alternativtext=|mini|Stadtkirche Vaihingen/Enz Die Stadtkirche in der Innenstadt von Vaihingen an der Enz ist die Kirche der örtlichen Kirchengemeinde und die Hauptkirche des evangelischen Kirchenbezirks Vaihingen-Ditzingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Sie ist eine Station auf der Heinrich-Schickhardt-KulturstraßeHeinrich-Schickhardt-Kulturstrasse – Die Straße In: heinrich-schickhardt-kulturstrasse.de, abgerufen am 9. Oktober 2018. des Europarats.
Geschichte mini|hochkant|Hauptschiff Die ehemalige Peterskirche war ursprünglich die Pfarrkirche Vaihingens. Diese Kirche romanischen Ursprungs wurde im 15. Jahrhundert erweitert, der Chor 1490 umgebaut. Sie enthält zahlreiche Grabsteine aus dem 15. und 16. Jahrhundert und diente später als Friedhofskirche und dann als Turnhalle. Sie ist in kommunalem Eigentum.
Am Platz einer dreischiffigen Marienkapelle mit halbrunder Chorapsis und Turm aus dem 13. Jahrhundert wurde am 2. August 1513 der Grundstein für die jetzige evangelische StadtkircheHartmut Leins: Die Evangelische Stadtkirche in Vaihingen an der Enz. Hg. Ev. Kirchengemeinde Vaihingen/Enz, 2., verbesserte und ergänzte Auflage, Vaihingen/Enz 2013. gelegt. Die Bezeichnung „Marienkirche“ oder „Kirche Unserer Lieben Frau“" wurde erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Namen „Stadtkirche“ ersetzt. Am Abend des Reformationsgedenkens 1617 blieb die Kirche bei einem Stadtbrand noch verschont, doch fast ein Jahr später zerstörte ein neuerlicher Brand das Innere der Kirche samt Gestühl, Kanzel, Altar, Decke und Glockenschmelze im Turm.Leid und Freud einer schwäbischen Kirche. Redaktionsartikel (signiert: H.M. = Herausgeber: Prälat Heinrich Merz) im Christlichen Kunstblatt, 35. Jahrgang, Heft 1, Stuttgart 1893, Seite 12–16. Den Wiederaufbau 1619 im Auftrag des Herzogs Johann Friedrich von Württemberg leitete Baumeister Heinrich Schickhardt. Noch schlimmer wütete im pfälzischen Erbfolgekrieg ein Stadtbrand am 17. August 1693 nach Brandschatzung durch ein großes französisches Heer in Stadt und Umland Vaihingen: Nur die Mauern blieben stehen, die Säulen des Kirchenschiffs hatten stark gelitten. Nach mühsamen Finanzierungsbestrebungen konnte sich die Wiederherstellung von Kirche und Turm 1698 bis 1701 durch den Spitalmeister und Bauinspektor Johann Christoph Hegelmayer (1663–1706) nur auf das Notwendigste beschränken. So war fast zwei Jahrhunderte später eine gründliche und stilvolle Renovierung dringend erforderlich und wurde 1892 von Baurat Heinrich Dolmetsch durchgeführt.Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters. Stuttgart 2008, S. 362–366. Dabei erhielt die Vaihinger Stadtkirche in Architektur und künstlerischer Ausstattung ein zeitbedingt neugotisches Gepräge, was großenteils bei der grundlegenden Renovierung 1967–1968 der von Weltkriegsschäden weitgehend verschonten Kirche durch Architekt Gottfried Wendschuh (1924–2014) rückgängig gemacht wurde.
Architektur Vorgängerbau Alte romanische und frühgotische Architekturformen sind am heutigen Bau noch erkennbar und zeigen, dass der Vorgängerbau vom 13. Jahrhundert keinesfalls schmucklos und klein war. 16. Jahrhundert Das stürmische Stadt- und Bevölkerungswachstum am Übergang zum 16. Jahrhundert und in der Regierungszeit von Herzog Ulrich von Württemberg machte dann eine großzügigere Dimensionierung nötig, die mit der Erweiterung in der Breite auf fast 24 Meter, in der Länge nach Osten auf 34 Meter und in der Höhe auf gut 19 Meter noch ausgeprägter die Form einer spätgotischen Basilika ergab – mit ungewöhnlich hohem Mittelschiff, getragen von zehn starken achteckigen Säulen, mit Obergaden und zwei hohen Seitenschiffen, allerdings ohne den ursprünglich geplanten Chor. Letzterer hätte den Kauf und Abriss eines Deutschordens-Gebäudes und weitere Baukosten zur Folge gehabt, erübrigte sich dann aber mit der Reformation, da ein Platz für Chorherren und für einen Hochaltar nicht mehr benötigt wurde.
17. Jahrhundert Viel wichtiger war die Kanzel als Ort für das gepredigte Wort Gottes. Spätestens ab der Brandschadens-Renovierung 1619 durch Heinrich Schickhardt trug die mittlere der fünf nördlichen Säulen die Kanzel, wohin mit dreiseitiger West-, Süd- und Ost-Empore und gesamter Gestühlausrichtung das Geschehen des Predigtgottesdienstes gerichtet war. Für das seltener gefeierte Abendmahl stand der Altar frei im Kirchenraum. Baumeister Schickhardt setzte damit wie in den meisten seiner Kirchenbauten das für Württemberg und diese direkte nachreformatorische Zeit gängige Predigtkirchen- und Querkirchen-Konzept um.Zwei Grundrisspläne mit Bestuhlung von Heinrich Schickhardt, 1618 siehe und Eine neue Orgel wurde 1619 über die Ostempore an die Zumauerung des Chorbogens gesetzt und eine doppelläufige Freitreppe im Renaissance-Stil zur Erschließung der Südempore vor das Südportal gesetzt. Diese Raumgestalt der Kirche blieb trotz des Stadt- und Kirchenbrandes von 1693 bis zum Jahre 1892 erhalten, obwohl nach dem letzten Brand wesentliche Details wie die eingestürzten Gewölbe in den Seitenschiffen und in der nördlichen Vorhalle nur provisorisch erneuert waren.
19. Jahrhundert Baurat Heinrich Dolmetsch drehte dann nämlich die Raumorientierung gemäß dem Eisenacher Regulativ von der bisherigen Quer- in die Längsrichtung der Kirche, indem er eine neue Kanzel an die östlichere der Nordsäulen vorverlegte, einen neuen Altar ebenfalls weiter östlich und davor den Taufstein errichtete, symmetrisch zur bestehenden Sakristei auf der Südostecke einen Kohlenraum einbaute und somit einen Chor- oder Altarraum erzeugte, die Orgel von der Ostwand auf die größere, auch für den Kirchenchor geeigneten Westempore versetzte und durch Entfernen der Chorbogen-Ausmauerung mit Neubau einer kurzen Ostchor-Andeutung eine neue optische Tiefenwirkung durch die räumliche Staffelung von Bogen und Abschlusswand erzielte. Eine weniger tiefe Ostempore ersetzte die alte Version, und durch ein fünfteiliges kleines Maßwerkfenster darunter und eine monumentale Maßwerk-Rosette darüber erhielt der Ostteil der Kirche besseres Licht. Diese neue Situation ist auch außen erkennbar und gut gelöst: Die Verdoppelung der Giebelform zwischen den verlängerten Ost-Strebepfeilern bindet die Fensteröffnungen optisch zusammen, wodurch sich der Eindruck eines eigenständigen Choranbaus ergibt. Die Neubestuhlung der ganzen Kirche wurde dann an die teilweise veränderten Hör- und Blickrichtungen angepasst und die Kirche in den Fenstern und an den Wänden vollständig mit neugotischen Gemälden, Ornamenten und Symbolbildern versehen.
20. Jahrhundert Außer der kriegsschadenbedingten Neuverglasung der Chorwand-Rosette 1954 gab es 1957–1966 einige Renovierungsarbeiten am Äußeren der Kirche, die bei Fenstermaßwerken und Turmgesimsen noch ihre Ursache im Brand von 1693 hatten. Die Innenrenovierung durch Architekt Wendschuh 1967 bis 1968 brachte tiefgreifende Veränderungen: Der seit 1893 so zu bezeichnende Altar- und Chorraum wurde nach Vermauerung des fünfteiligen Ostfensters und Entfernung der Ostempore und des Chorgestühls mit Holzvertäfelungen wiederum neu gestaltet. Die Südempore von 1619 und ihr Zugang, die schadhafte Renaissance-Freitreppe, wurde entfernt und die Westempore mit Orgel neu gestaltet. Somit blieb von der Dolmetsch-Fassung von 1893 nur das Gestühl, die Kanzel, der Altar und der Taufstein. In den Jahren von 1992 bis 2001 waren umfangreiche Arbeiten zur Außensanierung der Kirche unter Architekt Jörg Förnzler notwendig, vor allem durch ein aufwändiges Zement-Hochdruckinjektionsverfahren die Sicherung des für den immer mehr gewachsenen Turm nicht tief genug gegründeten romanischen Fundaments, dann die Fassaden- und Steinmetzarbeiten auf der Ostseite, und im Inneren die Erneuerung der Mittelschiff-Beleuchtung.
mini|Blattmaske im Deckengewölbe des Turmes ca. 1700 Kirchturm Der Turmsockel ist der älteste erhaltene Bauteil aus der Zeit zwischen 1250 und 1270. Sein Viereck weitet sich oberhalb des Turmdurchgangs und ersten geschlossenen Stockwerkes zum ersten Oktogon und ist soweit wohl ein Bau „aus einem Guss“, was aus der Steinmetzarbeit einer Bauhütte geschlossen werden kann. Den Turmdurchgang ziert ein Kreuzrippengewölbe mit Konsolsteinen und Schlussstein in Form heute stark beschädigter Köpfe mit Blattornamenten, vermutlich Fratzenköpfe, die nach romanischem Brauch Dämonen von der Kirche abhalten sollten. Der bis zum Turm-Umgang nächste Oktogon-Abschnitt mit drei großen Maßwerkfenstern stammt aus dem 16. Jahrhundert. Durch Schickhardt erhielt nach dem Brand der Turmstumpf ein über 5 Meter hohes, ebenfalls achteckiges Fachwerkgeschoss, auf das der 20 Meter hohe und spitz-schlanke Turmhelm mit Turmzier (Knauf und Wetterhahn) aufgesetzt wurde. Beides fiel 1693 dem Brand zum Opfer und wurde ab 1706 in der heutigen Form in Fachwerkbauweise mit einer „welschen Haube“ und der aufgesetzten Laterne wiedererrichtet und markant neugestaltet.
Ausstattung Steinmetz- und Bildhauerarbeit Die Gestaltung des Kreuzrippengewölbes im Turmdurchgang ist schon erwähnt. Ebenso aus früher Bauphase stammt das gotische Südfenster im ersten Turmgeschoss, dessen Maßwerk bis zur originalgetreuen Restaurierung 1964 aus einem einzigen Stein gefertigt war. Ebenfalls 1964 wurde der einzige noch vorhandene steinerne Wasserspeier, ein springender Hund, an der Westseite des Mittelschiffs rekonstruiert. Der Beginn des Erweiterungsbaus 1513 ist mit einer Inschrift außen am nordwestlichen Strebepfeiler des Langhauses belegt. Dieses hatte dann schöne Maßwerke und reich gegliederte Laibungen und Gewändeanfänge in den Fenstern, die bei den Bränden teilweise Schaden nahmen. 1521 schuf ein Künstler aus der Steinmetzschule des Hans Seyffer aus Heilbronn das Tympanon, ein Relief im Giebelfeld über dem Südportal, in dem die Kreuztragung Christi dargestellt ist. Es wurde 1966 und 1998 restauriert. Unterhalb des Turms wurde 1610 eine Tür mit Renaissance-Umrahmung eingebaut, die heute als Nachbildung zu sehen ist. In der Kirche ist nur noch ein steinernes Epitaph im südlichen Seitenschiff erhalten: aus der Barockzeit das Denkmal für den Bauinspektor Johann Christoph Hegelmayer, der den Wiederaufbau der Kirche um 1700 geleitet hatte.
Wandmalerei Von früher Fresko- oder Seccomalerei in der Kirche ist nichts bekannt. Die Kirchenbrände hätten ohnehin für Zerstörung gesorgt. Baurat Dolmetsch ging bei der Renovierung von 1893 auf die Wünsche der Gemeinde nach einer Bemalung der Wände und Decke ein. Sie wurde in den figürlichen Teilen, möglicherweise auch bei der großflächigen Schablonenmalerei, von dem Stuttgarter Kirchenmaler Theodor Bauerle ausgeführt: die Holzdecke des Mittelschiffs mit Sonne, Wasser des Lebens, Pflanzen, Früchten, Blumen, Sternenfries, Blätterrahmung, Felder mit Engelsfiguren; dann im Rahmenfries des großen Chorbogens neun Medaillons mit Mose, Abraham, Propheten, Jüngern und Aposteln; an der Westwand hoch über der Orgel der Harfe spielende Sänger David. All dies entsprach in der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr dem Zeit- und Kunstgeschmack und wurde bei der Innenrenovierung 1967/68 entfernt. Der kurze Chorraum allerdings erhielt wieder eine farbige Wandgestaltung.
Kanzel, Altarbereich und Chorwand