mini|500px|Karte des Geländes der Kaserne Die Fritz-Erler-Kaserne war eine Kaserne in Rothwesten, einem Ortsteil der Gemeinde Fuldatal bei Kassel in Nordhessen.
Die Kaserne wurde als Fliegerhorst Rothwesten der Luftwaffe in den Jahren 1934–35 innerhalb kürzester Zeit als eine der modernsten Kasernenanlagen des damaligen Deutschen Reichs zur NS-Zeit gebaut (vgl. Baustil) und war im Zweiten Weltkrieg ein Standort der Fernaufklärer der Luftwaffe und ztw. ein Kriegsgefangenenlager.
Nach dem Krieg wurde die Kaserne von den Streitkräften der Vereinigten Staaten kurzfristig als Fliegerhorst und Kriegsgefangenenlager für Deutsche Soldaten genutzt.
Von historischem Belang wurde diese Kaserne als Ort des Währungskonklave im Jahr 1948, bei welcher die Währungsreform in den westlichen Besatzungszonen vorbereitet wurde, die einen der Grundpfeiler für das nachfolgende deutsche Wirtschaftswunder darstellte.
Nach einer längeren Periode als Standort der US Army übergaben Anfang der 1970er die Amerikaner die Kaserne dann der Bundeswehr.
Im Zuge der Übergabe ging die Umbenennung in Fritz-Erler-Kaserne einher, die dann von 1972 bis 2008 überwiegend als Standort der Fernmelder oder später der Heeresflugabwehr diente.
Mit der Auflösung der Flugabwehrbrigade 100 zum 31. Dezember 2007, deren Stab die letzte dort stationierte Bundeswehreinheit war, hörte im Jahr 2007 die militärische Geschichte nach ca. 70 Jahren auf und die Kaserne wurde im Frühjahr 2008 geschlossen.
In den darauffolgenden Jahren wurden einige Gebäude verkauft bzw. ein Solarpark wurde errichtet. In der Hochphase der Flüchtlingskrise in Deutschland 2015/2016 bis 2017 dienten einige Gebäude als Flüchtlingsunterkunft; ebenso wird ein Teil der Anlage seit 2022 wieder als Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete genutzt.
Bau der Anlage Schon bevor am 1. März 1935 die deutsche Luftwaffe gegründet wurde, lagen konkrete Planungen für deren Aufbau bereit. Im Raum Kassel war darin ein Fliegerhorst für eine Fernaufklärungsgruppe vorgesehen. Zwar war dort mit dem Flugplatz Kassel-Waldau bereits ein Fluggelände vorhanden, das sich aber durch seine Lage und Dimensionen für den Betrieb eines Fliegerhorstes als untauglich erwiesen hatte. Unter der Leitung von Albert Kesselring, der damals die Abteilung D im Reichsluftfahrtministerium führte, wurden deshalb mit einer Ju 52 Luftaufklärungen im Kasseler Raum vorgenommen, um ein geeignetes Gelände zu finden. Dabei wurde das Gebiet zwischen Rothwesten, Knickhagen und Gut Eichenberg als geeignet erachtet. Da die Domäne Rothwesten und der benachbarte Forst Staatseigentum waren, gab es keine Probleme mit dem Grunderwerb. Da die Luftwaffe zu diesem Zeitpunkt noch nicht existieren durfte, war die Tarnorganisation Deutsche Verkehrsfliegerschule (DVS) der offizielle Auftraggeber.
Der Bau von Großfluganlagen und Fliegerhorsten wurde von einem Stab von Architekten und Ingenieuren im Reichsluftfahrtministerium ausgeführt, und so wurde der dortige Regierungsbaumeister Werner Noel 1934 mit dem Bau des Fliegerhorsts betraut. Die Bauleitung wurde zunächst in der Dorfschule Rothwesten eingerichtet, weshalb der Name Fliegerhorst Rothwesten entstand.
Für den Bau des Fliegerhorstes musste, um ein entsprechend ebenes Gelände zu schaffen, an der Ostseite Boden bis zu einer Höhe von 7 m abgetragen werden, und da zwei Drittel des Geländes Wald war, musste auch entsprechend gerodet werden. Es wurde in drei Schichten und an sieben Tagen der Woche gearbeitet. Auf diese Weise entstand ein Rollfeld von 600 m Breite und 800 m Länge (später wurde das Rollfeld auf 1000 m Länge erweitert). Am östlichen Rollfeldrand wurden die technischen Bauten wie eine große Flugzeugwerft, drei Hangars (später auf fünf erweitert), die Befehls- und Bildstelle errichtet. Die Hangars erwiesen sich jedoch bei später benutzten Flugzeugtypen wie der Dornier Do 17 als zu klein. Die Flugzeugwerft diente der Generalüberholung, größeren Inspektionen und der Reparatur der stationierten Maschinen. In der Befehlsstelle befand sich auch die Bildstelle und hier fanden die Flugbesprechungen bzw. die Vorbereitungen von Überlandflügen statt. In der Bildstelle wurde das Bildmaterial ausgewertet und zu übersichtlichen Bildplänen zusammengeschnitten.
Baustil Die Kasernenanlage Fliegerhorst Rothwesten wurde gerade mal in 8 Monaten im Jahr 1935 im Wesentlichen nach den Baustilen der Heimatschutzarchitektur (Heimatstil für Wohnungs- und Sozialbau) und dem Bauhausstil errichtet.
Der Fliegerhorst Rothwesten war nach Fertigstellung in den dreißiger Jahren eine der modernsten Kasernen Deutschlands und dieser Kasernenstil bildete eine Grundlage für andere neue Militäranlagen. Der Baustil der Kaserne wurde für seine Gestaltung in einer Architekturausstellung in München ausgezeichnet.
Unterkunfts- und Freizeitgebäude Das Unterkunftsgelände wurde nicht im Kasernenstil bebaut, sondern ähnlich wie eine zivile Wohnsiedlung in einer Variante des Heimatstils für Wohnungs- und Sozialbau.
Mannschaftsunterkünfte: Die Mannschaftsunterkünfte bestanden aus 1- bis 4-Mann-Zimmern und waren verhältnismäßig großzügig gestaltet. Wohnsiedlung: Wegen der relativen Abgeschiedenheit des Fliegerhorstes wurde am Südrand eine Wohnsiedlung für verheiratete Offiziere, Unteroffiziere und Beamte errichtet. Wirtschaftsgebäude: Das Wirtschaftsgebäude bestand aus zwei Giebelbauten, die durch den Küchentrakt verbunden waren und die die Speisesäle und Kantinen für Unteroffiziere und Mannschaften enthielten. Zu Veranstaltungen im Wirtschaftsgebäude hatten auch Anwohner Zutritt, denn es war als Haus der Begegnung konzipiert. Sozialeinrichtungen: Für die Elite der Soldaten, so wie die Piloten gesehen worden sind, wurde kein Aufwand gescheut und so entstanden in der Kaserne, ungewöhnlich für einen Militärstandort dieser Zeit Sozialeinrichtungen wie die Kegelbahn und das Schwimmbad.
Gebäude um das Flugfeld Die Gebäude um das Flugfeld, wie z. B. der Tower, wurden im Bauhausstil errichtet, wobei durch Kriegszerstörungen oder nachfolgende Umbauten vom Bauhausstil nur noch wenig zu sehen ist. Von den Gebäuden sind nur noch zwei Objekte, die ehemalige Bildstelle und eine Flugzeughalle, existent.
Kunstobjekte in der Kasernenanlage mini|Uhr am Wirtschaftsgebäude Etwa 50 m vor der Wache stand ein von Paul Wynand geschaffenes, etwa 3 m hohes Bronzestandbild mit dem Namen Ikarus, das einen Mann darstellte, der einen Adler steigen lässt. Das schmiedeeiserne Tor und die Uhr am Wirtschaftsgebäude, mit geschmiedeten Tierkreiszeichen als Ziffern, wurde vom Kasseler Kunstschmiedemeister Heinrich Cornelius geschaffen. An der Außenwand des Offizierskasinos ist eine von dem Bildhauer Andreas Schwarzkopf angefertigte Skulptur mit dem Namen „Der Ritter bewacht das Tal“ angebracht.
Geschichte als Fliegerhorst Rothwesten Der Fliegerhorst Rothwesten wurde für eine Fernaufklärergruppe, die zunächst mit Heinkel He 45 ausgestattet war, gebaut und dementsprechend wurden auch die Flugzeughallen dimensioniert. Als die Gruppe mit Heinkel He 70 und Dornier Do 17 ausgerüstet wurde, erwiesen sich die Hallen jedoch als zu klein.
Am 15. März 1935 traf ein Vorkommando, bestehend aus drei Offizieren und 18–25 Unteroffizieren und Mannschaftsdienstgraden zur Aufstellung der 1. Staffel in Rothwesten ein. Da sich die Gebäude auf dem Platz noch im Rohbau befanden, wurden die Männer zunächst provisorisch in einer Baracke untergebracht. Am 1. März 1935 wurde die „Fliegergruppe Kassel“, mit der Bezeichnung 1./Aufkl.Gr.424 offiziell in Dienst gestellt (später dann 1./Aufkl.Gr.124).Aufklärungsgruppe 124 Das Richtfest der Kaserne fand erst am 30. April 1935 statt, als die „Fliegergruppe Kassel“ bereits seit einem Monat in Dienst gestellt war. Da das Flugfeld zunächst noch nicht genutzt werden konnte, wurde von Kassel-Waldau aus geflogen; erst mit Fertigstellung am 1. Mai 1935 wurde ab Rothwesten geflogen. Ab 1. Dezember 1935 wurde der Schulbetrieb für freiwillige Flugzeugführeranwärter aufgenommen.
Am 1. April 1936 wurde durch die Indienststellung von zwei weiteren Staffeln die aus drei Staffeln bestehende Gruppe (F) 124 gebildet, die später in Aufklärungsgruppe 24 und noch später in Aufklärungsgruppe 22 umbenannt wurde. Diese war zwischen 1938 und 1939 dem Aufklärungsgeschwader 12 unterstellt. Die Truppenfahne wurde der Aufklärungsgruppe am 10. Mai 1937 übergeben. Im Jahr 1937 wurden die bisherigen Heinkel He 45 durch Heinkel He 70 ersetzt, die wiederum 1938 durch Dornier Do 17 abgelöst wurden.
mini|Gedenkstein für die gefallenen Fernaufklärer des Fliegerhorst Rothwesten
Nach Kriegsausbruch 1939 wurden die Aufklärungsstaffeln an frontnahe Einsatzorte verlegt. Danach beherbergte der Fliegerhorst kurzzeitig Kampf- und Nachtjagdverbände und längere Zeit die Flugzeugführerschule AB 119. Dabei stellte sich heraus, dass die Anlage für den Platzbedarf der modernen Flugzeuge und deren Anforderungen unter Kriegsbedingungen unterdimensioniert war. Bedeutung erhielt der Flugplatz nun als Ausweichproduktionsstätte der in Kassel ansässigen Gerhard-Fieseler-Werke, welche die Hallen zu Montage von Flugzeugen aus angelieferten Baugruppen und den Platz zum Einfliegen nutzten.
Zeitweise wurden dort auch russische Kriegsgefangene untergebracht.
Die folgende Tabelle zeigt eine Auflistung ausgesuchter fliegender aktiver Einheiten (ohne Schul- und Ergänzungsverbände) der Luftwaffe die hier zwischen 1935 und 1945 stationiert waren.Henry L. deZeng IV: Luftwaffe Airfields 1935–45 Germany (1937 Borders), S. 328, abgerufen am 22. Juni 2024.
Von Bis Einheit AusrüstungApril 1935September 1937 1./Aufklärungsgruppe 124 April 1936 2. und 3./Aufklärungsgruppe 124 Stab und 1./Aufklärungsgruppe 424Oktober 1937Oktober 1938 Stab, 1. bis 3./Aufklärungsgruppe 24 Stab, 1. bis 3./Aufklärungsgruppe 25November 1938August 1939 Stab, 1. bis 4./Aufklärungsgruppe 22November 1939Juni 1940 Stab/Kampfgeschwader 28 Heinkel He 111Februar 1940 II./Kampfgeschwader 28 Heinkel He 111P, Junkers Ju 88AFebruar 1940Mai 1940 II./Kampfgeschwader 76 Dornier Do 17ZJanuar 1941 3./Fernaufklärungsgruppe 33 April 1944Mai 1944 Stab/Jagdgeschwader z.b.V. Messerschmitt Bf 109GAugust 1944August 1944 I./Jagdgeschwader 4August 1944November 1944 I./Nachtjagdgeschwader 2 Junkers Ju 88C/RNovember 1944Januar 1945 III./Nachtjagdgeschwader 4 Junkers Ju 88G
Kurz bevor die amerikanischen Truppen am 6. April 1945 den Fliegerhorst besetzten, sprengten die Deutschen Teile der Anlage – darunter die beiden Montagehallen der Firma Fieseler, ein Werkstattgebäude und die Flugleitung.
Militärische Nutzung durch US-amerikanischen Streitkräfte
Nach der Besetzung des Fliegerhorstes am 7. April 1945 nutzte ihn die United States Army Air Forces (USAAF) ab dem 17. April zunächst weiter als Fliegerhorst und bauten den Platz mit befestigten Start- und Landebahnen sowie befestigten Roll- und Abstellflächen aus. Sie bezeichneten ihn als Advanced Landing Ground ALG R-12.David C. Johnson: U.S. Army Air Forces Continental Airfields (ETO), D-Day to V-E Day; Research Division, USAF Historical Research Center, Maxwell AFB, Alabama (1988). Dort wurden Staffeln der 36th Fighter Group (April 1945 bis 15. Februar 1946) und der 417th Fighter Squadron (1945 - 9. April 1946) stationiert.
Ein Jahr später, ab April 1946, wurden jedoch, aufgrund der Nähe zur sowjetischen Besatzungszone, keine fliegenden Verbände mehr in Rothwesten stationiert, sondern der Standort wurde von amerikanischen Heerestruppen und bodengebundenen Verbänden der US-Luftwaffe genutzt.
Zwischen 1945 und 1947 nutzten die Amerikaner das Gelände dann auch als ein Kriegsgefangenenlager (POW Camp) für deutsche Soldaten.Militärstandort Rothwesten ab 1945