The Satanic Temple (dt. „Der Satanische Tempel“, kurz TST) ist eine atheistische satanische Organisation, die 2013 von Lucien Greaves (alias Douglas Mesner; bürgerlicher Name Douglas Misicko) und Malcolm Jarry (bürgerlicher Name Cevin Soling) gegründet wurde. Sie gehört zum modernen, atheistischen Satanismus wie auch die Church of Satan (CoS) von Anton LaVey, grenzt sich allerdings explizit von okkulten und esoterischen Praktiken ab und vertritt im Gegensatz zur CoS ein humanistisches Menschenbild sowie politischen Aktivismus.

Geschichte In einem Interview mit der New York Times gab Malcolm Jarry an, dass die erste Idee auf George W. Bushs Gründung des White House Office of Faith-Based and Community Initiatives (OFBCI) (dt. Amt des Weißen Hauses für religiöse und kirchgemeindliche Initiativen) im Jahr 2001 zurückgeht.

Die Idee ruhte bis 2012, als Malcolm Jarry bei einem Vortrag an der Harvard University mit Douglas Mesner zusammentraf. Am 25. Januar 2013 kam es zu ersten aktivistischen Tätigkeiten. Der damalige Gouverneur von Florida, Rick Scott, setzte ein Gesetz durch, das Gebete in Schulen erlaubte. Nach der Verabschiedung des Gesetzes inszenierten Malcolm Jarry und Lucien Greaves eine vorgebliche Pro-Rick-Scott-Demonstration vor dem Parlamentsgebäude, um sich dafür zu bedanken, dass ihre „satanistischen“ Kinder jetzt auch in der Schule Satan anbeten dürfen.

Dabei wurde erstmals der Name The Satanic Temple öffentlich benutzt. Als Sprecher der Gruppierung trat damals noch ein Schauspieler auf. Nachdem die Aktion auf ein überdurchschnittlich großes Medienecho stieß, entschied sich Douglas Mesner dazu, unter dem Namen Lucien Greaves von nun an selbst als Vorsitzender des Satanic Temple aufzutreten:

Die Organisation wuchs durch Spendenaufrufe und medienwirksame Aktionen in den folgenden Jahren weiter. Die zugrundeliegende Weltanschauung wurde in den Seven fundamental tenets festgehalten und ein literarischer Kanon etabliert. Durch die Arbeit in den Gemeinden geht die Tätigkeit heute auch über reinen Aktivismus hinaus, so werden z. B. auch satanische Veranstaltungen organisiert.

2019 wurde auf dem Sundance Film Festival erstmals der Dokumentarfilm Hail Satan? gezeigt, der von den ersten Jahren des TST berichtet. Er lief in Deutschland unter dem Namen Hail Satan? Amerika und seine Satanisten erstmals am 6. Juli 2021 auf ZDFinfo.

Ende 2024 wurde der Satanic Temple in Russland als „unerwünschte Organisation“ eingestuft.

Hauptsitz Der Satanic Temple hat 2016 seinen offiziellen Hauptsitz in Salem, Massachusetts, eröffnet. Das ehemalige viktorianische Beerdigungsinstitut ist anthrazitfarben gestrichen und dient auch als Salem Art Gallery.

mini|Das Hauptquartier des Satanic Temple in Salem

Auf das Gebäude wurden bereits mehrfach Brand- und Sprengstoffanschläge verübt bzw. versucht zu verüben. 2022 wurde hier Feuer gelegt und noch am Tatort ein Mann verhaftet, der ein T-Shirt mit der Aufschrift GOD trug und zugab, aus Hass gehandelt zu haben. Rund zwei Jahre später wurde eine Rohrbombe auf das Grundstück geworfen und ebenfalls vor Ort ein Mann verhaftet sowie eine Notiz gefunden, in der der Täter angab, im Auftrag Elohims zu handeln. Ein weiterer versuchter Bombenattentäter wurde 2024 im Vorfeld durch seine Mutter verraten. Lucien Greaves bemerkte im Zusammenhang mit dem Brandschlag von 2022, dieser Angriff habe den paradoxen Effekt gehabt, dass man sich in Salem willkommener denn je fühle. Er bedankte sich für die Anteilnahme, freiwillige Hilfsangebote und eine „herzliche Umarmung“ durch die örtliche Gemeinde.

Die Stadt Salem ist überregional vor allem durch die Hexenprozesse von Salem im Jahr 1692 bekannt.

Verbreitung TST hatte im November 2016 ca. 50.000 Mitglieder in den USA. Nach der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten stiegen die Mitgliedszahlen innerhalb weniger Tage um mehrere Tausend an. 2022 gab der Satanic Temple die Zahl seiner weltweiten Mitglieder mit über 700.000 an. Außerhalb der USA existieren Congregations im Rest der englischsprachigen Welt und in verschiedenen Ländern Europas, darunter Deutschland.

Lehre Aus Sicht des TST ist es möglich, Religion und den Glauben an Übernatürliches voneinander zu trennen. Wie in anderen Formen des modernen Satanismus wird Satan daher nicht als real existierende Wesenheit angebetet, sondern steht vielmehr als Symbol für Individualität, Freiheitswillen und das Aufbegehren gegen Tyrannei. TST lehnt jede Art von Okkultismus ab. Die satanische Symbolik dient dabei als kultureller und identitätsstiftender Rahmen.

TST sieht sich selbst als moderne Weiterentwicklung des Satanismus nach LaVey.

Auftrag bzw. Ziele von TST Als ethische Leitlinie formuliert TST auf ihrer Website folgendes Ziel:

mini|Der Mitbegründer des Satanic Temple, Lucien Greaves, spricht auf dem SASHAcon 2016. Darüber hinaus heißt es zu konkreten Aktivitäten und Zielen der Gemeinschaft:

Die Sieben Grundsätze TST formuliert in sieben Grundsätzen die wesentlichsten Eckpfeiler der von der Gemeinschaft vertretenen Ethik:

Organisation Ursprünglich war der TST in sogenannten Chapters (Ortsverbänden) organisiert. Seit 2021 wird von Congegrations (Gemeinden) gesprochen. Hiermit sollte auch der religiöse Charakter des TST unterstrichen werden. Congregations werden von lokalen Mitgliedern unter der Aufsicht des Recognition and Onboarding Committee (RoC) aufgebaut. Derzeit existieren über 50 Congregations, vor allem in den USA, aber auch in anderen Staaten. Dort, wo (noch) keine Congregation existiert, haben sich Mitglieder oftmals unter dem Namen Friends of The Satanic Temple zusammengeschlossen.

TST Germany Am Unveiling Day 2022 wurde die drei Jahre zuvor als Friends of The Satanic Temple Germany gegründete Gruppe als Congregation anerkannt. Einen Monat später fand ein erstes offizielles Treffen mit Untaufe in Köln statt.TST Germany auf Instagram, abgerufen am 30. August 2022. Zur Hexennacht im Jahr darauf folgte ein Treffen in Berlin mit einem Vortrag zur Geschichte der Hexenverfolgung und einer religiösen Messe.TST Germany auf Instagram, abgerufen am 15. Februar 2025.

Zum ersten Mal an die Öffentlichkeit trat der TST Germany mit einer Kundgebung im Vorfeld des 103. Deutschen Katholikentages im Mai 2024 in Erfurt. Im Rahmen einer Goldenen Messe auf dem Domplatz wurde die Wertschätzung religiösen Lebens in der pluralen und demokratischen Gesellschaft sowie die religiöse Vielfalt gefeiert. The Satanic Temple Germany feiert religiöse Vielfalt in Erfurt In: Humanistischer Pressedienst, 24. Mai 2024, abgerufen am 5. Juni 2024.TST Germany: Satanischer Tempeltag 2024 (Erfurt), abgerufen am 28. Juni 2024. Diese Aktion gilt als Erster Satanischer Tempeltag.

mini|Kundgebung des Satanic Temple in Erfurt 2024

Im selben Jahr zelebrierten die deutschen Ministers of Satan zum ersten Mal ein TST-Hochzeitsritual in Deutschland, für ein gleichgeschlechtliches Paar.Radio Dreyeckland: Oh Happy Gay - Die schwule Show im Januar 25, abgerufen am 15. Februar 2025. Zum Jahreswechsel 2024/25 gründete die deutsche Congregation sich zusätzlich als Verein.TST Germany auf Instagram, abgerufen am 15. Februar 2025. Neben Aktivismus sollen in diesem auch Gemeinschaft, neue Rituale und säkulare Seelsorge einen Platz finden.Jan Vahlenkamp: Schwarze Messe in Leipzig In: Jungle World, 11. Juni 2026, abgerufen am 24. Juni 2026.

Während des Deutschen Evangelischen Kirchentages 2025 organisierte TST Germany in Hannover öffentliche Kundgebungen, die sich mit dem Gedenken an die Opfer der Hexenverfolgung und mit der Thematik der öffentlichen Finanzierung religiöser Großveranstaltungen befassten.Simon Benne: Kritische Stimmen mehren sich: Kann der Kirchentag den Menschen wirklich neue Hoffnung geben? In: Redaktionsnetzwerk Deutschland, 30. April 2025, abgerufen am 10. Mai 2025. Kirchentagspräsidentin Anja Siegesmund sagte hierzu: „Ich bin sehr dankbar, dass wir in einem freien Land leben.“Simon Benne: Religionskritiker, Abtreibungsgegnerinnen, Satanisten: Viele üben Kritik am Kirchentag In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 3. Mai 2025, abgerufen am 10. Mai 2025. Die Aktionen bildeten den Zweiten Satanischen Tempeltag.

Am 30. April 2026 veranstaltete The Satanic Temple Germany in der Walpurgisnacht am Wierturm der Burg Tecklenburg eine Gedenkdemonstration für die Opfer der europäischen Hexenverfolgung und erinnerte dabei insbesondere an den in Tecklenburg verstorbenen Arzt und Hexenprozesskritiker Johann Weyer. Gedenkdemonstration für die Opfer der Hexenverfolgung In: Humanistischer Pressedienst, 30. April 2026, abgerufen am 8. Mai 2026.

Aktivitäten (Auswahl) Seit der Gründung kam es zu einer Vielzahl von Aktionen und Kampagnen, die sich in der Regel direkt gegen eine politische Einflussnahme von christlichen Gruppierungen richteten. Dabei beruft sich der TST oftmals auf den 1. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten, der das Recht auf freie Religionsausübung sowie der Gleichbehandlung von Religionsgemeinschaften garantiert.

Gebete in Schulen (2013) Die Organisation erlangte erstmals im Januar 2013 mediale Aufmerksamkeit, als sich eine Gruppe von Satanisten vor dem Kapitol des Bundesstaates Florida versammelte, um ihre Zustimmung zu einem im Vorjahr von Gouverneur Rick Scott unterzeichneten Gesetzentwurf (Senate Bill 98) zu bekunden, der von Schülern geleitete Gebete in Schulversammlungen erlaubte. Die Gruppe erklärte weiter, dass der Gesetzentwurf keine Religion vorschreibe, so dass die Gebete von einem Schüler jeder Religion – einschließlich des Satanismus – geleitet werden könnten. Die TST-Mitglieder kündigten an, dass sie „auf die Straße gehen würden, um zu sagen, wie glücklich wir sind, weil unsere satanischen Kinder jetzt in der Schule zu Satan beten können.“

Projekt Protect Children (2014) Die Initiative soll Kinder vor Körperstrafe durch Lehrer schützen, die in den USA noch in 19 Bundesstaaten legal ist, indem diese sich auf ihre religiösen Rechte als TST-Mitglied berufen. Konkret zielt das vom Satanic Temple im Frühjahr 2014 ins Leben gerufene Protect Children Project (Kinderschutz-Projekt) darauf ab, „den Schutz des ersten US-Verfassungszusatzes zu gewährleisten, um Kinder zu unterstützen, bei denen die Gefahr besteht, dass sie in der Schule von Lehrern und Verwaltungsangestellten durch den Einsatz von Einzelhaft, Fesseln und körperlicher Züchtigung psychisch oder physisch misshandelt werden“. Auf der Webseite des Protect Children Project wurden die Teilnehmer aufgefordert, vorgefertigte Briefe auszudrucken, die sie an einem Tag, der als „Protect Children Day“ (Tag zum Schutz der Kinder) bezeichnet wurde, als Protest an ihre jeweiligen Schulbehörden schicken sollten. Im März 2017 startete The Satanic Temple im Rahmen des Protect Children Project eine Anti-Prügel-Kampagne gegen körperliche Züchtigung in Schulen. Sie enthüllten Plakatwände in Texas, auf denen zu lesen war: „Lass dich nie wieder in der Schule schlagen. Übe deine religiösen Rechte aus.“

Baphomet-Statue (2015) Besonderes Aufsehen erregte der Versuch, neben einer Statue der Zehn Gebote, die auf dem Gelände der Regierung von Oklahoma stand, eine Statue von Baphomet errichten zu lassen. Der Satanic Temple startete hierzu 2014 eine Crowdfunding-Kampagne, um ein Satansdenkmal zu schaffen, das Baphomet und zwei Kinder darstellt, mit der Absicht, dieses Denkmal im Oklahoma State Capitol aufzustellen. Die Gruppe sammelte Spenden, um die Statue als Antwort auf das Zehn-Gebote-Denkmal zu errichten, das 2012 von einem Staatsvertreter aus Oklahoma aufgestellt wurde. Der Künstler Mark Porter schmiedete die Skulptur in Florida nach einer Zeichnung von Eliphas Levi, die als Grundlage für Baphomet diente. Die Verantwortlichen reagierten, in dem die Statue der Zehn Gebote entfernt wurde. Die Baphomet-Statue steht heute im TST-Hauptquartier und ist Teil der Salem Art Gallery.

Gegenproteste vor Planned-Parenthood-Standort (2015)