mini|hochkant|Isometrische Darstellung, Grundriss und Schnittzeichnung des Grabes

KV60 (Kings’ Valley no. 60) bezeichnet ein altägyptisches Grabmal im Tal der Könige. Es wurde aufgrund einer Inschrift auf einem vorgefundenen Holzsarg der Amme von Königin Hatschepsut, Sitre-In, in die 18. Dynastie (Neues Reich) datiert.

Entdeckung und Ausgrabung Das Grab wurde 1903 von Howard Carter entdeckt, der zu dieser Zeit für Theodore M. Davis tätig und zugleich Oberinspektor der ägyptischen Altertümerverwaltung (Service des Antiquités d’Egypte) in Oberägypten und Nubien war. Carters Untersuchung von KV60 war flüchtig. Einen Plan des Grabes fertigte er nicht an, vermerkte aber seine Lage. Die Ergebnisse dieser Ausgrabung veröffentlichte er im selben Jahr in Annales du service des antiquités de l’Égypte. Drei Jahre später stieß Edward R. Ayrton, der nun der für Davis arbeitende Ägyptologe war, erneut auf das Grab. Auch er erstellte keinen Plan des Grabes.

Danach geriet KV60 in Vergessenheit, bis es 1989 von Donald P. Ryan von der Pacific Lutheran University wiederentdeckt und bis 1990 ausgegraben wurde. Die Arbeiten erfolgten im Rahmen eines Projektes, dessen Ziel es war, bereits einmal bekannte, aber dann wieder verloren gegangene Gräber im Tal der Könige zu finden, zu untersuchen und zu dokumentieren. Dem Zustand zum neuerlichen Freilegungszeitpunkt nach war KV60 nach den Besuchen durch Carter und Ayrton nicht mehr betreten worden. Ryan veröffentlichte seine Ausgrabungsergebnisse unter anderem in KMT – A Journal of Ancient Egypt.

Lage und Architektur KV60 liegt im südöstlichen Bereich des Osttals im Tal der Könige in der Nähe von KV19 (Montuherchepschef) und gegenüber von KV20 (Thutmosis I. und Hatschepsut). Die Grabachse verläuft gerade. Das Grab ist über eine steile Treppe erreichbar, die in einen Korridor übergeht, an dessen Ende sich die 55,66 m² große Grabkammer anschließt. Vom Korridor geht eine kleine Nebenkammer (5,01 m²) ab.

Alle Wände im Grab sind ungleichmäßig und nur grob behauen, nicht geglättet und nicht verputzt. Dadurch hat es eine asymmetrische Form, die sich vergleichsweise bei bisher im Tal entdeckten Königsgräbern nicht findet. Eine ursprünglich geplante Verwendung für ein Mitglied einer Königsfamilie wäre damit auszuschließen.Nicholas Reeves, Richard H. Wilkinson: Das Tal der Könige. Geheimnisvolles Totenreich der Pharaonen. München 1997, S. 187.

Die einzige Dekoration bilden zwei Udjat-Augen, die am Anfang des Korridors in gegenüber liegenden Nischen angebracht sind. Diese Zeichen mit Amulett-Charakter sind seit dem Neuen Reich häufig auf Särgen zu finden. Die „Blickrichtung“ der Horusaugen ist verschieden, so blickt eines in das Grabesinnere Richtung Grabkammer, das andere hinaus Richtung Grabeingang.

Funde mini|hochkant|Howard Carter 1924 mini|hochkant|Edward R. Ayrton

Howard Carter vermerkte bei seiner Entdeckung 1903 die Überreste einer stark beraubten Bestattung sowie zwei Mumien und einige mumifizierte Gänse. Die Mumien beschrieb er in seinem Bericht als „ältere Personen“, die sehr gut erhalten waren und langes goldfarbenes Haar hatten. Vom Sarg war nur der Boden erhalten geblieben, der Deckel fehlte. Das einzige, was er als „von Wert“ beschrieb, war der Sarg mit hieroglyphischen Inschriften. Carter entfernte die Gänse, ließ jedoch beide Mumien und den Sarg an Ort und Stelle und verschloss das Grab wieder.Howard Carter: Excavations at Biban El-Moluk (1903). In: Annales du service des antiquités de l’Égypte. Suppleménts 4. Institut Français d’Archéologie Orientale, Kairo 1903, S. 167–177.

Nach der erneuten Öffnung des Grabes 1906 durch Edward R. Ayrton ließ dieser die Sargwanne und die darin befindliche Mumie in das Ägyptische Museum in Kairo bringen. Zu welchem Zeitpunkt das genau erfolgte, ist nicht bekannt. Die zweite Mumie, die am Boden neben dem Sarg gelegen hatte, beließ auch er im Grab.Theban Mapping Project: (englisch), abgerufen am 25. April 2017.

Nach Wiederauffindung des Grabes 1989 waren unter den Funden, neben der in der Grabkammer verbliebenen Mumie, verstreut liegende und mumifizierte Lebensmittelvorräte, Keramikfragmente, Teile von Begräbnisausstattungen, Teile von Schmuck, Mumienbinden, Skarabäen, Werkzeuge und mumifizierte Säugetiere. Auch die aus Holz bestehenden Sargoberflächen, die Howard Carter erwähnt hatte, waren noch vorhanden. Diese waren, wie schon von Carter festgestellt, im Altertum mit einer Axt bearbeitet worden, um die Goldfolien von der Oberfläche zu lösen. Auch fanden sich zahlreiche Stücke aus Kartonage, die von der Sargoberfläche stammten. Einer der größeren Holzreste war zum Teil mit einer schwarzen Substanz überzogen, zeigte aber auch blau-grüne Linien, die auf einen gemalten Kopfschmuck hindeuteten. Bei einer genaueren Untersuchung entdeckte Ryan 2008 an dem Stück etwas, „das wie eine Hieroglyphe aussah“. Das Holz wurde durch einen Konservator gereinigt, woraufhin nicht nur ein Text mit einem Namen sichtbar wurde, sondern auch eine Darstellung der Göttin Nephthys, die den Begräbnistext für eine Tempelsängerin namens Ty spricht. Allerdings ist die Inschrift zum Teil etwas unscharf und der Name wurde wahrscheinlich über einen anderen geschrieben. Die ursprüngliche Version scheint für einen Mann verfasst worden zu sein. Ein anderes Stück vom Fußende wurde ebenfalls gereinigt und zeigt eine Darstellung der Göttin Isis.

Die Keramikreste ließen sich auf keinen Zeitpunkt vor der 20. Dynastie datieren, weshalb Donald P. Ryan annimmt, dass das Grab eher aus dieser Zeit stammt. Eine andere Möglichkeit ist, dass KV60 in der 18. Dynastie angelegt, aber nicht benutzt wurde, und im Altertum zufällig bei den Arbeiten für KV19, das Grab von Montuherchepschef, einen Sohn von Pharao Ramses IX., entdeckt wurde.

Die Fundsituation der Mumien spricht dafür, dass eine oder sogar beide ursprünglich an einem anderen Ort bestattet und zu einem unbestimmten Zeitpunkt nach KV60 umgebettet worden waren. Solche Umbettungen waren nicht unüblich und sind für andere Gräber im Tal der Könige bezeugt, wie beispielsweise KV35 und KV55.Nicholas Reeves, Richard. H. Wilkinson: Das Tal der Könige. Geheimnisvolles Totenreich der Pharaonen. München 1997, S. 186. Gemäß den weiteren Funden, die von unterschiedlichen Orten stammen müssen, hält Donald P. Ryan dieses Grab für ein Versteck.

Bestimmung und Untersuchung der Mumien mini|hochkant|Zahi Hawass 2009

Die Geschichte der Zuordnung der Identitäten der Mumien ist sehr wechselhaft. Percy E. Newberry, der bei der Ausgrabung von Howard Carter anwesend war, vermutete in den beiden Mumien die Ammen von Thutmosis IV., dessen Grab (KV43) sich in der Nähe befindet.

Als Ayrton die Mumie mit Sarg nach Kairo bringen ließ und diese dort erst 1916 mit TR24.12.16.1 inventarisiert wurde,Zahi Hawass: Quest for the mummy of Hatshepsut. In: KMT. A Modern Journal of Ancient Egypt. Ausgabe 17, Nummer 2, Sommer 2006, S. 41. ging man nach der Inschrift auf dem Sarg von einer Dame namens Sitre-In (oder auch nur „In“ bezeichnet) aus, der Amme von Königin Hatschepsut, die bereits von einer in Deir el-Bahari gefundenen Sandsteinstele (JE 56264) bekannt war.

Als Donald P. Ryan die im Grab verbliebene Mumie vorfand, hatte sich das lange Haar inzwischen vom Schädel gelöst und lag unter dem Kopf. Der linke Arm war in der für altägyptische Königinnen typischen Bestattungshaltung über der Brust angewinkelt. Die Zähne erwiesen sich bei genauerer Untersuchung als sehr abgenutzt, was für einen älteren Menschen spricht. Ferner wurde festgestellt, dass die mumifizierte Person recht beleibt gewesen war. Die Eingeweide waren bei der Mumifizierung nicht wie üblich durch die untere Bauchdecke, sondern durch das Becken entfernt worden. Elizabeth Thomas vermutete 1966 in dieser Mumie die von Königin Hatschepsut, wofür ihrer Meinung nach neben den gefundenen Utensilien, die einem König zuzuordnen waren, auch die Armhaltung sprach.Nicholas Reeves, Richard. H. Wilkinson: Das Tal der Könige. Geheimnisvolles Totenreich der Pharaonen. München 1997, S. 186. Donald P. Ryan sah in dieser Mumie ebenfalls die der Hatschepsut. Bevor das Grab 1990 wieder verschlossen wurde, war die Mumie zu ihrem Schutz in einen Holzkasten gelegt worden.

2006 öffnete Zahi Hawass im Rahmen von Filmarbeiten des Discovery Channel im Tal der Könige das Grab erneut und begann ab diesem Zeitpunkt mit seiner „Suche nach der Mumie von Königin Hatschepsut“, die der Film dokumentieren sollte. Die Mumie der Königin hatte sich nicht in der „Königscachette von Deir el-Bahari“ (DB/TT320) befunden und galt als „verschollen“. Im Gegensatz zu Thomas und Ryan kam Hawass zur Identität der Mumien zu einer anderen Schlussfolgerung. Die ursprünglich als Amme Hatschepsuts identifizierte Mumie sei die der Königin, da das Gesicht „recht königlich“ wirke, und die im Grab zurück gelassene Mumie sei die der Amme Sitre-In. Die Armhaltung müsse nicht auf eine Königin hindeuten. Hatschepsuts Mumie sei während der 21. oder 22. Dynastie zum Schutz in den Sarg ihrer Amme gelegt worden.Zahi Hawass: Quest for the mummy of Hatshepsut. In: KMT. A Modern Journal of Ancient Egypt. Ausgabe 17, Nummer 2, Sommer 2006, S. 43. Die Mumie wurde ein Jahr später nach Kairo gebracht.

Die Untersuchungen der beiden Mumien, nun als KV60A und KV60B bezeichnet, erfolgten 2007. In einem durch den Discovery Channel geförderten und unter Leitung von Zahi Hawass stehenden Projekt sollten verschiedene Mumien mittels CT untersucht werden. Ziel war zum einen, familiäre Ähnlichkeiten beziehungsweise Verbindungen aus der Zeit der Thutmosiden zu ermitteln und entsprechende Zuordnungen treffen zu können, und zum anderen zu bestimmen, welche der beiden Mumien die der Hatschepsut sein könnte. Unter den untersuchten Mumien befanden sich unter anderem die von Thutmosis II., Thutmosis III., die vermutliche Mumie Thutmosis I., die alle drei in der Cachette von Deir el-Bahari gefunden worden, sowie zwei weibliche unbekannte Mumien. Zu den Untersuchungen gehörte neben radiologischen Verfahren auch die Bestimmung von DNA. Dafür war im Ägyptischen Museum als Teil der Dokumentation Secrets of Egypt’s lost Queen eigens ein Labor eingerichtet worden.

KV60A mini|hochkant|Statue der Hatschepsut im Metropolitan Museum of Art

Im Vergleich mit allen untersuchten Mumien wies KV60A in der Schädelform Ähnlichkeit mit den als Thutmosis II. und Thutmosis III. identifizierten Mumien auf. Zur Bestimmung der Mumie Hatschepsuts wurden zudem verschiedene Objekte, die Hatschepsut zugeordnet werden konnten, mit in die Untersuchung einbezogen.

Darunter war ein in der 1871 von der Familie Abd el-Rassul entdeckten und 1881 durch Emil Brugsch geräumten Cachette von Deir el-Bahari gefundenes kleines Kästchen (JE 26250) mit den Kartuschen des Thronnamens (Maat-Ka-Re – Gerechtigkeit und Lebenskraft des Re) und dem Eigennamen der Hatschepsut (Hat-schepsut-chenemet-Amun – Die erste der Damen, die Amun umarmt). In dem Behältnis befand sich ein mumifiziertes Organ, das als Leber oder Milz angesehen wurde. Gaston Maspero beschrieb das Kästchen 1889 in Les Momies Royales de Deir el Bahari. Das Ergebnis der CT-Untersuchung zeigte als Inhalt einen einzelnen Molaren, dem eine Zahnwurzel fehlte, das bisher bekannte eingewickelte, mumifizierte Organ sowie weiteres, vermutlich organisches Material, das von der Königin stammen könnte. Die kleine Kiste wird deshalb auch als „Kanopenkästchen“ bezeichnet, obwohl eine Kiste dieser Art keiner bisher bekannten Funktion einer Kanope entspricht und deshalb außergewöhnlich ist.