mini|Andreastor von 1907, Blick von der „Feldseite“ in Richtung Dom mini|Das mittelalterliche, innere Andreastor im Modell auf dem Spielplatz in der Herta-Mansbacher-Anlage in Worms
Andreastor (auch: Andreaspforte) bezeichnet drei Toranlagen der Stadtbefestigung Worms.
Benennung Westlich vor der Stadt existierte bereits vor dem Jahr 1000 eine dem Heiligen Andreas geweihte Klerikergemeinschaft. Bönnen und Joachim Kemper: Das geistliche Worms, S. 693. Dieses wurde unter Bischof Burchard von Worms an der Wende zum 11. Jahrhundert hinter die Stadtmauer an den jetzigen Standort des Andreasstifts verlegt.
Mittelalterliches Inneres Andreastor mini|Inneres Andreastor vor der Zerstörung 1689 … mini|… und danach
Geografische Lage Das mittelalterliche (innere) Andreastor war das Stadttor, das als Durchlass für die Andreasgasse im westlichen inneren Mauerring der Stadtbefestigung von Worms diente. Es befand sich im südlichen Abschnitt der westlichen Stadtmauer.
Baulichkeit Das Tor war etwa 34 m hoch. Fritz Reuter: Wehrhaftes Worms. 3. Türme, Mauern und Wehrgang. In: Wormser Monatsspiegel vom April 1982, S. 5–8 (8). Vor dem Torturm spannte sich eine Brücke über den Stadtgraben. Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 59.
Geschichte Die älteste erhaltene Erwähnung des mittelalterlichen Andreastors findet sich in der Mauerbauordnung aus der Zeit von Bischof Thietlach an der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert. Bönnen und Kemper in Bönnen (Hg.): Das geistliche Worms, S. 693. Die nächst jüngere Nennung hält eine Urkunde von 1141 fest. Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 56.
Das Andreastor galt als eine besonders gefährdete Stelle im Verteidigungsring der Stadt, weil in der Nähe viele Kleriker lebten. Das Verhältnis zwischen Kirche und Stadt war oft gespannt und die Stadt fürchtete, dass der Klerus sich mit einem vor der Stadt liegenden Feind verbünden und ihm das Tor öffnen könne. Isele: Das Wehrwesen, S. 76. Auf einer Zeichnung von Peter Hamman, die er von der 1689 zerstörten Stadt Worms gefertigt hat Peter Hamman: [Ansicht der Stadt Worms nach der Zerstörung 1689 von Norden]. Stadtarchiv Worms, Abt. 1B, Nr. 48. , stellt er das Andreastor als komplett zerstört dar. Beim Wiederaufbau der Stadt im 17. Jahrhundert wurde das Tor wohl wieder so weit hergestellt, dass es als Zolltor verwendet werden konnte. Militärisch war es nun funktionslos und wurde – wie viele andere Partien der Stadtmauern – spätestens im 19. Jahrhundert beseitigt.
Äußeres Andreastor mini|links|Äußere Andreaspforte
Geografische Lage Das Äußere Andreastor (auch: Äußere Andreaspforte) diente der Fortsetzung des Andreasgasse, die von hier Richtung Alzey weiter führte, vor dem inneren Mauerring und der Inneren Andreaspforte. Es lag unmittelbar nordöstlich des Jüdischen Friedhofs.
Baulichkeit Das Äußere Andreastor hatte einen Torturm auf viereckigem Grundriss. Dem war eine frühneuzeitliche Bastion vorgelagert, über die die Straße mit einem leichten Winkel nach Südwesten führte. Den davor liegenden Graben überspannte eine Brücke, vor der auf der Feldseite ein weiteres Tor errichtet war. Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 63; Peter Hamman: Statt Wormbß wie selbige 1631 vor dem Schwedischen Ruin der Vorstätt [...] verblieben. (Federzeichnung). Frankfurt am Main, 1691. Stadtarchiv Worms, Abt. 1B, Nr. 48.
Im Bereich zwischen diesen beiden Andreastoren bestand ein 1519 gebauter unterirdischer Gang vom Stadtgraben am inneren Andreastor durch den äußeren Wall zum Graben vor der äußeren Verteidigungsanlage. Fritz Reuter: Warmasia – das jüdische Worms. Von den Anfängen bis zum jüdischen Museum des Isidor Kiefer (1924). In: Gerold Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1679-7, S. 664–690 (666). Der Gang war 36 m lang, 1,50 m hoch und 80 cm breit. Er wurde 1930 ausgegraben, dabei wurden die Grabsteine geborgen Otto Böcher: Der alte Judenfriedhof zu Worms (= Rheinische Kunststätten. Band 148). 7. Auflage. Neusser Verlag und Druckerei, Neuss 1992, ISBN 3-88094-711-2, S. 4. und innen in den Westabschnitt der nördlichen Umfassungsmauer des Friedhofs eingelassen. In den 1970er Jahren waren vom westlichen Eingang des Ganges im Hang zur Bahnstrecke Mainz–Mannheim noch Spuren zu erkennen Armknecht: Die Wormser Stadtmauern, S. 63. , heute nicht mehr.
Andreastor von 1907 Geografische Lage Die heute bestehende und als „Andreastor“ bezeichnete Anlage liegt unmittelbar südwestlich des Andreasstifts und ist ein Durchbruch durch den südlichen Mauerabschnitt der inneren Stadtmauer für die kurze Straße „Am Andreastor“, eine Verbindung zwischen dem heutigen Weckerlingplatz und der Hanns-Thierolf-Anlage.
Geschichte Dieses dritte Andreastor entstand 1907 unter dem Baudezernenten und Bürgermeister Georg Metzler als Durchlass für den zunehmenden Verkehr Reuter in Bönnen (Hg.): Der Sprung, S. 537. , nahezu gleichzeitig mit dem Raschitor in der inneren Nordmauer und dem Durchlass Herzogenstraße in der inneren Ostmauer. Bei den Bauarbeiten erwies sich die Stadtmauer in diesem Bereich als so marode, dass der Abschnitt komplett abgetragen werden und zusammen mit dem neu geschaffenen Tor neu aufgemauert werden musste. Olaf Wagener und Aquilante de Filippo: Die Wormser Stadtmauer – Neue Erkenntnisse zu Datierung und Entwicklung sowie Bericht über die Bauforschung an der Stadtmauer im Bereich des Andreasstifts. In: Der Wormsgau 30 (2013), S. 19–57 (23).
Bauwerk Das Tor hat einen großen Bogen zum Durchfahren und einen kleinen für Fußgänger. Ebenso wie die beiden anderen „modernen“ Tore wurde dem Durchlass eine historisierende Form gegeben.
In dem Neubau wurden auch einige Spolien vermauert, unter anderem ein romanisches Christus-Relief. Irene Spille: Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland. Kulturdenkmäler in Rheinland-Pfalz. Band 10 (Stadt Worms). Wernersche Verlagsgesellschaft, Worms 1992, ISBN 978-3-88462-084-7, S. 42. Das Relief befand sich stadtseitig auf dem Pfeiler zwischen Straßendurchfahrt und Fußgängerdurchgang, ist heute (2019) nahezu komplett abgewittert und als solches kaum noch zu erkennen.
Wissenswert In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Begriff „Andreastor“ für eine der vier damals bestehenden NSDAP-Ortsgruppen verwendet. Gerold Bönnen: Von der Blüte in den Abgrund. Worms vom Ersten bis zum Zweiten Weltkrieg (1914–1945). In: Gerold Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1679-7, S. 545–606 (586). Die anderen waren „Liebenau“, „Wasserturm“ und „Mainzertor“.
Literatur Karl Heinz Armknecht: Die Wormser Stadtmauern. In: Der Wormsgau 9 (1970/1971), S. 54–65. Gerold Bönnen und Joachim Kemper: Das geistliche Worms: Stifte, Klöster, Pfarreien und Hospitäler bis zur Reformation. In: Gerold Bönnen (Hg.): Geschichte der Stadt Worms. Theiss, Stuttgart 2005. ISBN 3-8062-1679-7, S. 691–734.
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Kulturdenkmal in Worms Kategorie:Verkehrsbauwerk in Worms Kategorie:Erbaut 1907 Kategorie:Stadttor in Rheinland-Pfalz Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Worms Kategorie:Stadtbefestigung Worms