Henri Paul (* 3. Juli 1956 in Lorient; † 31. August 1997 in Paris) war der Fahrer des Mercedes-Benz S280, mit dem am 31. August 1997 Diana, Princess of Wales, ihr Lebenspartner Dodi Al-Fayed und er selbst tödlich verunglückten. Als kommissarischer Sicherheitschef des Hôtel Ritz war Paul an diesem Abend bereits außer Dienst, wurde jedoch zurückgerufen und kam schließlich in die Situation, Diana und Dodi Al-Fayed zu chauffieren. Der Wagen verunfallte mit überhöhter Geschwindigkeit im Tunnel Pont de l’Alma, nur der Leibwächter Al-Fayeds, Trevor Rees-Jones, überlebte.
Infolge des Unfalls entstanden Verschwörungstheorien. Die offiziellen französischen und britischen Untersuchungen sahen die Hauptverantwortung bei Paul, der unter Alkoholeinfluss gestanden hatte, die Fahrtüchtigkeit möglicherweise zusätzlich beeinflussende Medikamente einnahm, und in weiterer Folge rücksichtslos fuhr.
Persönlicher Hintergrund Henri Paul war einer von fünf Söhnen von Jean Paul und Gisèle Paul. Er erlangte das Baccalauréat. Seine Privatflieger-Lizenz erhielt er 1976.Operation Paget Report (PDF, 3,8 MB), S. 155. BBC, abgerufen am 8. Juni 2018. Die Fliegerei war ein leidenschaftliches Hobby von ihm.Coroner’s Inquests into the Deaths of Diana, Princess of Wales and Mr Dodi Al Fayed – Hearing Transcripts, 3. Oktober 2007, Abschnitt 22. The National Archives, abgerufen am 10. Juni 2018. 1979 hatte er den einjährigen Militärdienst abgeleistet. In Paris war Paul zwischen 1983 und 1986 als Angestellter beschäftigt und verkaufte Segelboote. Er besaß ein Yamaha-Vmax-Motorrad, das er in seiner Freizeit für Fahrten in der heimatlichen Bretagne benutzte. Privat fuhr er einen Kleinwagen (Mini).Operation Paget Report, S. 161–165.
Das medizinische Tauglichkeitszeugnis
Drei Tage vor dem Autounfall bestand Paul die jährlich vorgeschriebene physische Pilotenuntersuchung, die üblicherweise Tests für jedwede Alkoholprobleme (einschließlich Blut- und Lebertest) beinhaltet. Seine Eltern behaupteten, dass diese Tests aufgezeigt hätten, wenn er ernsthafte Alkoholprobleme gehabt hätte. Das originale Certificat d’aptitude physique et mentaleVgl. Fotografie vom Certificat d’aptitude physique et mentale Daily Mirror, abgerufen am 7. Juni 2018. wurde 1998 in der ZDF-Sendung Diana – Geheimnisse der Todesnacht gezeigt. Im Rahmen der Operation Paget eruierte man die 1997 europaweit gültigen Standards für medizinische Tauglichkeitszeugnisse. Dabei stellte sich heraus, dass bei Privatpiloten kein medizinischer Test für Alkoholismus, sondern lediglich eine Eigenerklärung über etwaige Alkoholprobleme erforderlich gewesen war. Paul hatte diese verneint; der Fliegerärztin, welche ihn untersucht hatte, waren ebenfalls keine aufgefallen.Operation Paget Report, S. 176 & 373. Jedoch hatte er in seinem Tauglichkeitszeugnis die Auflage erhalten, wegen seiner Fehlsichtigkeit stets eine Brille zu tragen.Operation Paget Report, S. 175.
Beruflicher Hintergrund Er wurde 1986 beim hauseigenen Sicherheitsdienst des Hôtel Ritz eingestellt. Ein bei der lokalen Polizei arbeitender Freund hatte ihn einst empfohlen. Paul schaffte den Aufstieg zum stellvertretenden Sicherheitschef und befasste sich mit der Abwicklung der Prozeduren der Sicherheitsabteilung.Operation Paget Report, S. 159. Nachdem der Sicherheitschef Jean Henri Hocquet im Juni 1997 ausgeschieden war, räumte dessen Nachfolger schon kurz danach ebenfalls den Posten.Coroner’s Inquests into the Deaths of Diana, Princess of Wales and Mr Dodi Al Fayed – Hearing Transcripts, 5. Dezember 2007, Abschnitt 31. The National Archives, abgerufen am 21. Januar 2020. Paul hingegen kam nicht als Sicherheitschef in FrageCoroner’s Inquests into the Deaths of Diana, Princess of Wales and Mr Dodi Al Fayed – Hearing Transcripts, 29. November 2007, Abschnitt 46. The National Archives, abgerufen am 21. Januar 2020. – zwar sei er geeignet gewesen, habe die Position aber nie angestrebtOperation Paget Report, S. 159. () –, weshalb er die Aufgaben der nunmehr vakanten Stelle lediglich interimistisch übernahm.Operation Paget Report, S. 158. Dies hatte einen zusätzlichen Arbeitsaufwand für ihn zur Folge, der zuweilen auch mit Stress verbunden war.Operation Paget Report, S. 174. ()
In der Vergangenheit nahm Paul an mindestens vier speziellen Fahrertrainings von Mercedes-Benz teil. Er hatte keine behördliche Genehmigung, eine spezielle Lizenz namens Grande Remise, die als Chauffeur einer gemieteten Limousine gesetzlich vorgeschrieben war. Das Chauffieren von Personen gehörte nicht zu seinen Dienstpflichten.Operation Paget Report, S. 158 f. & 163 f.
Unfall Paul versuchte, mit stark überhöhter Geschwindigkeit den Paparazzi zu entkommen, die den Wagen verfolgten, als der von ihm gefahrene schwarze Mercedes-Benz S 280 frontal gegen den 13. Mittelpfeiler fuhr, der den Pont-de-l’Alma-Tunnel stützt. Pauls Blutalkoholkonzentration wurde in weiterer Folge zwischen 1,72 g/L und 1,75 g/L (⪆0,17 % mass/vol.) festgestelltOperation Paget Report, S. 364 ff. – ein Wert, der mehr als das Dreifache des Grenzwertes für alkoholisiertes Fahren unter französischem Recht darstellt. Pauls Eltern bestritten die Authentizität und Genauigkeit der Testergebnisse,Family of Diana Crash Driver Speak of Their Legal Battle BBC, abgerufen am 1. Mai 2017. wie auch Dodis Vater, Mohamed Al-Fayed.Fayed joins Diana crash action BBC News, abgerufen am 1. Mai 2017.
Französische Ermittlungen Pauls Freunde sagten gegenüber der französischen Polizei aus, dass er bei geselligen Anlässen auch nach ein paar Drinks mehr als üblich nicht wie ein Betrunkener wirkte.Operation Paget Report, S. 166–170. In ihrer Stellungnahme gegenüber der französischen Polizei erklärte die Ärztin Dominique Mélo, mit der ihn bereits seit seiner Schulzeit eine jahrzehntelange Freundschaft verband,Operation Paget Report, S. 156. dass Paul wie jeder andere trank, aber nicht im Übermaß.Operation Paget Report, S. 168. Er habe weder die klinischen Anzeichen noch das Verhalten eines chronischen Alkoholikers gezeigt.
Mélo sagte weiter aus, dass Paul in den zwei Jahren vor seinem Tod depressive Phasen hatte – aufgrund der Beendigung einer LangzeitbeziehungOperation Paget Report, S. 156 f. – und manchmal allein zuhaus trank. Sie glaubte nicht, dass er alkoholabhängig war. Paul war diesbezüglich jedoch besonders besorgt: Ihn beunruhigte die Vorstellung, dass er eines Tages dem Alkohol gänzlich verfallen könnte.Operation Paget Report, S. 171 f. & 177. Ab Juni 1996 verschrieb sie ihm daher Noctamid, und um ihn zusätzlich zu stabilisieren ein Anti-Alkoholmedikament namens Aotal (Acamprosat), sowie Tiapridal.Coroner’s Inquests into the Deaths of Diana, Princess of Wales and Mr Dodi Al Fayed – Hearing Transcripts, 17. März 2008, Abschnitt 115. The National Archives, abgerufen am 26. Oktober 2018. Im März 1997 verschrieb sie ihm auch Prozac,Coroner’s Inquests into the Deaths of Diana, Princess of Wales and Mr Dodi Al Fayed – Hearing Transcripts, 17. März 2008, Abschnitt 116. The National Archives, abgerufen am 26. Oktober 2018. das Paul bislang über einen anderen Arzt bezogen hatte. Sie sagte außerdem, dass Paul manchmal seine Medikamente nicht einnahm, um bei sozialen Anlässen maßvolle Mengen an Alkohol trinken zu können.
Die analysierten Blutproben enthielten keinerlei Spuren von Aotal und Noctamid. Nachweisen konnte man das Antidepressivum Prozac und Spuren des Neuroleptikums Tiapridal.Operation Paget Report, S. 364 f. Seine Leber wurde in der Autopsie für augenscheinlich normal befunden.Operation Paget Report, S. 373. Ein verschreibungspflichtiges Mittel, genannt Zentel (Albendazol), das zur Behandlung von Wurminfektionen verwendet wird, fand sich in Haarproben von Paul.Operation Paget Report, S. 365. Woher er dieses Präparat hatte, ist unbekannt.Operation Paget Report, S. 344 f.
Britische Ermittlungen Die Operation Paget stellte die Authentizität der postmortalen Blutuntersuchungen durch DNA-Vergleiche der fraglichen Blutproben fest, bei denen ein DNA-Profil daraus mit jenem von Pauls Mutter verglichen wurde. Die Testergebnisse ergaben eine mütterliche Verwandtschaftsverbindung zwischen den Profilen mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,9997 % und darüber.Operation Paget Report, S. 355. Der ungewöhnliche CO-Wert seiner Blutprobe wurde der Körperregion zugeschrieben, aus der sie entnommen worden war, als auch dem dicht bebauten städtischen Raum, in dem er lebte, und dem Rauchen kleiner Zigarillos in den Stunden vor seinem Tod.Operation Paget Report, S. 373–380. Ein Experte erklärte, dass die 1997 zur Feststellung des CO-Wertes verwendeten Analysegeräte nicht für post-mortale Untersuchungen ausgelegt waren.Coroner’s Inquests into the Deaths of Diana, Princess of Wales and Mr Dodi Al Fayed – Hearing Transcripts, 22. Januar 2008, Abschnitt 27–28. The National Archives, abgerufen am 26. Oktober 2018.
Es stellte sich heraus, dass John Stevens im November 2006 ein Treffen mit Pauls Eltern hatte und ihnen gesagt habe, ihr Sohn sei nicht betrunken gewesen, und man habe herausgefunden, dass er unstrittig zwei alkoholische Getränke zu sich genommen hatte.Lord Stevens demands apology for Al Fayed allegations ‘that he failed to properly investigate Diana’s death’ Evening Standard, abgerufen am 1. Mai 2017. Fünf Wochen später konnte man im veröffentlichten Ermittlungsbericht lesen, dass Paul zweifach über dem erlaubten britischen Grenzwert (0,8 Promille) und dreifach über dem französischen Limit (0,5 Promille) war.Operation Paget Report, S. 367 f. Ein Experte schätzte, dass Paul das Äquivalent von 5–8 Gläschen Ricard vor der Fahrt getrunken hatte.Coroner’s Inquests into the Deaths of Diana, Princess of Wales and Mr Dodi Al Fayed – Hearing Transcripts, 21. Januar 2008, Abschnitt 100–101. The National Archives, abgerufen am 23. Oktober 2017.
Bei der britischen Untersuchung im Februar 2008 verneinte Stevens eine absichtliche Irreführung von Pauls Eltern und erklärte den augenscheinlichen Widerspruch in seinen Stellungnahmen damit, dass Paul nicht der üblichen Definition eines Betrunkenen entsprach, die von beobachtbarem physischen Verhalten abhängt. Er stand dennoch klar unter dem Einfluss von Alkohol und war fahruntüchtig.
Kontakt mit Paparazzi
In zuvor unveröffentlichten Videoüberwachungs-Aufnahmen, die bei der britischen Untersuchung am 4. Oktober 2007 der Jury vorgeführt wurden, ist Henri Paul in der Unfallnacht zu sehen, wie er den Fotografen zuwinkt.Diana’s driver alerted paparazzi, video of last minutes shows The Guardian, abgerufen am 1. Mai 2017. Inspektor Carpenter sagte hierzu bestätigend aus, Paul habe wenige Minuten vor dem Aufbruch des Paares den Fotografen zugewinkt.Bilder einer Überwachungskamera zeigen, wie Henri Paul kurz vor der Todesfahrt den wartenden Paparazzi ein Zeichen gibt, B.Z., abgerufen am 31. August 2017.Were paparazzi given a tip-off by Henri Paul? Daily Express, abgerufen am 1. Mai 2017. Er sagte außerdem, dass ein Fotograf nahe der Stelle, an der das Paar später das Hotel verließ, Kontakt mit anderen Paparazzi hielt. Dies schürt angeblich Zweifel an dem lange gehegten Glauben, die Gruppe Paparazzi, die vor dem Hotel wartete, hätte von sich aus, ohne jegliche Hilfe aus dem Hotel, gehandelt.Princess Diana's driver 'tipped off paparazzi' The Daily Telegraph, abgerufen am 1. Mai 2017
Verschwörungstheorien Involvierung mit nationalem Geheimdienst In den Jahren nach seinem Tod gab es Behauptungen über Paul betreffend seiner angeblichen Verwicklungen mit dem französischen Geheimdienst oder jenen im Vereinigten Königreich. Auch diese Behauptungen wurden durch die Metropolitan Police im Rahmen der Operation Paget untersucht, die von John Stevens geführt wurde und fast 3 Jahre andauerte. Das Kapitel 4 des Ermittlungsberichts behandelt durchgängig die Vorwürfe gegenüber Henri Paul.Operation Paget Report, S. 150–389.