Lange Hecke bezeichnet eine archäologische Fundstelle der Urnenfelder- und Völkerwanderungszeit in der unterfränkischen Gemeinde Kahl am Main im Landkreis Aschaffenburg, Bayern. Die vom späten 4. Jahrhundert bis zum mittleren Drittel des 5. Jahrhunderts n. Chr. datierende völkerwanderungszeitliche Siedlungsstelle mit birituellem Gräberfeld ist ein wichtiges Bindeglied zur Erforschung der ethnischen und politischen Verhältnisse der germanischen Bevölkerung im Mainmündungsgebiet am Übergang der Spätantike zum Frühmittelalter. Darüber hinaus erhellt die mehrperiodige Fundstelle die spätbronzezeitlichen Siedlungsstrukturen der Urnenfelderkultur.
mini|Lage der Fundstelle Lange Hecke im Gemeindegebiet Kahl am Main mini|Fundstelle „Lange Hecke“, Zustand 2017 Lage Zwischen der hessischen Landesgrenze, unterhalb der Stadt Hanau, und dem westlichen Höhenrücken des Spessarts (Hahnenkamm) mündet der Fluss Kahl in den Main. Hier befindet sich die heutige Gemeinde Kahl am Main.Wolf-Armin von Reitzenstein: Lexikon fränkischer Ortsnamen. Herkunft und Bedeutung. Oberfranken, Mittelfranken, Unterfranken. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59131-0, S. 114 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche). Die Fundstelle befindet sich am östlichen Ortsausgang, im Gewerbegebiet Lange Hecke an der Bundesstraße in Richtung Alzenau. Die Kahlniederung befindet sich etwa 40 m südlich der Fundstelle.Felix Teichner: Kahl am Main. Siedlung und Gräberfeld der Völkerwanderungszeit (= Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte. Reihe A. Fundinventare und Ausgrabungsbefunde. Band 80). Michael Laßleben, Kallmünz/Opf. 1999, S. 17–18.
Forschungsgeschichte Bereits im 19. Jahrhundert wurden in der Umgebung von Kahl am Main urnenfelderzeitliche Brandbestattungen geborgenFerdinand Kutsch: Hanau. Museum des Hanauer Geschichtsvereins (= Kataloge west- und süddeutscher Altertumssammlungen. Band 5). Baer, Frankfurt am Main 1923–1926, S. 48. sowie Keramik und Knochen aus einem hallstattzeitlichen Hügelgrab von Anwohnern an Frankfurter Museen übergeben.kahl-main.de Auch Steingeräte aus der Jungsteinzeit wurden in der Nähe des Bahnhofes am Übergang zum 20. Jahrhundert gefunden.Ludwig Wamser: Zur Vor- und Frühgeschichte des unteren Kahlgrundes. In: E. Rücker (Hrsg.): Kahl am Main im Wandel der Jahrhunderte 1282–1982. Gemeinde Kahl am Main, Kahl am Main 1982, S. 16–17 und 27–28. Seitdem bargen Archäologen neben UrnenbestattungenOtto Mathias Wilbertz: Die Urnenfelderkultur in Unterfranken (= Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte. Reihe A. Fundinventare und Ausgrabungsbefunde. Band 49). Michael Laßleben, Kallmünz/Opf. 1982, S. 122–124. auch ein Gefäßdepot der Stufe Wölfersheim.Christine Wohlfahrt: Ein Gefäßdepot der Gruppe Wölfersheim aus Kahl a. Main, Landkreis Aschaffenburg, Unterfranken. In: Das archäologische Jahr in Bayern 1986, 1987, S. 57–60. Ebenso deuten Lesefunde auf mittelkaiserzeitlicheFranz Oelmann: Die Keramik des Kastells Niederbieber (= Materialien zur römisch-germanischen Keramik. Band 1). Baer, Frankfurt am Main 1914, S. 72 (Digitalisat). und frühmittelalterlicheFelix Teichner: Kahl am Main. Siedlung und Gräberfeld der Völkerwanderungszeit (= Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte. Reihe A. Fundinventare und Ausgrabungsbefunde. Band 80). Michael Laßleben, Kallmünz/Opf. 1999, S. 19. Besiedlungen in Kahl am Main hin.
Archäologische Ausgrabungen mini|Der Plan der Ausgrabungsflächen von 1988/89 (nach Felix Teichner): grün: Siedlungsspuren der Urnenfelderkultur; blau: Gräberfeld der Völkerwanderungszeit; türkis: urnenfelderzeitliche Siedlungsspuren unter völkerwanderungszeitlichen Befunden; orange: völkerwanderungszeitliche Siedlungsspuren; grüne Punkte: urnenfelderzeitliche Urnenbestattungen; grau: befundleer Schon die bis Ende der 1980er Jahre entdeckten Funde in der Kahler Umgebung ließen auf weitere vor- und frühgeschichtliche Befunde schließen. Bei einer Ortsbesichtigung des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege, Außenstelle Würzburg, die im Vorfeld der Erschließungsarbeiten für das neue Gewerbegebiet-Ost durchgeführt wurde, wurde eine planmäßige archäologische Sicherungsgrabung in Kooperation mit der Kahler Gemeinde beschlossen, um die vermuteten archäologischen Strukturen fachgerecht zu bergen. Die Ausgrabungen in den Jahren 1988/89 erstreckten sich auf einer Fläche von 0,62 ha beidseitig der Stichstraße Lange Hecke und förderten Spuren einer urnenfelderzeitlichen Besiedlung, weiterer Urnenbestattungen sowie einer völkerwanderungszeitlichen Siedlung mit dazugehörigem Gräberfeld zu Tage.Felix Teichner: Kahl am Main. Siedlung und Gräberfeld der Völkerwanderungszeit (= Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte. Reihe A. Fundinventare und Ausgrabungsbefunde. Band 80). Michael Laßleben, Kallmünz/Opf. 1999, S. 19–21. Die Nord-Süd-Achse der Siedlung konnte bei den Grabungen erfasst werden. Die westlichen und östlichen Randbereiche sind allerdings zur Zeit der Ausgrabung durch vorangegangene Bauarbeiten weitestgehend zerstört gewesen.Felix Teichner: Kahl am Main: Eine völkerwanderungszeitliche Siedlung mit Gräberfeld im Rhein-Main-Gebiet. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift. Band 36, Nummer 1, 1995, S. 88.
Urnenfelderkultur Das Gebiet von Kahl am Main weist eine große Funddichte an urnenfelderzeitlichen Fundstellen auf, die für Bayern außergewöhnlich ist.Felix Teichner: Siedlung und Gräberfeld der Völkerwanderungszeit bei Kahl a. Main. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 1988, 1989, S. 130 (online). In diesem Zusammenhang stehen auch die spätbronzezeitlichen Grab- und Siedlungsfunde der Langen Hecke. Neben drei Urnenbestattungen, die hangabwärts im südlichen Bereich der Grabungsfläche zwischen völkerwanderungszeitlichen Befunden entdeckt wurden, wurden hangaufwärts mindestens sechs Gebäudestrukturen anhand von Pfostenlöchern identifiziert. Darüber hinaus weisen Steinpflasterungen und Gruben (sowohl Vorrats-, Materialientnahme- als auch Schlitzgruben) auf Siedlungstätigkeiten im unteren Kahlgrund hin, die allgemein in die jüngere Urnenfelderzeit (Stufe Ha B) datiert werden können. Die Bauten weisen eine NW-SO-Orientierung auf und können anhand ihrer unterschiedlichen Grundflächen in zweischiffige Wohn- oder Stallbauten (Bau I-III), kleinere Wirtschaftsgebäude (Bau IV, VI) und einen quadratischen Speicherbau (Bau V) untergliedert werden. Vergleichbare architektonische Konstruktionen wurden auch in anderen offenen Siedlungen der Urnenfelderkultur in Hessen, Baden-Württemberg und Bayern beobachtet.Felix Teichner: Hausgrundrisse aus einer urnenfelderzeitlichen Siedlung von Kahl am Main (Unterfranken). In: Svend Hansen, Volker Pingel (Hrsg.): Archäologie in Hessen. Neue Funde und Befunde. Festschrift für Fritz-Rudolf Herrmann zum 65. Geburtstag (= Internationale Archäologie. Studia honoraria. Band 13). Marie Leidorf, Rahden/Westf. 2001, ISBN 3-89646-393-4, S. 83–89 (online).
Völkerwanderungszeit Siedlung mini|Plan der völkerwanderungszeitlichen Siedlung (nach Felix Teichner) Auf der vom Hochwasser geschützten Terrasse am Südhang finden sich Spuren der ehemaligen Siedlung. In einer Tiefe von ca. 0,4 m zeichnen sich im sandigen Untergrund Pfostenlöcher, Grundrisse von Vorratsgruben und zwei Grubenhäusern ab. Eine besondere Ausrichtung der Gebäude auf einen Platz oder Weg ist nicht zu erkennen. Die langrechteckigen Firstpfostenbauten machen den größten Teil der Befunde aus. Sie sind von kleineren Vierpfostenbauten umgeben. Die zwei tiefer liegenden, quadratischen Pfostengruben können als Speicherbauten angesprochen werden. Die gefundene Keramik innerhalb der Siedlung besteht hauptsächlich aus importierter Drehscheibenware aus linksrheinisch, römischen Gebieten.Felix Teichner: Kahl am Main: Eine völkerwanderungszeitliche Siedlung mit Gräberfeld im Rhein-Main-Gebiet. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift. Band 36, Nummer 1, 1995, S. 88–89. In der Nähe des nördlichen Grubenhauses befindet sich ein Rennofen, in dessen Umfeld Reste von Eisenschlacke in Lehmbrocken gefunden wurde. Im östlichen Grubenhaus wurde auf dem Hausboden Reste von einer Herdplatte und Fragmente von Schmelztiegeln gefunden. Hierzu kommen zerkleinerte Stücke von spätrömischen Bronzegefäßen und Militaria.Sven Gustavs: Werkabfälle eines germanischen Feinschmiedes von Klein Köris, Kr. Königs Wusterhausen. In: Veröffentlichungen des Museums für Ur- und Frühgeschichte Potsdam. Band 23, 1989, S. 147–180. Im Süden der Siedlung lassen die zweireihigen Pfostenlöcher und zwei Gräben einen massiven Zaun zum Siedlungsschutz gegen Angreifer und Hochwasser vermuten. Im Brandschutt innerhalb der Gräben wurde eine spätrömische Geschossspitze und verbrannte Menschenknochen gefunden.
Gräberfeld Das völkerwanderungszeitliche Gräberfeld erstreckt sich weniger als 50 m von der Siedlung entfernt über eine Fläche von 1650 m². Insgesamt wurden 221 Gräber erfasst: 13 Körperbestattungen und 208 Brandgräber. Letztere können noch weiter in Knochenlager ohne Brandschutt, Brandschüttungs-, Brandgruben- und Kollektivgräber unterschieden werden.Felix Teichner: Kahl am Main. Siedlung und Gräberfeld der Völkerwanderungszeit (= Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte. Reihe A. Fundinventare und Ausgrabungsbefunde. Band 80). Michael Lassleben, Kallmünz/Opf. 1999, S. 32–33.
mini|Plan des völkerwanderungszeitlichen Gräberfeldes (nach Felix Teichner) Knochenlager ohne Brandschutt stellen den Großteil der Kahler Brandgräber dar, hier wurde nur der ausgelesene Leichenbrand deponiert, während im Brandschüttungsgrab auch noch kleine Mengen Verbrennungsrückstände beigesetzt wurden. In beiden Fällen kann wegen der kompakten Lagerung des Leichenbrandes davon ausgegangen werden, dass die menschlichen Überreste in einem organischen Behältnis (beispielsweise aus Stoff, Leder oder Holz) niedergelegt wurden, das mit der Zeit verrottete. Auf der gesamten Fläche wurde nur ein Brandgrab mit einer keramischen Urne geborgen. Die Brandgrubengräber unterscheiden sich vom Brandschüttungsgrab dahingehend, dass die gesamte Grube mit Brandschutt verfüllt wurde und es keine Auslesung des Leichenbrandes gegeben hat.Felix Teichner: Kahl am Main. Siedlung und Gräberfeld der Völkerwanderungszeit (= Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte. Reihe A. Fundinventare und Ausgrabungsbefunde. Band 80). Michael Lassleben, Kallmünz/Opf. 1999, S. 33–35.
Eine Besonderheit des Kahler Gräberfelds sind die Kollektivgräber mit Brandbestattungen, die im südwestdeutschen Raum keine Parallelen haben. Die bis zu 2 m tiefen Grabgruben erreichten eine Fläche von maximal 8 m² und enthielten neben Brandschutt mit Leichenbrand und kleinteiligen Beigabenresten auch unverbrannte Sekundärbeigaben auf der Grubensohle. Diese Aspekte sprechen für kulturelle Verbindungen in den ostgermanischen Raum der Przeworsk-Kultur Polens und der Dobrodzień-Guttentag-Stufe in Oberschlesien.Felix Teichner: Gentes foederates am Untermain. In: Thomas Fischer, Gundolf Precht, Jaroslav Tejral (Hrsg.): Germanen beiderseits des Limes. Materialen des 10. Internationalen Symposiums „Grundprobleme der frühgeschichtlichen Entwicklung im nördlichen Mitteldonaugebiet“, Xanten vom 2. – 6. Dez. 1997 (= Spisy Archeologického Ústavu AV ČR Brno. Band 14). Archäologisches Institut u.a, Köln, Bnro 1999, ISBN 80-86023-15-X, S. 147 (online). Darüber hinaus kann davon ausgegangen werden, dass der aufwendigere Grabbau für gesellschaftlich höher gestellte Individuen angelegt wurde.Felix Teichner: Kahl am Main. Siedlung und Gräberfeld der Völkerwanderungszeit (= Materialhefte zur bayerischen Vorgeschichte. Reihe A. Fundinventare und Ausgrabungsbefunde. Band 80). Michael Lassleben, Kallmünz/Opf. 1999, S. 36.