Das Fernsehtheater Moritzburg, das sich als sozialistisches Volkstheater verstand und sich gegen das von 1953 an erfolgreiche volkstümliche Unterhaltungstheater à la Millowitsch-Theater, Ohnsorg-Theater, Komödienstadl oder Königlich Bayerisches Amtsgericht im Fernsehen der alten Bundesrepublik Deutschland abgrenzte, war in den Kasematten der mittelalterlichen Moritzburg in Halle an der Saale angesiedelt. Der Raum bestand aus einer 4,25 Meter breiten, ca. 18 m² großen Bühne und wenigen Zuschauerreihen.Gerd Focke berichtet, dass es in diesem Raum nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu einem „Massenselbstmord der Naziprominenz“ Halles gekommen sei. Vgl. Helmes, Focke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 30. Zwischen 1965 und 1991 produzierte das didaktisch angelegte Fernsehtheater, das stets in Konkurrenz zur deutlich erfolgreicheren Adlershofer Abteilung Heitere DramatikUnter „Heitere Dramatik“ als Unterbegriff zu Fernsehdramatik fasste man in der DDR Lustspiele, Schwänke und Komödien zusammen. als der anderen Redaktion für Unterhaltungsprogramme stand, im Auftrag vom Deutschen Fernsehfunk respektive Fernsehen der DDR, Studio Halle knapp 270 Volkstheater-Stücke. Diese Volkstheater-Stücke, die meist als Eigenentwicklung inszeniert, vor Publikum gespielt, aufgezeichnet und dann im Fernsehen ausgestrahlt wurden, „reichen vom Schwank bis zum Boulevardstück und sind im Rahmen einer 'volksnahen Fernsehkunst' zu betrachten.“Helmes, Lampe, Schültzke: Vorwort. In: Helmes, Schültzke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 8. Sie sind unter inhaltlich-gehaltlichen, medien- und genreästhetischen sowie kulturell-kommunikativen Perspektiven von hohem Wert für die Erforschung der Geschichte der DDR und ihrer Fernseh- bzw. Medienkultur.
Geschichte Seine Entstehung verdankt das Fernsehtheater Moritzburg, das „zumindest im deutschsprachigen Raum“ ein „einmalige[s] Theaterexperiment[] darstellt“,Schültzke: Eine Bühne für die Heiterkeit. In: Helmes, Schültzke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 11. dem späteren Präsidenten der Volkskammer Horst Sindermann. Der hatte Anfang der 1960er Jahre als Parteifunktionär bzw. Bezirkssekretär die Einrichtung eines eigenen Fernsehstudios in Halle durchgesetzt.Steinmetz, Viehoff: Deutsches Fernsehen Ost (siehe „Literatur“), 2008, S. 197ff. Dieses Fernsehtheater, das im Laufe des Jahres 1965 geschaffen wurde, sollte auf heitere Weise bzw. mit heiteren Stücken geschmacklich, weltanschaulich und staatsbürgerlich bilden.Peter Sindermann (1939–1971), Stiefsohn von Horst Sindermann, war bis zu seinem frühen Tod 1971 häufiger in Produktionen des Fernsehtheaters Moritzburg zu sehen. In den Worten des Dramaturgen und Regisseurs Gerd Focke, den Sindermann vor allem aufgrund seiner spezifischen Vorstellung von VolkstümlichkeitSiehe dazu bspw. Bertolt Brechts Beitrag Volkstümlichkeit und Realismus, erstmals veröffentlicht in Das Wort; wieder in: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden. Bd. 19. Schriften zur Literatur und Kunst 2, hrsg. vom Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann. Frankfurt am Main 1967, S. 322–331. ISBN 3-518-00915-X. und Volkstheater„Publikumsnähe, so lautete das Credo dieser Strömung [zu der auch Hanns-Anselm Perten zählt, der damals das Volkstheater Rostock leitete, sowie Benno Besson, der seit 1969 an der Volksbühne Berlin tätig war], entsteht über Stücke und deren Inszenierungen, die zwar unkompliziert und heiter sind, die sich aber keineswegs im bloß Schwankhaften oder gar in purem Klamauk erschöpfen. Das schließt den Rückgriff auf bewährte Elemente der theatralen Tradition, etwas der Commedia dell’arte, der Posse und des Fastnachtspiels nicht aus, sondern verbindet deren Anwendung mit einem belehrenden Anspruch.“ Schültzke: Eine Bühne für die Heiterkeit. In: Helmes, Schültzke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 11. mit der Gründung des Fernsehtheaters Moritzburg beauftragte und der das Fernsehtheater lange leitete: „Du baust ein Fernsehtheater auf. […] Es ist doch ein Armutszeugnis, dass Menschen immer erst das Westfernsehen einschalten müssen, um heitere Stücke sehen zu können. Das können wir doch wohl auch!“Helmes, Focke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 29. Nach eigener Aussage Fockes gab ihm Sindermann grundsätzlich freie Hand, doch sollten andere Stücke ausgewählt werden als diejenigen, die die westdeutschen sog. Volksbühnen bevorzugten. Und es sollte vor allem anders inszeniert werden, nicht auf „Klamauk“ und auf „billige Lacher“ hin: „Wir […] wollten […] die kleine Komödie des DDR-Fernsehens schaffen […], in der selbst das Singspiel oder die kleine Oper ihren Platz haben sollte und auch hatte.“Helmes, Focke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 31. - Focke gibt in diesem Interview „unter Berücksichtigung ökonomischer, technischer, örtlicher und übergreifender politisch-kultureller Aspekte zahlreicheHinweise auf die Entstehung und auf die Geschichte des Fernsehtheaters“ und „erläutert […] die ästhetischen, ideologischen und strukturellen Kriterien, nach denen Stücke ausgewählt und inszeniert wurden.“ Vgl. Helmes, Lampe, Schültzke: Vorwort. In: Helmes, Schültzke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 9.
Programm/Programmgeschichte
Die erste 80-minütige Ausstrahlung eines Stückes aus dem Fernsehtheater MoritzburgDas erste Stück, das vom Fernsehtheater noch im Theater der Jungen Garde Halle produziert wurde, war Ein Name ging verloren von Radi Kuschnirow in der Inszenierung von Dieter Wardetzky; das Stück wurde allerdings nicht ausgestrahlt. Vgl. Claudia Kusebauch: Programmchronologie (siehe „Literatur“), 2005, S. 17. erfolgte am Sonntag, den 19. Dezember 1965 im 1. Programm zur besten Sendezeit um 20.00 Uhr. Schon zehn Tage später wurde mit Szöke Szakalls Komödie Das Streichquartett in der Bearbeitung durch Dieter Hildebrandt und Georg Marischka das nächste Stück ausgestrahlt.Am 22. September 1981 wurde das Stück erneut in einer Inszenierung von Hans Knötzsch und in anderer Besetzung ausgestrahlt. Vgl. Claudia Kusebauch: Programmchronologie (siehe „Literatur“), 2005, S. 158. Auch für die Inszenierung dieses Stücks konnte mit Kurt Jung-Alsen ein prominenter DDR- bzw. DEFA-Regisseur gewonnen werden, und mit Helga Göring und Heinz Behrens waren beliebte DDR-Schauspieler beteiligt (vgl. „Akteure“).
Das Fernsehtheater Moritzburg hat in den gut 25 Jahren seines Bestehens eine u. a. nach Genre und Untergattung große Vielfalt an Stücken und Autoren inszeniert. Darüber hinaus hat es mit anderen Fernsehformaten wie Spätpodium, Kleines Theater und Gerichtssendung, die sich anthologisch bspw. bestimmten Autoren und Künstlern wie Bert Brecht, John Stave oder Jacques Offenbach oder bestimmten literarisch-musikalischen Themenschwerpunkten wie bspw. Kabarett, Poesie oder „russische Autoren“ annahmen oder die das 'heiße Eisen' „Kriminalität in der DDR“ zum Gegenstand hatten, für Abwechslung gesorgt.
Im Einzelnen (vgl. im Folgenden „Stücke“) lassen sich – über den gesamten Produktionszeitraum hinweg – neben Autoren bzw. Stücken der Antike nationale und internationale Vertreter des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit, der Aufklärung und der Weimarer Klassik, der Salonkomödie und des Volksstücks des 19. Jahrhunderts, des Zeitstücks und des Gegenwartsstücks nachweisen. Dabei fällt zum einen auf, dass immer wieder Autoren (bspw. Theodor Gottlieb von Hippel der Ältere oder Niccolò Machiavelli) und Stücke (bspw. Cervantes: Die Vielredner) inszeniert wurden, die nur zum erweiterten Kanon der Literatur gehören. Zum anderen fällt, gerade im Verhältnis zu den auch gespielten Autoren aus Ländern des Ostblocks (Russland bzw. Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn, Polen etc.), die starke Präsenz von französischen und englischsprachigen Autoren insbesondere des 19. und 20. Jahrhunderts auf. Soweit es um deutschsprachige Autoren der Vergangenheit geht, überrascht zum dritten die Präsenz von bürgerlich-konservativen Autoren wie Carl Laufs, Ludwig Thoma, Franz von Schönthan, Paul von Schönthan oder Curt Goetz. Kaum erwartet hätte man viertens, dass Mitte der 1970er Jahre mit Jeder Tag im Herbst (ausgestrahlt am 1. August 1975) ein Stück von einem Autor inszeniert worden ist – Werner Bräunig –, der noch auf 11. Plenum des ZK der SED im Dezember 1965 mit seinem Rummelplatz zu den am schärfsten von Erich Honecker Angegriffenen gehörte.
Obwohl der gesamte Produktionszeitraum durch Vielfalt geprägt ist, lässt sich die Programmgeschichte des Fernsehtheaters Moritzburg dennoch in drei Phasen unterteilen. Zu diesen Phasen haben zum einen „übergreifende politische, fernseh- und kulturpolitische Zäsuren“ beigetragen. Ebenso entscheidend waren allerdings – neben internen personell-strukturellen Gegebenheiten und dem Profil und Engagement einzelner Mitarbeiter – „der Erfolg bzw. Misserfolg der Produktionen beim Fernsehpublikum, der wechselnde Stellenwert, der dem Fernsehtheater als solchem innerhalb des DDR-Fernsehsystems zugesprochen wurde und die damit vermutlich in Verbindung stehende und mit den Jahren dürftiger werdende finanzielle Ausstattung des Fernsehtheaters.“Zitate und weitere Ausführungen in: Steffi Schültzke, Eine Bühne für die Heiterkeit. In: Helmes, Schültzke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 12f. Nicht zu übersehen ist in diesem Zusammenhang, dass das Fernsehtheater mit seiner ambitioniert-idealistischen und problemorientiert-aufklärerischen Vorstellung von Volkstümlichkeit letztlich das Massenpublikum verfehlte, dem der Sinn nicht nach Belehrung stand.Aufschlüsse über die Zuschauerzahlen finden sich bei Claudia Kusebauch: Das Fernsehtheater Moritzburg. In: Dies.: Fernsehtheater Moritzburg II (siehe „Literatur“), 2005, S. 209–230.
Die erste, kulturell besonders ambitionierte Phase des Fernsehtheaters geht bis in die frühen 1970er Jahre. Sie ist bestimmt durch „historisch-kulturelle Neugierde, Genre-Vielfalt und inszenatorische Experimentierfreude. Daran schließt sich eine kurze Phase intensiver, vor allem an 'Qualität' orientierter Profilierungsbemühungen an, die bis ca. 1977 dauert. In der dritten Phase, ab ca. 1978, findet eine massive Konzentration auf den zeitgenössischen DDR-Schwank statt, der in heiterer Form die Auseinandersetzung mit geläufigen Problemen des inner- wie außerfamiliären DDR-Alltags sucht.“ „Simplifizierungen“, „Phrasen“ und „totgelaufene Pointen oder Gags“ in diesen Zeitstücken stehen allerdings einem nachhaltigen Interesse des Publikums an diesen Ausstrahlungen entgegen.Zu dieser Phaseneinteilung und zu den Phasen selbst vgl. ausführlich Steffi Schültzke, Eine Bühne für die Heiterkeit. In: Helmes, Schültzke: Das Fernsehtheater Moritzburg (siehe „Literatur“), 2003, S. 13–22; Zitate s. S. 13