mini|Martin Niemöller (1952)

Emil Gustav Friedrich Martin Niemöller (* 14. Januar 1892 in Lippstadt; † 6. März 1984 in Wiesbaden) war ein deutscher evangelischer Theologe. Er war führender Vertreter der Bekennenden Kirche sowie Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und Präsident im Ökumenischen Rat der Kirchen. Während Niemöller anfänglich dem Nationalsozialismus positiv gegenüberstand, widersetzte er sich später der staatlichen Einflussnahme auf die Selbstständigkeit der Kirche im sogenannten Kirchenkampf. Dieses Verhalten kann als „Verweigerung“ beziehungsweise als „Loyalitätsentzug“ gegenüber dem nationalsozialistischen Regime verstanden werden.Benjamin Ziemann: Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition. Deutsche Verlagsanstalt. München 2019, ISBN 978-3-421-04712-0, S. 308 f. Es führte 1938 zu seiner Inhaftierung im Konzentrationslager Sachsenhausen. Nach 1945 engagierte er sich für eine Neuordnung der Evangelischen Kirche und trat in der Friedensbewegung in Erscheinung.

Leben Herkunft mini|Niemöllers Geburtshaus in Lippstadt mini|Martin Niemöller als Marineoffizier

Die Eltern Niemöllers waren der lutherische Pfarrer Heinrich Niemöller (1859–1941) und dessen Frau Paula, geb. Müller (1868–1956). Der Bielefelder Pfarrer und spätere Kirchenhistoriker Wilhelm Niemöller (1898–1983) war sein Bruder, der evangelikale Pfarrer Rudolf Bäumer sein Vetter.Wolfgang Caesar: Vom armen Heuerling bis zum Superintendenten – die Vorfahren des Theologen Martin Niemöller. In: Genealogie. Band 64, 2015, S. 612–631. 1900 zog die Familie von Lippstadt nach Elberfeld (heute zu Wuppertal), wo er am Evangelischen Gymnasium 1910 das Abitur ablegte.

Marineoffizier im Kaiserreich Nach dem Abitur schlug Niemöller eine Offizierslaufbahn bei der Kaiserlichen Marine ein. Zunächst war er als Seekadett auf der Hertha und später auf dem Linienschiff Thüringen stationiert. Ab 1915 gehörte er der U-Boot-Waffe an. Im Oktober wurde er Wachoffizier auf dem U-Boot-Hebeschiff Vulkan, wurde später auf U 3 als U-Boot-Fahrer ausgebildet und kam im Februar 1916 als Zweiter Wachoffizier auf U 73. Im April 1916 wurde U 73 ins östliche Mittelmeer verlegt. Es durchbrach mehrmals die Otranto-Sperre, legte ab Dezember 1916 vor Port Said Minen und führte Handelskrieg. Ab Januar 1917 fuhr Niemöller als Steuermann auf U 39 unter dem Kommando von Walter Forstmann und zusammen mit Karl Dönitz, anschließend kam er wieder zurück nach Kiel und wurde mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet.Martin Niemöller: Festschrift zum 90. Geburtstag, Heinz Kloppenburg, Martin Niemöller, Pahl-Rugenstein, 1982, ISBN 978-3-7609-0673-7, S. 17.

Ab August 1917 war er Erster Offizier auf dem U-Kreuzer U 151, der bei Gibraltar, in der Biskaya und an vielen weiteren Orten zahlreiche Dampfer angriff und versenkte. Im November war U 151 vor dem Hafen des senegalesischen Dakar im Einsatz. An Bord eines der Schiffe im Hafen von Dakar war der spätere Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer, der als Elsässer und damit damals Reichsdeutscher im französischen Gabun zusammen mit seiner Frau interniert worden war und nun mit anderen Internierten auf die Verschiffung nach Frankreich wartete. Dies belegt ein Briefwechsel mit Niemöller Ende der 1950er-Jahre, den Schweitzer beschließt: „Lieber Herr Niemöller, Sie haben mir also tatsächlich aufgelauert und nach dem Leben getrachtet. Wenn es Ihnen geglückt wäre, hätten Sie jetzt einen braven Kumpan weniger im Anti-Atom-Kampf. Da es sich schon so gefügt hat, wollen wir um so besser zusammenhalten. Ihr ergebener Albert Schweitzer“In: Welt Krieg Gedenken. Materialien für Gottesdienste und Gemeindearbeit. Zentrum Verkündigung der Evangelischen Kirche in Nassau, Juni 2014, S. 13. Digitalisat PDF Aktualisiert am 24. Januar 2020

Im Mai 1918 wurde Niemöller Kommandant des Minen-U-Boots UC 67. Er unternahm zwei Feindfahrten, bei denen er drei Dampfer versenkte und Minen vor Marseille legte. Im Juli 1918 wurde sein U-Boot bei einem Luftangriff schwer beschädigt.Harald Bendert: Die UC-Boote der Kaiserlichen Marine 1914–1918 – Minenkrieg mit U-Booten. Hamburg, Berlin/Bonn 2001, S. 171. 1919 nahm Niemöller seinen Abschied von der Armee, weil er die neue demokratische Regierung ablehnte.

Ausbildung und Pfarramt in der Weimarer Republik Am 20. April 1919 heiratete er Else Bremer (1890–1961). Im selben Jahr arbeitete Niemöller von Mai bis Oktober auf einem Bauernhof in Westerkappeln bei Osnabrück, weil er vorhatte, selbst Bauer zu werden. Da das Geld für den Erwerb eines eigenen Gehöftes nicht ausreichte, entschloss er sich zum Studium der Evangelischen Theologie an der Universität Münster (1919–1923). Motivation zum Studium war sein Bestreben, der anscheinend orientierungslos gewordenen Gesellschaft durch die christliche Botschaft wieder Sinn und durch die kirchlichen Strukturen Ordnung zu vermitteln.

Von 1919 bis 1923 engagierte sich Niemöller intensiv in diversen rechtsradikalen Organisationen. Während der Niederschlagung des Ruhraufstandes im Jahr 1920 war Niemöller als Kommandeur des III. Bataillons des Freikorps Akademische Wehr Münster gegen die aufständischen Arbeiter der Roten Ruhrarmee im Einsatz. bei der Martin-Niemöller-Stiftung Während des Studiums trat er der Studentengruppe der Deutschnationalen Volkspartei bei, deren Vorsitzender er für etwa ein Jahr war. Im Sommer 1920 wurde er Mitglied im Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund.Benjamin Ziemann: Martin Niemöller als völkisch-nationaler Studentenpolitiker in Münster 1919 bis 1923. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 2, April 2019, S. 209–234. Mit seiner Frau teilte er einen radikalen Antisemitismus; er beteiligte sich im März 1923 an der Gründung einer Münsteraner Ortsgruppe des antisemitischen Nationalverbands Deutscher Offiziere, im November 1923 wurde er in den Ehrenrat gewählt. Niemöller war auch im Bund der Aufrechten aktiv, die für eine Restauration der Hohenzollern-Monarchie und gegen die Weimarer Reichsverfassung kämpfte. Außerdem beteiligte er sich am Schusswaffentraining des paramilitärischen Westfalenbundes. In den Jahren 1924 bis 1933 wählte er die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), nach der Machtübernahme Hitlers gab er im März 1933 der NSDAP seine Stimme. Später hat Niemöller im Prozess vor dem Berliner Sondergericht im Februar 1938 zwar ausgesagt, er habe seit 1924 stets NSDAP gewählt.Als erwiesene Tatsache ungeprüft übernommen von Ernst Klee: Die SA Jesu Christi. Die Kirche im Banne Hitlers. Frankfurt a. M. 1989, S. 9. Die neuere Forschung hält dies jedoch für „gänzlich unplausibel“.So Benjamin Ziemann: Martin Niemöller. Ein Leben in Opposition. München 2019, S. 137; ebenso Michael Heymel: Martin Niemöller. Weg und Wirkung in verschiedenen Handlungsfeldern. Stuttgart 2025, S. 152; 162f. Sie nimmt an, dass er bis 1933 seiner deutschnationalen Einstellung gemäß DNVP wählte. Im Gegensatz zu seinem Bruder Wilhelm Niemöller war Martin niemals Mitglied der NSDAP. Ein Interesse am Nationalsozialismus ist bei ihm erst 1931/32 nachweisbar.

Am 10. April 1923 legte Niemöller das Erste Theologische Examen in Münster ab.Martin Niemöller: Vom U-Boot zur Kanzel. Berlin 1934, S. 197 Das Vikariat im Anschluss absolvierte er gleichfalls in Münster bei Walter Kähler. Am 1. Dezember 1923 wurde er noch als Vikar von Wilhelm Zoellner zum Zweiten Geschäftsführer des Westfälischen Provinzialverbandes der Inneren Mission berufen. Nach dem zweiten Theologischen Examen am 9. Mai 1924 erhielt Niemöller die Stelle des Ersten Geschäftsführers und Vereinsgeistlichen.Gerald Schwalbach: „Der Kirche den Blick weiten!“ Karl Pawlowski (1898–1964) – diakonischer Unternehmer an den Grenzen von Kirche und Innerer Mission. Bielefeld 2012, S. 88f. Am 29. Juni 1924 wurde Niemöller in Münster ordiniert.Martin Niemöller: Vom U-Boot zur Kanzel. Berlin 1934, S. 206.

Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit war der Aufbau kirchlicher Jugend- und Wohlfahrtsämter als subsidiäre Partner des Weimarer Sozialstaates. Bis 1931 gelang es ihm, ein flächendeckendes Netz von 91 Jugend- und Wohlfahrtsämtern in Westfalen aufzubauen, eine Dichte, die in anderen Provinzialkirchen nicht erreicht wurde.Gerald Schwalbach: „Der Kirche den Blick weiten!“ Karl Pawlowski (1898–1964) – diakonischer Unternehmer an den Grenzen von Kirche und Innerer Mission. Bielefeld 2012, S. 90. 1927 war Niemöller Mitbegründer der Selbsthilfeeinrichtung „Darlehensgenossenschaft der Westfälischen Inneren Mission e.G.m.b.H.“, eines Vorgängerinstituts der heutigen Bank für Kirche und Diakonie eG – KD-Bank. 1931 wurde Niemöller zum III. Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem berufen. Es war die Pfarrstelle für die neu gebaute und 1932 eingeweihte Jesus-Christus-Kirche.

Kirchenkampf 1933–1937 mini|Gedenktafel am Haus, Thielallee 1, in Berlin-Dahlem mini|Pfarrhaus von Martin Niemöller, Ev. Gemeinde Dahlem, heute: Martin-Niemöller-Haus

Bald kam es hier zu Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen. Niemöller hatte sich anfangs von deren Bekenntnis zu einem „positiven Christentum“ täuschen lassen, das mit Punkt 24 des NSDAP-Parteiprogramms übereinstimmte, und vom Nationalsozialismus eine nationale Einigung und Erhebung erwartet, die seiner Ansicht nach ohne „Erweckung des christlichen Glaubens“ unmöglich war.Vgl. seine Predigt am 5. März 1933, in: Martin Niemöller: Dahlemer Predigten. Kritische Ausgabe, hrsg. von Michael Heymel, Gütersloh 2011, S. 103–109; Zitat: S. 105. Noch am 28. April 1934 kritisierte Dietrich Bonhoeffer ihn in einem Brief an einen Freund in der Schweiz:

Niemöller lehnte aber die Vermischung von politischen Aussagen mit dem Glaubensbekenntnis schärfstens ab. So war er im Mai 1933 einer der Gründer der Jungreformatorischen Bewegung und stellte sich an die Seite Friedrich von Bodelschwinghs.

Nachdem der Arierparagraph eingeführt und in mehreren evangelischen Landeskirchen erste oppositionelle Pfarrerbruderschaften gegründet worden waren, rief Niemöller im September 1933 als Reaktion auf die Entfernung von „Nichtariern“ aus Kirchenämtern zur Gründung eines reichsweiten Pfarrernotbundes auf; dem Bund traten etwa ein Drittel der Pfarrer bei. Seine primären Aufgaben bestanden aus dem Protest gegen diese Maßnahmen sowie der Organisation von Hilfe für die Betroffenen.

Gleichwohl suchte Niemöller immer noch einen Kompromiss mit den Deutschen Christen. Besonders umstritten ist deshalb heute noch sein Thesenpapier vom 2. November 1933 mit dem Titel Sätze zur Arierfrage in der Kirche.Martin Niemöller: Sätze zur Arierfrage in der Kirche. In: Junge Kirche. Halbmonatsschrift für reformatorisches Christentum. 1. Jahrgang, Nummer 17, 2. November 1933, S. 269–271. Im Gegenzug für die Nichtanwendung des Arierparagraphen auf Kirchenämter erwartete Niemöller, dass sich jüdischstämmige Pfarrer bei der Bewerbung um höhere Kirchenämter zurückhalten sollten:

Der Pfarrernotbund und andere Gruppen bildeten die Vorläufer der Bekennenden Kirche, die auf der 1. Barmer Bekenntnissynode vom 29. bis zum 31. Mai 1934 gegründet wurde. Auf dieser Synode wurde die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet, die das theologische Fundament der Bekennenden Kirche bildete.

Die theologische Rechtfertigung war der in der evangelisch-lutherischen Kirche festgeschriebene Bekenntnisstand oder Bekenntnisnotstand (status confessionis), der gegeben ist, wenn die Kirchenoberen sich vom lutherischen Bekenntnis – festgehalten im Augsburger Bekenntnis – entfernen. Das sah der Pfarrernotbund gegeben in der so genannten Schöpfungstheologie der Deutschen Christen, die Schöpfungsordnungen – beispielsweise das Volk – neben der Bibel anerkannten. Den status confessionis sah auch Karl Barth in einem Brief an Dietrich Bonhoeffer als eindeutig gegeben: