Als Anthropogonie (früher auch Anthropogenie; von , und γένεσις génesis ‚Werden‘, ‚Entstehung‘) bezeichnet man eine religiöse oder philosophische Lehre oder einen Mythos von der Entstehung der menschlichen Spezies. Solche Erzählungen sind meist eingebettet in Kosmogonien (Schöpfungsmythen) über die Entstehung des Himmels und der Erde.
Auch naturwissenschaftliche Theorien zur Phylogenese und Ontogenese des Menschen wurden früher als Anthropogonien bezeichnet; heute bezeichnet man die Stammesgeschichte des Menschen als Anthropogenese (engl.: anthropogeny).
Frühe Anthropogonien 240px|mini|Tafel 11 mit der Sintflut-Erzählung aus der Bibliothek des Aššurbanipal In der altorientalischen und in der griechischen Mythologie, aber auch in der Edda setzte die Anthropogonie (und oft auch die Kosmogonie) stets auch eine Theogonie voraus, d. h. zunächst war der Ursprung der Götter zu klären, bevor erklärt werden konnte, wie diese die Welt und den Menschen schufen. So wird im Rahmen des babylonischen Schöpfungsmythos Enūma eliš die Anthropogonie als ein Werk der Götter beschrieben.
Das Atraḫasis-Epos und das jüngere Gilgamesch-Epos beschreiben ähnliche Geschehensverläufe wie die biblische Anthropogonie in der Genesis, für die sie offenbar als Vorbild dienten. Lehm oder Stein spielen hierbei eine bedeutende Rolle; die Schöpfer formen den Menschen wie eine Skulptur. Möglicherweise dient diese Erklärung dazu, die dem Inzesttabu entgegenstehende Vorstellung zu vermeiden, dass die gesamte Menschheit von einem einzigen Götterpaar abstammt. In vielen Anthropogonien entstammt die Menschheit der Götterwelt daher erst über mehrere Zwischenstufen von Halbgöttern und Heroen. Von der Aristokratie vieler Völker (so vom japanischen Tenno) wird angenommen, dass sie direkt dem Himmel entsprossen sei oder vom Sonnengott abstamme.E. J. Michael Witzel: The Origins of the World's Mythologies. Oxford University Press 2011, S. 167 ff.
Die Erzählung im Buch Genesis eliminiert erstmals die altorientalische Vorstellung der Beteiligung einer Vielzahl der altorientalischen Götter an der Anthropogenese: Hier wird nicht mehr ein Gott geschlachtet, um mit seinem Blut einen aus Lehm geformten Menschen zum Leben zu erwecken; vielmehr wird diesem der göttliche Odem eingeflößt.Carel van Schaik, Kai Michel 2016, S. 52. Auch ist in der biblischen Erzählung die Anthropogenie nicht mehr eng mit Naturprozessen verbunden (etwa mit einem Urmeer oder einem Urbaum), sondern reduziert sich auf einen historischen Schöpfungsakt, eine einsame Tat Jehovas, wie der Naturphilosoph und Schelling-Anhänger Johann Jakob Wagner zuerst bemerkte.Johann Jakob Wagner: Ideen zu einer allgemeinen Mythologie der alten Welt. Frankfurt / Main 1808, S. 71 f. Allerdings findet sich in der Genesis immer noch die Spur einer animistischen Erklärung der Anthropogonie: Hinter dem Mythos der Urmutter Eva verbirgt sich die Vorstellung, dass die Schlangen unsere Vorfahren, die Tiere also unsere Verwandten sind, mit denen wir sprechen können.Yuval Noah Harari: Homo Deus. München 2018, S. 124.
In der griechischen Mythologie stammen die Menschen aus dem Blut der Titanen oder sie wurden von Zeus aus der Asche der vom Blitz erschlagenen Titanen geschaffen. Diese hatten auf Heras Veranlassung seinen mit Semele gezeugten Sohn Dionysos (Zagreus) verschlungen. So entstand aus den Resten des Zagreus und der Asche der Titanen der Mensch, der aus guten dionysischen (leiblichen) und bösen titanischen (seelischen) Elementen besteht – eine Erinnerung an die alten Rituale der Orphiker. In jüngeren Erzählungen (zuerst überliefert in Hesiods Theogonie um 700 v. Chr.) bildet der aus dem Titanengeschlecht stammende Prometheus den Menschen aus Lehm und Wasser.
Im mittelpersischen, ursprünglich jedoch vor-zoroastrischen Bundahischn entsteht das erste Menschenpaar aus einem Pflanzenstamm; sie trennten sich später, und der Schöpfergott Ahura Mazda goss die zuvor bereitete Seele in sie. Auch der nordische Mythos von Ask und Embla beschreibt die Anthropogenie als Werk der Götter, die die ersten Menschen aus leblosem Holz bzw. Bäumen schufen,Askr heißt Eschenholz. Vgl. dazu Wilhelm Wackernagel: Die anthropogonie (sic!) der Germanen. In: Zeitschrift für deutsches Alterthum, Band 6 (1848), S. 15–20. wie dies in ähnlicher Form in der Mythologie anderer indoeuropäischer Völker und in einigen Mythen Amerikas, Indonesiens oder Australiens der Fall ist.Siehe zum Folgenden auch Friedrich Rolle 1870. Für Irokesen und Mandan sowie für viele zirkumpolare Völker ist der Mensch aus der Erde entsprossen. Auch in der finnischen Mythologie wird zumindest in einer Quelle Väinämöinen als Schöpfer der Menschen aus zwei im Meer wachsenden Baumstümpfen angegeben. Im Mythos des Ingermanlandes schafft Kullervo die ersten beiden Kinder aus einem ungepflügten Grashügel.Jonas Balys: Götter und Mythen im Alten Europa (= Wörterbuch der Mythologie. Abteilung 1: Die alten Kulturvölker. Hrsg. von Hans Wilhelm Haussig), Band 1, Stuttgart 1973, S. 283. Im buddhistischen Ostasien gibt es keinen expliziten Bericht über die Anthropogonie. Die Tibeter nehmen jedoch eine Abstammung der Menschen von einem Affenpaar an.
mini|hochkant|Papa und Rangi, der Himmelsvater und die Erdmutter In vielen Mythen der Völker Nord- und Ostasiens, Melanesiens, Mikronesiens und Polynesiens erfolgt die Geburt des ersten Menschen aus einer Insel oder einem Ei oder durch Trennung des innig verbundenen Urelternpaars Rangi und Papa. Oft handelt es sich bei den ersten Menschen zugleich um den Urahnen oder auch ersten Schamanen des Clans,Rolf Kranewitter: Dynamik der Religion: Schamanismus, Konfuzianismus, Buddhismus und Christentum in der Geschichte Koreas von der steinzeitlichen Besiedlung des Landes bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Münster 2005, S. 50. so bei den Jakuten, wo die Schamanen in Nestern eines adlerähnlichen Mutterraubvogels auf einer Tanne aus dem Ei schlüpfen.Rolf Kranewitter: Dynamik der Religion: Schamanismus, Konfuzianismus, Buddhismus und Christentum in der Geschichte Koreas von der steinzeitlichen Besiedlung des Landes bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Münster 2005, S. 50. In Berichten über Schamanen wird auch berichtet, dass sie in ihren Trancezuständen häufiger die Anthropogenie durchleben, so wie sie in ihren Mythen berichtet wird.
Die Maya gingen davon aus, dass die Götter die Menschen erschufen, um sich anbeten zu lassen. Es handelt sich bei dieser Erzählung aus dem Popol Vuh um die interessante Variante einer evolutionären Anthropogonie: Der Mensch wird aus Mais geknetet. Das gelingt erst nach mehreren erfolglosen Versuchen, durch die gefühllose Wesen, sprachlos bleibende Tiere und stammelnde Affen geschaffen wurden, die zur Anbetung nicht in der Lage waren.Hélène Dubois-Aubin: L'esprit des fleurs. Éditions Cheminements, 2002, S. 26.
Dualistische und monistische Konzepte der Anthroponie Religionen, die den Körper-Seele-Dualismus besonders betonen (und damit zu einer Abwertung der körperlichen Welt neigen), haben eine dualistische Vorstellung der Anthropogonie entwickelt, bei denen die Erschaffung des Körpers und seine „Begabung“ mit der Seele getrennt und auch durch zwei verschiedene Wesenheiten erfolgen. So erschafft in der Mythologie der Mandäer Ptahil zuerst den körperlichen Adam, dann belebt er ihn mit Hilfe Ruhas, der Mutter der irdischen Welt, durch eine Seele. In anderen manichäischen Texten erfolgt diese Schöpfung jedoch in einem Akt (monistisches Konzept).Kurt Rudolph: Theogonie, Kosmogonie und Anthropogonie in den mandäischen Schriften. Eine literarkritische und traditionsgeschichtliche Untersuchung. Göttingen 1965, S. 248 ff.
Oft ist mit dualistischen Konzepten der Anthropogonie eine Abwertung der Frau verbunden. So bestehen deutliche Beziehungen zwischen der biblischen Eva als Urheberin des Sündenfalls dem Mythos der Pandora andererseits,Christina Leisering: Susanna und der Sündenfall der Ältesten: eine vergleichende Studie zu den Geschlechterkonstruktionen der Septuaginta- und Theodotionfassung von Dan 13 und ihren intertextuellen Bezügen. Lit Verlag, Münster 208, S. 206 ff. was seinen Niederschlag noch in der jüngeren Metapher der „Hure Babylon“ findet. Eine Parallele zu Büchse der Pandora findet sich im Glauben der Ismaeliten, für die das weibliche Prinzip das Unheil in Form der Materie, in der die ursprünglich rein geistige menschliche Seele nun gefangen ist, in die Welt gebracht hat.
Doppelte Anthropogonie Interpretationsprobleme bereitet die doppelte Anthropogonie im Buch Genesis: Die kosmogonisch orientierte, vermutlich jüngere Erzählung in Gen 1,1–2,3 (der Priesterschrift) stellt die Entstehung der Welt und der lebendigen Wesen aus einem anfänglichen Chaoszustand (Tohuwabohu) dar. Die Erschaffung des Menschen als Ebenbild Gottes bildet den Höhepunkt der Kosmogonie (Gen 1,26–28). Der folgende zweite, aber vermutlich ältere Schöpfungsbericht in Gen 2,4–25, erzählt, dass Adam aus Erde und Eva aus Adams Rippe erschaffen wurde. Er nimmt die Themen der herausgehobenen Stellung des Menschen gegenüber Gott, seiner Herrschaft über die Tiere wie auch der besonderen Beziehung von Mann und Frau auf und versetzt diese in das Land Eden „am Rand der Steppe“ in das dort befindliche Paradies. Dieses taucht auch in anderen Mythen als eine Art Schlaraffenland auf: Viele nichtorientalische Kosmogonien verlegen die Anthropogonie in einen Urgarten oder auf eine Urinsel.Volkmar Billig: Inseln. Annäherungen an einen Topos und seine moderne Faszination. Dissertation, HU Berlin 2005, S. 29, 40. Online: (pdf) Gott erscheint hier vor allem als Gärtner, der das Land bewässert und das Leben bewahrt. mini|hochkant|Der Garten Eden und der Sündenfall (Lucas Cranach der Ältere, 1530) Philon von Alexandria begreift die erste Erzählung der Genesis in jüdisch-hellenistischer Tradition unter dem Einfluss der platonischen Idee einer vollständigen Trennung von geistiger und sinnlicher Welt als einen Bericht über die Entstehung des Menschen als Abbild der göttlichen Idee. Der zweite (historisch ältere) Bericht sei eine Beschreibung der Versetzung des Menschen in die sinnliche Welt.
Manche Anthropologen und EvolutionsbiologenSo Carel van Schaik, Kai Michel 2016, S. 37 ff. sehen hingegen in der zweiten Schöpfungsgeschichte und in der Erzählung von der Vertreibung des Menschen aus dem Paradies (die ihn als sesshaften Ackerbauern zur „radikalsten Verhaltensänderung, die je eine Tierart auf diesem Planeten absolvieren musste“, zwang)van Schaik, Michel 2016, S. 477 f. eine Zeitrafferversion der Anthropogonie in Form einer kulturellen Evolution: Es handle sich um einen theologisch nur unvollständig von Spuren des Polytheismus gereinigten Nachklang altorientalischer Überlieferungen, die von den schmerzhaften Erfahrungen des Übergangs von einer Gesellschaft der Jäger und Sammler im einst wildreichen nacheiszeitlichen Mesopotamien hin zum mühsamen Ackerbau handeln. Derartige „zweistufige Anthropogonien“ sind nach Henrik Pfeifer typisch für den alten Orient; die zweite Stufe der Anthropogonie beschreibt die Mühen des Übergangs zur agrarischen Zivilisation.Henrik Pfeifer: Der Baum in der Mitte des Gartens. Zum überlieferungsgeschichtlichen Ursprung der Paradieserzählung. Teil II. in: Zeitschrift für die Alttestamentliche Wissenschaft, 113 (2001), S. 2–16. Der Garten ist die ernährungstechnisch und lebenspraktisch am einfachsten zu bewältigende Umwelt für die ersten Menschen, worauf schon im frühen 19. Jahrhundert Maurus Hagel hinwies, der daraus auf den Wahrheitsgehalt der biblischen Erzählung schließen wollte: Anders als der Ackerbau erfordere das Leben in einem Garten keine besonderen „Künste und Erfindungen“.Maurus Hagel: Apologie des Moses. Sulzbach 1828, S. 36.