren und die Bauleitung zu übernehmen. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass dadurch – soweit bekannt – zum ersten Mal ein jüdischer Baumeister eine Synagoge in Bayerisch-Schwaben verwirklichen konnte. Bis Ende August fertigte Seckbach die Eingabepläne an, die am 8. September 1908 durch das Stadtbauamt genehmigt wurden.Originalpläne im StadtA Memmingen, B EAP1 333/5 Parallel dazu wurde bereits die künftige Lehrerwohnung renoviert, so dass diese noch im September 1908 bezugsfertig war. Außerdem wurden Erdarbeiten zur Vorbereitung des Baufeldes für die Synagoge durchgeführt.

Nach abgeschlossenen Vorarbeiten fand am 2. November 1908 die feierliche Grundsteinlegung statt. In Anwesenheit des Ichenhausener Distriktsrabbiners Ahron Cohn wurde eine von beiden Kultusvorständen, Albrecht Gerstle und Heinrich Guggenheimer, unterzeichnete Urkunde und eine Liste der GemeindemitgliederOriginale im StadtA Memmingen erhalten nebst je einem Exemplar aller seinerzeit im Umlauf befindlichen bayerischen Münzen hinterlegt. Der Memminger Bürgermeister Karl Scherer überbrachte die Glückwünsche der Stadtgemeinde.

Nach einem knappen Jahr Bauzeit konnte die Synagoge schließlich am 8. September 1909 eingeweiht werden. Nachdem in einem letzten Gottesdienst Abschied vom alten Betsaal im Fuggerbau genommen worden war, wurden die Torarollen im Festzug zum neuen Gotteshaus gebracht, begleitet vom Münchner Oberrabbiner Cossmann Werner, Distriktsrabbiner Cohn und den beiden Kultusvorständen. Nach einem Festakt vor dem Hauptportal fand im Inneren des Baus eine Weihezeremonie statt. Anwesend war ebenso wieder Bürgermeister Scherer mit einer Abordnung des Stadtmagistrats. Den Nachmittag des Tages nutzten „tausende“ Besucher für eine Besichtigung.

Der Bau soll gut 120.000 Mark gekostet haben. Neben dem Preis für das Grundstück in Höhe von 36.000 Mark entfielen weitere 50.000 Mark auf den Rohbau und 28.000 Mark auf die Einrichtung der Synagoge. Ein großer Teil dieser Summe war bereits zum Zeitpunkt der Auftragserteilung verfügbar. So hatten sich im Baufonds seit Ende 1879 etwa 22.000 Mark angesammelt, weitere 20.000 Mark konnten aus Spenden verzeichnet werden, und 60.000 Mark konnten unter günstigen Konditionen4,25 % Zinsen, 1 % Tilgung laut Miedel von der Bayerischen Handelsbank geliehen werden. Die Bauarbeiten waren durch Ausschreibung vergeben worden, wobei Memminger Unternehmen wie das Baugeschäft Unglehrt bevorzugt wurden.Einzelne Gewerke und ausführende Personen laut Miedel: Erd- und Maurerarbeiten Franz Unglehrt und Karl Maurer; Zimmermannsarbeiten Jakob Schmid; Steinmetzarbeiten Georg Pöppel; Spenglerarbeiten Ludwig Kurringer; Tischlerarbeiten Leonhard Vogt und Michael Rabus; Malerarbeiten Fr. W. Fackler; Schlosserarbeiten Jakob Motz

mini|zentriert|500px|Lageplan der Synagoge (links) und des Lehrerhauses (rechts). Das parkähnliche Grundstück mit Brunnen (Kreis) war durch Mauern von den Straßen abgetrennt. Hauptzugang bestand durch ein Tor am Kaisergraben, ein Nebentor befand sich am Schweizerberg. Der heutige Straßenverlauf und die heutige Bebauung ist in schwarz bzw. grau eingezeichnet.

Beschreibung

mini|Neue Synagoge und Bismarckschule mini|Modell der Synagoge Memmingen im Stadtmuseum (Hermansbau)

Die Synagoge bestand im Wesentlichen aus einem streng geosteten Langhaus von 13,50 m Länge und 8,60 m Breite,Verschiedene Quellen geben leicht unterschiedliche Maße an. Die hier genannten Abmessungen sind den bei Schönhagen und Hager publizierten Eingabeplänen entnommen. Wegen der verkleinerten Wiedergabe sind die Werte nur näherungsweise genau. das mittig von einem fast gleich großen Querhaus14,50 m auf 9,30 m geschnitten wurde. Somit ergab sich annähernd ein griechisches Kreuz mit gleich langen Schenkeln als wesentlicher Grundriss. An die Schmalseiten des Langhauses waren Polygonapsiden als Fünfachtelschluss angesetzt. Der Innenraum hatte damit maximale Abmessungen von 22 m Länge und 13,50 m Breite. Die Ecken zwischen Lang- und Querhaus wurden für Treppenhäuser genutzt, lediglich im südöstlichen Bereich waren Zimmer untergebracht. Den beiden westlichen Treppenhäusern waren halbrunde Vorbauten angesetzt. Somit ergaben sich maximale Außenmaße von 24 m Länge und 18 m Breite.