Die Explosionskatastrophe von Cali ereignete sich am 7. August 1956 in der kolumbianischen Stadt Cali im Departamento Valle del Cauca.
Ursache Insgesamt 1053 Kisten mit 42 Tonnen gallertartigem Sprengstoff, der für den Straßenbau bestimmt war, waren tags zuvor im Hafen von Buenaventura aus einem schwedischen Schiff entladen und auf sieben Lastwagen der kolumbianischen Armee in die Stadt geliefert worden. Die Kisten wurden abends in unmittelbarer Nachbarschaft eines Bahnhofs etwas außerhalb der Stadt deponiert. Dort ereignete sich um 01:07 Uhr nachtsLa tragedia por la explosión que dejó cerca de 3.000 muertos en Cali, 60 años después eltiempo.com.co, abgerufen am 24. Juni 2017 (spanisch) die Explosion. Große Teile der damaligen Innenstadt von Cali – die Stadt zählte Mitte der 1950er Jahre etwa 120.000 Einwohner – wurden dabei zerstört. Es starben vermutlich rund 1300 Menschen, etwa 1200 (nach anderen Angaben bis zu 12.000) Personen sollen verletzt worden sein.
Die Ursache des Unglücks konnte nie ermittelt werden. Man vermutete später entweder eine Überhitzung des Sprengstoffs oder eine beim Entsichern der Waffe eines Soldaten unabsichtlich abgefeuerte Kugel.
Die Explosion hinterließ einen Krater von 50 Meter Durchmesser und acht Meter Tiefe. Es war die schwerste nicht natürliche Explosionskatastrophe in der Geschichte Kolumbiens und ganz Südamerikas. mini|Padre Alfonso Hurtado Galvis (1924 bis 2014), einer der wichtigsten Zeugen der Katastrophe, vor einem behelfsmäßig errichteten Gedenkkreuz.
Hintergrund Mitte der 1950er Jahre wurde in Kolumbien der Bau der Panamericana stark vorangetrieben, vor allem in den Küstendepartements Chocó und Valle del Cauca. Die hierfür benötigten Sprengstoffe wurden entweder im Land selbst hergestellt oder über Venezuela oder die pazifischen Häfen importiert und dann zu den Baustellen im Landesinneren transportiert. Diese Fahrten über die Straßen der Anden stellten allerdings große Anforderungen an Fahrer und Fahrzeuge. Hinzu kam, dass sich Kolumbien, das seit 1953 von einer Junta unter Gustavo Rojas Pinilla regiert wurde, seit Ende der 1940er Jahre in einer schwelenden Bürgerkriegssituation befand (La Violencia). Vor diesem Hintergrund wurden die Sprengstofftransporte fast durchweg vom Militär durchgeführt oder von diesem gesichert.
Vorgeschichte Der für den Straßenbau vorgesehene Sprengstoff, insgesamt rund 110 Tonnen Sprenggelatine, ein aus Nitroglycerin und Kollodiumwolle bestehender Dynamitsprengstoff, kam am Morgen des 6. August 1956 an Bord eines schwedischen Schiffes im Hafen von Buenaventura an und wurde dort auf 20 Lastwagen der kolumbianischen Armee verladen. Ziel des Konvois, der die Route über das rund 80 Kilometer entfernte Cali nehmen sollte, waren Baustellen bei Palmira und Bogotá. Die Fahrt über die Bergstraßen dauerte fast viereinhalb Stunden.
Die 20 Lastwagen trafen gegen 17:30 Uhr in Cali ein. Dort wurden sie zunächst auf dem Gelände einer Militärbasis (Cantón Militar Pichincha) im Süden der Stadt abgestellt; 13 von ihnen setzten aber alsbald ihre Fahrt in Richtung Palmira auf einer Umgehungsstraße fort.Hierbei gibt es Abweichungen in den Quellen. Manchmal wird auch nur von zehn oder zwölf Lastwagen gesprochen, die die Fahrt fortgesetzt haben sollen. Den sieben verbliebenen Lastwagen, die nach Bogotá bestimmt waren, wurde die Weiterfahrt vom Kommandanten der Basis, Capitán Gustavo Camargo, untersagt, höchstwahrscheinlich aus Sicherheitsgründen. Vielleicht wurden auch die Fahrer als übermüdet angesehen; ebenso könnte eine Überhitzung der Motoren der Lastwagen ursächlich gewesen sein. Auch wird berichtet, dass die Weiterfahrt quer durch die Stadt wegen eines zum Nationalfeiertag Kolumbiens am 7. August anstehenden Feuerwerks als zu gefährlich angesehen wurde.50 años de la tragedia que estremeció a Cali eltiempo.com, abgerufen am 4. Juni 2017 (spanisch)
Diese sieben Lastwagen, die insgesamt noch 1053 Kisten mit zusammen rund 42 Tonnen Sprenggelatine geladen hatten, wurden nördlich des heute nicht mehr betriebenen – und mittlerweile mitten in der Stadt liegenden – Rangierbahnhofs der Pazifik-Linie (Ferrocarril del Pacifico), etwa auf halber Höhe zwischen dem Bahnhof und der heutigen Schnellstraße 1 (Carrera 1), entlang der Querstraße Calle 25 abgestellt. In unmittelbarer Nachbarschaft lagen die Unterkünfte des Pionier-Bataillons Codazzi, das den Straßenbau zwischen Cali und Palmira vorangetrieben hatte, sowie der örtlichen Militärpolizei, weswegen der Standort als sicher erachtet wurde.
Die Katastrophe In den frühen Morgenstunden des 7. August, um 1:07 Uhr Ortszeit, explodierten die abgestellten Lastwagen in einer Kettenreaktion. Die verheerende Explosion zerstörte insgesamt acht Wohnblocks vollständig und beschädigte drei weitere stark. banrepcultural.org, abgerufen am 4. Juni 2017 (spanisch) Am Explosionsort wurde ein 50 Meter breiter und etwa acht Meter tieferAnmerkung: In manchen Quellen wird von einem 25 Meter tiefen Krater gesprochen, indessen zeigen Aufnahmen einen rund 25 Fuß (ca. acht Meter) tiefen Krater. Vermutlich wurden hier also Fuß und Meter vermischt und eine Quelle hat von der anderen abgeschrieben. Krater in den Erdboden gerissen. Die nahen Unterkünfte des Codazzi-Bataillons sowie der Militärpolizei wurden buchstäblich von der Druckwelle weggefegt, wobei rund 500 Soldaten sofort getötet wurden.Mysterious explosions in Colombia history.com, abgerufen am 4. Juni 2017 (englisch) Leichenteile wurden noch in bis zu zwei Kilometern Entfernung auf Hausdächern und auf Straßen gefunden. Im Umkreis von etwa zehn Blocks wurden alle Gebäude entweder völlig zerstört oder schwer beschädigt. Besonders betroffen von der Katastrophe waren die Stadtviertel San Nicolás, El Porvenir, El Hoyo, El Piloto, Fátima und Jorge Isaacs. Stark beschädigt wurden auch die Kirchen La Merced und San Paolo (bei dieser, rund eineinhalb Kilometer entfernt, wurden die zentnerschweren bronzenen Türen von der Druckwelle aus den Angeln gedrückt).
Der Knall der Explosion konnte noch in über 50 Kilometern Entfernung, so in Buga und Santander de Quilichao, wahrgenommen werden. Die Erdbebenwarte des nationalen geographischen Institutes in Bogotá sowie das USGS registrierten einen Ausschlag auf der Richterskala von 4,3.
Unmittelbare Folgen Nach der Explosion standen ganze Straßenzüge in Flammen. Über dem Ort der Katastrophe soll sich laut Augenzeugenberichten eine riesige pilzförmige Wolke, ähnlich wie bei einer Kernwaffenexplosion, gebildet haben.Anmerkung: Diese Darstellungen, besonders seitens des Padre Alfonso Hurtado Galvis, der sich in den betroffenen Vierteln aufhielt, beziehen sich vermutlich auf die Beobachtungen am nachfolgenden Tag und während der Brände. Es sei erinnert, dass die Explosion mitten in der Nacht geschah und die Sichtweite wegen der Rauchentwicklung, so zumindest laut Aussagen der Feuerwehr, oft nur zehn Meter betrug. Eine genaue Beobachtung der Pilzwolke in der Nacht wäre also zumindest stark erschwert gewesen. Zunächst herrschte völlige Konfusion. Erste Berichte über das Unglück wurden um 4:50 Uhr über das Radio übermittelt.50 años de la tragedia que estremeció a Cali eltiempo.com, abgerufen am 4. Juni 2017 (spanisch) Der Militärchef des Departamento Valle del Cauca, General de Brigada Alberto Gómez, übernahm noch in der Nacht persönlich das Kommando über die Katastrophenhilfe, die zunächst aber stark erschwert war, da in der gesamten Stadt nur sechs Feuerlöschfahrzeuge verfügbar waren. Er forderte daher Verstärkung aus dem Umland an. Die Löscharbeiten dauerten fast drei Tage. Das städtische Universitätskrankenhaus (Hospital Universitario del Valle) war mit den zahlreichen Verletzten, vor allem auch den Brandopfern, völlig überfordert, weswegen zahlreiche Verletzte an den nachfolgenden Tagen in die Krankenhäuser von Tuluá, Palmira und Buga gebracht wurden.
Die Opfer Die Zahl der Opfer ist nicht genau bekannt. Offizielle Stellen nennen etwa 1.300 Todesopfer, darunter 500 Soldaten und Militärpolizisten. banrepcultural.org, abgerufen am 4. Juni 2017 (spanisch) Es wurden aber auch Zahlen von bis zu 4.000 Toten genannt,7 de agosto de 1956, el día en que la 'Sucursal del Cielo' fue un infierno caracol.com.co, abgerufen am 4. Juni 2017 (spanisch) wobei aber vermutlich ein Missverständnis vorliegt. So erklärte Padre Alfonso Hurtado Galvis (1924–2014), ein früherer Rechtsanwalt und seit 1950 Geistlicher an der Kirche Santa Marta, einer der bekanntesten Augenzeugen des Unglücks, dass er Gräber gesehen habe, in welchen über 3.700 nicht identifizierbare Schädel und Körperteile bestattet worden seien. Dies hat wahrscheinlich dazu geführt, dass die Zahl der Toten mit der Zahl der beigesetzten Leichenteile gleichgesetzt und dementsprechend höher eingeschätzt wurde.
Über die Zahl der Verletzten besteht eine wesentlich größere Unklarheit. Manche Quellen nennen bis zu 12.000 Verletzte, jedoch ist diese Zahl nicht zu verifizieren. Möglicherweise liegt auch hier eine falsche Wiedergabe vor: So wird nämlich auch berichtet, dass nur 1.200 Verletzte in umliegende Krankenhäuser gebracht worden seien. Insgesamt gab es in Cali rund 5.000 Familien, die Todesopfer oder Verletzte zu beklagen hatten, was die Zahlen von 1.300 Toten und (mindestens) 1.200 Verwundeten stützen könnte.50 años de la tragedia que estremeció a Cali eltiempo.com, abgerufen am 4. Juni 2017 (spanisch) mini|Der Wohnkomplex Residencial República de Venezuela, dessen Bau seitens Venezuela zur Unterbringung von Obdachlosen gespendet wurde (Bild aus dem Jahr 2013).
Reaktionen des Auslandes In den Tagen und Wochen nach der Katastrophe, nachdem das Ausmaß des Unglückes nach und nach bekannt geworden war, trafen zunächst Beileidsbekundungen – etwa von Papst Pius XII. – und später Spenden ein, so aus den USA, der Sowjetunion, den Staaten der EWG-Staaten, aus Mexiko und Japan sowie aus den Nachbarländern. So spendete etwa Venezuela, damals unter der Diktatur von Marcos Pérez Jiménez, einen mehrstöckigen Plattenbau-Wohnkomplex (Residencial República de Venezuela) zur Unterbringung von durch die Explosion obdachlos gewordenen Menschen.
Ursachen Die genaue Ursache des Unglücks konnte nie geklärt werden. Die Spekulationen reichten von einem Schuss, der sich versehentlich aus der Waffe eines der Posten an den Lastwagen gelöst haben könnte, bis hin zu einer achtlos weggeworfenen Zigarette oder den möglicherweise überhitzten Motoren der Lastwagen (wobei allerdings fraglich ist, ob diese Auslöser die Sprenggelatine überhaupt hätten entzünden können). Der Diktator Kolumbiens, General Gustavo Rojas Pinilla, äußerte zudem den Verdacht, dass Rebellengruppen einen Anschlag verübt haben könnten, doch konnte kein Hinweis auf eine vorsätzliche Tat gefunden werden.Mysterious explosions in Colombia history.com, abgerufen am 4. Juni 2017 (englisch)
Das Unglück in Cali ist bis heute die schwerste nicht natürliche Explosionskatastrophe in der Geschichte Kolumbiens und – neben der San Juanico-Katastrophe von 1984 (in Mexiko) – eines der opferreichsten Unglücke dieser Art in Mittel- und Südamerika im 20. Jahrhundert.
Weblinks Bericht 1 zur Katastrophe bei der Tageszeitung El Tiempo. (spanisch) (Abruf am 23. April 2017) Bericht 2 zur Katastrophe bei der Tageszeitung El Tiempo. (spanisch) (Abruf am 23. April 2017) Bericht 3 zur Katastrophe bei der Tageszeitung El Tiempo. (spanisch) (Abruf am 23. April 2017) Bericht zur Katastrophe in der Online-Datenbank der Bibliothek Luis Ángel Arango (Bogotá). (spanisch) (Abruf am 23. April 2017) Die Cali-Katastrophe bei History.com. (englisch) (Abruf am 23. April 2017) Bericht zum Unglück des Radiosenders Caracol (Bogotá). (spanisch) (Abruf am 23. April 2017)
Einzelnachweise
Kategorie:Cali Cali Kategorie:Geschichte Kolumbiens Kategorie:Katastrophe 1956