Die Spätantike gilt als Epoche des Glaubens, der Mysterienkulte und der religiösen Vielfalt.Ingemar König: Die römische Spätantike. Reclam, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-15-018952-8, S. 15. Sowohl monotheistische als auch polytheistische Glaubensrichtungen und Kulte entstanden und fanden in weiten Teilen des Römischen Reiches Verbreitung. Eine Vielzahl der Kulte bestand schon in den früheren Epochen der Antike oder war zumindest in dieser Epoche verwurzelt. Zu Beginn der Spätantike setzte sich das Christentum, das zuvor lange Zeit religiösen Verfolgungen ausgesetzt gewesen war, gegenüber anderen Glaubensrichtungen und Kulten durch und verdrängte diese schließlich vielerorts. Stark umstritten ist in der Forschung, inwieweit die Spätantike entweder von religiöser Toleranz und der friedlichen Koexistenz unterschiedlicher Religionen oder aber von religiösen Verfolgungen und gewaltsamen Konflikten geprägt war. Als Westrom im 5. Jahrhundert zerfiel (Untergang des Römischen Reiches), formierten sich mehrere christlich geprägte barbarisch-römische „Nachfolgereiche“, während sich das Ostreich im Zuge der islamischen Expansion im 7. Jahrhundert zum nahezu vollständig gräzisierten Byzantinische Reich wandelte.

Um den dynamischen religiösen Transformationsprozess, aus dem das Christentum als dominante Religion im europäischen Raum hervorging und an dessen Ende das weströmische Reich unterging, besser zu verstehen, ist es notwendig, die Vielfalt der religiösen Praktiken in seiner Ganzheit zu erfassen. Das Ziel dieses Artikels ist es, einen Überblick über die Neuentwicklung der vorherrschenden Religionen und Kulte der Spätantike im Römischen Reich zu geben. Wie es der Historiker Ingemar König vorgeschlagen hat, umfasst die Spätantike in diesem Artikel den Zeitraum von der ersten Tetrarchie unter Diokletian (284/293) bis zum Ende der Eroberung Italiens durch die Langobarden im 6. Jahrhundert.Ingemar König: Die römische Spätantike. Reclam, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-15-018952-8, S. 16–18.

Monotheistische Religionen Das Christentum Nach der letzten großen Christenverfolgung unter Diokletian konnte das Christentum ab dem Toleranzedikt von Nikomedia im Frühjahr 311 frei ausgelebt werden. Mit der Herrschaft von Konstantin dem Großen und der sogenannten „konstantinischen Wende“ wurde diese Entwicklung bestätigt. Konstantin unterstützte die christliche Kirche mit Spenden, finanzierte Kirchenbauten, die das römische Stadtbild wesentlich prägten, und verbot christliche und nichtchristliche Sekten, mit dem Ziel, die Kirche zu vereinheitlichen. Gegen Ende des 4. Jahrhunderts wurden dann durch Kaiser Theodosius I. Gesetze erlassen, die den christlichen Glauben vorschrieben und die von Historikern als Erhebung des Christentums zur Staatsreligion gedeutet werden.

Das Christentum fand großen Anklang bei den Bewohnern des römischen Reiches, da es eine Antwort auf die bis dahin unbeantwortete Frage nach dem Leben nach dem Tod gab. Das Christentum verbreitete sich dementsprechend auch schnell inner- und außerhalb des Reiches. Beschleunigt wurde diese Entwicklung zusätzlich durch Kontakte und Austausch verschiedener Völker im römischen Heer und durch die missionarische Tätigkeit von Mönchen.Peter Brown: From Civic Euergetism to Christian Giving. The Parameters of a Change. In: Peter Eich, Eike Faber (Hrsg.): Religiöser Alltag in der Spätantike. Franz Steiner, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-515-10442-5, S. 23–30. Lange Zeit beeinflusste der Aufstieg des Christentums den Alltag der Römer nicht bedeutend. Es wurden weiterhin konfessionsübergreifende Ehen geschlossen und heidnische Riten durchgeführt. Erst allmählich machten sich die Veränderungen bemerkbar, zum Beispiel durch die Anwesenheitspflicht von Priestern bei Hochzeiten.Peter Brown: From Civic Euergetism to Christian Giving. The Parameters of a Change. In: Peter Eich, Eike Faber (Hrsg.): Religiöser Alltag in der Spätantike. Franz Steiner, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-515-10442-5, S. 30.

Nach der damaligen christlichen Vorstellung ebneten Spenden den Weg ins Paradies und ihr Wert wurde im Jenseits vervielfacht. Somit waren auch kleine Spenden wertvoll. Durch Spenden konnte der Spender sich eine bessere Stellung in der Gemeinde erkaufen. Reiche wurden zum Teil sogar neben heiligen Bischöfen bestattet. Es fand somit eine Aristokratisierung der christlichen Gemeinden statt.

Eine Hierarchisierung war auch bei der Entwicklung der Struktur der Kirche feststellbar. Es bildeten sich Gemeinden und Bischöfe mit unterschiedlich großen Machtbereichen und Befugnissen aus.

Auch von der allgemeinen Lehrmeinung abweichende christliche Lehrmeinungen wurden von der römischen Reichskirche energisch bekämpft (siehe Nestorianismus, Arianismus, Miaphysitismus), was zu und auch politischen Spannungen im Imperium führte.

Im Verlauf der Spätantike kam es in der katholischen Kirche immer wieder zu Streitigkeiten über die Ausrichtung der Kirche und über Auslegungspraktiken der heiligen Schriften. Der wohl bekannteste Streit wurde im Rahmen des Konzils von Nicäa im Jahr 325 beigelegt. In dem heute als Arianischer Streit bekannten Konflikt ging es um die Frage, ob, wie die Arianer behaupteten, Jesus geschöpflich war oder ob Jesus als göttlich oder gottähnlich angesehen werden muss. Trotz einer Überzahl der arianischen Priester setzten sich aufgrund eines Machtwortes des Kaisers die Gegner des Arianismus durch. Auch mit anderen christlichen Lehrmeinungen, die von derjenigen der Reichskirche abwichen, kam es zu konfliktreichen theologischen Diskussionen, etwa dem Nestorianismus und dem Monophysitismus.

Über die Spätantike entwickelten sich im christlichen Glauben neue Bräuche, Traditionen und Kulte, vor allem in den Städten, die durch Handel und Zuwanderung einen idealen Nährboden für neue Kulte boten.Claudia Tiersch: Von der Vielfalt zur Einfachheit. Zur Entstehung des Marienkults in Konstantinopel Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. Als Transformation religiöser Alltagsfrömmigkeit. In: Peter Eich, Eike Faber (Hrsg.): Religiöser Alltag in der Spätantike. Franz Steiner, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-515-10442-5, S. 23–30. Der bekannteste davon ist vermutlich der Marienkult, der seine Anfänge in der Spätantike hatte.Manfred Clauss: Kein Bad für Häretiker. Christlicher Alltag in Alexandria. In: Peter Eich, Eike Faber (Hrsg.): Religiöser Alltag in der Spätantike. Franz Steiner, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-515-10442-5, S. 117.

Marcionisten Marcion, der von 139 n. Chr.nach manchen Angaben schon von 135 n. Chr. an bis im Juli 144 n. Chr., zur Zeit der Antike, in Rom lebte, scheiterte mit seinen Bemühungen, dort womöglich auf einem Presbyter-Konvent der einzelnen stadtrömischen kirchlichen Hausgemeinden seine Reform durchzusetzen.Peter Lampe: Die stadtrömischen Christen in den ersten beiden Jahrhunderten. Untersuchungen zur Sozialgeschichte. Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, 2. Reihe; 18, 2. Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen 1989, S. 339. Die Spaltung der römischen Kirchengemeinden in Anhänger und Gegner sowie die Gründung seiner eigenen kirchlichen Glaubensgemeinschaft folgte, für die Marcioniten das Gründungsdatum ihrer von der Alten Kirche getrennten Organisation.Kurt Rudolph: Die Gnosis. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, ISBN 3-8252-1577-6, S. 339. Marcion schuf eine Organisationsstruktur mit bischöflicher Verfassung und sammelte Anhänger um sich, altkirchliche Bischöfe und Priester schlossen sich an. Im Unterschied zu den gnostischen Sekten war die Gemeinschaft der Marcioniten straff organisiert; sie konnte gerade dadurch für die entstehende Alte Kirche zu einer ernst zu nehmenden Konkurrenz werden.Walther von Loewenich: Die Geschichte der Kirche, I, Altertum und Mittelalter. 4. Auflage. Siebenstern Verlag, Hamburg 1971, S. 44.

Die Entstehung und Konsolidierung der Alten Kirche verlangsamte dann die weitere Ausbreitung, ebenso die sich entwickelnde anti-marcionitische und altkirchliche Theologie, und bereits in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts kam es bei den marcionitischen Gemeinden im Westen des Römischen Reiches zum Rückgang. Im 4. Jahrhundert, verstärkt ab etwa der Mitte, kam es auch im Osten des Römischen Reiches zum Rückgang des Marcionismus, in der römischen Provinz Syria wie Armenien prägte dieser aber die nicht-griechischsprachigen Gebieten noch bis in die ersten Jahrzehnte des fünften Jahrhunderts deutlich.Hildegard König: Artikel Marcion von Sinope. Siegmar Döpp, Wilhelm Geerlings (Hrsg.): Lexikon der antiken christlichen Literatur. Herder, Freiburg im Breisgau 2002, ISBN 3-451-27776-X, S. 483–485.

Das Judentum

Das Judentum entstand zwar mehrere Jahrhunderte vor dem Christentum, wurde aber in seiner Entwicklung durch den Aufstieg des Christentums und das Aufkommen anderer Religionen stark eingeschränkt.

Nach der Zerstörung der Stadt Jerusalem im 1. Jahrhundert n. Chr. und mit ihr auch des zentralen jüdischen Tempels wurden die Juden aus Jerusalem vertrieben. Es bildete sich eine jüdische Diaspora im römischen Reich mit verschiedenen bedeutenden geistlichen Zentren. Zu den wichtigsten gehörten Babylon und Jawne. Es vollzog sich dabei auch ein Wandel des Judentums von einem Tempelkult zu einer Haushalt-bezogenen Religion.Judentum in Antike und Frühmittelalter. Bundeszentrale für politische Bildung. Abgerufen am 5. Mai 2017.

Durch ihre Rolle bei der Auslegung und Interpretation der Thora nahmen Rabbiner bei dieser Neuentwicklung eine wichtige Rolle ein. Um die Einheitlichkeit des jüdischen Glaubens trotz der weiten Verstreuung zu bewahren und der Bildung von Sekten vorzubeugen, versuchte man in der Spätantike, die jüdischen Gesetze und religiösen Traditionen zu sammeln und niederzuschreiben. So entstand der Talmud, eine Sammlung von mündlichen und schriftlichen Traditionen und Auslegungspraktiken, eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums.Richard Valantasis (Hrsg.): Religion of Late Antiquity in Practice. Princeton University Press, Princeton (New Jersey) 2000, ISBN 0-691-05750-8, S. 6.

Durch die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion und die Einschränkung aller heidnischen Religionen kam es mit der Zeit auch zu verstärkter Diskriminierung der jüdische Gemeinden. Zwar durften Juden weiterhin ihre Religion ausüben, jedoch war es ihnen weder gestattet, Missionierungen vornehmen, noch politische Ämter auszuüben (wobei letzteres angesichts der Unbeliebtheit dieser Tätigkeiten auch ein Privileg darstellte). Genau so wenig war es ihnen gestattet, christliche Sklaven zu halten oder neue Synagogen zu errichten. Durch Kaiser Justinian I. wurde Juden sogar der Erwerb der römischen Staatsbürgerschaft verwehrt.

Manichäismus Der Manichäismus ist eine in der Spätantike neu entstandene Offenbarungsreligion. Sie wurde unter dem Perser Mani (216–276 n. Chr.) im östlichen Teil des römischen Reiches gegründet und verbreitete sich vom Mittelmeerraum schnell über den Nahen Osten bis sogar nach China. Dort existierten gewisse manichäistische Gemeinden bis ins 13. Jahrhundert.Peter Brown: Religion and Society in the Age of Saint Augustine. Faber, London 1972, ISBN 0-571-09508-9, S. 94–118.

Im Zentrum dieser Religion stand ein kosmischer dualistischer Konflikt zwischen Licht und Dunkelheit. Mani unterschied in seinen Lehren drei Epochen: eine vergangene Epoche, in der Licht und Finsternis getrennt waren, eine andauernde Epoche, in der Licht und Finsternis vermischt sind, und eine zukünftige Epoche, in der Licht und Finsternis wieder getrennt sein werden. Mani lehrte, wie schädliche Lichtteilung, die in Materie eingeschlossen wurde, durch religiöse Praktiken befreit werden könne. Mani verstand sich als Nachfolger der Religionsstifter Zarathustra, Buddha, Paulus von Tarsus und Jesus. Auch erkannte er Teile des Gedankenguts dieser Religionen an, weshalb der Manichäismus auch zu den synkretistischen Religionen gezählt wird.