Die Nation of Islam (NOI), auch bekannt als Black Muslims („Schwarze Moslems“), ist eine 1930 von Wallace Fard Muhammad gegründete religiös-politische Organisation von Afroamerikanern außerhalb der islamischen Orthodoxie. Schätzungen der Mitgliederzahl schwanken zwischen 10.000 und 50.000.

Der Name deutet auf die separatistischen Gründungsziele hin, unter anderem die Einrichtung eines abgetrennten Homelands in den Vereinigten Staaten. Bis in die 1970er Jahre vertrat die Organisation die Ideologie der Black Supremacy, die 1975 nach dem Tode von Elijah Muhammad von seinem Sohn Warith Deen Mohammed kurzzeitig aufgegeben wurde. Die ideologischen Differenzen führten zur Spaltung in die gemäßigte American Society of Muslims unter Mohammed und die fanatische „neue“ Nation of Islam, die die rassistische Tradition der Black Supremacy (schwarze Vorherrschaft) weiterführte.AP/MSNBC: Former Nation of Islam leader dies at 74 Seit 1977 ist Louis Farrakhan der Führer der Nation of Islam.Southern Poverty Law Center: Louis Farrakhan Die Anti Defamation League identifizierte in der Bewegung auch antisemitische Standpunkte.

Ideologie mini|Masjed Aqsa in Harlem mini|Muhammad Mosque #65 in Baton Rouge, Louisiana Die Glaubenspraxis des Moorish Science Temple lag der Nation of Islam zwar zugrunde, jedoch gründete diese Organisation nicht auf einem Nationalstaatsgedanken. Auch wurden dort die Weißen nicht mit dem Teufel gleichgesetzt. Übernommen wurde jedoch die Verbindung aus „pseudo-islamischem“ Glauben und der Idee, die soziale Situation der afroamerikanischen Bevölkerung zu thematisieren und zu verbessern.

Nachdem 1975 W.D. Muhammad die Führung der „originalen“ Nation of Islam übernahm, führte er die Organisation zum orthodoxen Islam, was vielen nicht gefiel. Wer den Lehren Elijah Muhammads treu blieb, trat aus der Nation aus, einige unter ihnen gründeten eigenständige Organisationen und lehrten die Lehren des verstorbenen Führers Elijah Muhammad. Als erster tat dies Silis X oder Silis Muhammad, der seine Organisation the Lost Found Nation of Islam nannte. Wohl am bekanntesten ist aber Louis Farrakhan, einer der wichtigsten Prediger in der Nation zu Lebzeiten von Elijah Muhammad. Seine Organisation nennt sich the Nation of Islam. Die Organisationen lehren nicht dasselbe, es gibt Abweichungen, sowohl was Glaubensprinzipien als auch religiöse Praktiken betrifft. So wird z. B. die Yacub-Geschichte weiterhin von allen Organisationen gelehrt, und die Forderung nach einem eigenen Staat besteht noch immer, aber z. B. beim Gebet sowie beim Glauben an Fard Muhammad gibt es gravierende Unterschiede. Die originale Nation of Islam existiert seit 1976 nicht mehr unter dem Namen, sie wurde öfters umbenannt. Heute ist sie als The American Society of Muslims bekannt. Elijah Muhammads Sohn W.D. Muhammad trat am 31. August 2003 als Führer zurück und verstarb am 9. September 2008.

Weiße als Teufel Die Entstehung der weißen Rasse wurde als Ergebnis von Jahrhunderte langer „Züchtung“ eines „bösen“ schwarzen Wissenschaftlers (Yacub) erklärt. Das Urvolk soll nach dieser Genese der Stamm von Shabazz sein, von dem die Afroamerikaner (und alle dunkelhäutigen Menschen) direkt abstammen. Yacub soll seine „Züchtung“ auf der durch die Offenbarung des Johannes bekannten griechischen Insel Patmos betrieben haben, wohin er mit 59.999 Gefolgsleuten von Mekka aus ging. Auf Patmos soll er nach und nach die braune, die rote, die gelbe und schlussendlich die weiße Rasse gezüchtet haben, die das absolut Böse und den Teufel repräsentiert (Adam und Eva sollen demnach die ersten Weißen gewesen sein) und in den Texten der Nation of Islam auch als „ausgebleichte Rasse“ bezeichnet wird. In der Folge soll es den Weißen gelungen sein, von der Insel, auf die sie verbannt waren, zu entfliehen. Sie unterwarfen und versklavten den Stamm von Shabazz (die Schwarzafrikaner), aber auch die „Braunen, Roten und Gelben“. Moses soll von Gott geschickt worden sein, um die Weißen zu zivilisieren, was ohne Erfolg geblieben sei.

Erst durch die Nation of Islam und Master Fard Muhammad als „Gott“ sei es möglich, die Schwarzen aus ihrer Unterdrückung zu befreien.Vgl. Clifton E. Marsh: The lost-found Nation of Islam in America. Lanham, Maryland, London 2000, S. 41 f. Den gegenwärtige Zustand der Schwarzen betrachtet die NOI als Dschahannam und jenen der Weißen als Dschanna. Beide Orte sind in der Doktrin der Organisation nämlich keine jenseitigen Welten, da sie den Glauben an ein Leben nach dem Tod ablehnt. Am jüngsten Tag werde die weiße Vorherrschaft schließlich enden, wenn Fard auf dem Merkaba zurückkehre.Jason Eric Fishman, Ana Belén Soage: The Nation of Islam and the Muslim World: Theologically Divorced and Politically United. in: Religion Compass 7/2 (2013), S. 64.

Nationsidee mini|Logo at the Nation of Islam headquarters in Indianapolis. Aus dieser Sicht auf die weiße Rasse basierte auch die Forderung nach einem eigenen Staat für die Afroamerikaner im US-amerikanischen Staatsgebiet. Diese Idee fußt auf den Grundannahmen, dass die US-amerikanischen Schwarzen direkte Nachfahren des genannten Stammes von Shabazz wären bzw. deren eigentliche „Nationalität“ „Asiatic Black“ („asiatisch-schwarz“) sei. Der eigene Staat wird nicht bloß aus dieser Nationalitäts- bzw. Abstammungsidee begründet, sondern auch aus der Annahme, dass ein US-amerikanischer Schwarzer niemals dieselben Privilegien erhalten würde wie ein US-amerikanischer Weißer. Hinzu kommt die historische Tatsache, dass die US-amerikanischen Schwarzen vornehmlich nicht freiwillig, sondern als Sklaven in die USA gebracht wurden.Vgl. Clifton E. Marsh: The lost-found Nation of Islam in America. Lanham, Maryland, London 2000, S. 31 f.

Aus diesem Grund der fehlenden „echten“ Identität, dem fehlenden Wissen über die eigentliche Vergangenheit und, als offensichtlichstes Zeichen, dem Fehlen des eigenen Nachnamens, wurde das „X“ als Ersatz für den „Sklavennamen“ (den Nachnamen, den Afrikaner von ihren Sklavenhaltern übernahmen) eingeführt.

Muslim-Programm Weitere Grundsätze und Forderungen wurden im so genannten „Muslim-Programm“Muslim Program formuliert. In der angeführten Form entspricht dies dem „Muslim Program“ unter Elijah Muhammad (1897–1975; Führer der Nation of Islam von 1934 bis zu seinem Tod). Die Punkte sind im Namen „der Muslime“ formuliert, haben dennoch nur für Anhänger der Glaubenslehre der Nation of Islam eine gewisse Verbindlichkeit und stellen (bis heute) einen ideologischen Leitfaden der Nation of Islam dar.

Was Muslime wollen: Wir fordern Freiheit, uneingeschränkte Freiheit. Wir fordern eine gerechte Justiz unter der Hoheit des Rechts, unabhängig von Glaube, Klasse und Hautfarbe. Wir fordern gleiche Möglichkeiten. Wir fordern einen eigenen Staat innerhalb der USA für die Nachfahren von Sklaven. Wir wollen Freiheit für alle „believers of Islam“ (Gläubige des Islam), die nun in Bundesgefängnissen sitzen Wir fordern ein sofortiges Ende von Polizeibrutalität und gewalttätigen Übergriffen von Bürgern gegen „so called Negroes“ („die sogenannten Neger“) in den ganzen USA. So lange wir nicht einen eigenen Staat errichten dürfen, fordern wir nicht nur eine gleiche, gerechte Justiz, sondern auch gleiche Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Wir fordern die Regierung dazu auf, unsere Leute von allen Steuerverpflichtungen zu entbinden, solange es keine gleiche, gerechte Judikative gibt. Wir fordern gleiche Ausbildung – aber getrennte Schulen bis 16 für Jungen und bis 18 für Mädchen unter der Bedingung, dass Mädchen auf Frauen-Colleges und -Universitäten geschickt werden. Wir wollen, dass alle schwarzen Kinder von ihren eigenen Lehrern unterrichtet werden.

Was Muslime glauben: Wir glauben an Gott, dessen wahrer Name Allah ist. Wir glauben an den heiligen Koran und an die Schriften der Propheten. Wir glauben an die Wahrhaftigkeit der Bibel, aber sie muss neu interpretiert werden, um die Menschheit vor den Falschheiten, die dazugedichtet wurden, zu bewahren. Wir glauben an Allahs Propheten und die Schriften, die sie den Menschen gebracht haben. Wir glauben an die Auferstehung der Toten – nicht in physischer Auferstehung, aber in geistiger. „We believe that the so-called Negroes are most in the need for mental resurrection. Therefore, they will be resurrected first.“ („Wir glauben, dass die sogenannten Neger die geistige Auferstehung am nötigsten haben. Darum werden wir zuerst auferweckt werden.“) Des Weiteren glauben wir, dass wir das von Gott erwählte Volk sind. (Äthiopismus) Wir glauben an göttliche Rechtsprechung. Diese wird das erste Mal stattfinden, wenn sich Gott in den USA offenbart. „We believe in justice for all, whether in God or not; we believe as others, that we are due equal justice as human beings.“ („Wir glauben an Gerechtigkeit für alle, ob in Gott oder nicht; wir glauben wie andere, dass uns gleiche Gerechtigkeit als Menschen zusteht.“) Wir glauben an Gleichheit – als eine Nation – von Gleichen. Wir glauben nicht, dass wir als „befreite Sklaven“ mit unseren Sklavenhaltern gleich sind. Wir respektieren amerikanische Bürger, erkennen sie als unabhängiges Volk an und respektieren deren Gesetze. Wir glauben, dass das Angebot der Integration scheinheilig ist. Dass dieses Angebot von jenen formuliert wird, die versuchen, die Schwarzen zu täuschen und ihnen weiszumachen, ihre 400 Jahre alten Feinde von Freiheit, Recht und Gleichheit seien nun auf einmal ihre „Freunde“. Wir glauben, dass wir, die wir uns als rechtschaffene Muslime ansehen, nicht an Kriegen teilnehmen sollen, wenn diese Menschenleben kosten. Wir glauben, dass unsere Frauen respektiert und beschützt werden sollen, ebenso wie Frauen anderer Nationen. Wir glauben, dass Allah (Gott) in Master W. Fard Muhammad im Juli 1930, als der lang erwartete Messias der Christen und der Mahdi der Muslime erschien.Übersetzt nach Clifton E. Marsh: The lost-found Nation of Islam in America. Lanham, Maryland, London 2000, S. 46 f.

Geschichte Moorish Science Temple (1913–1929) Der „Moorish Science Temple“, die Vorgängerorganisation der „Nation of Islam“, wurde 1913 von Noble Drew Ali (Timothy Drew) in New Jersey ins Leben gerufen. Die Ideologie fußte nicht auf Panafrikanismus (d. h. im Unterschied zu Marcus Garvey, nicht auf der Emigration nach Afrika), sondern auf dem Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und rassistische Diskriminierung. Dieser Kampf beruht auf zwei zentralen Punkten: Das Wissen über die eigene „maurische“ Abstammung und die Abwendung vom Christentum bzw. Hinwendung zum Islam. Grundlage dafür war der Holy Koran of the Moorish Science Temple of America („Heiliger Koran des Moorish Science Temple of America“) bzw. Circle Seven Koran („Kreis-Sieben-Koran“), den Noble Drew Ali aus dem „Wassermann-Evangelium“ von Levi H. Dowling, einer Anleitung zur Lebensweise der Rosenkreuzer und einigen selbst verfassten Gedanken zusammengestellt hatte. Die Bewegung hatte zum Zeitpunkt des Todes Noble Drew Alis im Jahr 1929 etwa 30.000 Mitglieder in zehn Städten ausgehend von Chicago und spaltete sich nach seinem Ableben. Einige sahen Edward Mealy El (1870–1935) als den rechtmäßigen Nachfolger an, andere Drew Alis Fahrer John Givens El oder Fard Muhammad („Nation of Islam“).

Fard Muhammad (1929–1934) Der Name „Nation of Islam“ wurde von Wallace Fard Muhammad (1877–1934) eingeführt. Er ist unter vielen Alternativnamen bekannt, darunter W.D. Fard, David Ford-el, Wali Farad, Farrad Mohammed und F. Mohammed Ali. Innerhalb der Nation of Islam wird er allgemein „Master Fard Muhammad“ genannt.