Die japanische Invasion Taiwans fand zwischen dem 29. Mai und dem 21. Oktober 1895 statt. Sie war ein Konflikt zwischen dem japanischen Kaiserreich und der Republik Formosa. Nach dem ersten japanisch-chinesischen Krieg, den China verloren hatte, trat dieses im Vertrag von Shimonoseki diverse Territorien, darunter Taiwan, das damals noch Formosa genannt wurde, an Japan ab. Ein Teil der Bevölkerung Formosas war jedoch nicht damit einverstanden, von Japan regiert zu werden. Am 25. Mai 1895 riefen Mitglieder der bisherigen Provinzverwaltung Taiwans und Angehörige der taiwanischen Oberschicht die Republik Formosa aus. Zum Präsidenten wurde der aus Festlandchina stammende Tang Jingsong, der bisherige Gouverneur der Provinz, bestimmt. Die Republik war zu keinem Zeitpunkt demokratisch legitimiert und verfolgte nicht das Ziel einer langfristigen Unabhängigkeit, sondern sollte dem Zweck dienen, Zeit zu gewinnen, um ausländische Mächte zur Intervention gegen Japan zu bewegen.Weggel, Oskar (2005): Geschichte Taiwans vom 17. Jahrhundert bis heute, S. 62.Lamley, S. 741–744 Mittelfristig war das Ziel die schnellstmögliche Wiedereingliederung in das Chinesische Kaiserreich.Lamley, S. 752 Japan entsandte kurz darauf Truppen nach Taiwan um seinen Anspruch auf das Territorium der Insel durchzusetzen. Nach mehreren Kämpfen zwischen den japanischen und formosanischen Truppen löste sich die Republik Formosa auf und Japan erlangte die Kontrolle über Taiwan.
Der Verlauf der Invasion Vorbereitungen in Formosa Im März 1895, während des japanisch-chinesischen Krieges, eroberte Japan die Penghu-Inseln, die ca. 50 Kilometer vor der Westküste Taiwans liegen. Diese Aktion der Japaner versetzte die Obrigkeiten in Formosa in hohe Alarmbereitschaft. Rasch wurden Geld und Ausrüstung vom chinesischen Festland auf die Insel gebracht, da man damit rechnete, dass Japan Formosa als Nächstes angreifen würde.Takekoshi, S. 82 Viele Bewohner der Insel wurden zum Kriegsdienst aufgeboten.Davidson, S. 283 Es wurden auch Rekrutierungsbüros eröffnet, in denen sich jeder Bewohner freiwillig für die Armee melden konnte.Davidson, S. 269 Der Großteil der regulären Truppen der Republik bestand jedoch nicht aus Taiwanern, sondern aus Soldaten vom chinesischen Festland, zumeist aus Guangdong, da es die Politik der bisherigen Qing-Regierung gewesen war, die Armee auf Taiwan nicht aus Taiwanern zu rekrutieren, um Aufständen gegen die Qing-Herrschaft vorzubeugen. Diese Truppen verfügten über keine lokale Bindung zu Taiwan, was sich in einer äußerst niedrigen Kampfmoral in den anstehenden Gefechten mit den Japanern niederschlagen sollte.Shōzō, Fujii: The Formation of Taiwanese Identity and the Cultural Policy of Various Outside Regimes. In: Ping-hui Liao, David Der-wei Wang (Hrsg.): Taiwan Under Japanese Colonial Rule, 1895–1945: History, Culture, Memory. Columbia University Press, New York 2006, ISBN 0-231-13798-2, S. 69Koh, S. 70–71 Mitglieder dieser zusammengewürfelten Truppe, in der Wenige eine militärische Ausbildung hatten, begannen bald, die Städte unsicher zu machen. Die „Soldaten“ verboten eigenhändig die Ausreise von der Insel und zettelten Schießereien in den Straßen von Taipeh an. Die Situation wurde so angespannt, dass Großbritannien, das Deutsche Reich und die Vereinigten Staaten Kriegsschiffe und Truppen entsandten, um ihre Konsulate und Handelsinteressen auf Formosa zu schützen.Davidson, S. 270–272 Als Reaktion auf die formelle Übergabe Taiwans durch China an Japan Mitte April 1895 riefen Mitglieder der bisherigen Provinzregierung und Angehörige der taiwanischen Oberschicht am 25. Mai 1895 in Taipeh die Republik Formosa aus. Dies erkannte Japan nicht an und begann einige Tage später mit der Invasion der Insel Taiwan.Takekoshi, S. 83–84
Beginn der Kämpfe Am 29. Mai 1895 landeten die ersten japanischen Truppen im Norden Taiwans, nahe der Stadt Keelung. Dort lieferten sie sich erste Scharmützel mit lokalen Truppen, die sie rasch in die Flucht schlugen. In den folgenden Tagen brachten die Japaner ca. 12.000 Soldaten der Gardedivision, sowie Pferde, Munition und weitere Ausrüstung auf die Insel. Diese Armee setzte sich in Richtung Keelung in Bewegung. Unterwegs geriet sie in mehrere Gefechte mit formosanischen Truppen und eroberte die Dörfer, die auf ihrer Route lagen.Davidson, S. 291–292 Währenddessen verlegte das formosanische Militär Truppen von Taipeh nach Keelung, um den anrückenden Japanern Einhalt zu gebieten. Obwohl die Truppenstärken der beiden Kontrahenten ungefähr gleich waren, war die folgende Schlacht um Keelung eine sehr ungleiche, unter anderem weil die Verteidiger nach wie vor mit der bereits erwähnten Disziplinlosigkeit unter ihren eigenen Truppen zu kämpfen hatten. Offiziere wurden umgebracht und die Soldaten plünderten Teile der Stadt. Mit der Unterstützung mehrerer Schlachtschiffe, die den Hafen bombardierten, stürmten die Japaner am 3. Juni Keelung. Die Leichtigkeit, mit der die Einnahme der Stadt gelang, zeigte sich an den Opferzahlen der beiden Seiten: 3 japanische Soldaten getötet, 25 verletzt; 250 formosanische Soldaten getötet. Der Rest der formosanischen Armee floh in den nahegelegenen Ort Twatutia im Landesinneren.Davidson, S. 295–299
Niedergang der Republik mini|Japanische Truppen besetzen Taipeh, 7. Juni 1895 In Taipeh, der Hauptstadt der Republik Formosa, erkannte der Präsident Formosas, Tang Jingsong, dass seine Truppen den Japanern wenig entgegenzusetzen hatten. Am 5. Juni verteilte er große Summen aus der Staatskasse unter seine Wachen und verließ Taiwan nach nur 12 Tagen Amtszeit und floh an Bord eines deutschen Dampfschiffes auf das chinesische Festland.Weggel, S. 62 Als diese Nachricht die örtlichen Truppen erreichte, brach in Taipeh Anarchie aus. Die aus Guangdong stammenden Soldaten brannten den Yamen des Präsidenten nieder, plünderten den Rest der Staatskasse und griffen die Bewohner der Stadt an. In Twatutia bot sich ein ähnliches Bild. Dort plünderten die Soldaten unter anderem das Arsenal und verkauften das Diebesgut in der Stadt.Davidson, S. 301–303Takekoshi, S. 86–87Koh, S. 81 Die Japaner hatten keine Kenntnis von diesen Ereignissen und rechneten mit einer großen Garnison formosanischer Truppen in Taipeh, weswegen sie nur langsam auf die Stadt vorrückten.Takekoshi, S. 87 Sie wurden von Angestellten im Dienst der deutschen und britischen Handelsgesellschaften auf die tatsächliche Situation in der Hauptstadt aufmerksam gemacht. Diese waren von den Handelsgesellschaften eigenmächtig entsandt waren, weil jene sich durch die japanische Armee die Beseitigung der Anarchie in Taipeh erhofften. Als sie erfuhren, dass Taipeh ohne wesentliche Verteidigung war, schickten die Japaner am 7. Juni eine Vorhut aus 500 Mann in die Stadt.Davidson, S. 306–307 Innerhalb nur eines Tages vertrieb diese Truppe die Plünderer aus der Stadt und besetzte sie. Von den Bürgern Taipehs, erleichtert über die Vertreibung der marodierenden Soldaten, wurden die Japaner stellenweise wie Befreier empfangen.Koh, S. 81Weggel, S. 63 Am Tag darauf fiel auch Tamsui an der Westküste an die Japaner.Takekoshi, S. 87 Am 17. Juni feierten die Japaner den offiziellen Beginn ihrer Herrschaft auf Taiwan unter Kabayama Sukenori. Doch im Inneren und im Süden des Landes leisteten formosanische Milizen und Truppen unter der Führung von Liu Yongfu nach wie vor Widerstand.Davidson, S. 311–313
Vordringen in den Süden mini|Ein japanischer Militärdolmetscher gibt den chinesischen Trägern im Konfuziustempel in Hsinchu Befehle. James W. Davidson, ein Kriegsberichterstatter für den New York Herald, war ebenfalls anwesend. mini|Ein japanischer Soldat im Kampf mit einem taiwanischen Soldaten in einer zeitgenössischen japanischen Darstellung Japanische Armeeeinheiten machten sich danach daran, den Rest der Insel zu besetzen. In dieser Phase der Invasion trafen sie vorwiegend auf den Widerstand paramilitärischer Gruppen, die im Gegensatz zu den regulären Truppen der Republik Formosa vorwiegend aus Taiwanern bestanden.Lamley, S. 745Koh, S. 82–87 Die Japaner bewegten sich südwärts von Taipeh aus in Richtung Hsinchu. Unterwegs kam es zu Gefechten mit formosanischen Verbänden, die sie jedoch jeweils rasch für sich entscheiden konnte.Davidson, S. 315–318 Nach der Ankunft in Hsinchu machten sich die Japaner sofort an die Eroberung der Stadt. Obwohl diese von Wällen umgeben war und von einer zahlenmäßig weit überlegenen Garnison verteidigt wurde, konnten die Angreifer die Stadt innert kurzer Zeit und praktisch ohne Gewaltanwendung einnehmen. Als die Japaner die Mauern mithilfe von Leitern erklommen, brach unter den formosanischen Verteidigern Panik aus, sodass sie ihre Waffen und Uniformen ablegten und sich als Zivilisten ausgaben. Um den Nachschub nach Hsinchu zu sichern, entsandten die japanischen Besatzer der Stadt einen Teil ihrer Truppen zurück nach Taipeh. Die Formosaner nutzten diese Situation und griffen die Stadt am 24. Juni an, konnten sie jedoch nicht zurückerobern. Auch zwei weitere Angriffe in den folgenden Tagen blieben erfolglos.Davidson, S. 319–321 In den Wochen danach versuchten die Formosaner mithilfe von Guerilla-Taktiken, die Japaner zu besiegen. Sie konnten kleine japanische Trupps, wie etwa Versorgungskonvois, aus dem Hinterhalt angreifen, indem sie sich als Zivilisten kleideten, um möglichst lange unerkannt zu bleiben. Wenn der Kampf vorbei war, zogen sie sich jeweils rasch zurück. Am 11. Juli scheiterte ein weiterer formosanischer Angriff auf Hsinchu.Davidson, S. 325–328 Um diesen Angriffen Einhalt zu gebieten, schickten die Japaner am 12. Juli eine große Abteilung ihrer Armee aus Taipeh zum Dorf Long-Tampo (chin. 隆恩埔 Longenpu, im heutigen Sanxia), wo sie sich mit weiteren japanischen Verbänden traf. Long-Tampo sowie mehrere umliegende Dörfer wurden in den folgenden Tagen von den Japanern eingenommen. Diese Niederlagen konnten die Formosaner jedoch nicht zum Aufgeben bewegen. Sie überfielen weiterhin kleine japanische Verbände. Also fuhren auch die Japaner mit ihrer Taktik fort und eroberten weitere Dörfer in der Region um Hsinchu. In der Hoffnung, eine große Zahl formosanischer Kämpfer auf einmal ausschalten zu können, rückten sie von drei Seiten auf die Ortschaft Sankakeng zwischen Taipeh und Hsinchu vor. Sie eroberten auch dieses Dorf am 23. Juli, mussten jedoch einige Verluste hinnehmen. Bis Ende Juli nahmen die Japaner weitere Dörfer südlich von Taipeh ein, um den Überfällen auf ihre Truppen ein Ende zu setzen.Davidson, S. 328–330 Nachdem das Gebiet um die Hauptstadt gesichert war, konnten sich die Japaner dem weiteren Vorstoß Richtung Süden widmen. Am 6. August verließen ca. 2000 japanische Soldaten Xinpu, nordwestlich von Hsinchu. Die Truppe teilte sich in drei Teile auf, um das Gebiet zwischen der Küste im Westen und dem taiwanischen Zentralgebirge im Osten möglichst flächendeckend erobern zu können. Die einzelnen Gruppen rückten nach Süden vor und nahmen jedes Dorf auf ihrem Weg ein. In den Hügeln von Senpitsu-San (chin. 尖筆山 Jianbishan) trafen sie wieder aufeinander, um die dortigen formosanischen Befestigungen zu stürmen. Obwohl die Formosaner durch das Gelände und ihre Befestigungen einen klaren Vorteil hatten, verließen sie ihre Posten am 9. August, als sich die Japaner den Mauern näherten. Die Formosaner wurden weiter nach Süden zurückgedrängt, bis sie sich in Miaoli verschanzen konnten, wo sie Verstärkungen aus dem Süden erhielten. Zwischen dem 10. und dem 13. August bauten die Japaner ihr Lager vor Miaoli auf, erhielten Nachschub aus dem Norden und eroberten mehrere formosanische Stellungen rund um die Stadt. Diese Aktionen müssen die Besatzung von Miaoli eingeschüchtert haben, denn als die Japaner am 14. August die Stadt betraten, waren die Verteidiger bereits weiter nach Süden geflohen.Davidson, S. 332–334
Eroberung von Changhua mini|Japanische Truppen landen am 11. Oktober 1895 in Fangliao. mini|Japanische Soldaten des 4. Infanterieregiments landen in Fangliao.