Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist eine weltweite Bildungskampagne der Vereinten Nationen, die international und national von einem breiten Spektrum verschiedener Akteure getragen wird. Sie soll das Individuum zu zukunftsfähigem Denken und Handeln befähigen und es allen Menschen ermöglichen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen und verantwortungsvolle, nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Damit sollen nachhaltige Entwicklungsprozesse lokal wie global in Gang gesetzt und – nachhaltig – in Gang gehalten werden, um weltweit und dauerhaft lebenswerte Verhältnisse für alle zu erreichen. Es geht bei der nachhaltigen Entwicklung – und bei der für sie erforderlichen Bildung – darum, „auf demokratische Weise eine in sozialer und globaler Hinsicht gerechte, wirtschaftlich tragfähige und ökologisch verträgliche gesellschaftliche Entwicklung so zu gestalten, dass alle Menschen – in allen Teilen der Welt, gegenwärtig und in Zukunft – ein gutes Leben führen können“., S. 2

Seit 2020 läuft das neueste UNESCO-Programm zu BNE: „Education for Sustainable Development: Towards achieving the SDGs“ (kurz ESD for 2030; deutsch: BNE 2030). Zentral dabei ist der Beitrag von BNE zur Erreichung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Das Nachhaltigkeitsziel SDG 4, insbesondere das Unterziel 4.7,Unterziel 4.7 – Bildungsagenda 2030, auf lernenzusein.de steht dabei im Fokus: „Bis 2030 sicherstellen, dass alle Lernenden die für nachhaltige Entwicklung notwendigen Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben…“.

Der deutsche BNE-Prozess wird von der deutschen UNESCO-Kommission und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung betreut.

Bildung für nachhaltige Entwicklung umfasst alle Aktivitäten, die sich als transformative Bildung am Leitbild der nachhaltigen Entwicklung orientieren. Sie führt unterschiedliche Bildungstraditionen und Handlungsschwerpunkte wie Umweltbildung, Globales Lernen, Verbraucherbildung etc. zusammen. Sie greift auf Inhalte, Kompetenzen und Methoden aus den Natur-, den Sozial- und den Kulturnaturwissenschaften zurück, arbeitet dabei auch zeitlich (historisch) und räumlich (geographisch) differenzierend und bezieht Aspekte der Technik und des (planerischen) Gestaltens mit ein., S. 26

Entstehungshintergrund Agenda 21 Auf Grundlage des Nachhaltigkeit-Konzeptes des Brundtland-Berichts von 1987 wurde auf der Rio-Konferenz („Umwelt und Entwicklung“) der Vereinten Nationen 1992 die Agenda 21 verabschiedet.

Diese dokumentiert die nachhaltige Entwicklung als gemeinsames Leitbild der Menschheit für das 21. Jahrhundert. In Kapitel 36 widmet sie sich der „Bildung/Erziehung“, der „öffentlichen Bewusstseinsbildung“ und der „berufliche[n] Ausbildung“ und stellt somit die erste offizielle Verknüpfung von nachhaltiger Entwicklung mit der Bildung dar.

Diese Verknüpfung wird von den Verfassern aus verschiedenen Gründen als notwendig angesehen: Zur Erreichung einer nachhaltigen Entwicklung seien gesteuerte Wandlungsprozesse auf politischer Ebene und innovative Produktionsverfahren sowie weitere naturschonende Maßnahmen auf der wirtschaftlichen Ebene allein nicht ausreichend. Darüber hinaus sei auf individueller und gesellschaftlicher Ebene ein Engagement für nachhaltige Entwicklung, veränderte Konsum- und Verhaltensmuster sowie ein verändertes Gerechtigkeitsempfinden und Umweltbewusstsein nötig. Insgesamt sei dies alles nur über einen umfassenden mentalen und kulturellen Wandel zu bewerkstelligen. Dieser mentale Wandel als Prozess veränderter Bewusstseinsbildung der Individuen zur Umgestaltung gesellschaftlicher Leitbilder sei aber ohne eine weltweite Bildungsinitiative nicht machbar, denn eine „Selbstveränderung setzt eine gezielte Steuerungspolitik voraus - und Institutionen die solche Veränderungen bewirken können.“

Die Zielsetzung der Agenda 21 wurde seit Mitte der 1990er Jahre konzeptionell als Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) bzw. als Education for Sustainable Development (ESD) ausgearbeitet. Von 2005 bis 2014 verpflichteten sich die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen mit der UN-Dekade „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ dazu, die Prinzipien der Nachhaltigkeit in ihren Bildungssystemen zu verankern. Das Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung (2015–2019) folgte auf die UN-Dekade. Ziel war es „vom Projekt in die Struktur“ zu kommen. Das heißt, dass BNE in den Institutionen verankert werden sollte.

Ökologische Notwendigkeiten und entwicklungspolitische Einsichten BNE führt Aspekte der Umwelt- und Entwicklungspolitik in einem entsprechenden Bildungskonzept zusammen.

Im Bereich der Umweltfragen wurde wegen der seit den 1960er Jahren verstärkt beobachtbaren und prognostizierten Krisenphänomene ein Bedrohungsszenario in Bezug auf mögliche zukünftige Ressourcenknappheit (durch Ressourcenverschwendung), vermehrte Umweltschädigungen und -katastrophen aller Art mit irreversiblen ökologische Folgen für Mensch und Natur im globalen Maßstab sowie ein zunehmendes Artensterben diagnostiziert. Es wurde prognostiziert, dass diese Phänomene durch die rasant wachsende Weltbevölkerung noch zusätzlich verstärkt würden. Diese Aspekte umreißen die Inhalte, die von Bildungskonzepten wie der Umwelterziehung oder der Ökopädagogik inhaltlich und didaktisch aufgenommen wurden. Dagegen stand im Fokus der entwicklungspolitischen Bildung die Ungerechtigkeit im Hinblick auf die Verteilung der Lebenschancen und Reichtümer zwischen dem reicheren industrialisierten Norden der Welt und den ärmeren Entwicklungs- und aufstrebenden Schwellenländern der südlichen Halbkugel.

Ein Ausgleich zwischen Nord und Süd wird für dringend nötig gehalten. Außerdem sei aber die Erkenntnis zu berücksichtigen, dass sich die Wirtschafts- und Lebensweise des Nordens aus ökologischen Gründen nicht einfach globalisieren lässt, da die verfügbaren Ressourcen nicht ausreichen und die Umweltverschmutzung rapide ansteigen würde. Anstatt vom Bedrohungsszenario der Umweltbildung und dem Elendszenario der entwicklungspolitischen Bildung auszugehen, verfolgt die Bildung für nachhaltige Entwicklung eine positive Strategie: Es geht dabei um Schonung der natürlichen Ressourcen „um die gerechte Verteilung der Lebenschancen“ bzw. der natürlichen Grundlagen für ein menschenwürdiges Leben „aller derzeit auf der Erde lebenden Menschen (intragenerationelle Gerechtigkeit) und um die gerechten Chancen für die zukünftigen Generationen (intergenerationelle Gerechtigkeit)“. Dies soll aber erreicht werden, ohne zugleich auf ökonomische Prosperität zu verzichten; vielmehr sei ökonomische Prosperität in vielen Ländern Voraussetzung für die Schaffung gerechterer Verhältnisse. In der BNE werden vor diesem normativen Hintergrund die Umweltbildung und das globale Lernen zusammen gedacht.

Entwicklung auf nationalen Ebenen Deutschland In Deutschland wurde das Prinzip der Nachhaltigkeit 1994 als Staatsziel in Grundgesetz verankert, allerdings noch ohne explizite Erwähnung der Bildung. Erste konzeptionelle Arbeiten zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in den 1990ern stammen aus der Umweltbildung. Die erste offizielle bildungspolitische Publikation zur Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland war der Orientierungsrahmen „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“. Es folgte ebenfalls im Auftrag der Bund-Länder-Kommission die Publikation Bildung für eine nachhaltige Entwicklung – Gutachten zum Programm, die die Grundlage für das BLK-Programm 21 bildet, das im Schulbereich einen großen Anschub der Bildung für nachhaltige Entwicklung bewirkte. Mit dem Bundestagsbeschluss „Bildung für eine nachhaltige Entwicklung“ von 2000 wurde die Bundesregierung aufgefordert, die Gestaltung der bundesdeutschen Gesamtpolitik am Leitbild einer „nachhaltigen Entwicklung“ auszurichten und diese Zielsetzung mit konkreten Maßnahmen im Bildungsbereich zu verwirklichen.Vgl.: Wenger, Anne: Bildung in einer sich formierenden Weltgesellschaft: Ein Schlüssel zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung. Bestandsaufnahmen und Perspektiven. 2008, S. 305 ff.

Im Hinblick auf die Zusammenführung von den Bereichen Umweltbildung und Globales Lernen ist eine von allen relevanten Akteuren akzeptierte Verortung unter dem „Dach“ der Bildung für nachhaltige Entwicklung zunächst nur langsam vorangekommen. Im Juni 2007 hat ein von der Kultusministerkonferenz (KMK) veröffentlichtes bzw. verabschiedetes Papier beide Linien aufgenommen: Gemeinsam mit der Bundesregierung hat sich die KMK auf einen „Orientierungsrahmen für den Lernbereich globale Entwicklung“ geeinigt. Die einen Tag später von der KMK gemeinsam mit der deutschen UNESCO-Kommission verabschiedete Empfehlung zur „Bildung für nachhaltige Entwicklung in der Schule“ wurde in die Publikation des Orientierungsrahmens aufgenommen. Der Rahmen selbst bezieht sich ausdrücklich auf Bildung für nachhaltige Entwicklung.

Im Jahr 2013 wurde in einer Untersuchung die Kritik formuliert, dass BNE und auch der Orientierungsrahmen sich zu wenig mit den Folgen kolonialer Machtverhältnisse und der Machtasymmetrie zwischen Nord und Süd auseinandersetzen. Dieser Kritik wurde entschieden widersprochen mit der Begründung, dass u. a. die als Negativbeispiele deklarierten Materialien in der Untersuchung nicht näher ausgeführt werden und nicht deutlich wird, nach welchen Kriterien die Auswahl der untersuchten Materialien erfolgt ist, und dass diese Untersuchung eher pauschale Denk- und Sprechverbote ausspricht. Es wird auch die Frage aufgeworfen, welche Gefühle im Rahmen von BNE angesprochen werden, wenn es z. B. um den Klimawandel geht.

2015 wurde die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung von den Vereinten Nationen verabschiedet. Kernstück der Agenda sind die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, die Sustainable Development Goals (SDGs). Um diese Agenda in den bestehenden Orientierungsrahmen zu integrieren, hat die KMK eine neue Fassung erarbeitet, den „Orientierungsrahmen für den Lernbereich Globale Entwicklung im Rahmen einer Bildung für nachhaltige Entwicklung, 2. aktualisierte und erweiterte Auflage“. Der Orientierungsrahmen stellt eine strukturelle Hilfe für die fächerübergreifende bzw. fächerverbindende Integration von BNE in der schulischen Bildung dar. Diese Fassung deckt nahezu das gesamte Fächerspektrum ab. Fragen der nachhaltigen Entwicklung sollen nicht mehr nur in Politik oder Biologie, sondern auch in Geschichte, Mathematik oder Kunst behandelt werden. Es werden 5 Leitideen und 3 Kompetenzbereiche (Erkennen, Bewerten und Handeln) des Lernbereichs Globale Entwicklung formuliert sowie 11 Kernkompetenzen, die den Kompetenzbereichen zugeordnet sind. Als Verbindungsfach zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften mit globalem Bezug und längerer Tradition in der Umweltbildung bietet vor allem das Fach Erdkunde/Geographie besondere Potenziale für BNE., S. 27f.

Schweiz Auch in der Schweiz wurde das Prinzip der Nachhaltigkeit als Staatsziel in Schweizerische Bundesverfassung fest verankert. Die Aufgabe der Bildung (für nachhaltige Entwicklung) wird an dieser Stelle nicht explizit erwähnt. Es ist die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), welche über die Koordination von Projekten einen Beitrag zur Integration der Bildung für Nachhaltige Entwicklung in Schule und Unterricht leistet.

Im Vordergrund steht dabei eine Zusammenarbeit mit Bundesämtern, welche im Bereich der Bildung für Nachhaltige Entwicklung tätig sind, sowie mit der Stiftung éducation21. Ziel ist es, den Einsatz der vorhandenen Mittel auf nationaler Ebene zu koordinieren und dabei konkrete Projekte zu unterstützen. Die Absprachen dazu finden in der Schweizerischen Koordinationskonferenz BNE statt. Die Stiftung éducation21 ist Trägerin des neugeschaffenen nationalen Kompetenzzentrums Bildung für Nachhaltige Entwicklung. éducation21 ist im September 2012 aus einer Fusion der Stiftungen Bildung und Entwicklung (SBE) und Umweltbildung Schweiz (SUB) hervorgegangen.