mini|Éric Pichet (2012)
Éric Marcel Xavier Pichet (* 1960) ist ein französischer Wirtschaftswissenschaftler und Professor der KEDGE Business School. Zu seinen Spezialgebieten gehören Marktfinanzierung, Geldpolitik, Steuerpolitik, Corporate Governance und Fiscal Governance (Öffentliche Haushaltsführung).
Leben Eric Pichet ist Absolvent der HEC Paris, der ESORSEM (französische Generalstabsakademie) und des IMPI (Postgraduierteninstitut für Vermögens- und Immobilienmanagement der Kedge Business School). Er promovierte im Fachbereich Management an der Université Littoral - Côte d’Opale in Dünkirchen, mit einer Dissertation zum Thema „Konvergenz zwischen Corporate-Governance-Praktiken in den großen börsennotierten Unternehmen“. 2008 erlangte er seine Forschungshabilitation (HDR) an dieser Universität mit einer Dissertation zum Thema „Eine hypermoderne Analyse zeitgenössischer Social Governance“. Er promovierte in Rechtswissenschaften an der Universität Panthéon-Assas mit einer Dissertation zum Thema „Entwicklung einer allgemeinen Theorie für Sozial- und Steuerausgaben“.
Zu Beginn seiner Karriere war Pichet zunächst in Frankreich als Börsenmakler bei Cholet Dupont und anschließend bei HSBC im Options- und Derivatehandel tätig. Anschließend wurde er Finanzanalyst und trat der französischen Gesellschaft der Finanzanalysten (SFAF) bei. Darüber hinaus war er unabhängiger Finanzexperte und agierte seit 2004 als unabhängiges Verwaltungsratsmitglied. Er ist Mitglied des Forschungszentrums des französischen Instituts für Verwaltungsratsmitglieder (IFA) und Mitglied der Verwaltungsräte mehrerer französischer Investmentgesellschaften, darunter Twenty First Capital, Gestion 21 und Signaux Girod, wo er auch Vorsitzender des Rechnungsprüfungsausschusses ist. Pichet arbeitet mit mehr als einem Dutzend börsennotierter internationaler Hedgefonds außerhalb Frankreichs zusammen und ist Vorsitzender des Verwaltungsrats von Diapason (Lausanne).
Ferner ist er Mitglied der APM (Gesellschaft für Fortschritt im Management), wo er ebenfalls als Experte aktiv ist, und er ist Vorsitzender des Verwaltungsrats von CORAL, einem französischen Think-Tank aus Autoren, Buchverlegern und Herausgebern.
Derzeit ist er als Professor für Wirtschaftswissenschaften an der KEDGE Business School angestellt. Seit 2000 ist er Direktor des Postgraduierten-Instituts für Vermögens- und Immobilienmanagement (IMPI) der KEDGE Business School. Pichet ist Mitglied der Royal Institution of Chartered Surveyors, assoziierter wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungszentrum der Universität Bordeaux IV LAREFI und am CEFEP-Forschungszentrum der Universität Pantheon-Assas. Seit 1990 ist er darüber hinaus Professor am Trainingszentrum der SFAF. 2011 veröffentlichte er einen methodischen Leitfaden für Forschungsprofessoren, die in Frankreich eine Forschungshabilitation anstreben. Das Buch mit dem Titel „Die Kunst der Forschungshabilitation (HDR)“ gibt Empfehlungen für das Verfassen von HDR-Dissertationen und für die Begleitung von Doktoranden.
Theorien Éric Pichet entwickelte Theorien in verschiedenen Bereichen.
Corporate-Governance-Theorien Theorie der aufgeklärten Aktionäre Die Theorie der aufgeklärten Aktionäre"Enlightened Shareholder Theory: Whose Interests Should Be Served by the Supporters of Corporate Governance?", papers.ssrn.com, 05/09/08 ist eine moderne und im Wesentlichen aktionärsorientierte Corporate-Governance-Theorie. Die anderen Werke Pichets auf diesem Gebiet, einschließlich seiner Dissertation zum Thema „Konvergenz zwischen Corporate-Governance-Praktiken in den großen börsennotierten Unternehmen mit diffuser Aktionärsstruktur“ ermöglicht es ihm, drei Hauptkategorien von Governance-Prinzipien zu definieren, die in großen börsennotierten Unternehmen angewandt werden können. Durch die Anwendung dieser Prinzipien: wird die Transparenz von Unternehmensinformationen sichergestellt wird die Kontrolle des Unternehmens durch die Aktionäre gewährleistet, und zwar vor allem durch ausgewogene Verwaltungsräte (unabhängige Verwaltungsratsmitglieder mit unterschiedlichen Kompetenzen) sowie durch optimierte Prozesse innerhalb des Verwaltungsrats. wird es dem gesamten Verwaltungsrat ermöglicht, an der Strategieentwicklung des Unternehmens mitzuwirken – und nicht nur dem geschäftsführenden Verwaltungsratsmitglied.
Governance-Theorien für Finanzinstitute Nachdem Pichet die Rolle gescheiterter Governance-Mechanismen in der Kerviel-Affäre"What Governance Lessons Should be Learnt from the Société Générale's Kerviel Affair?", papers.ssrn.com, 14/10/10 analysiert hatte, ermittelte er einen Bedarf für wesentliche Verbesserungen in der Governance großer Finanzinstitute, und zwar auf der folgenden Grundlage: die internen Kontrollsysteme großer Banken berichten an den gesamten Verwaltungsrat, anstelle an den Verwaltungsratsvorsitzenden Verwaltungsräte sind dazu befugt, Finanzmarktexperten zu Rate zu ziehen, um in diesem Bereich eine höhere Kompetenz zu entwickeln systematische Aufstellung von Fachausschüssen im Verwaltungsrat, insbesondere zum Zweck der Strategie- und Risikokontrolle
Nach einer Analyse der Finanzinstitute, die von 2007 bis 2010 große Verluste erlitten hatten, ermittelte er 6 Merkmale"What Kind of Financial Regulation for the 21st Century?", http://papers.ssrn.com, 19/03/2012, die unter diesen Bedingungen immer vorhanden sind und die in ihrer Kombination zu einem explosiven Cocktail werden. Zu diesen Merkmalen zählen:
Eine machthungrige und autoritäre Führung (Richard Fuld bei Lehman, Sean FitzPatrick bei der Anglo Irish Bank), angetrieben von einem unersättlichen Verlangen nach sozialer Anerkennung und besessen von dem Wunsch die aktuelle Unternehmensführung abzusetzen (in diesem Fall Goldman Sachs). Gescheiterte unternehmensinterne Governance-Systeme, stets unter Beteiligung des Verwaltungsrats, der sich in Bezug auf das Management der internen Risikokontrollfunktion immer wieder als inkompetent erweist und/oder dem Verwaltungsratsvorsitzenden zu sehr unterworfen ist. Ein fast unbegrenzter Zugang zu kostengünstiger, kurzfristiger Finanzierung. Massive Investition kurzfristiger Kredite in High-Yield-Anlagen, deren Sicherheit und Liquidität man überschätzte. Zwischen 2002 und 2006 zeigte sich dies am besten am Beispiel direkter oder indirekter Immobilieninvestments, durch Immobilienvermögen besicherter Hypothekendarlehen (d. h. Northern Rock) oder zuletzt durch Anlagen in anderen an Immobilien indexierte Vermögenswerte oder Immobiliendarlehen, wie CDO, Subprime-Darlehen usw. Übermäßiger Verschuldungsgrad, oftmals das 20- oder 30-fache des Eigenkapitals dieser Unternehmen. Gescheiterte externe Regulierungsmechanismen, die entweder auf eine übermäßige Komplizität zwischen Regulierungsbehörden, Regierungen und großen Finanzinstituten (Island, Irland), inkompetente Regulierungsbehörden (Island) oder eine unzureichende Aufsicht (die „Light-Touch“-Regulierung der Bank of England) zurückzuführen waren. Weitere Dysfunktionen wie z. B. das Versagen der US-Notenbank (Fed), Spekulationsblasen platzen zu lassen, eine schlechte Aufgabenverteilung zwischen verschiedenen Regulierungsbehörden (in Großbritannien zwischen der FSA, der Bank of England und dem Finanz- und Wirtschaftsministerium; in den USA das Versagen der Fed, die Investmentbanken zu beaufsichtigen) oder gänzliche Komplizität mit den Institutionen, welche von den Regulierungsbehörden beaufsichtigt werden sollten, wie es in Irland der Fall war.
Sind alle diese sechs Bedingungen erfüllt, kann dies zu beträchtlichen Verlusten und schließlich zum Zusammenbruch von Finanzinstituten führen (Lehman Brothers). Grundsätzlich ist dies ein Beispiel für das systemische Risiko. Pichet lehrt seine Studenten, dass „die Nadel, die den Ballon zum Platzen bringt (d. h. die Subprime-Darlehen), nur der Auslöser und nicht die eigentliche Ursache für die Krise ist“.
Künftig lassen sich Finanzkrisen am besten vermeiden durch:
die Bereitstellung transparenter Informationen durch Großbanken die Stärkung des Einflusses des Verwaltungsrats und dessen Befähigung, eine Kontrolle über die Unternehmensstrategie auszuüben eine qualitative Verbesserung der Regulierungsinstanzen
Er kritisiert darüber hinaus drei legislative Tendenzen, die sich nach der Krise herauskristallisierten: Zu viele rein formelle Regulierungen (wie der Dodd-Frank-Act), Die falsche Vorstellung, dass die Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken eine geeignete Lösung bietet Das Verbieten von Leerverkäufen, um deren Auswirkungen auf Kursänderungen zu unterbinden
Steuertheorie Theorie über den Nutzen einer Vermögenssteuer Wenngleich Pichet den theoretischen Nutzen von Vermögenssteuern in modernen Steuersystemen nicht infrage stellt, kam er mit seiner Analyse der wirtschaftlichen Folgen der französischen Vermögenssteuer (ISF)"The Economic Consequences of the French Wealth Tax", papers.ssrn.com , 05/04/07 zu dem Ergebnis, dass diese spezifische Steuer durch entgangene Einnahmen doppelt so viel kostet, als Einkünfte mit ihr erzielt werden können. Er widersetzte sich deutlich der „französischen Utopie“ einer globalen Steuer für die Superreichen."An Immodest Proposal: A Global Tax on the Superrich", businessweek.com, 04/10/14
Theorie der optimalen Besteuerung Beeinflusst durch Adam Smith, über den er zwei Biografien verfasst hat, ist Pichet der Auffassung, dass Steuersysteme auf vier Grundprinzipien basieren sollten, und zwar in Anlehnung an das Werk „Der Wohlstand der Nationen“ von Adam Smith, jedoch angepasst an die Bedingungen des 21. Jahrhunderts: Fairness: Steuern sollten entsprechend den Ressourcen eines jeden Einzelnen gezahlt werden, und das Verursacherprinzip sollte integraler Bestandteil sein, Rechtssicherheit: Untersagung jeglicher Form von Willkür sowie jeglicher Art von Unsicherheit, unabhängig davon, wie lange der Steuerzahler die mit der ursprünglichen Maßnahme in Verbindung stehenden Anreize berücksichtigen muss, Sparprinzip: Steuern sollten so niedrig wie möglich sein, damit die Wirtschaftsentwicklung nicht beeinträchtigt wird. Dies erklärt, warum Pichet 2011 dafür sprach, alles an die Reduzierung des Haushaltsdefizits zu setzen. Er widersprach jedoch dem Vorschlag, den die französische Regierung unter François Fillon bei der zweiten Lesung des Haushalts im September 2011 vorbrachte, die Steuern um 11 Mrd. € zu erhöhen und die Ausgaben um 1 Mrd. € zu reduzieren. Vielmehr schlug er vor, für eine Parität zwischen Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen zu sorgen, um die Wachstumsdynamik des Landes aufrechtzuerhalten. Prinzip der Einfachheit: Steuerzahlungen müssen für Steuerzahler einfach gestaltet sein. Dies entspricht dem Prinzip der Verständlichkeit des Steuersystems, das um die Jahrtausendwende vom französischen Verfassungsrat"Décision n° 2005-530 DC du 29 décembre 2005", www.conseil-constitutionnel.fr, 29/12/05 besiegelt wurde.
Allgemeine Theorie über Sozial- und Steuerausgaben