mini|Höllengeld aus einem Asia-Markt in Hamburg, das einer 500-Euro-Banknote nachempfunden ist, mit der Unterschrift des damaligen EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet (2012).
Höllengeld ( oder ) imitiert reguläre Banknoten mit übertrieben hohen Wertangaben und ist die verbreitetste Form von joss paper (; für „Goldpapier“, „Schicksalspapier“) oder joss money (; für „Geistergeld“, „Schicksalsgeld“). Höllengeld wird als Brandopfer im Ahnenkult dargebracht, hauptsächlich in der Religion des Daoismus in China. Es ist in allen ostasiatischen Kulturen seit etwa 1000 Jahren bekannt, religiös vor allem mit dem Buddhismus und seinen Strömungen verknüpft und wird überall verwendet, wo dieser präsent ist. Andere Formen sind aus Papier gebastelte weltliche Wertgegenstände oder vergoldete bzw. versilberte, rechteckige Papierstücke, auf die mitunter gute Wünsche geschrieben werden vor dem Verbrennen.
Etymologie mini|Der kopflose Geist eines kürzlich Verstorbenen vor dem „Erdgericht“. Auf der Tafel, die vom Gerichtsdiener gehalten wird, steht: „Qin Huis zehn hinterhältige Verbrechen“ (chinesische Unterweltrolle, 19. Jahrhundert).
Der Begriff „Hölle“ auf Höllengeldscheinen () bezieht sich auf das Konstrukt des Diyu ( für „Unterwelt-Gefängnis“; auch für „Unterwelt-Gericht“), das im Daoismus und bei anderen buddhistischen Strömungen bekannt ist. Darum sind die Schriftzeichen dafür auf jedem Höllengeldschein zu finden. Nach traditionellem chinesischen Verständnis bezeichnet dies den Ort, an dem die Seelen der Toten vom Herrn des „Erdgerichts“, Yan Wang, abgeurteilt werden. Nach diesem Urteil werden sie entweder in den Himmel oder in ein Labyrinth von Ebenen und Kammern der Unterwelt geleitet, um dort für ihre Sünden zu büßen.Wolfgang Münke: Die klassische chinesische Mythologie. Stuttgart (Klett): 1976. ISBN 978-3-12-906010-0. Zudem gibt es im Daoismus vereinzelt die Ansicht, dass ein Verstorbener eine bestimmte Summe Höllengeldes beim „Erdgericht“ im Jenseits zur Bezahlung eines (teilweisen) Ablasses für seine Verfehlungen in seinem irdischen Leben benötige.
Im Buddhismus entspricht das Diyu eher einem Purgatorium, wobei Frauen ein „Blutbecken“ bzw. „Blutteich“ vorbehalten ist. Der dortige Aufenthalt dient der Läuterung vor der Wiedergeburt. Einigen Strömungen des Buddhismus nach werden nur die durch ein Gewaltverbrechen zu Tode gekommenen Menschen zu Geistern, die man mit Höllengeld besänftigen muss, damit sie nicht die Lebenden heimsuchen.
Im Daoismus, wie er in Singapur praktiziert wird, herrscht der Glaube vor, dass jeder durch einen Kredit von der Höllenbank geboren wird, den die Angehörigen nebst Zinsen innerhalb einer Frist von 49 Tagen nach dem Sterbedatum durch das Verbrennen von Höllengeld zurückzahlen müssen.
Eine Theorie des Philosophen und Sinologen Wenchao Li von der Universität Hannover und Inhaber der Leibniz-Stiftungsprofessur besagt, dass der Begriff der „Hölle“ von christlichen Missionaren in China eingeführt wurde, die lehrten, dass alle Nichtchristen der chinesischen Bevölkerung nach dem Tod „in die Hölle fahren“ würden. Es kam zu einer missverständlichen Auslegung, nach der die „Hölle“ generell fürs Jenseits stand, die sich etablierte.Wenchao Li: Die christliche China-Mission im 17. Jahrhundert. Verständnis, Unverständnis, Mißverständnis. Eine geistesgeschichtliche Studie zum Christentum, Buddhismus und Konfuzianismus. Stuttgart (Steiner): 2000. ISBN 978-3-515-07452-0. Einige moderne Höllengeldscheine versuchen, dies zu korrigieren, indem sie den Begriff durch „Himmel“ () oder „Paradies“ () ersetzen.
Varianten von Höllengeld und joss paper sowie deren Verbreitung links|mini|Eine 20-Custom-Gold-Unit-Banknote; Republik China (1930). links|mini|Höllengeld als Münzimitat aus Goldfolie aus der Jin-Dynastie (265–420 vor Christus). mini|Stapel von gold- und silberfarbenem joss paper in einem Geschäft für Ritualartikel in Hongkong (2009). mini|Hausimitate aus Papier zur Brandopferung (Hongkong, 2008).
Höllengeld wurde schon vor 1.000 Jahren in Asien verbrannt; die ersten Belege dafür finden sich aus der Zeit der Drei Reiche um 220 vor Christus. Unbeschriftetes, weißes Papier wurde damals in Münzform geschnitten und zur Besänftigung der Geister verbrannt. Daneben existierte Höllengeld in Form von Münzimitaten aus dünngewalzter Goldfolie.Anna Saradha, Lee Mandy, Ong Shikai und Jeremy Yeow: Projekt: The Burning Question about a Dying Practice. Module HH4014: A Global History of Death (Instructor: Dr. Song-Chuan Chen). Nanyang Technological University, Singapur 2015. Ab dem 12. Jahrhundert galt es als üblich bei Bestattungen, Brandopfer aus Papier (wie heute Höllengeld und imitierte Gebrauchsgegenstände) darzubringen.Sidney D. Gamble: Burning incense and ghost money in Miao Feng Shan. China 1924.
Typische Höllengeldscheine sind vom Design den Custom-Gold-Unit-Banknoten () der Republik China nachempfunden, die avers das Porträt Sun Yat-sens zeigen und revers eine Abbildung der Bank of China: Die Vorderseite zeigt meist ein Bildnis des Jade-Kaisers Yu Di, der nach daoistischem Verständnis der „Herrscher des Himmels“ ist, seine Unterschrift (romanisiert als „Yu Wong“ oder „Yuk Wong“) und die Signatur von Yanluo (), dem „König der Hölle“ (romanisiert als „Yin Low“). Auf der Rückseite der Höllengeldscheine sieht man eine stilisierte Darstellung der „Höllen-Bank“ als ein Gebäude der klassischen chinesischen Architektur. Höllengeld gibt es sowohl einfarbig, zweifarbig (grün/braun) als auch bunt.Ward D. Smith, Brian Matravers: Chinese Banknotes. S. 144. Shirjieh Publishers, Menlo Park, California 1970. Oft besteht die Seriennummer eines Höllengeldscheins aus Zahlen, die gesprochen eine positive Konnotation haben. Bei den beiden Höllengeldscheinen im Hauptfoto dieses Artikels ist es die Seriennummer „168168“; das entspricht zweimal den Zahlen „Yī, Lù, Fā“ (), was im übertragenen Sinn „Bei allen Dingen viel Glück“ bedeutet.
Daneben existieren weitere Ausführungen, Beschriftungen und Designs von Höllengeld, die von der Region ihrer Produktion abhängen. Neben Phantasie-Entwürfen gibt es beispielsweise Höllengeld, das dem Britischen Pfund oder Euro-Geldscheinen ähnelt.Reportage vom 3. Januar 2016: Joss Paper - Wenn Buddhisten Geld verbrennen (Galileo, ProSieben). Einige Höllengeldscheine bilden darum nicht den Jade-Kaiser ab, sondern andere berühmte Persönlichkeiten aus der buddhistischen bzw. chinesischen Mythologie wie zum Beispiel die Acht Unsterblichen, Buddha, Yama oder Bilder von zwei sich windenden Drachen, die um eine Kugel ringen, einem traditionellen, keiner Ideologie zuzuschreibendem Symbol für China. Manche Höllengeldscheine zeigen westliche Persönlichkeiten wie John F. Kennedy, Albert Einstein oder Marilyn Monroe.Video-Clip Người Việt Daily News: Traditions Explained: What is the purpose of hell money?, veröffentlicht am 12. März 2016, abgerufen am 5. Januar 2018.
Bis die Inflation in der Republik China ab 1944 anstieg, wurden Höllengeldscheine in Stückelungen von fünf und zehn Fǎbì () aufwärts hergestellt, weil diese Beträge als ausreichend fürs „Erdgericht“ angesehen wurden. Die Nominalwerte im Alltag spiegelten sich in den fürs Jenseits vorgesehenen Wertstufen wider. Nach 1945 wurde die Mehrheit der Höllengeldscheine in Stückelungen von 5.000 bzw. 10.000 imaginären Dollar oder höher ausgegeben. Moderne Höllengeldscheine sind für ihre übertriebenen Wertstufen bis hin zu mehreren Milliarden Dollar bekannt.
Neben Höllengeld wird joss paper als Brandopfer dargebracht. Dafür gibt es keinen eindeutigen Namen im Deutschen, sondern nur Umschreibungen: Wörtlich heißt es „Goldpapier“ (), doch joss paper ist nicht immer goldfarben. Der alternative chinesische Begriff kann mit „Geistergeld“ () übersetzt werden, aber joss paper wird nicht nur zur Besänftigung von Geistern, sondern auch als Opfer für bestimmte Götter eingesetzt (siehe oben). Der Begriff joss () steht für „Schicksal“ und wird beispielsweise in der Redewendung verwendet, jemand habe bad joss (Pech) oder good joss (Glück) gehabt. Typisches joss paper ist ein gelbes oder weißes quadratisches Stück Papier, das teilweise mit Gold- oder Silberfarbe bestrichen wurde und oft Ergänzungen durch orangefarbene oder rote Flächen hat. Die chinesische Farbenlehre unterscheidet sich von der westlichen Bedeutung: Gelb (entspricht Gold) war traditionell die Farbe des Kaisers und als solche für alle anderen verboten, sie hat dieselben positiven Eigenschaften wie Rot; Orange steht für Familienzusammenhalt, Glück und Macht; Rot steht für Glück, die Abwehr böser Geister, Wohlstand, Ruhm, Feuer, Kraft und Stärke und wurde populär, weil imperiales Gelb zur Kaiserzeit eine verbotene Farbe war; Weiß ist zwar die Trauerfarbe in Asien, steht aber zugleich für freie Gedanken und Kontemplation.Katharina von Kleinsorgen: Symbolische Bedeutung von Farben in China: Farbsymbolik im feudalen, republikanischen, maoistischen und modernen China. AV Akademikerverlag, 2012. ISBN 978-3-639-43100-1.Lina Jia: Interkulturelle Kommunikation im Kontext der Kunstpädagogik: Der Farbgebrauch und die Bedeutung in China und Deutschland. Magisterarbeit an der Universität Augsburg. Diplomica Verlag, Hamburg 2014. ISBN 978-3-8428-8903-3. Goldfarbiges joss paper wird zu Ehren der Götter geopfert, silberfarbenes zum Wohlergehen der Ahnen.Benebell Wen: The Tao of Craft: Fu Talismans and Casting Sigils in the Eastern Esoteric Tradition. North Atlantic Books, 2016. Seite 110 f. ISBN 978-1-62317-066-0. Auf dieses „Schicksalspapier“ wird vor dem Entzünden entweder ein individueller guter Wunsch geschrieben oder das Schriftzeichen für „Glück“ () gesetzt. Gemäß einer Untersuchung der Universität Singapur aus dem Jahr 2015 ist bei jüngeren Daoisten zu beobachten, dass sich weder die Zeit genommen wird, Höllengeld (kunstvoll) zu falten noch joss paper zu beschriften, beides wird ohne Vorbehandlung verbrannt. Die Studie hält die zunehmende Hektik des Alltags für einen plausiblen Grund für diesen Wandel.
Geschäfte in Asien, die sich auf den Verkauf von Ritualartikeln spezialisiert haben und die häufig in der Nähe von Tempelanlagen und Friedhöfen zu finden sind, bieten größere und aufwändig dekorierte Scheine an, die höhere Wertstufen besitzen als die gängigen Höllengeldscheine. Zudem gibt es Manufakturen, in denen Artikel wie Autos, Musikinstrumente oder Smartphones als Unikate in Handarbeit hergestellt werden; die meisten dieser Betriebe sind in Hongkong. In Singapur verkaufen Supermärkte wie die drittgrößte (Stand: 2018) Kette namens „Sheng Siong Hypermarket“ Höllengeld in etlichen Variationen. Höllengeld und joss paper sind in Europa in Asia-Märkten ebenfalls in unterschiedlichen Ausführungen erhältlich. In Übersee verkaufen meist chinesische Apotheken Höllengeld, sofern kein Geschäft für Ritualgegenstände in der Nähe ist, so zum Beispiel in den Chinatowns in Montreal und San Francisco.
Verwendung mini|Eine Frau beim Opfern von Höllengeld auf einem Friedhof in Hanoi (2011).
Der einmal jährlich wiederkehrende zentrale Anlass für die Verbrennung großer Mengen an Höllengeld und joss paper ist das Geisterfest (zu Vollmond im August; auch „Fest der Hungergeister“ genannt), an dem nach daoistischem Glauben das „Tor zur Hölle“ offensteht. Je nach Familientradition ist es üblich, Höllengeld zudem bei jedem Besuch eines Tempels oder Friedhofs zu verbrennen.