mini|Ein Paar gangsa gantung auf Bali Gangsa (indonesisch, „Bronze“, „Messing“) ist eine Gruppe von Metallophonen mit Bronze- oder Messing-Klangplatten, die in der balinesischen Musik hauptsächlich in den Ensembletypen gamelan gong kebyar und gamelan gong gede verwendet werden. Zwei Typen von gangsa werden unterschieden: Die seltenen gangsa (jongkok) besitzen entsprechend dem javanischen saron Bronzeklangplatten, die auf einem einzelnen, hölzernen Resonanzkasten aufliegen. Bei den häufigeren gangsa gantung („hängende gangsa“), auch gendèr, hängen die Klangplatten an Schnüren über einem Holzrahmen und jede Platte besitzt ein unter ihr senkrecht im Rahmen befestigtes Bambusrohr zur Klangverstärkung.

Im alltäglichen Sprachgebrauch auf Bali bezeichnet gangsa eine Gruppe von vier hoch klingenden kantilan und vier tiefer klingenden pemadé, die in einem dörflichen Ensemble von etwa 25 Instrumenten beim gamelan gong kebyar zusammen die Hauptmelodie produzieren.Michael Tenzer, 2000, S. 450

Das gambang gangsa ist eine auf Java kaum noch eingesetzte Variante des Xylophons gambang (kayu) mit Bronzeplatten. Keinen Bezug zu den indonesischen Instrumenten außer dem Namen haben die im Norden der Philippinen gespielten flachen Bronze- oder Messinggongs gangsa.

Herkunft und Verbreitung mini|Javanisches Xylophon calung aus pentatonisch gestimmten Bambusröhren, nach Größe und Funktion Typ penitir. Wurde im gamelan calung verwendet. Als sehr alte Vorstufe der gangsa gantung vorstellbar. Eine vergleichbare Reliefabbildung ist am Borobudur (8. Jahrhundert) zu sehen.Jaap Kunst, 1973, S. 292, 364; Band 2, Abb. 14 auf S. 416 Tropenmuseum Amsterdam, vor 1936 Der Ursprung der Metallophone liegt in Asien. Musikinstrumente aus metallenen Klangplatten in einem senkrechten Rahmen waren um 700 n. Chr. in China bekannt, wohin sie durch ein Turkvolk gebracht wurden. Ab dem 12. Jahrhundert ist dieser Typ in Korea überliefert.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 32 Der zweite und weiter verbreitete Typ besitzt waagrechte Klangplatten und ist in Südostasien weit verbreitet. Ein solches Metallophon – wie die heutigen saron in der Form eines hölzernen Trogxylophons – ist auf Java erstmals auf einem Relief am buddhistischen Stupa Borobudur aus dem 8./9. Jahrhundert abgebildet, zusammen mit mehreren zweifelligen Trommeln (Vorläufer der kendang), einfelligen Tontrommeln, Mundorgeln, Querflöten, anderen Blasinstrumenten, gezupften Lauteninstrumenten, Kesselgongs, zahlreichen, unterschiedlich großen Zimbeln, Becken und weiteren Idiophonen aus Metall. Ähnliche und andere Musikinstrumente, von denen einige indischen Kultureinfluss verraten, tauchen ein Jahrhundert später am hinduistischen Tempel Prambanan auf.Jaap Kunst, 1973, S. 107f

Die beiden Grundformen indonesischer Metallophone – saron und gendèr – unterscheiden sich auch nach ihrem Klang. Beim javanischen saron und dem balinesischen gangsa (jongkok) ist der Klang hart, metallisch und laut, aber von kurzer Dauer, während die Bambusresonatoren des gendèr für einen volleren und länger anhaltenden Klang sorgen.Colin McPhee: The Five-Tone Gamelan Music of Bali. In: The Musical Quarterly, Bd. 35, Nr. 2, April 1949, S. 250–281, hier S. 255

Ein weiterer javanischer Metallophontyp ist das gong kemodong, das aus zwei großen Bronzeplatten (seltener aus Eisen) unterschiedlicher Tonhöhe mit einem Buckel in der Mitte besteht, die an Schnüren über einem quadratischen Holzkasten aufgehängt sind. Häufig befinden sich zwei Tontöpfe im Innern des Kastens. Das gong kemodong kann als preisgünstigere Alternative anstelle des großen gong ageng eingesetzt werden.Jaap Kunst, 1973, S. 177f Alle Metallophone, die Instrumente mit Buckelgongs und manchmal verwendete, kleine metallene Idiophone wie das kemanak haben genau spezifizierte, musikalische Aufgaben in den unterschiedlichen gamelan.

Ein saron genanntes Trogxylophon mit Bambusschlagplatten, das im ländlichen Raum auf Java existiert, könnte sich von älteren, vor-metallischen Stabspielen erhalten haben. Roneat heißt eine Gruppe kambodschanischer Xylophone, zu denen auch ein Metallophon mit Bronzeplatten gehört. Es gibt Ähnlichkeiten der Bauform zwischen südostasiatischen Metallophonen und afrikanischen Xylophonen. Erich Moritz von Hornbostel (1911)Erich Moritz von Hornbostel: Über ein akustisches Kriterium für Kulturzusammenhänge. In: Zeitschrift für Ethnologie, 1911, S. 601–615 verglich die Stimmung des mit den roneat verwandten, burmesischen pattala (pat-talà, 24 Bambusklangstäbe) mit afrikanischen Xylophonen und hob als erster den musikalischen Aspekt des von Vertretern des Diffusionismus behaupteten indonesischen Kultureinflusses auf Afrika hervor. Die Theorie der Verbreitung indonesischer Xylophone in Afrika wurde hauptsächlich von den Musikethnologen Jaap Kunst auf indonesischer und Arthur Morris JonesArthur Morris Jones: Africa and Indonesia: The Evidence of the Xylophone and Other Musical and Cultural Factors: With an Additional Chapter – More Evidence on Africa and Indonesia. (Asian Studies) E. J. Brill, Leiden 1964 auf afrikanischer Seite weitergeführt. Als stillschweigende Voraussetzung dieser veralteten Theorie, wonach voll ausgereifte Rahmenxylophone nach Afrika gekommen sein müssen, werden Entwicklungsstadien und Formdetails (etwa die praktisch grundsätzliche Verwendung von Mirlitons) afrikanischer Instrumente übersehen.Roger Blench: Evidence for the Indonesian origins of certain elements of African culture: A review, with special reference to the arguments of A. M. Jones. In: African Music, Bd. 6, Nr. 2, International Library of African Music, 1982, S. 81–93, hier S. 84

Bauform und Spielweise Bei den gangsa jongkok oder den saron liegen die Bronzeklangplatten, daun (indonesisch, „Blatt“) oder bilah („Span“, „Leiste“), auf einer weichen Zwischenlage aus Rattan oder Kork über einem hölzernen Kasten (tatak). Jede Klangplatte wird mit zwei Metallstiften in Position gehalten, die durch Löcher in der Platte gesteckt und in den Kasten geschlagen wurden. Die Klangplatten bestehen aus einer Bronzemischung (balinesisch kerawang), die aus etwa zehn Teilen Zinn und drei Teilen Kupfer in Formen gegossen wird. In noch heißem Zustand wird das Gussteil in Wasser getaucht, über einem Feuer nochmals erhitzt und in die endgültige Form geschmiedet, wobei zwischendurch die gewünschte Tonhöhe geprüft werden muss.

Als Holz wird üblicherweise das schwere, dauerhafte und mittelharte Jackfruchtbaumholz (indonesisch nangka) verwendet, aus dem gut filigrane Reliefmuster zur Verzierung geschnitzt werden können. Die Platten werden mit einem kurzen Holzschlägel (panggul gangsa) in einer Hand geschlagen, während sie häufig zwischen Daumen und Zeigefinger der anderen Hand an der vorstehenden Kante gedämpft (tekep) werden. Es gibt generell drei Anschlagtechniken: 1) Die Platte klingt nach dem Anschlag frei aus, überlagert vom Klang der nachfolgend angeschlagenen Platte. 2) Die Klangplatte wird vor dem nachfolgenden Schlag gedämpft oder 3) sie wird gedämpft und dann angeschlagen, wodurch ein dumpfer, trockener Klang entsteht.

Beim „hängenden“ gangsa gantung reihen sich die Klangplatten entlang einer durch die Löcher gezogenen Schnur. Sie schweben über Bambusresonatoren, die senkrecht in einem ebenfalls reich beschnitzten und farbig bemalten Holzkasten (pelawah, tatak) befestigt sind. Gangsa gantung werden wesentlich häufiger verwendet, während gangsa jongkok besonders an der Nordküste Balis in einigen Dörfern östlich von Singaraja in den gamelan vorkommen.

Gamelan Gong Kebyar Gangsa werden für die Fünf-Ton-Skalen (patutan) des kaum noch gespielten großen, höfischen gamelang gong gede, das aus rund 50 Instrumenten besteht, und des heutigen gamelan gong kebyar, das auf etwa 25 Instrumente reduziert ist, eingesetzt. Der letzte puputan 1908 in Klungkung markierte die vollständige Eroberung Balis durch die Niederländer und den Untergang der Königreiche. Die nachfolgende Zeit bedeutete für die Künste eine Phase besonderer Kreativität, die durch neu gewonnene Freiheiten und eine so verstandene gesellschaftliche Demokratisierung befördert wurde. In dieser Atmosphäre entstand das äußerst lebhafte gong kebyar-Orchester und das gangsa wurde von fünf auf sieben bis zehn Klangplatten erweitert.Edward Herbst: Bali 1928: Gamelan Gong Kebyar. Music from Belaluan, Pangkung, Busungbiu. World Arbiter, 2010, S. 1–66, hier S. 12f Bei einem üblichen gangsa mit zehn Klangplatten beträgt der Tonumfang zwei Oktaven. Dem gamelan gong kebyar liegt die Fünf-Ton-Skala pelog selisir zugrunde, die von der javanischen Sieben-Ton-Skala pelog abgeleitet ist. Die aus der Sieben-Ton-Skala (saih pitu) ausgewählte Tonfolge ist 1 = C (ding), 2 = D (dong), 3 = E (deng), 5 = G (dung) und 6 = A (dang). In Klammern stehen die zu Übungszwecken gesungenen Tonsilben, die auch häufig nding, ndong, ndeng... ausgesprochen werden. Die Klangplatten für die Töne 4 und 7 fehlen.Bill Remus: Gamelan Hawaii, University of Hawaii, 1996 Die von der Sieben-Ton-Skala (saih pitu) abgeleiteten patutan heißen saih lima („Serie von fünf“).Michael Tenzer, 2000, S. 28

Den zehn Klangplatten eines gangsa entsprechen ungefähr folgende Tonhöhen: 1 = D (dong), 2 = E (deng), 3 = G (dung), 4 = A (dang), 5 = C (ding), 6 = D (dong), 7 = E (deng), 8 = G (dung), 9 = A (dang), 10 = C (ding).Andrew C. McGraw: The Development of the “Gamelan Semara Dana” and the Expansion of the Modal System in Bali, Indonesia. In: Asian Music, Bd. 31, Nr. 1, Herbst 1999 – Winter 2000, S. 63–93, hier S. 64

Fast jedes Musikinstrument im gamelan gong kebyar wird paarweise verwendet; eines (das „weibliche“, wadon, oder pengisep, von ngisep, „aufnehmen“) ist geringfügig niedriger gestimmt als das andere (das „männliche“, lanang, oder pengumbang, von ngumbang, „fließen“), dadurch ist eine Schlagfolge mit schwebenden Tonhöhen zu hören. Bei den gendèr beträgt der gemessene Unterschied zwischen den jeweils tiefsten Klangplatten eines Instrumentenpaares 20 bis 50 Cents, wobei der Abstand eines Halbtons rechnerisch 100 Cent beträgt.Albrecht Schneider, Klaus Frieler: Perception of Harmonic and Inharmonic Sounds: Results from Ear Models. In: S. Ystad, R. Kronland-Martinet, K. Jensen K. (Hrsg.): Computer Music Modeling and Retrieval. Genesis of Meaning in Sound and Music. (Lecture Notes in Computer Science, Bd. 5493) Springer, Berlin/Heidelberg 2008, hier S. 13 Die gangsa-Paare werden in einem festgesetzten schnellen Tempo mit den anderen Instrumenten rhythmisch verzahnt gespielt, um die Melodielinie zu bilden und zu verzieren. Prinzipiell werden wie im javanischen gamelan höher klingende Instrumente schneller geschlagen als tiefer klingende.Ward Keeler: Musical Encounter in Java and Bali. In: Indonesia, Nr. 19, April 1975, S. 85–126, hier S. 123 Den vierten Schlag der dichtesten gangsa-Schlagfolge betont in den meisten Fällen ein kleiner gong kajar. In den langsamen Sequenzen des gong kebyar fällt der kajar-Schlag mit jeder achten gangsa-Note zusammen.Andrew Clay McGraw: Different Temporalities: The Time of Balinese Gamelan. In: Yearbook for Traditional Music, Bd. 40, 2008, S. 136–162, hier S. 139 Der kajar gehört im Orchester nicht zu den melodiebildenden, sondern zu den kolotomischen (den Rhythmus strukturierenden) Instrumenten. In manchen gamelan kann dessen Funktion ein gong pulu oder seltener eine Bambusröhrenzither guntang übernehmen. Die verzahnte (englisch interlocking) Spielweise im balinesischen gamelan heißt kotekan. Ein kotekan setzt sich aus zwei Teilen zusammen, von denen der eine (polos, „einfach“) den anderen (sangsih, „unterschiedlich“) zu einem durchgängigen Melodieverlauf ergänzt. Eine ähnliche Technik in der europäischen Musiktheorie ist der Hoquetus. Im gong kebyar übernehmen die gangsa von der gegenüber dem gong gede fehlenden Buckelgongreihe trompong (auf Java bonang) die musikalische Führung.