Tibet war von 1912 bis 1951 ein de facto unabhängiger Staat auf dem Hochland von Tibet. Tibet stand im Laufe seiner Geschichte wiederholt unter Fremdherrschaft unterschiedlicher Ausprägungen, ab 1912 konnte es sich aufgrund der inneren Konflikte in China faktisch von der chinesischen Oberhoheit lossagen, ohne dabei international als unabhängiger Staat anerkannt zu werden.

Unabhängigkeitsstreben Im Vertrag von Sankt Petersburg von 1907 hatten sich das Vereinigte Königreich und das Russische Kaiserreich auf die Abgrenzung ihrer Interessengebiete in Zentralasien geeinigt, die die faktische chinesische Suzeränität über Tibet bestätigte. 1910 verlegte die kaiserliche chinesische Mandschu-Regierung Truppen zur Niederschlagung von Aufständen und zur Bekräftigung des chinesischen Herrschaftsanspruchs nach Tibet. Als Folge der Xinhai-Revolution und des Sturzes der Qing-Dynastie wurden die chinesisch-mandschurischen Truppen aus Tibet abgezogen, worauf der 13. Dalai Lama aus dem indischen Exil zurückkehrte und 1913 formal die Unabhängigkeit Tibets erklärte. Der neu entstandene Staat schloss 1913 einen Freundschaftsvertrag mit der Mongolei, die 1911 ebenfalls ihre Unabhängigkeit von China erklärt hatte. Die 1914 von Großbritannien, Tibet und China ausgehandelte, von China aber nicht ratifizierte Shimla-Konvention bestätigte die völlige Autonomie Tibets, ohne den Anspruch chinesischer Suzeränität über Tibet aufzugeben.Gotthold Lange: Politische Geographie der Nebenländer von China ausschließlich der Mandschurei. Dissertation. Königsberg 1932, S. 10–14. Nach einem erfolglosen Versuch der Rückeroberung 1918 unternahm China, bedingt durch Revolutionswirren, Bürgerkriege und den japanisch-chinesischen Krieg, in den folgenden Jahrzehnten keine ernsthaften Versuche, seine Suzeränität zu wahren.

Der tibetische Staat konservierte ein an das europäische Mittelalter erinnerndes Gesellschaftssystem,Feudalism. In: John Powers, David Templeman (Hrsg.): Historical Dictionary of Tibet (= Historical Dictionaries of Asia, Oceania, and the Middle East.). Scarecrow Press, Lanham 2012, ISBN 978-0-8108-6805-2, S. 239–240.Charles Alfred Bell: Tibet einst und jetzt. Brockhaus, Leipzig 1925, S. 277. an dessen Spitze der Dalai Lama als höchste weltliche und geistliche Autorität stand. Das politische, kulturelle, gesellschaftliche Leben war durch die buddhistische Religion bestimmt, deren Klerus neben dem Dalai Lama den wesentlichen politischen und gesellschaftlichen Machtfaktor darstellte. Die Wirtschaft des Landes war rein agrarisch geprägt, die Landbevölkerung stand dabei in einem feudalen Abhängigkeitsverhältnis zu Staat, Klöstern und Großgrundbesitzern. Eine moderne Infrastruktur und außenpolitische Beziehungen bestanden nur in minimalem Umfang, obwohl der bis zu seinem Tod 1933 regierende 13. Dalai Lama Thubten Gyatsho versuchte, das Land behutsam zu modernisieren.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die chinesische Regierung Bestrebungen, Tibet unter ihre Kontrolle zu bringen, wieder auf. Im Oktober 1950 rückten Truppen der Volksbefreiungsarmee in Richtung Tibet vor. Appelle der tibetischen Regierung an die Vereinten Nationen blieben erfolglos. Im Mai 1951 unterzeichnete eine tibetische Delegation unter massivem Druck das „Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets“, mit dem sich die chinesische Regierung die Kontrolle über die tibetische Außenpolitik und das Recht zur Truppenstationierung sicherte. Indem sie der tibetischen Bevölkerung scheinbar weiterhin „innere Autonomie“ zusicherte, ließ die chinesische Führung in den ersten Jahren das politische System des Landes zwar unangetastet, begann aber in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts zunehmend eigene chinesische Verwaltungsstrukturen aufzubauen, die Infrastruktur entsprechend auszubauen und Programme zur Landreform in Angriff zu nehmen.S. H. Steinberg (Hrsg.): The Statesman's Year-Book. Statistical and Historical Annual of the States of the World for the Year 1960. 97. Auflage. Macmillan & Co, London 1960, S. 1425–1427. Diese Entwicklung führte 1959 zum Tibetaufstand mit zehntausenden Todesopfern auf tibetischer Seite. Der 14. Dalai Lama floh daraufhin nach Indien, worauf China alle Regierungsfunktionen des Landes übernahm und Tibet 1965 als Autonomes Gebiet Tibet vollständig in die administrative Gliederung der Volksrepublik China einband.John Paxton (Hrsg.): The Statesman's Year-Book. Statistical and Historical Annual of the States of the World for the Year 1971–1972. 97. Auflage. Macmillan & Co, London 1971, ISBN 0-333-11304-7, S. 816.

Die Frage des völkerrechtlichen Status des tibetischen Staatswesens, die Legitimität sowohl der tibetischen Unabhängigkeitserklärung als auch der Eingliederung in die Volksrepublik China, sowie die Stellung der tibetischen Exilregierung sind Teil einer bis heute andauernden Kontroverse. Die Frage, ob Tibet als ein eigenständiger Staat zu betrachten sei, war bereits bei Zeitgenossen umstritten und wird bis heute kontrovers diskutiert.Barry Sautman: "All that glitters is not gold". Tibet as a pseudo-state. (= Maryland Series in Contemporary Asian Studies. Band 198). University of Maryland School of Law, 2009, ISBN 978-1-932330-28-1. (PDF-Datei; 5,2 MB)

Gebiet und Bevölkerung mini|Physische Karte des tibetischen Hochlandes mini|Drei unterschiedliche Ansichten zum tibetischen Staatsgebiet. Dunkelrot Tibet aus nationalchinesischer Sicht, hellrot der reale Einflussbereich der Regierung in Lhasa, schraffiert das von ihr 1914 in Simla geforderte Staatsgebiet. Die Grenzen Tibets waren nur teilweise definiert, wodurch es unmöglich ist, eine genaue Flächenangabe zu liefern. Im Süden boten der Himalaya und im Westen der Karakorum eine natürliche Grenze gegen Britisch-Indien und seine Protektorate Nepal, Bhutan und Sikkim, während im Osten der Jangtsekiang Tibet von den chinesischen Provinzen Yunnan und Sichuan abgrenzte. Nördlich von Tibet schlossen sich die chinesischen Nebenländer Sinkiang und Qinghai an. Genaue Angaben zum Staatsgebiet sind wegen der undefinierten Grenzen zum eigentlichen China bzw. Qinghai schwierig, und es wurden und werden teilweise stark unterschiedliche Angaben gemacht. Gängige Zahlen liegen zwischen 1,1 Mio. km² und 1,9 Mio. km², wobei der erste Wert eine (obere) Abschätzung für das tatsächlich von der Regierung in Lhasa beherrschte Gebiet darstellt, während die Angabe von 1,9 Mio. km² den ersteren Wert um Gebiete in Qinghai ergänzt, die zwar traditionell zum tibetischen Kulturraum gezählt werden, allerdings zu dieser Zeit nie unter tibetischer Herrschaft standen.

In Tibet wurden weder Volkszählungen durchgeführt noch sonstige Bevölkerungsstatistiken erstellt, sodass auch keine präzisen Angaben zur Bevölkerung möglich sind. In zeitgenössischen Quellen werden (für nicht immer deckungsgleiche Gebiete) Bevölkerungszahlen zwischen 1 Mio. und 6 Mio. genannt, die aber allesamt nur auf Schätzungen beruhten.Gotthold Lange: Politische Geographie der Nebenländer von China ausschließlich der Mandschurei. Dissertation. Königsberg 1932, S. 1–2. Spätere Schätzungen legen dagegen eher Zahlen von 0,7 Mio. bis 0,8 Mio. Einwohnern nahe.Mortimer Epstein (Hrsg.): The Statesman's Year-Book. Statistical and Historical Annual of the States of the World for the Year 1945. 82. Auflage. Macmillan & Co, London 1945, S. 798–799.Gothaisches Jahrbuch für Diplomatie, Verwaltung und Wirtschaft 1943. 180. Auflage. Perthes, Gotha 1943, S. 243. Die letzte kaiserlich-chinesische Volkszählung von 1909 bis 1911 sowie die erste Volkszählung in der Volksrepublik 1953 kamen auf Zahlen von ca. 1,3 Mio. Einwohnern – eine Zahl, die auch nahe am Ergebnis der ersten Volkszählung in Tibet liegt, die 1734–1736 durchgeführt wurde und je nach Interpretation 1 Mio. oder 1,3 Mio. Einwohner ergab. Sie deckt sich mit der Behauptung, die Bevölkerungszahl Tibets habe sich über Jahrhunderte nicht wesentlich verändert.Karl Wagner (Hrsg.): Jahrbuch der Welt 1954. Paul List Verlag, München 1953, S. 981.

Politik mini|Thubten Gyatsho, der 13. Dalai Lama, Staatsoberhaupt 1895 bis 1933 Politisches System Das politische System des damaligen Tibets lässt sich als theokratische absolute Monarchie beschreiben, in dessen Zentrum der Dalai Lama als oberste weltliche und geistliche Instanz stand. Politische Entscheidungen (mit Ausnahme der Außenpolitik, die alleinige Kompetenz des Dalai Lama war) wurden gemeinsam mit dem Premierminister, einem Laien, getroffen, welcher sich wiederum mit dem Ministerrat, bestehend aus vier Ministern (drei Laien und ein Geistlicher) beriet. Alle Minister waren allein vom Dalai Lama abhängig. Im Falle besonders wichtiger Entscheidungen konnte der Dalai Lama eine Nationalversammlung einberufen, die sich aus hohen Beamten, Klerikern und Adel zusammensetzte. Deren Beschlüsse wurden zunächst an den Ministerrat, dann den Premierminister und schließlich den Dalai Lama weitergeleitet. Neben der nur selten einberufenen „großen“ Nationalversammlung bestand eine Kleine Versammlung von etwa zwanzig Personen, bestehend aus Vertretern der großen Klöster und einiger Landadeliger. In beiden Versammlungen stellte der Klerus eine Mehrheit.Gotthold Lange: Politische Geographie der Nebenländer von China ausschließlich der Mandschurei. Dissertation. Königsberg 1932, S. 22–25.

Eingeschränkt wurde die absolute Macht des Dalai Lama durch den zahlenmäßig bedeutsamen Klerus, der ein Fünftel der männlichen Bevölkerung umfasste und das öffentliche Leben fast vollständig beherrschte. Die Mönche gingen keiner Erwerbstätigkeit nach, ihnen stand eine kostenlose Grundversorgung an Nahrungsmitteln zu. Darüber hinaus deckten sie ihren Bedarf durch das Anbieten religiöser Dienstleistungen.Željko Marković: Lamaismus, in: Christoph Auffarth u. a. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Politische Entscheidungen, die gegen das vor allem im Raum Lhasa konzentrierte „Mönchproletariat“ gerichtet waren, konnten kaum getroffen werden.Gotthold Lange: Politische Geographie der Nebenländer von China ausschließlich der Mandschurei. Dissertation. Königsberg 1932, S. 26–28. mini|Der Potala-Palast Im unabhängigen Tibet begannen sich zwei politische Gruppierungen herauszubilden: Die „konservative“ Mönchspartei, die ihre Anhänger primär in allen Schichten des Klerus fand, streng fremdenfeindlich gesinnt war und politischen und gesellschaftlichen Neuerungen ablehnend gegenüberstand, stellte die bedeutendste Gruppierung im Staat dar. Als Gegenpol zur Mönchspartei bestand die „progressive“ Reformpartei, deren Anhänger sich aus höheren Beamten, dem Landadel und Großgrundbesitzern rekrutierten und für gesellschaftliche und technische Reformen sowie eine Annäherung an Britisch-Indien eintraten. Der 13. Dalai Lama wurde dieser Gruppe zugerechnet und versuchte, deren Einfluss zu stärken, in dem er ihr nahestehende Personen in höhere Positionen einsetzte.

Verwaltung Das Land war in dreizehn Provinzen eingeteilt, in denen ein Statthalter alle exekutive und judikative Gewalt ausübte. Die Provinzen wiederum untergliederten sich in etwa 50 Bezirke, an deren Spitze sich je ein geistlicher und ein weltlicher Gouverneur standen, die sich gegenseitig kontrollieren sollten – ein System, welches in der Praxis aber weitgehend unwirksam blieb. Dem Bezirksgouverneur untergeordnet waren die Dorfvorsteher, die für das Eintreiben von Steuern und deren Weiterleitung an die höheren Ebenen verantwortlich waren.Gotthold Lange: Politische Geographie der Nebenländer von China ausschließlich der Mandschurei. Dissertation. Königsberg 1932, S. 25–26.