Ernst Roselius (* 2. Juli 1904 in Bremen; † 3. März 1941 in Bad Rothenfelde) war ein deutscher Kommunikationswissenschaftler und Autor.Roselius, Ernst. In: Bremische Biographie 1912–1962, Historische Gesellschaft Bremen und Staatsarchiv Bremen (Hrsg.), Wilhelm Lührs, Fritz Peters, Karl Heinz Schwebel (Bearb.), Hauschild Verlag, Bremen 1969, S. 419–420.. Auf: radiobremen.de, abgerufen am 30. April 2017. Er verfasste 1935 das erste praxisbezogene deutsche Lehrbuch für angehende Kommunikationswissenschaftler.Stefanie Averbeck / Arnulf Kusch: Blick nach Amerika im Dritten Reich. Ein disziplinhistorischer Hinweis auf Ernst Roselius (1904–1941) und seine kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisperspektive. In: Markus Behmer (Hrsg.): Deutsche Publizistik im Exil. 1933–1945: Personen – Positionen – Perspektiven. Festschrift für Ursula E. Koch, Lit 2006, ISBN 978-3-8258-4615-2, S. 294.
Biografie Familie Roselius wurde als Sohn von Luise Grote, einer Tochter des Hannoveraner Kaffeeimporteurs Ernst Grote, und von Friedrich Roselius geboren.Lebenslauf, maschinenschriftlich erstellt von Ernst Roselius, vom 1. Juni 1935. In: Archiv der Universität München, Philosophische Fakultät: Promotionsakte Ernst Roselius.
Sein Vater und sein Onkel Ludwig Roselius, der mit einer anderen Grote-Tochter verheiratet war, hatten zwei Jahre vor seiner Geburt das Kaffeeimport-Handelshaus Roselius & Co. ihres Vaters übernommen. Weltbekannt wurde das Unternehmen 1906, als sein Onkel ein Verfahren zur Herstellung koffeinfreien Kaffees erfand und patentieren ließ. Das daraus entstehende Produkt wurde gleichzeitig zur Marke Kaffee HAG (Kaffee Handels-Aktiengesellschaft).
Roselius war künstlerisch begabt und wollte gern Kunstmaler werden. Kaufmännische Aufgaben und Tätigkeiten hingegen lagen ihm nach Angaben seiner Ehefrau Cäcilie nicht. Der Familientradition entsprechend, war jedoch auch für ihn vorgesehen, in das Unternehmen einzusteigen und dort Führungsverantwortung zu übernehmen.Stefanie Averbeck / Arnulf Kusch: Blick nach Amerika im Dritten Reich. Ein disziplinhistorischer Hinweis auf Ernst Roselius (1904–1941) und seine kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisperspektive. In: Markus Behmer (Hrsg.): Deutsche Publizistik im Exil. 1933–1945: Personen – Positionen – Perspektiven. Festschrift für Ursula E. Koch, Lit 2006, ISBN 978-3-8258-4615-2, S. 290.
Ausbildung und wissenschaftliche Arbeit Abbruch Ab dem Sommersemester 1924, im Alter von 19 Jahren, nahm er ein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften an der Hamburgischen Universität auf und führte es an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fort. Dann jedoch wechselte er in den Fachbereich Volkswirtschaft und studierte ab dem Wintersemester 1925/26 an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, im Jahr darauf dann an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Nach dem Wintersemester 1926/27 brach der 22-jährige sein Studium ab. Seine Bemühungen, sich dem unternehmerischen Ansatz seiner Familie auf diesen Wegen anzunähern, musste er als gescheitert betrachten.
Neuorientierung Im Jahr 1927 nahm ihn sein Vater Friedrich Roselius zu Geschäftsreisen nach Südamerika mit, um ihn dort mit wesentlichen Grundlagen des Geschäfts eines Kaffeeimporteurs vertraut zu machen.
Während eines Aufenthalts in den Vereinigten Staaten erhielt Ernst Roselius dann offenbar die benötigten Impulse für seine weitere Ausbildung, von der auch das Familienunternehmen in Bremen profitieren sollte.
Er arbeitete dort für die große Werbeagentur Young & Rubicam und sammelte praktische Erfahrungen, die er durch entsprechende Folgetätigkeiten in der Schweiz und in Italien auf eine breitere Basis stellte. Dabei baute er wichtige Kontakte auf, die ihm später dazu verhalfen, aktuelle US-Veröffentlichungen in seine Recherche und Forschung einbeziehen zu können.Ernst Roselius: Journalismus auf amerikanischen Hochschulen. In: Münchner Merkur, 1. Jg. (1934), Nr. 2, S. 5.
Neues Studium Zum Sommersemester 1933, mittlerweile 28-jährig, nahm Ernst Roselius erneut ein Studium auf. Er hatte sich zwischenzeitlich orientiert und für das Deutsche Institut für Zeitungskunde in Berlin bei Emil Dovifat entschieden. Dovifat vertrat zu dieser Zeit die Öffnung der Zeitungskunde zur weiter gefassten Publizistik und behandelte beispielsweise die auf Untersuchungen in den USA basierende Psychologie des Ablaufes der Meinungsbildung und der dies berücksichtigenden Werbetechnik. Deren Ergebnisse wurden sowohl auf mündliche Präsentationsformen, auf Printprodukte, aber auch schon auf Radio und Film angewandt.Vom Institut für Zeitungskunde: „Der Oberkurs behandelte unter Leitung des Direktors [Emil Dovifat] die Psychologie der Meinungswerbung. In eingehenden Studien wurde die Psychologie des Meinungsvorganges und der Werbetechnik untersucht. Die gewonnenen Ergebnisse wurden auf alle Formen der Meinungswerbung, insbesondere auf Rede, Schrift, Plakat, Flugblatt, Zeitung, Film, Radio usw. angewandt. Die Arbeiten förderten die neue Arbeitsrichtung des Instituts, neben Zeitung auch die übrigen großen Werbemittel des öffentlichen Lebens in den Kreis der Betrachtung zu ziehen.“ In: Deutsche Presse, 23. Jg. (1933), Nr. 6, S. 69–70.Emil Dovifat: Der amerikanische Journalismus. Mit einer Darstellung der journalistischen Berufsbildung. Berlin / Leipzig 1927Karl Bömer: The German Press in 1932. Columbia 1932.
Zum Wintersemester 1933/34 wechselte Roselius an die Ludwig-Maximilians-Universität München, um bei Karl d’Ester zum Thema Qualitätsprobleme des Nachrichtenblattes zu promovieren. Bei diesem Thema blieb es jedoch nicht; stattdessen untersuchte er in seiner Dissertation Die amerikanische Hochschulzeitung – Erziehung zum Gemeinschaftsgeist.
An der von der 1933/34 neu gegründeten Fachschaft Zentralwissenschaftliche Vereinigung München im Juni 1934 herausgegebenen Erstausgabe der Fachschaftszeitschrift Münchner Merkur arbeitete Ernst Roselius unter Schriftleiter Paul Orth mit und schrieb darin den aus heutiger Sicht politisch fragwürdigen Artikel Unser Symbol.Ernst Roselius: Unser Symbol. In: Münchner Merkur, 1. Jg. (1934), Nr. 1, S. 10.
Im Wintersemester 1934/35 leitete er die so bezeichnete Journalistische Arbeitsgemeinschaft innerhalb der Fachschaft. Dort referierte er zur journalistischen Berichterstattung, zur Führung von Interviews, zur journalistischen Kritik und zum journalistischen Stil, ließ aber auch deutlich erkennen, dass sich sein eigenes Verständnis von einer prozessorientierten Kommunikation signifikant von den damals vorherrschenden Ansätzen der Zeitungswissenschaft unterschied.
Diese Vorträge arbeitete er später zur Veröffentlichung um. Sie erschienen im Oktober 1935 unter dem Titel Journalistisches Praktikum in der von Karl d’Ester herausgegebenen Schriftenreihe Zeitung und Leben als deren 26. Band. In dem Buch behandelt Roselius den Aufbau von Nachricht und Meinung sowie deren Abgrenzung und Trennung voneinander, den journalistischen Stil, die Formulierung von Schlagzeilen, das Feuilleton und das Interview.
Das sechs Kapitel umfassende Buch weist eine Besonderheit auf: Es fehlt ein Kapitel zum Presserecht. Kapitel 4, das dafür möglicherweise vorgesehen war, wird in der Zählung ausgelassen. Auch dadurch fehlt dem Werk jeglicher inhaltliche Bezug zum Nationalsozialismus (siehe auch: Schriftleitergesetz).
Dieses Werk geriet zum ersten praxisbezogenen deutschen Lehrbuch für zeitungswissenschaftlich Studierende, da dem bereits 1902 erschienenen Vorläufer Handbuch der Journalistik von Richard Wrede die Praxisorientierung fehlte. Wrede wollte stattdessen ein theoretisches Lehrbuch zur Presse- und Journalismuskunde verfassen, dessen Zielsetzung es war, der Journalistik zum Rang einer Wissenschaft zu verhelfen.
Für seine Dissertation bildete Roselius eine Stichprobe nach einem Quotenverfahren und entwickelte dazu eine Umfrage, die er nebst erläuterndem Begleitschreiben und Rückporto an 150 Periodika von Schulen und Hochschulen adressierte. Der Rücklauf übertraf seine Erwartungen, so dass er fundierte Ergebnisse in seine Arbeit einfließen lassen konnte.
Dissertation Am 12. Juni 1935 reichte er seine fertige Dissertation bei der Philosophischen Fakultät der Universität München ein. Gutachter waren Karl d’Ester und Aloys Fischer, die der Arbeit das Prädikat „valde laudabilis“ („sehr gut“) bescheinigten und seinem Examen Rigorosum („strenge Prüfung“) am 28. Juni 1935 ebenfalls ein glänzendes Ergebnis zubilligten.Karl d’Ester resp. Aloys Fischer: Gutachten über die Dissertation von Ernst Roselius vom 14. Juni 1935 sowie Protokoll über das Examen rigorosum des Herrn Ernst Roselius vom 28. Juni 1935. In: Promotionsakte Ernst Roselius. Universitätsarchiv München, Philosophische Fakultät.
Roselius’ Dissertation wurde im Juni 1936 als dritter Band der von Karl d’Ester und dem in Leipzig tätigen Zeitungswissenschaftler Hans Amandus Münster (1901–1963) herausgegebenen Schriftenreihe Wesen und Wirkungen der Publizistik unter dem populärer klingenden Titel Amerikanische Jugend schreibt Zeitungen veröffentlicht.
Im Journalism Quarterly, der seinerzeit bedeutendsten journalistischen US-Fachzeitschrift, wurde Roselius’ Werk von Eric W. Allen, Professor für Journalismus an der University of Oregon, als herausragend gelobt. Es beschreibe die Charakteristik der öffentlichen Meinung treffend und analysiere das öffentliche Denken in den USA korrekt. Er empfahl daher, es in die englische Sprache zu übersetzen. Allen hatte im Sommer 1936 Deutschland und das Münchner Institut für Zeitungswissenschaft besucht und dabei auch Roselius kennengelernt.Stefanie Averbeck / Arnulf Kusch: Blick nach Amerika im „Dritten Reich“. Ein disziplinhistorischer Hinweis auf Ernst Roselius (1904–1941) und seine kommunikationswissenschaftliche Erkenntnisperspektive. In: Markus Behmer (Hrsg.): Deutsche Publizistik im Exil. 1933–1945: Personen – Positionen – Perspektiven. Festschrift für Ursula E. Koch, Lit 2006, ISBN 978-3-8258-4615-2, S. 295.
Demgegenüber fiel die deutsche Rezeption der Dissertation durch Karl Bömer in der Zeitschrift Zeitungswissenschaft eher belanglos aus. Roselius reagierte darauf mit einer Replik.Ernst Roselius: Publizistik auf amerikanischen Hochschulen. In: Zeitungswissenschaft, 12. Jg. (1937), Nr. 4, S. 251–254. Das von Roselius thematisierte journalistische Praktikum wurde in der Fachzeitschrift gar nicht diskutiert.Karl Bömer. In: Zeitungswissenschaft, 12. Jg. (1937), Nr. 1, S. 57–58.
Roselius war mit seiner Dissertation genau auf der Höhe der in den 1930er Jahren in den USA stark vorangetriebenen Forschung der Kommunikationswissenschaft, bei der es um die Prozesse der Meinungsbildung und der Propaganda sowie um deren Auswirkungen ging. In Deutschland stand die Thematik durch die NS-Propaganda zwar ebenfalls auf der Tagesordnung, sollte aber öffentlich weniger diskutiert werden, weil sich das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) nicht im Detail in die Karten schauen lassen wollte. Gleichwohl betonte Joseph Goebbels den Wert der Propaganda wiederholt ganz öffentlich.Redeausschnitt: Joseph Goebbels über Propaganda – „Parteigenossen, eine gute Regierung ohne Propaganda kann ebensowenig bestehen wie eine gute Propaganda ohne eine gute Regierung. Beide müssen sich einander ergänzen…“ Videoclip, 1:22 Min. Auf: youtube.de, abgerufen am 30. April 2017.Redeausschnitt: Joseph Goebbels über Propaganda – „Das ist das Geheimnis der Propaganda: den, den die Propaganda fassen will, ganz mit den Ideen der Propaganda zu durchtränken, ohne daß er es überhaupt merkt. Selbstverständlich hat die Propaganda eine Absicht, aber die Absicht wird so klug und so virtuos kaschiert sein, daß der, der von dieser Absicht erfüllt werden soll, das überhaupt nicht bemerkt.“ Videoclip, 0:27 Min. Auf: youtube.de, abgerufen am 30. April 2017.
Habilitation