Eine Meistererzählung oder Metanarrativ (französisch: méta récit; englisch: grand narrative) ist eine Erzählperspektive über die Vergangenheit, die für lange Zeit vorherrschend geblieben ist.
Kritik an traditioneller Geschichtsschreibung Der Begriff wurde von den Philosophen in den späten 1970er Jahren in die Diskussion eingeführt und hat seitdem für alle Disziplinen an Relevanz gewonnen, in denen über die Vergangenheit und Moderne diskutiert wird. International einflussreich war dabei die bahnbrechende Studie des amerikanischen Historikers Hayden White. Er wies darauf hin, dass die Darstellungen der Historiker des 19. Jahrhunderts nicht nur wissenschaftliche Erklärungen liefern, sondern auch in einem erzählenden Stil angelegt sind.Hayden White: Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa. Aus dem Amerikanischen von Peter Kohlhaas. Frankfurt am Main 1991 (amerikanische Originalausgabe 1973) Der französische Kulturkritiker Claude Lévi-Strauss hatte in seinen Untersuchungen über den Kolonialismus in Mittel- und Lateinamerika die Narrative der Kolonialherren (master narratives) den mündlichen Überlieferungen der Unterprivilegierten (slave narratives) gegenübergestellt. Ihm war aufgefallen, dass die schriftlichen Dokumente fast ausschließlich aus der Herrschaftsperspektive verfasst waren.Konrad H. Jarausch, Martin Sabrow: „Meistererzählung“ – Zur Karriere eines Begriffs. In: Dies. (Hrsg.): Die historische Meistererzählung. Deutungslinien der deutschen Nationalgeschichte nach 1945. Göttingen 2002, S. 9–31, hier: S. 14. Die französischen Historiker der Annales-Schule brandmarkten den Erzählcharakter der Historiographie generell als vor- bzw. unwissenschaftlich. Marc Bloch setzte der „Erzählung“ der traditionellen Historiographie die Textsorten der „Analyse“ und des „Vergleichs“ entgegen.Frank Rexroth: Meistererzählungen und die Praxis der Geschichtsschreibung. Eine Skizze zur Einführung. In: Frank Rexroth: (Hrsg.): Meistererzählungen vom Mittelalter. Epochenimaginationen und Verlaufsmuster in der Praxis mediävistischer Disziplinen. München 2007, S. 1–22, hier: S. 9. Vgl. Marc Bloch: Apologie der Geschichtswissenschaft oder der Beruf des Historikers. Stuttgart 2002, S. 15. Jacques Le Goff hatte ausgerufen, dass die „traditionelle politische Geschichte“ ein „Kadaver [sei], den es noch zu töten gilt“.Jacques LeGoff: Phantasie und Realität des Mittelalters. Stuttgart 1990, S. 351. Definition Meistererzählung
Nach Frank Rexroth sind Meistererzählungen „Chiffren für Glaubenswahrheiten aller Art, die unbefragt hingenommen werden“.Frank Rexroth: Meistererzählungen und die Praxis der Geschichtsschreibung. Eine Skizze zur Einführung. In: Frank Rexroth: (Hrsg.): Meistererzählungen vom Mittelalter. Epochenimaginationen und Verlaufsmuster in der Praxis mediävistischer Disziplinen. München 2007, S. 1–22, hier: S. 4. Konrad Jarausch und Martin Sabrow verstehen unter einer Meistererzählung eine „kohärente, mit einer eindeutigen Perspektive ausgestattete und in der Regel auf den Nationalstaat ausgerichtete Geschichtsdarstellung, deren Prägekraft nicht nur innerfachlich schulbildend wirkt, sondern öffentliche Dominanz erlangt“.Konrad H. Jarausch, Martin Sabrow: „Meistererzählung“ – Zur Karriere eines Begriffs. In: Dies. (Hrsg.): Die historische Meistererzählung. Deutungslinien der deutschen Nationalgeschichte nach 1945. Göttingen 2002, S. 9–31, hier: S. 16. Darunter zu verstehen ist demnach „die in einer kulturellen Gemeinschaft zu einer gegebenen Zeit dominante Erzählweise des Vergangenen“.Konrad H. Jarausch, Martin Sabrow: „Meistererzählung“ – Zur Karriere eines Begriffs. In: Dies. (Hrsg.): Die historische Meistererzählung. Deutungslinien der deutschen Nationalgeschichte nach 1945. Göttingen 2002, S. 9–31, hier: S. 17. Thomas Haye benennt mit Serialität, Linearität, Eindimensionalität des Erzählten und Teleologie vier strukturbildene Axiome der Meistererzählung.Thomas Haye: Die Periodisierung der lateinischen Literatur des Mittelalters - literaturwissenschaftliche Meistererzählungen als axiomatische und narrative Muster der Objektkonstitution und Strukturbildung. In: Frank Rexroth: (Hrsg.): Meistererzählungen vom Mittelalter. Epochenimaginationen und Verlaufsmuster in der Praxis mediävistischer Disziplinen. München 2007, S. 43–55. Nach Jörn Rüsen geben Meistererzählungen Antworten auf die Frage nach der kulturellen Identität.Jörn Rüsen: Einleitung: Für eine interkulturelle Kommunikation in der Geschichte. In: Jörn Rüsen, Michael Gottlob, Achim Mittag (Hrsg.): Die Vielfalt der Kulturen. Frankfurt am Main 1998, S. 12–36, hier: S. 23. In jüngerer Zeit gibt es Versuche, „aus dem Kampfinstrument ein Werkzeug für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Praxis der Geschichtsschreibung“ zu machen.Vgl. mit weiteren Nachweisen dazu Frank Rexroth: Meistererzählungen und die Praxis der Geschichtsschreibung. Eine Skizze zur Einführung. In: Frank Rexroth: (Hrsg.): Meistererzählungen vom Mittelalter. Epochenimaginationen und Verlaufsmuster in der Praxis mediävistischer Disziplinen. München 2007, S. 1–22, hier: S. 1.
Bei einer Dekonstruktion einer Meistererzählung müssen ganze Themen und Probleme neu diskutiert werden. Oftmals wird dem bisherigen Phänomen ein bescheidenerer Platz in einem größeren Ganzen zugewiesen.Frank Rexroth: Tyrannen und Taugenichtse. Beobachtungen zur Ritualität europäischer Königsabsetzungen im späten Mittelalter. In: Historische Zeitschrift, Bd. 278 (2004), S. 27–53, hier: S. 29.
Beispiele Das „archaische Frühmittelalter“ wurde einerseits als Ursprung der Nation oder Europas, andererseits als Kontrast zur zivilisierten, staatlich organisierten Gegenwart in Anspruch genommen. Eine geläufige Meistererzählung ist die vom Frühmittelalter als einer archaischen, finsteren und ungebildeten Zeit. Das Wort Mittelalter wurde von den Humanisten erfunden. Sie wollen damit die Periode zwischen Antike und Renaissance erfassen, die sie als „finsteres Mittelalter“ vor allem negativ deuteten. Nach einer verbreiteten Sichtweise galten die Klöster als letzte Inseln der Schriftkultur. Als extremes Beispiel dazu hat Jacques Le Goff in seinem 1957 veröffentlichten klassischen Werk die Intellektualität des Frühmittelalters vorgelegt. Er hat diese grundsätzlich bestritten. Nach seiner Sichtweise wurden Bücher als Bußübung (ab)geschrieben und nicht um gelesen zu werden.Jacques Le Goff: Les intellectuels au Moyen Âge. Paris 1957. Rosamond McKitterick hat anhand von 7000 erhaltenen karolingischen Handschriften verdeutlicht, dass Schriftlichkeit schon bei Laien verbreitet war.Walter Pohl: Ursprungserzählungen und Gegenbilder. Das archaische Frühmittelalter. In: Frank Rexroth (Hrsg.): Meistererzählungen vom Mittelalter. München 2007, S. 23–41, hier: S. 36. Nach Otto Gerhard Oexle hätten die Mittelalter-Bilder der Europäer einen „instrumentalen Charakter“ gehabt, denn sie seien „nicht Aussagen über das Mittelalter, sondern vielmehr Aussagen über die Moderne“ gewesen.Otto Gerhard Oexle: Das entzweite Mittelalter. In: Gerd Althoff (Hrsg.): Die Deutschen und ihr Mittelalter. Themen und Funktionen moderner Geschichtsbilder vom Mittelalter. Darmstadt 1992, S. 7–28, hier: S. 12
Das Frühmittelalter wurde auch als eine Zeit nationaler Ursprünge charakterisiert, wie etwa die die Verwendung von „the making“ oder „die Geburt“ oder „la naissance“ bereits im Buchtitel verdeutlicht.Carlrichard Brühl: Deutschland – Frankreich. Die Geburt zweier Völker. Köln u. a. 1990; Herwig Wolfram: Die Geburt Mitteleuropas. Geschichte Österreichs vor seiner Entstehung. Wien 1987; Florin Curta: The Making of the Slavs. History and Archaeology of the Lower Danube Region c. 500–700. Cambridge 2001. Dabei konzentrierte sich die Suche nach den nationalen Ursprüngen häufig auf die Zeit der Völkerwanderung.Walter Pohl: Ursprungserzählungen und Gegenbilder. Das archaische Frühmittelalter. In: Frank Rexroth (Hrsg.): Meistererzählungen vom Mittelalter. München 2007, S. 23–41, hier: S. 26.