mini|Christuskirche mit neugestaltetem Vorplatz am Abend, Dezember 2019 Die Christuskirche in Hamm (Westf.) ist eine evangelische Kirche und gehört zum Kirchenkreis Hamm der Evangelischen Kirche von Westfalen. Sie befindet sich in der westlichen Innenstadt an der Lange Straße und bildet zusammen mit dem benachbarten Gemeindehaus ein besonderes architektonisches Zentrum dieses Stadtteils.
Baugeschichte mini|Innenansicht der Christuskirche vom Altarraum aus, Dezember 2019 Die Westenfeldmark, ursprünglich ein eher ländlicher Stadtteil außerhalb der Stadtbefestigung, begann im letzten Drittel bedingt durch die Industrialisierung des Stadtteiles zunehmend zu wachsen. Vor allem durch Ansiedelung zweier großer Eisenwerke, der Westfälischen Drahtindustrie und der Union, siedelten sich tausende zugezogene Arbeiter in der Westenfeldmark an. Die Gesamtbevölkerung der Westenfeldmark betrug zu diesem Zeitpunkt fast ein Drittel der Gesamtbevölkerung der Stadt Hamm. Der Weg zu einem geeigneten Gottesdienstraum für die evangelischen Christen war jedoch weit, die in der Stadtmitte befindliche Pauluskirche war der großen Menge neuer Christen nicht gewachsen. 1865 wurde in der Westenfeldmark, die sich nun vornehm Westenvorstadt nannte, die Evangelische Westschule erbaut. 1870 kam eine Kleinkinderschule hinzu. Zunächst im Gebäude an der Langestraße untergebracht, wurde schon 1872 ein neues Gebäude an der Hobreckerstraße bezogen. Seit 1885 wurde in der Kleinkinderschule in der Hobreckerstraße für die evangelischen Christen Bibelstunden abgehalten. Durch beengte Räumlichkeiten der Kleinkinderschule fanden die Gottesdienste später im Saal der gegenüberliegenden Gastwirtschaft Höver statt. Durch Gründung eines Bürger- und Arbeitervereines Westenvorstadt 1897 kam erneut der Wunsch nach einer eigenen Kirche auf. Schon bald bildete sich ein Kirchbaukomitee. Am 2. Februar 1898 erhielt die Westenvorstadt eine eigene Pfarrstelle. Mit Pfarrer Dr. Wilhelm Hardung erhielt der Bürger- und Arbeiterverein einen großen Förderer und Fürsprecher eines Neubaues. Auf sämtlichen Veranstaltungen dieser Zeit wurde unermüdlich gesammelt, um die Kosten für den Bau aufbringen zu können.
Grundsteinlegung und Bau mini|Einweihung der Christuskirche am 2. Juli 1903, Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm Bei der Suche nach einem geeigneten Bauplatz dachte man zunächst daran, ein Grundstück am Vorheider Weg zu kaufen, auf dem sich seit den 1960er Jahren das Gebäude des Friedrich-List-Berufskollegs befindet. Bedingt durch die Nähe zur katholischen Josefskirche wurden diese Pläne jedoch verworfen. Vom Wirt Höver erhielt die Gemeinde ein Grundstück an der Langen Straße, das gegenüber seiner Gastwirtschaft lag und sich für das geplante Bauvorhaben als besonders geeignet herausstellte. Der Bauplatz ließ der Gemeinde sogar noch Raum für eine spätere Erweiterung des Baukomplexes um ein Gemeindehaus. Am 3. Juli 1900 wurde von der Kirchenvertretung beschlossen, eine dreischiffige Langhauskirche zu erbauen. Mit der Planung des Kirchenbaus wurde am 5. Juli 1900 der Barmer Architekt Gerhard August Fischer beauftragt, der sich in Hamm bereits 1893/1894 bei der Restaurierung der Pauluskirche bewährt hatte. Fischer baute eine große Zahl von Kirchen, unter anderem die Christuskirche in Wanne, die er 1887 vollendete. Eine Abordnung des Kirchbaukomitees reiste damals nach Wanne, um sich von Fischers Arbeit zu überzeugen.Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm, hier: Reisebericht Außer dem typologisch ähnlichen Kirchturm haben beide Kirchen jedoch kaum etwas gemeinsam.
Der erste Spatenstich erfolgte am 24. Juli 1901. Am 22. September 1901 wurde feierlich der Grundstein für die neue Kirche in der Westenvorstadt gelegt. In den Grundstein wurde eine Zeitkapsel mit einer Urkunde über die Geschichte des Kirchbauvorhabens, je einem Exemplar des Westfälischen Anzeigers und des Evangelischen Gemeindebotens sowie ein paar damals gültigen Münzen eingemauert.
Die dreischiffige Langhauskirche besitzt rundherum Emporen, die Chorempore an der Stirnseite wird durch eine große Fensterrose beleuchtet. Der große Turm ist zu diesem Zweck nach links gerückt, um mehr Licht in die Kirche bringen zu können. Während des Baues kamen Bedenken auf, dass die Kirche vermutlich zu klein geraten sein könnte – nachträglich wurde das Schiff um 3,80 m verlängert. Bis zum Winter 1902 waren Kirche und Turm vollendet. Das Richtfest wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung am 3. Juli 1902 gefeiert. Die Einweihung erfolgte am 2. Juli 1903. Die neue Kirche bot nun Raum für rund 1000 Gläubige.
mini|Christuskirche Hamm Westenfeldmark 1905, Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm
Die Christuskirche wurde im neugotischen Stil erbaut. Die dreischiffige Hallenkirche wird an ihrer Stirnseite auf der linken Seite von einem großen Westturm flankiert. Auf der rechten Seite wird das Portal durch einen weiteren, kleineren Turm abgeschlossen. Das Zentrum des Portals bildet die große Fensterrose. Der 47 Meter hohe Kirchturm besitzt einen schiefergedeckten, spitzen Helm, der von vier kleinen Türmchen flankiert wird. Vier große Schallfensteröffnungen lassen den Klang der Glocken aus der Glockenstube nach außen heraustreten. Unterhalb der Glockenetage ist auf der West- und Südseite eine große Turmuhr eingelassen, die kunstvoll von einem Mosaik eingerahmt wird. mini|Colorierte Innenansicht Christuskirche 1905, Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm Bei der Vergabe der einzelnen Gewerke wurde besonders darauf geachtet, nur einheimische Meister zu beauftragen.
Die Verglasungen, die heute nicht mehr vorhanden sind, stammten von der Kunstglaserei Wilhelm Franke in Naumburg/Saale. Hervorzuheben ist das große Kreuzigungsfenster im Chorraum. Die Ausmalung im Innenraum war ein Erstlingswerk des Malermeisters Nordkemper aus Hamm. Sämtliche Holzarbeiten stammten von der Möbelfabrik Wilhelm Landmann; die Bänke und die durchbrochenen Emporenbrüstungen, die heute noch vorhanden sind, fertigte Schreinermeister Fritz Kaven. Eine Besonderheit war die elektrische Lichtanlage, die von der Elektrizitäts-AG vormals Schuckert & Co. geliefert wurde.Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm; Kirchenrechnungen
Der Kirchbau wurde vom Evangelisch-Kirchlichen Hilfsverein zur „Bekämpfung des religiös-sittlichen Notstands“ mitfinanziert, dessen Schirmherrin Kaiserin Auguste Viktoria war. Sie stiftete der Kirche zur Einweihung eine wertvolle Altarbibel, die von ihr persönlich signiert wurde.
1904 musste Pfarrer Hardung aufgrund einer schweren Krankheit vorzeitig in den Ruhestand gehen. Er galt als großer Prediger, einige seiner Texte haben sich bis heute erhalten.
Seine Predigttexte sind von ungemeinem Weitblick geprägt und lesen sich in der heutigen Zeit sehr aktuell. So heißt es: "Unsere Zeit ist äußerlich beherrscht vom Erwerbsgedanken, Nützlichkeits- und Zweckmäßigkeitsfragen. Dabei hat das Gemütsleben ungeheuren Schaden erlitten…" Weiter schreibt Hardung: „…ich steige auf den Turm der Christuskirche. Zu meinen Füßen dehnt und reckt sich der Hammer Westen […], der Kohlenschacht, der aus der Ferne winkt, zeigt uns den Weg der Entwickelung (sic!) Der Boden des Westens wird unterwühlt werden nach dem schwarzen Diamanten. Das ändert auch den Charakter der Oberfläche. Aus dem Osten unseres Vaterlandes, aus weiter Ferne, werden andere Menschen kommen, mit anderen Sitten, Anschauungen und Gebräuchen. Sie wissen nichts von der Christuskirche, alles, was sie sehen erscheint ihnen fremd und kalt, denn es ist nicht ihre Heimat. Aber die Christuskirche schaut auf diese neuen Scharen nicht gleichgültig herab. Auch ihnen rufen die Glocken ein herzliches Willkommen zu. […] Ich schaue hinunter auf die Menschen, ihr Leben und ihr Treiben. Von oben sieht alles so klein aus. Da eilen die Menschen vorüber hastigen und unruhigen Schrittes. Sie blicken nicht auf, sie haben zu viel zu tun mit ihren Sorgen, Geld-, Familien-, Berufssorgen. Sie sehen nicht, wie der Turm der Christuskirche ihnen freundlich zunickt und zuruft: Halt lieber Freund! Wohin? Ich habe keine Zeit! - und ohne für den Gruß zu danken, eilen sie weiter […], Menschen kommen und gehen, eine Generation folgt der anderen. So schaue ich vom Turm der Christuskirche in die Ferne Zukunft. Was ist der Mensch? Der Mensch ist wie Gras, aber des Herrn Wort bleibt in Ewigkeit“Vision von Pfarrer Dr. Wilhelm Hardung zur Einweihung der Christuskirche, gekürzt; in: Evgl. Gemeindebote für die Synode und die Gemeinde Hamm, 12. Jahrgang Nr. 27; Festnummer zur Einweihung der Christuskirche; Donnerstag, 2. Juli 1903; Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm
mini|Gemeindezentrum Christuskirche mit dem neu erbauten Gemeindehaus, Dezember 1913 Durch eine große Anzahl von Vereinen kam schon rasch der Wunsch nach einem eigenen Gemeindehaus auf. Es wurde 1912–1913 durch den Architekten Hermann Hegemann errichtet und umfasste neben einer großen Anzahl von Versammlungsräumen auch einen großen Gemeindesaal mit Theaterbühne.
Kriegszerstörung und Wiederaufbau Am 2. Oktober 1944 wurde die Christuskirche von Bomben schwer beschädigt. Hier erhielt das nach hinten gelegene Pfarrhaus an der Spichernstraße einen Volltreffer. Durch die Erschütterungen brachen einige Gewölbeteile im Chorraum zusammen. Durch die Einwirkungen der Bomben wurden die wertvollen Kirchenfenster zerstört, auch die Orgel wurde unter den herabstürzenden Trümmern begraben. Eine nachträgliche Anordnung, die Dachziegel des Kirchenschiffes für teilzerstörte Wohnhäuser weiterzuverwenden, ließ die Christuskirche bis zu ihrer Wiedereinweihung am 4. Advent 1949 vollständig ohne Dach dastehen. Der Witterung über Jahre ausgesetzt, wurde auch das restliche Inventar, unter anderem die kostbare Ausmalung, stark beschädigt.Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm
mini|Innenraum der Christuskirche im Wiederaufbau, 1948; Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm Die 1949 wieder eingeweihte Kirche wurde nach dem Krieg deutlich schlichter wiederhergestellt. Die ursprünglich zweigeschossige, zerstörte Sakristei mit darüberliegender Orgelempore wurde nur eingeschossig wiederhergestellt. Der linke Bereich des Chorraumes wurde hier auf die andere Seite übertragen und mit schlichten Seitenfenstern ausgestattet. Für die Erneuerung der Verglasung zeigte sich Kunstglaser und Glasmaler Andreas Kohl verantwortlich. Den Wiederaufbau leitete der Hammer Architekt Rudolf Rullkötter. Aus der kriegszerstörten Pauluskirche wurden zunächst geborgene Ausstattungsgegenstände wie Messingleuchter und die Kanzel in die Christuskirche gebracht, ehe in den 1960er Jahren neue Leuchter beschafft wurden. Die geschnitzten Emporenverkleidungen wurden mit Platten verkleidet und modern gestrichen. Das verloren gegangene Chorfenster wurde nicht erneuert und zugemauert. Ein schlichtes Holzkreuz, das der Konfirmationsjahrgang 1949 stiftete, wurde an der Chorwand montiert. Unterhalb des Kreuzes fand ein einfacher Betonaltar seinen Platz. Die Einweihung der erneuerten Christuskirche fand unter großer Beteiligung der Bevölkerung am 18. Dezember 1949 statt."Man kommt wieder gerne zur Kirche. 70 Jahre Christuskirche Hamm" in: Westfälischer Anzeiger und Kurier, Juli 1973
Umbau 1971 Ein weiterer Schritt zu einem modernen Innenraum wurde 1971 getan. Der Einbau einer neuen Heizungsanlage durch Fußbodenheizung erforderte das Entfernen der alten Kirchenbänke aus der Bauzeit. Die künstlerische Innenausmalung der Kirche erfolgte durch den Kirchenmaler Hermann Oetken aus Delmenhorst. Das Gewölbe erstrahlt seitdem in einem kräftigen Zinnoberrot. Die nun lose stehenden Stuhlreihen gestatten einen flexibleren Einsatz des Innenraums bei Sonderveranstaltungen im Gegensatz zu den fest montierten Kirchenbänken. Während der Renovierungsmaßnahmen fand der Gottesdienst im benachbarten Gemeindesaal statt.
mini|Innenansicht Christuskirche Hamm Weihnachten 1986; Archiv Evgl. Kirchengemeinde Hamm
Sturmschäden