mini|300px|Zusammensetzung: Regierung (317): Tolerierung (10)Opposition (322): * * Die Sinn-Féin-Mandate werden in Westminster nicht eingenommen. Die Wahl zum Unterhaus im Vereinigten Königreich am 8. Juni 2017 war eine vorgezogene Unterhauswahl.By The Queen: A proclamation appointing Thursday the 8th of June 2017 as the polling day for the general election of the next Parliament. In: The London Gazette online, 25. April 2017 (englisch). Es war die erste Unterhauswahl, bei der Theresa May als Premierministerin antrat. Auch für den Oppositionsführer Jeremy Corbyn war es die erste Unterhauswahl. Die Wahl fand vor dem Hintergrund der anstehenden Verhandlungen über den EU-Austritt Großbritanniens („Brexit“) statt.
Nach dem Terroranschlag in Manchester am 22. Mai 2017 unterbrachen die Parteien den Wahlkampf bis zum 26. Mai 2017. Auch nach dem Terroranschlag in London vier Tage vor der Unterhauswahl unterbrachen alle Parteien (außer der UKIP) kurzzeitig ihren Wahlkampf.
Als am 9. Juni feststand, dass die regierende Conservative Party ihre absolute Mehrheit im britischen Unterhaus verlieren würde, gab May bekannt, mit Unterstützung der nordirischen Democratic Unionist Party (DUP) weiterregieren zu wollen.May macht’s – mit den Unionisten. In: Luxemburger Wort online, 9. Juni 2017. Königin Elisabeth II. beauftragte sie mit der Regierungsbildung.Queen erteilt May den Auftrag zur Regierungsbildung, Liveblog der Zeit, 9. Juni 2017. Am 26. Juni 2017 unterzeichneten Unterhändler der beiden Parteien in London einen Koalitionsvertrag.Großbritannien: Theresa May unterzeichnet Abkommen mit DUP. In: Spiegel Online. 26. Juni 2017. Kritiker befürchteten, diese Unterstützung vonseiten der DUP könne zu einer Störung der Balance in Nordirland führen.
Wahlmodus
Die Wahl fand in 650 Wahlkreisen statt. Der Kandidat mit der höchsten Wählerstimmenzahl in jedem Wahlkreis gewann (first-past-the-post); einen zweiten Wahlgang gab es nicht. Die Wahlkreisgrenzen sind seit 2010 unverändert. Eine insbesondere von den Konservativen propagierte Reduzierung der Abgeordnetenzahl und der Wahlkreise auf 600 wurde auf frühestens 2018 verschoben.
Die Wahllokale waren von 7 Uhr bis 22 Uhr Ortszeit geöffnet.Ways of Voting. In: gov.uk. Abgerufen am 9. Juni 2017 (englisch).
Ausgangslage mini|Ausgangslage vor der Wahl:innerer Kreis: Wählerstimmenäußerer Kreis: Parlamentsmandate Am 18. April 2017 gab Premierministerin Theresa May bekannt, eine Neuwahl des Unterhauses anzustreben. Sie äußerte zur Begründung, sie brauche eine Einigkeit des Unterhauses für die schwierigen Brexit-Verhandlungen. Gemäß dem Fixed-term Parliaments Act muss ein Antrag auf frühzeitige Neuwahl vom Parlament mit einer Zweidrittelmehrheit beschlossen werden. Am nächsten Tag stimmte das Parlament der Neuwahl mit 522 gegen 13 Stimmen zu. Die Abgeordneten der Conservative Party, Labour Party und Liberal Democrats stimmten für die Neuwahl; die Abgeordneten der Scottish National Party (SNP) enthielten sich.
Die Opposition begrüßte die Neuwahl. Der damalige Labour-Parteiführer Jeremy Corbyn erklärte, die Wahl biete die Chance, eine Regierung zu wählen, die die Bevölkerungsmehrheit vertrete. Der Vorsitzende der Liberal Democrats Tim Farron meinte, die Wahl biete eine Gelegenheit, die Richtung, in die das Land steuere, zu ändern. Die Erste Ministerin Schottlands und Vorsitzende der SNP Nicola Sturgeon erklärte, es gebe jetzt die Möglichkeit, den von der Premierministerin angestrebten „harten Brexit“ zu stoppen.
Politische Kommentatoren vermuteten einen wesentlichen Grund für die Terminierung der Neuwahl im damaligen Umfragehoch der Konservativen. Außerdem strebe die Premierministerin ein persönliches Mandat der Wähler an, indem sie sich direkt zur Wahl stelle.
Meinungsumfragen mini|Meinungsumfragen zur Wahl Zum Zeitpunkt der Wahlankündigung am 18. April 2017 befanden sich die Konservativen in einem Umfragehoch. In den Umfragen wurden ihnen im Mittel über 45 % der Wählerstimmen vorausgesagt, während Labour bei etwa 27 % lag. Zwischen beiden Parteien bestand also ein Abstand von fast 20 Prozentpunkten, so dass den Konservativen unter Theresa May von vielen Kommentatoren ein sicherer, möglicherweise sogar erdrutschartiger Wahlsieg vorausgesagt wurde. Der Vorsprung der Konservativen schien uneinholbar. Nach der Wahlankündigung zeigten die Umfragen jedoch einen kontinuierlichen deutlichen Anstieg der Werte für Labour, während die Werte für die Konservativen zuerst stabil blieben und dann nach kurzem Zwischenhoch stetig sanken. Am 1. Juni 2017 lag Labour über 35 % und die Konservativen unter 45 %, so dass sich der Abstand auf weniger als 10 Prozentpunkte verringert hatte.
Das britische Mehrheitswahlrecht erschwert genaue Wahlvorhersagen, da landesweite Durchschnittswerte für die Parteien nicht automatisch auf die Wahlkreisgewinne schließen lassen. Bei der letzten Unterhauswahl im Jahr 2015 lagen die Meinungsforschungsinstitute mit ihren Voraussagen in der großen Mehrheit deutlich neben dem tatsächlichen Endergebnis. Danach wurde Selbstkritik geübt und die Methoden zur Ermittlung der Umfrageergebnisse wurden zum Teil revidiert. YouGov prognostizierte am 6. Juni 2017 ein hung parliament, in dem die Konservativen mit 304 Sitzen (95-%-Konfidenzintervall: 265–342) zwar stärkste Partei, aber deutlich von der absoluten Mehrheit entfernt wären.
Spitzenkandidaten
Politische Positionen der Parteien Conservative Party Das Wahlprogramm der Conservative Party enthielt folgende Kernpunkte: Die Europäische Union soll reibungslos und geordnet verlassen werden. Das Budget des öffentlichen Gesundheitsdienst National Health Service (NHS) in England soll bis 2022/23 jährlich um 8 Milliarden Pfund erhöht werden. Die Schulen in England sollen bis 2022 zusätzliche 4 Milliarden Pfund erhalten. Die Netto-Einwanderung soll auf unter 100.000 jährlich reduziert werden. Bis 2025 soll ein ausgeglichener Haushalt angestrebt werden. An den bisherigen Plänen zur Senkung der Unternehmenssteuern und Erhöhung von Steuerfreibeträgen soll festgehalten werden. Die Mehrwertsteuer (20 % / 5 %) nicht erhöhen. Bis 2020 sollen eine Million neue Wohnungen gebaut werden und eine weitere halbe Million bis 2022. Auf staatlichem Bauland sollen 160.000 Häuser errichtet werden. In den kommenden 10 Jahren sollen 40 Milliarden Pfund in die Verkehrsinfrastruktur investiert werden. Der Flughafen Heathrow soll ausgebaut werden.
Labour Party Am 11. Mai 2017 gelangten Einzelheiten des in Ausarbeitung befindlichen Wahlmanifests der Labour Party an die Öffentlichkeit. Der 128-seitige Programmentwurf wurde schließlich am 1. Juni 2017 präsentiert; er wich in Einzelheiten von dem geleakten Programmentwurf ab. Das Wirtschaftswachstum soll durch ein massives öffentliches Konjunkturprogramm angekurbelt werden, durch das in den nächsten 10 Jahren 250 Milliarden Pfund vor allem in die Infrastruktur investiert werden sollen. Diese Investitionen sollen durch die Wiedereinführung der Vermögensteuer für Einkommen über 80.000 Pfund, die Erhöhung der Unternehmenssteuern auf 26 % und die Einführung einer Finanztransaktionssteuer finanziert werden. Die Eisenbahnen sollen wieder unter staatliche Regie kommen, sobald die privaten Konzessionsverträge auslaufen. Der Railways Act 1993, mit dem British Rail privatisiert wurde, soll zurückgenommen werden. Die Fahrkartenpreise sollen eingefroren werden und alle Eisenbahnen mit drahtlosem Internetzugang (WLAN) ausgestattet werden. Die Bahnen sollen behindertengerecht umgestaltet werden. Die britische Post Royal Mail soll so bald wie möglich von der derzeitigen privaten Eigentümerschaft in öffentlichen Besitz überführt werden. Im Bereich der Energieunternehmen soll mindestens ein staatlich geführtes großes Unternehmen entstehen. Die Netzinfrastruktur soll in staatlicher Hand bleiben bzw. dahin überführt werden. Auch die Wasserversorgung soll wieder in staatliche Hand überführt werden.siehe auch :en:Water privatisation in England and Wales Der Ausbau erneuerbarer Energien soll massiv vorangetrieben werden, so dass bis 2030 65 % der Elektrizität aus erneuerbaren Quellen stammt. Um dieses Ziel zu erreichen, sprach Labour sich für eine Beibehaltung der Kernenergie aus. Der unter der Regierung Cameron erlassene Health and Social Care Act 2012, der den öffentlichen Gesundheitsdienst National Health Service (NHS) umstrukturierte, soll widerrufen werden. Die „Privatisierung des Gesundheitswesens“ wird abgelehnt. Das Budget des NHS in England soll in den nächsten fünf Jahren um 30 Milliarden Pfund erhöht werden. Es sollen jährlich mindestens 100.000 öffentliche Wohnungen gebaut und die Mietpreise sollen stärker reguliert werden. Labour unterstützt die milliardenteure Erneuerung des Trident-Nuklear-U-Boot-Systems. Das NATO-Ziel, zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für Rüstung auszugeben, wird unterstützt. Labour spricht sich aber für Abrüstungsbemühungen aus. Zur Einwanderung in das Vereinigte Königreich spricht sich Labour für eine „vernünftige Regulierung“ des Migrationsstromes aus, möchte aber diesbezügliche „falsche Versprechungen“ vermeiden. Das „Brexit“-Votum der britischen Wähler soll respektiert werden. Die EU-Bestimmungen zum Arbeitnehmerschutz, Umweltschutz und zu Verbraucherrechten sollen erhalten bleiben. Die Brexit-Verhandlungen mit der EU sollen darauf abzielen, möglichst weitgehend den Zugang zum EU-Binnenmarkt zu erhalten. Bei den Verhandlungen soll auch dem Parlament eine größere Rolle eingeräumt werden. Die Rechte der EU-Staatsbürger im Vereinigten Königreich sollen geschützt werden. Die Rolle der Gewerkschaften bei der Arbeitnehmervertretung soll gestärkt werden. Studiengebühren sollen abgeschafft und mehr Geld in die Bildung investiert werden.
Liberal Democrats Am 17. Mai 2017 veröffentlichten die Liberal Democrats (LD) ihr Wahlmanifest. Als Hauptwahlthema will sich die LD für eine Volksabstimmung über das Endergebnis der künftigen EU-Austrittsverhandlungen einsetzen, in der britische Wähler auch die Möglichkeit haben sollen, für den Verbleib des Landes in der EU zu stimmen.
Außerdem spricht sich die LD für höhere Investitionen in den NHS und in das Bildungssystem aus. Der öffentliche Nahverkehr soll ausgebaut werden. Der Bau energiesparender Wohnungen soll gefördert und Dieselfahrzeuge bis 2025 verboten werden. Die Energiegewinnung sollte bis zum Jahr 2030 zu 60 % aus erneuerbaren Energien erfolgen. Das Ziel, zwei Prozent des Bruttosozialproduktes für das Militär auszugeben, wird befürwortet. Das politische System soll durch die Einführung des Verhältnis- statt des geltenden Mehrheitswahlrechts, die Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre sowie die Stärkung lokaler Entscheidungsinstanzen demokratischer gestaltet werden. Die LD forderte außerdem die Entkriminalisierung des persönlichen Cannabis-Konsums.
Scottish National Party Das Wahlmanifest der Scottish National Party (SNP) enthält folgende Kernpunkte: Die Austeritätspolitik soll beendet werden. In der nächsten Legislaturperiode sollen 120 Milliarden Pfund für nationale öffentliche Ausgaben freigemacht werden. Am Ende des Brexit-Prozesses soll in Schottland ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands abgehalten werden. Schottland soll im EU-Binnenmarkt verbleiben. Der Mindestlohn soll bis 2021/22 auf mehr als 10 Pfund pro Stunde steigen. Die Ausgaben des NHS in England sollen auf das schottische Level anwachsen. Ein überparteilicher Konsens, um das Trident-Nuklear-U-Boot-System abzuschaffen, wird angestrebt.
UK Independence Party Die UK Independence Party (UKIP) nannte in ihrem Wahlmanifest folgende Hauptziele: Abschluss des Brexit-Prozesses bis 2019, ohne Geldzuweisungen an die EU zu tätigen. Die Einwanderung soll netto innerhalb von fünf Jahren auf 0 reduziert werden. Ausländer ohne oder mit einer schlechten Qualifikation sollen ab dem Zeitpunkt des endgültigen Brexits von der Möglichkeit der Einwanderung ausgeschlossen werden.