Die Parlamentswahl in Indien 1957 war die zweite Wahl der Lok Sabha seit Ausrufung der Republik Indien 1950. Sie fand, verteilt auf verschiedene Tage, im Wesentlichen im Zeitraum zwischen dem 24. Februar 1957 und dem 15. März 1957 statt. In einigen wenigen Wahlkreisen von Punjab und in ganz Himachal Pradesh wurde aufgrund der Witterungsbedingungen erst vom 24. Mai bis 15. Juli 1957 gewählt. Die Wahlbeteiligung entsprach mit 45,44 Prozent etwa der der vorangegangenen Wahl 1951–52. Die Wahl endete mit einem landesweiten Wahlsieg der Kongresspartei, die ihren Stimmen- und Mandatsanteil, den sie 1951–52 erhalten hatte, behaupten konnte. Stark begünstigt durch das relative Mehrheitswahlrecht gewann die Kongresspartei mit 47,8 % der Wählerstimmen eine Dreiviertelmehrheit der Mandate. Die nach Stimmen stärkste Oppositionspartei wurde die Praja Socialist Party, in der die Sozialisten zusammengeschlossen waren, die mit 10,4 % der Wählerstimmen 2,8 % der Mandate gewann. Stimmenanteilsmäßig folgten die Kommunisten, die mit 8,9 % Stimmenanteil 5,5 % der Mandate erhielten. Parallel zur Wahl der Lok Sabha fanden auch Wahlen zu den Bundesstaatsparlamenten statt.

Entwicklungen seit den letzten Wahlen Innenpolitik Bei den Wahlen 1951–52 – den ersten nach Inkrafttreten der Verfassung der Republik Indien 1950 – hatte die Kongresspartei unter der Führung von Jawaharlal Nehru einen umfassenden Wahlsieg erzielt. In der Lok Sabha sowie in den meisten Parlamenten der Bundesstaaten errang der Kongress die große Mehrheit der Mandate. Nehru konnte sich danach legitimiert fühlen, eine Regierung nur aus Parteigängern der Kongresspartei zu bilden (Kabinett Nehru II). Zudem war im Jahr 1950 Vallabhbhai Patel früh verstorben, der innerhalb der Kongresspartei eine Art konservativen Gegenpol zu dem von sozialistischen Ideen inspirierten Nehru bildete. Dadurch konnte Nehru seine Vorstellungen nach der gewonnenen Wahl 1951–52 relativ ungehindert und gestützt auf eine sehr breite Mehrheit durchsetzen. Nehru misstraute grundsätzlich dem westlich-kapitalistischen Wirtschaftssystem und hielt dieses nicht geeignet für Indien. Stattdessen orientierte sich die Wirtschaftspolitik seiner Regierung stark am Vorbild der Sowjetunion. Die Wirtschaft wurde planwirtschaftlich gelenkt und entwickelt, unter anderen durch den 1951 begonnenen ersten Fünfjahresplan, und der Staat griff in alle Bereiche des Wirtschaftslebens regulierend und reglementierend ein. In den Jahren 1951 bis 1956 erreichte Indien ein durchschnittliches jährliches Wirtschaftswachstum von 3,6 %.

Die wichtigste innenpolitische Änderung in der vorangegangenen Legislaturperiode war die Reorganisation der Bundesstaaten, die im States Reorganisation Act, der am 1. November 1956 in Kraft trat, vollzogen wurde. In den vorangegangenen Jahren hatte es eine stetig zunehmende Agitation gegeben, die die Revision der noch aus der Kolonialzeit übernommenen Bundesstaatsgrenzen zugunsten der Bildung linguistisch-ethnisch definierter Bundesstaaten forderte. Nehru, dem diese Entwicklung widerstrebte, und der am liebsten eine neue indische Nation mit einheitlicher Staatssprache Hindi erschaffen hätte, konnte sich dem Druck der Massenagitation nicht entziehen. Einen ersten Erfolg erzielte die Bewegung mit der Bildung des Telugu-sprachigen Bundesstaates Andhra aus Teilen des Bundesstaats Madras im Jahr 1953. Mit dem Act 1956 wurde die Zahl der Bundesstaaten von zuvor 27 auf 14 reduziert. Hinzu kamen 6 Unionsterritorien. Die bisherige Unterscheidung in A-, B- und C-Bundesstaaten entfiel, und die ehemals regierenden indischen Fürsten verloren ihre letzten verfassungsmäßigen Rollen als formale, wenngleich politisch machtlose Oberhäupter der bisherigen B-Staaten. Die Wahlen 1957 waren damit auch die ersten Wahlen zu den neuen Bundesstaatsparlamenten.

Außenpolitik Außenpolitisch betrieb Nehru eine Politik der Blockfreiheit unabhängig vom Ost-West-Konflikt. Seine Skepsis gegenüber dem Westen war vor allem darin begründet, dass viele NATO-Staaten, namentlich Großbritannien und Frankreich, noch in den 1950er und 1960er Jahren ausgedehnte Kolonialbesitzungen in Afrika und Asien besaßen und Indien sich als Vorkämpfer der Entkolonialisierung verstand. Dem stand eine gewisse Intransigenz und Einseitigkeit in der Haltung Nehrus gegenüber der Politik der Sowjetunion gegenüber, die auch in Indien auf Kritik stieß. So weigerte sich Nehru beispielsweise, die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes 1956 als Akt der Unterdrückung zu bezeichnen und rechtfertigte die sowjetische Hegemonie in Osteuropa und den Warschauer Pakt als eine Reaktion auf die vermeintliche Bedrohung durch die NATO. Mit seiner konsequent antikolonialistische Haltung nahm Indien eine führende Rolle in der Bewegung der blockfreien Staaten ein, die sich auf der Bandung-Konferenz vom 18. bis 24. April 1955 als sogenannte „Dritte Welt“ konstituierten.

1954 wurden die letzten französischen Kolonialbesitzungen in Indien von Frankreich an Indien übergeben.

Vorbereitung und Durchführung der Wahlen Einteilung der Wahlkreise Durch den States Reorganisation Act waren die Grenzen der meisten Bundesstaaten neu geordnet worden. Dies hatte zur Folge, dass hier auch die Wahlkreisgrenzen durch die Abgrenzungskommission (Delimitation Commission) neu gezogen werden mussten. Dies betraf sowohl die Wahlkreise für die Lok Sabha, wie die Wahlkreise der Bundesstaatsparlamente. Die Abgrenzungskommission konnte zwar erst nach Inkrafttreten des Acts am 1. September 1956 tätig werden, schaffte es jedoch trotz des erheblichen Zeitdrucks, zeitgerecht neue Wahlkreisgrenzen zu definieren und die Wahlregister entsprechend aktualisieren lassen. Bei der Festlegung der Wahlkreisgrenzen hielt sich die Abgrenzungskommission an den Grundsatz, dass nur Ein- oder maximal Zweipersonen-Wahlkreise für die Lok Sabha gebildet werden sollten. Die Zweipersonenwahlkreise wurden in Regionen gebildet, in denen ein hoher Bevölkerungsanteil an Scheduled Castes (SC) und/oder Scheduled Tribes (ST) vorlag. Die Verfassung schrieb vor, dass Wahlkreise für die ST und SC gemäß deren Bevölkerungsanteil zu reservieren waren. Da der Bevölkerungsanteil der SC und ST meist nicht so hoch war, dass sie lokal die Bevölkerungsmehrheit bildeten, behalf man sich mit der Einrichtung von Zweipersonen-Wahlkreisen, wobei jeweils einer der darin zu wählenden Abgeordneten den ST bzw. SC angehören sollte. Alle 76 ST-Abgeordneten wurden in Zweipersonen-Wahlkreisen gewählt, während die 31 ST-Abgeordneten in 16 Einpersonen- und 15 Zweipersonenwahlkreisen gewählt wurden.Sukumar Sen, Report, Band 1, Kapitel VII: Delimitation of Constituencies, S. 48–75.

mini|400px|Verteilung der Wahlkreise (1 Quadrat = 1 Abgeordneter) auf die Bundesstaaten und Unionsterritorien Bundesstaat oderUnionsterritoriumWahlkreisegesamtWahlkreise nach SitzenSitzereserviert fürGewählteAbgeordnete1-Sitz2-SitzSCSTAndhra Pradesh352786243Assam10821212Bihar453787553Bombay585087566Delhi431105Himachal Pradesh321104Kerala161422018Madhya Pradesh271895736Madras342777041Manipur220012Mysore232033026Orissa14864420Punjab171255022Rajasthan181443222Tripura101012Uttar Pradesh68501818086Westbengalen282086236Gesamt403312917631494

Vom Staatspräsidenten ernannte Abgeordnete Zu den 494 direkt gewählten Abgeordneten kamen 11 vom Staatspräsidenten Rajendra Prasad ernannte Abgeordnete hinzu. Darunter befanden sich 6 Abgeordnete aus Jammu und Kashmir, die entsprechend der verfassungsrechtlichen Sonderstellung dieses Bundesstaats indirekt durch das Parlament von Jammu und Kashmir gewählt wurden, bevor der Staatspräsident sie anschließend formal nominierte. Je ein Abgeordneter für die Territorien der Andamanen und Nikobaren, der Lakkadiven, Minicoy und Amindiven (heute zusammen Lakshadweep) und der North-East Frontier Agency mit Tuensang Area (Naga-Stammesgebiete) wurde durch den Präsidenten ernannt. Hinzu kamen zwei Vertreter für die anglo-indische Minderheit. Wenige Monate nach der Wahl wurde aus Tuensang Area und dem assamesischen Naga Hills District ein neues Unionsterritorium, das spätere Nagaland gebildet, für das ein weiterer vom Präsidenten ernannter Abgeordneter ins Parlament einzog.Sukumar Sen, Report, Band 1, S. 15–16 und S. 71

Wahlkampf Bei der Wahl stand die Kongresspartei eine Vielzahl von politischen Parteien gegenüber. Die indische Wahlkommission hatte 15 Parteien offiziell anerkannt. Darunter waren die vier „nationalen Parteien“ Kongress, Kommunistische Partei, Praja Socialist Party und Bharatiya Jana Sangh, sowie weitere 11 „Bundesstaats-Parteien“. Hinzu kamen mehr als 25 weitere unregistrierte Parteien und Tausende von parteiunabhängigen Einzelkandidaten. In ihrem Wahlkampf berief sich die Kongresspartei auf ihre langjährige Tradition als Vorkämpferin der indischen Unabhängigkeit. Ziel sei es nun, mit friedlichen und demokratischen Mitteln, den Aufbau einer egalitären, „sozialistischen“ Gesellschaft voranzutreiben, in der alle gleiche Chancen hätten und in der der Staat für die Wohlfahrt aller sorge. Die Führer des Kongresses betonten die Bedeutung einer stabilen Regierung sowohl für die innere Entwicklung als auch die auswärtigen Beziehungen. Wirtschaftspolitisch sprach sich der Kongress für eine weiterhin stark staatlich gelenkte Wirtschaft aus. Die Kommunistische Partei (CPI) sahen sich als Hauptgegner des Kongresses. Der Kongress habe seine politischen Versprechen in den vorangegangenen 10 Jahren seiner Herrschaft nicht erfüllt. Die Kommunisten forderten vor allem wirtschaftspolitische Änderungen. Der noch vorhandene britische Kapitalbesitz, sowie „Monopole“ sollten zerschlagen, und die staatlich gelenkten Unternehmen ausgeweitet werden. Eine Landreform müsse erfolgen und Indien solle aus dem Commonwealth austreten. Die Sozialisten der Praja Socialist Party versuchten sich als die „echten Sozialisten“ von der Kongresspartei abzugrenzen. Diese habe erst auf ihrem Parteikongress in Avadi 1955 ein sozialistisches Programm übernommen, während die Praja-Sozialisten dies schon Jahrzehnte zuvor getan hätten. Allerdings war es im Jahr 1955 zu einer Spaltung innerhalb der PSP gekommen. Von der Mehrheitsfraktion unter Asoka Mehta spaltete sich eine Fraktion unter Rammonohar Lohia ab, der die Politik Mehtas gegenüber dem Kongress zu konsens-orientiert schien. Die Jana Sangh als vierte nationale Partei vertrat den Standpunkt, dass anstelle der Politik des „Appeasements und der Kapitulation“ Nehrus eine entschiedene und energische Politik des nationalen Interesses vertreten werden müsse.

In den verschiedenen Bundesstaaten kamen noch eine Vielzahl von verschiedenen kleineren Parteien hinzu, die verschiedene Partikularinteressen vertraten. Zum Teil spielten dabei auch Unzufriedenheiten mit den Regelungen des States Reorganisation Acts eine Rolle. Beispielsweise agitierten im Bundesstaat Bombay sowohl Gujaratis als auch Marathis für die Aufspaltung des Staates in linguistisch definierte Staaten.

Zeitlicher Ablauf der Wahl