mini|Oberhofenkirche Göppingen Die Oberhofenkirche, 1436–1490 errichtet, ist ein protestantisches Kirchengebäude in der Kreisstadt Göppingen des Landkreises Göppingen in Baden-Württemberg. Sie ist heute eine der beiden evangelischen Innenstadt-Kirchen und gehört in der Evangelischen Kirchengemeinde Göppingen zum Kirchenbezirk Geislingen-Göppingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Kirche gilt nach der kleinen benachbarten Heiligkreuzkapelle als zweitältestes Bauwerk der Kernstadt; älteste Kirche der ganzen Stadt ist im Ortsteil St. Gotthardt des Stadtbezirks Holzheim die St.-Gotthardt-Kirche von ungefähr 1350.
Baugeschichte Archäologische Ausgrabungen Archäologische Ausgrabungen des damaligen Landesdenkmalamts Baden-Württemberg in den Jahren 1980/81 haben wesentlich zur Kenntnis der Baugeschichte der Oberhofenkirche beigetragen, da sie auch die frühen Perioden erschlossen haben, von denen im heutigen Bau keine Spuren mehr erkennbar sind. mini|Göppingen Oberhofenkirche Grabung 1981 Neben wenigen vorgeschichtlichen Funden wurden die Reste einer römischen villa rustica aus dem 2./3. Jahrhundert n. Chr.,Christian Klam: Der Siegelring von Oberhofen; in: Neue Württembergische Zeitung (NWZ) - Südwest Presse vom 5. Januar 2013 erfasst.
Diesem Bau folgte im Frühmittelalter eine erste Holzkirche, die in Pfostenbauweise errichtet war und noch die Orientierung der römischen Ruinen aufgriff. Der Bau markiert die Phase der Christianisierung im Filstal.Rainer Schreg: Christianisierung im Filstal. In: Anton Hegele (Hrsg.): Geppo. Krieger Bauer Siedlungsgründer? [Begleitheft zur gleichnamigen Ausstellung im Städtischen Naturkundlichen Museum Göppingen in der Alten Badherberge Jebenhausen 28. Mai bis 2. November 2003]. Veröff. Stadtarchiv Göppingen 43 (Göppingen 2003) 60–69. Vorstellungen, die Oberhofenkirche sei eine „Urkirche“ gewesen, von der aus systematisch die Christianisierung erfolgt sein soll, wurden aus Missionsvorstellungen der Neuzeit entwickelt und treffen den Charakter des frühen Kirchenbaus wahrscheinlich nicht.Rainer Schreg: Kirchen als Zeugnis der Christianisierung Süddeutschlands. Eine überregional vergleichende Betrachtung früher Kirchen. In: D. Ade / S. Frommer / T. Marstaller / A. K. Scholz / M. Terp-Schunter / C. Vossler-Wolf / M. Wolf (Hrsg.): Sachgeschichte - Sachgeschichten. Festschrift für Barbara Scholkmann zum 80. Geburtstag. Beiträge zu einer interdisziplinär verstandenen Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit. Tübingen 2021, S. 503–515.
Es folgten mehrere Erneuerungen in Holz und seit dem 9. Jahrhundert in Stein,Oberhofenkirche Göppingen. [Festschrift zur Wiedereinweihung am 11. Dezember 1983] (Göppingen [ca. 1983]); Oberhofenkirche Göppingen. Archäologie, Geschichte, Denkmalpflege; Ausstellung des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg und des Stadtarchivs Göppingen, Dokumentation und Begleitprogramm. Göppingen 1986; Hartmut Schäfer: Die Oberhofenkirche. In: W. Ziegler (Hrsg.): Stadt, Kirche, Adel. Göppingen von der Stauferzeit bis ins späte Mittelalter. Veröff. Stadtarchiv Göppingen 45 (Göppingen 2006) 170–181.. Im 10. Jahrhundert wurde die Kirche bei einem Neubau geostet. Im 12./13. Jahrhundert entstand eine größere romanische Basilika, die an eine adlige Stiftung denken lässt. Es ist dies der Bau, der bestand, als 1275 im Liber decimationis erstmals eine Pfarrkirche Göppingens urkundlich erwähnt wurde. Damals entwickelte sich Göppingen zur Stadt, doch blieb die außerhalb der Stadtmauern gelegene Kirche weiterhin die Pfarrkirche.
Auch zu den jüngeren Kirchenbauten haben die bis heute nicht abschließend vorgelegten Ausgrabungen interessante Funde und Befunde erschlossen. Zu nennen ist etwa der Fund einer frühen Zahnprothese aus Nilpferdzahn.K. W. Alt / S. Pichler, Artificial Modifications on Human Teeth. In: K. W. Alt / F. W. Rösing / M. Teschler-Nicola (Hrsg.): Dental anthropology. Fundamentals, limits and prospects. Wien / New York 1998, S. 387–415.
2006 wurden weitere Ausgrabungen an der Sakristei notwendig, die von der Kreisarchäologie Göppingen durchgeführt wurden.Reinhard Rademacher: Die ehemalige Sakristei der Oberhofenkirche in Göppingen. In: Arch. Ausgr. Bad.-Württ. 2006, 2007, S. 227–230.
Der bestehende Bau Der heutige Bau repräsentiert weitgehend die spätgotische Hallenkirche, die Graf Ulrich V. von Württemberg von 1436 bis 1490 neu erbauen ließ und in ein Chorherrenstift umwandelte.Oliver Auge: Das Stift und seine Kirche in Beutelsbach - Zur Geschichte und Bedeutung eines „Leitfossils“ der mittelalterlichen Kirchengeschichte. In: 500 Jahre Stiftskirche Beutelsbach - Das Gotteshaus an der Wiege Württembergs. Stuttgart 2022, S. 25–46 [Die Kernfrage: Was ist ein Stift? S. 32–42]. Wohl bereits noch aus der Zeit um 1400 ist in Schwäbisch Gmünd ein Reliquienverzeichnis der Göppinger Oberhofenkirche überliefert.Dieter Kauß: Ein Reliquienverzeichnis von Oberhofen als Zeugnis spätmittelalterlicher Frömmigkeit. In: Hohenstaufen. Veröffentlichungen des Geschichts- und Altertumsvereins Göppingen e.V., 9. Folge; Jubiläumsgabe anläßlich des 50jährigen Bestehens. Göppingen 1975, S. 73–80 (Digitalisat der Transkription). 1514 wurde in die Oberhofenkirche eine der zahlreichen südwestdeutschen Prädikaturen gestiftet.Matthias Figel: Der reformatorische Predigtgottesdienst. Eine liturgiegeschichtliche Untersuchung zu den Ursprüngen und Anfängen des evangelischen Gottesdienstes in Württemberg. Epfendorf/Neckar 2013, S. 189–195 (Liste: Die Prädikaturen in Württemberg vor der Reformation)Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche - Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, ISBN 978-3-95505-592-9, S. 79–81 (Kapitel 7.2 Die Prädikaturen und ihre Häufung im Raum Württemberg). mini|Chorraum Sie hat bei einer Gesamtlänge von 49,50 Meter ein ursprünglich dreischiffig geplantes flachgedecktes Langhaus, ein netzgewölbtes Querschiff, einen überhöhten Polygonalchor und zwei Chorflankentürme, die erst mit dem Wirken des Ulmer Münsterbaumeisters August von Beyer ab 1884 durch das Aufsetzen von Steinhelmen mit einer Gesamthöhe von 50 Meter vollendet wurden. Die Oberhofenkirche blieb nach der Reformation durch Württemberg wegen der verbliebenen Chorherren zunächst noch katholisch. In der Stadt gab es mehrere Kapellen, deren größte, die Johanneskapelle beim Schloss, daher ab 1532 bis zum Neubau der Stadtkirche 1619 als Stadt- und Dekanskirche diente. Die Oberhofenkirche wurde nach Auflösung des Chorherrenstifts zum Jahresbeginn 1535 wegen ihrer Lage außerhalb der Stadt und in einem Friedhof ohne Umbau zu einer Querkirche fast nur für Bestattungsfeiern und gelegentlich als Ausweiche bei Baumaßnahmen an der Renaissance-Stadtkirche genutzt.
Eine Wiederbelebung des katholischen Stifts durch Jesuiten von 1636 bis 1649 unter österreichischer Beherrschung des Amtes Göppingen durch Erzherzogin Claudia von Tirol infolge des Restitutionsedikts fand mit dem Westfälischen Frieden ein Ende. Die danach wegen Einsturzgefahr nötige Wiederherstellung der Kirche zog sich mit der vollständigen Erneuerung der Chor- und Langhaus-Dachstühle bis 1687 hin.
Nach vorübergehender profaner Nutzung (in den napoleonischen Kriegen: Lazarett, Heulager und Pferdestall; Telegraphenstation im Südturm) im frühen 19. Jahrhundert begann 1854 durch bürgerschaftliche Impulse die Restaurierung und neugotische Umgestaltung, die um 1900 (Architekt Heinrich Dolmetsch)Ellen Pietrus: Heinrich Dolmetsch. Die Kirchenrestaurierungen des württembergischen Baumeisters. Stuttgart 2008, S. 241–244. abgeschlossen wurde. Seit 1902 ist die Oberhofenkirche wieder Gemeindekirche und zweite Pfarrkirche Göppingens. Innenrenovierungen erfolgten 1938 (Architekt Hans Seytter, Stuttgart), 1983 (Architekt Folker Mayer, Ulm) und bis 2013 (Architekten Bauer & Behringer, Ebersbach), eine Außenrenovierung 2001 bis 2008 (AeDis AG Hochdorf/Ebersbach). mini|Heiligkreuz-Kapelle Neben der Oberhofenkirche befindet sich die Heiligkreuzkapelle, der erhaltene Chor der ehemaligen Marienkapelle von 1410, die heute vor allem für Ausstellungen und Andachten verwendet wird.
Zeitgeschichte 1938 endete die seit 1926 währende Dienstzeit des evangelischen Pfarrers Eugen Jäckh (1877–1954) an der Oberhofenkirche. Er hatte sich bereits vor dem 1. Mai 1933 einer Beflaggung der Oberhofenkirche mit Hakenkreuzfahne samt Hindenburg- und Hitlerporträts widersetzt und musste sich auf örtliches NS-Betreiben und wegen mangelnden Rückhalts seitens der Kirchenleitung 1938 aus dem Dienst in Göppingen verabschieden.Marcus Zecha: Hakenkreuz an Kirchen "will mir unerträglich scheinen" - Eugen Jäckh. In: Mutige Christen im NS-Staat; (Hg.) Marcus Zecha und Stadtarchiv und Museen der Stadt Göppingen, Göppingen 2002 (siehe ). In seine Göppinger Dienstzeit fiel auch die Beauftragung des Kunstmalers Walter Kohler mit der Fenstergestaltung im Chor der Oberhofenkirche.
Ausstattung mini|Quader aus der Oberhofenkirche mit Fresko aus der Zeit um 1400 (Teil einer Anbetung der drei Könige), heute im Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg Im Innern beherbergt sie ein bedeutendes spätgotisches Chorgestühl und prunkvolle Barock-Epitaphien, die teilweise um 1770 von der Stadtkirche hierher verbracht wurden. An der Chornordwand sind bauzeitliche Fresken zu finden, beim Südportal die um 1470 geschaffene Darstellung der Kirchenstiftung (zwei edle Frauen, die ein Kirchenmodell präsentieren) mit dem einzig erhaltenen Bild der unzerstörten Burg Hohenstaufen, das erst 1938 freigelegt wurde.Katalog der Wandmalereien in den Kirchen und Kapellen Baden-Württemberg’s von der ottonischen Zeit bis zur Renaissance, von Dipl.-Ing. Klaus Klünder und Christa Regina Klünder .
Daneben in der Zillenhardt-Kapelle befinden sich die Grabdenkmäler der Stifterfamilie von der Burg Zillenhart bei Schlat. Die barocke Stuckdecke des Langhauses von 1686 entstand bei Sicherungsmaßnahmen wegen Baufälligkeit.
Das Holzkruzifix im Chor stammt von 1510. Ihm zugeordnet schuf Walter Kohler 1938 die Glasgemälde im mittleren Chorfenster (zusätzlich im Nord- und Süd-Querschiff die Maßwerkverglasung), 1983 nach Abschluss archäologischer GrabungenHartmut Schäfer: Die archäologischen Untersuchungen in der Oberhofenkirche Göppingen; in: Stadt, Kirche, Adel. Göppingen von der Stauferzeit bis ins späte Mittelalter; Band 45 des Geschichts- und Altertumsvereins, hg. von Walter Ziegler, Göppingen 2006, S. 170 im Innenraum vervollständigte sein Sohn Wolf-Dieter Kohler links und rechts das Gesamtkunstwerk.
Die künstlerischen Kanzelgestaltungen von 1883 (Jakob Grünenwald: sechs Kanzel-Gemälde Leinwand Moses, Christus, vier Evangelisten)Petra Scheible-Schober und Jürgen Helmbrecht: Jakob Grünenwald (1821-1896). Ein schwäbischer Genremaler; hg. Karl-Heinz Rueß (= Veröffentlichungen des Stadtarchivs Göppingen. Band 35), Göppingen/Weißenhorn 1996, S. 137 f (jetzt im Bestand des Städt. Museums Göppingen). und 1938 (Helmuth Uhrig: drei Kanzel-Holzreliefs Verkündigung an die Hirten, Kreuzigung, Dornenkrönung)Ingrid Helber (Hrsg.): Helmuth Uhrig, 1906-1979. Ein christlicher Künstler aus Württemberg; Horb a.N., 2006 mit WerkverzeichnisSeit Juni 2020 in der Kunstsammlung Uhrig des Klosters Kirchberg, siehe: Bärbel Altendorf-Jehle: Christlich und modern; in: Ev. Gemeindeblatt für Württemberg, Nr. 29/2020, Stuttgart 2020, S. 26 waren nach der Außenrenovierung 2001–2008Walter M. Keller: Die Urkirche des Filstals – Göppingens Oberhofenkirche in neuem Glanze. In: Schwäbische Heimat – Zeitschrift des Schwäbischen Heimatbundes, Heft 2010/2, Stuttgart 2010, S. 165–170. im Rahmen der bis 2013 dauernden Innenrenovierung durch moderne Prinzipalien ohne künstlerischen Anspruch abgelöst worden.
Orgel mini|Orgelempore