Politische Lyrik nimmt sich innergesellschaftliche Auseinandersetzungen um politische Macht zum Thema und tritt in der Stimme des Dichters in eigener Parteilichkeit intentional in die Öffentlichkeit. Es ist eine mit lyrischen Mitteln gearbeitete Literatur, „die sich der gleichzeitigen Ereignisse des öffentlichen Lebens, die sich der politischen Zustände, Begebenheiten und Personen ihrer Zeit als ihres Inhalts zu bemeistern, ihnen zu dienen oder sie zu bekämpfen, und in Ernst oder Schimpf, in Lob oder Tadel, als eine öffentliche Macht auf die Geschichte einzuwirken strebt.“Prutz, Robert E.: Die politische Poesie der Deutschen. Leipzig 1845

Politische Lyrik findet ihre Form in sämtlichen lyrischen Gedichttypen und Darstellungsarten: Ballade, Epigramm, Festgesang, Gnomos, Herrscherlob, Hymne, Kirchenlied, Kriegslied, Lehrgedicht, Ideenlyrik, Marschlied, Merkspruch, Protestsong, patriotische Ode, Scherzlied, freier Vers, Volkslied und andere.

Antike Eine Lyrik, die im eigentlichen Sinne die Beziehungen zwischen Bürger und Staat, weitergehend sogar mit Blick auf Verfassungsrechte und Bürgerpflichten darstellt, entsteht erstmals im antiken Sparta des 7. Jahrhunderts v. Chr. Zu dieser Zeit bildete Sparta das Zentrum der griechischen Kultur, Wiege der Chorlyrik, und zog Dichter aus dem gesamten Ägäisraum an. Der Dichter Terpander wurde auf Anregung des delphischen Orakels aus Lesbos gerufen, um politische Streitigkeiten der Lakedaimonier beizulegen. Auf Geheiß des Gesetzgebers Lykurg kam der Kreter Thaletas nach Sparta, um dort mit seiner literarischen Arbeit die geplante Verfassungs- und Landreform zu begleiten. Das Mittel waren unter anderem Festgesänge, die bei den Karneeischen Spielen oder den Gymnopädien vorgetragen wurden. Während des für Sparta lange Zeit staatsgefährdenden zweiten Messenischen Krieges gelangte Tyrtaios zu literarischem Ruhm. Der Päan und die Kriegs-Paränese bildeten die bezeichnenden Gedichttypen, mit denen der politisch-religiöse Zusammenhalt im Staat, aber auch der militärische Zusammenhalt in der Schlachtreihe der Phalanx beschworen wurde. Das bekannteste Beispiel dafür bildet Tyrtaios Eunomia-Elegie, die das Vorbild für eine ähnliche Elegie des Athenischen Gesetzgebers Solon darstellte.

Politische Lyrik in Deutschland Von ihren Anfängen her bietet die deutsche Dichtung durch alle Epochen der Geschichte eine Neigung zum politischen Engagement. Es sind Texte, „die zu den politischen und sozialen Problemen der zeitgenössischen deutschen Geschichte ausdrücklich Stellung nehmen – gleichgültig, ob diese Probleme innenpolitischer oder außenpolitischer Art sind, ob die Besitzverhältnisse oder Existenz- und Wirkungsmöglichkeiten einzelner Gruppen, Schichten und Klassen betreffen“.Binder, Alwin: Kategorien zur Analyse politischer Lyrik. In: Der Deutschunterricht 24 (1972)

Mittelalter Die politische Lyrik des Hochmittelalters (12.–14. Jahrhundert) ist vor allem in den Liederhandschriften der Zeit überliefert, die frühesten bereits in den Carmina Burana. Ihre Verfasser waren meist fahrende Sänger, die Text und Vortrag praktizierten. Ihre Themen waren die Kämpfe der Territorialfürsten im Reich, die Kreuzzüge und Herrscherpersönlichkeiten, mit sowohl lobender wie tadelnder Tendenz. Früheste Lieder mit politischem Inhalt sind neben dem althochdeutschen Ludwigslied einzelne Gedichte von Spervogel und Reimar dem Alten. Noch auf Latein verfasst ist die Kaiserhymne des Archipoeta (Salve, mundi domine). Der bedeutendste politische Dichter dieser Zeit ist Walther von der Vogelweide, der sich in den Auseinandersetzungen zwischen Ottonen und Staufern wechselnd auf den verschiedenen Seiten mit propagandistischem Spottversen Stellung bezog, etwa in der 1213 gegen den Papst und römische Kurie verfasste Strophe „Ahi wie kristenliche nu der babest lachet“. Kontroverse Bewertungen über Reichspolitik der Staufer, die Kirche und Kreuzzüge (Akkon-Sprüche), sowie die Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst sind erhalten von den Dichtern Ulrich von Singenberg, Reinmar von Zweter, Bruder Werner, Freidank, Neidhart, dem Fahrenden Rumelant oder dem betont kirchenkritischen Heinrich von Meißen (genannt Frauenlob). Nach den Wirren des Interregnums gerät die Politik der habsburgischen Kaiser in die Kritik, hierfür stellvertretend steht der Schulmeister von Eßlingen. Ein neuer Typus politischer Agitationslieder entsteht Ende des 14. Jahrhunderts in der Schweiz während der Unabhängigkeitskriege der Eidgenossen gegen die Habsburger.

Reformation, Humanismus und Bauernkriege Mit der von Jan Hus in Böhmen ausgelösten Frühreformation treten religiöse und national-territoriale Selbstbestimmung als Themen hervor. Auf hussitische Texte, die sich gegen Kirche und Kaiser richten, reagieren Dichter wie Muskatblüt und Oswald von Wolkenstein mit anti-hussitischer Dichtung. Literarische Topoi über Heiden und Ketzer, die bereits in der Kreuzzugslyrik verwendet wurden, werden nun auch auf politische Gegner innerhalb des Reiches bezogen. Hinzu kommt nach dem Fall Konstantinopels (1453) die Warnung vor der Türkengefahr, etwa bei Balthasar Mandelreiß oder Hans Rosenblüt, der als Meistsänger und Autor von Fastnachtsspielen stellvertretend für einen neuen Dichtertyp aus der stadtbürgerlichen Kulturschicht steht. Als produktivster politischer Dichter dieser Zeit gilt Michel Beheim, der, obwohl in adligen Diensten tätig, sich in seinen verständlichen Texten schon an ein breites Publikum wendet. Mit dem Buchdruck erweitern sich die Möglichkeiten, ein Massenpublikum zu erreichen. Ulrich von Hutten tritt mit seinen Forderungen nach politischer Neuordnung des Reiches und seinen Appellen an ein Nationalverständnis als vehement politischer Dichter des Humanismus auf. Aus allen Strömungen der Reformation verbreiten sich gegen Rom gerichtete geistlich-politische Lieder, etwa von Martin Luther (Ein‘ feste Burg ist unser Gott), Thomas Müntzer (Herodes, o du boesewicht) oder Johann Walter (Wach auf, wach auf, du deutsches Land!). Auch anti-protestantische, katholische Stimmen wie Thomas Murner finden ein breites Publikum. In Kreisen der von beiden Konfessionen verfolgten Täuferbewegung entstehen Klage- und Märtyrerlieder, beispielsweise von Leonhard Schiemer, über ihre hingerichteten Glaubensgenossen. In hohen Druckauflagen verbreiten sich Kampflieder, Parodien, Flugblätter im Land, deren viele Verfasser aus Angst vor Entdeckung anonym bleiben. Eine verstärkte Polarisierung und Politisierung ergibt sich aus Anlass der Bauernkriege, sowohl aus Kreisen der aufständischen Bauern- und Bundschuhanhänger wie Conz Annahans als auch Vertretern der Feudalkräfte wie Lienhart Ott oder Schenkenbach. Politisch einzuordnen sind auch die nun entstehenden Landsknechtslieder,Vgl. Günter Skopnik (Hrsg.): Deutsche Landsknechtslieder. Berlin, um 1934 (Werbegabe für die Freunde des Volksverbandes der Bücherfreunde).Wendelin Toischer: Die Lieder der Landsknechte und die Soldatenlieder (= Sammlung Gemeinnütziger Vorträge. Band 92). Prag 1884.Vgl. auch Fritz Wortelmann (Hrsg.): Alte Landsknechtslieder. Mit Lautenbegleitung versehen von Emil Hegel. Buchschmuck von Herbert Schimkowitz. Gerlach & Wiedling, Wien/Leipzig 1931. etwa das wohl fälschlichFritz Wortelmann (Hrsg.): Alte Landsknechtslieder. Mit Lautenbegleitung versehen von Emil Hegel. Buchschmuck von Herbert Schimkowitz. Gerlach & Wiedling, Wien/Leipzig 1931, S. 18.Alfred Götze: Jörg Graff, Landsknecht und Poet. In: Zeitschrift für deutschen Unterricht. Band 27, 1913, S. 81–107. Jörg Graff zugeschriebene Ein neu Lied, von dem Landsknecht auf der Stelzen.Ralf Vollmuth: Die sanitätsdienstliche Versorgung in den Landsknechtheeren des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit: Probleme und Lösungsansätze. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 51), ISBN 3-88479-800-6; zugleich Medizinische Dissertation Würzburg 1990, S. 174–175. Die Literatur dieser Zeit bringt Formen und Topoi hervor, die im Dreißigjährigen Krieg eine neue Wucht entfalten.

Barock und Dreißigjähriger Krieg Der Dreißigjährige Krieg überschattet mit seinen Verwüstungen die Lyrik des 17. Jahrhunderts. Die politische Dichtung der Epoche spiegelt die Parteilichkeit und verbindet die Klage um die Zerstörung mit erwachender Vaterlandsliebe. Als außenpolitische Themen werden die Abwehr des an den Rhein vordringenden Frankreichs und des erneut Wien angreifenden Osmanischen Reiches verhandelt. Die Lyrik wird zu einem entscheidenden Faktor in der engagierten Publizistik, gerade auch in einer ungeheuren Menge zum Teil anonymer Flugschriften, Flugblätter oder polemischer Pasquillen. Es ist zuvorderst der Dichter Georg Rodolf Weckherlin, der mit seinen Oden in den „Gaistlichen und Weltlichen Gedichte“ die Maßstäbe für die scharf formulierte, politische Lyrik der Zeit setzt (An das Teutschland; Von dem König von Schweden). Wie Weckherlin stellen sich auch Diederich von dem Werder, Georg Philipp Harsdörffer und Paul Fleming gegen die katholische Liga und auf die Seite der protestantischen Kriegspartei. Nicht selten, dies lässt sich auch bei Simon Dach, Martin Opitz und Andreas Gryphius finden, stellen sich die Lobeshymnen an absolutistische Herrscher in die Tradition der Panegyrik, teilweise verbunden mit moralischen Reflexionen über gutes Regieren in Sinne der Fürstenspiegel. Satirische Sozialkritik findet sich in den Epigrammen eines Friedrich von Logau.

Die Epoche der Aufklärung mini|hochkant|Siegesode auf König Friedrich (1758)