mini|hochkant=1.5|Judy Chicago: The Dinner Party, 1974–1979, New York, Brooklyn Museum The Dinner Party ist eine Installation der amerikanischen feministischen Künstlerin Judy Chicago, die die Geschichte der Frauen in der westlichen Zivilisation anhand einzelner bedeutender Frauen darstellen soll. Dazu werden 39 aufwendig arrangierte Gedecke auf einer Festtafel ausgestellt. Jedes Gedeck steht für eine bekannte Frau aus der Mythologie oder der Geschichte. Die einzelnen Gedecke sind so angeordnet, dass sie eine Tafel in Form eines gleichseitigen Dreiecks bilden.
Auf jedem Platz steht ein individuell gestalteter, handbemalter Porzellanteller auf einem Tischläufer, welcher mit dem jeweiligen Namen sowie Applikationen und einer Goldumrandung bestickt ist. Ein Keramikbesteck und ein heller, innen goldfarbener Porzellankelch gehören ebenfalls zum Gedeck. Fast alle Teller sind entweder als Erkennungszeichen der Eingeladenen mit Bildern oder Symbolen zu ihren Leistungen gestaltet oder in Form stilisierter Blumen oder Schmetterlinge. Dabei greift Chicago den kulturellen Beitrag der Platzinhaberin auf. Das Schmetterlingsmotiv wählte sie als poetische Umschreibung zur Darstellung der anatomischen Variationen einer Vulva. Die Dinnertafel steht auf einem Boden, der aus mehr als 2000 weiß glasierten dreieckigen Fliesen besteht. Diese tragen in Goldschrift weitere 999 Namen von mythisch oder historisch bedeutsamen Frauen.
Die Installation entstand von 1974 bis 1979.Maura Reilly (founding curator) des Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art, Brooklyn Museum: Tour and Home. Abgerufen am 30. Juni 2017 Danach zeigten verschiedene Museen das Kunstwerk, bevor es 2007 in die ständige Sammlung des Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art im Brooklyn Museum in New York gelangte.
Geschichte Entstehung Judy Chicagos Arbeit ging die Überlegung voraus, dass die Leistungen von Frauen in der Geschichte zumeist verschwiegen würden. Frauen müssten ihre Energien in dem Kampf vergeuden, an der Kultur teilzuhaben, statt sie gleichberechtigt mitzuformen. Das Kunstwerk sollte die Leistungen von Frauen in der Menschheitsgeschichte aufzeigen und gleichzeitig auch die Tragödien, die durch die Unterdrückung von Frauen entstanden waren.Judy Chicago, Durch die Bume, Rowohlt, Hamburg, 1984, S. 243
Die Arbeit begann mit dem deutlich kleineren Projekt Twenty-Five Women Who Were Eaten Alive, in dem Chicago Schmetterling-Vulva-Bilder mit ihrem Interesse an chinesischer Porzellanmalerei verband. Das Motiv der Schmetterling-Vulva-Bilder findet sich bereits in ihren frühen Arbeiten aus den Jahren 1972 bis 1975, das eine Synthese aus der Darstellung von Schmetterling und Vulva darstellt.Emma L. E. Rees: The Vagina: A Literary and Cultural History. Bloomsbury Academic, London/New York 2013, ISBN 978-1-62356-871-9, S. 156Lucy R. Lippard: Judy Chicago’s Dinner Party. In: Art in America, Vol. 68, Nr. 4, April 1980, S. 114–126. Chicago erweiterte das Projekt bald auf 39 Frauen, die in drei Gruppen zu je 13 angeordnet waren. Das Dreieck wird oft als ein Symbol für das Weibliche gesehen, weshalb Chicago es in ihren Werken mit dieser Bedeutung gerne verwendete.Shirley Ardener: A note on gender iconography: the vagina. In: The Cultural Construction of Sexuality. Pat Caplan (Hrsg.), Routledge, London/New York 1987, ISBN 978-0-415-04013-6, S. 131Judy Chicago, ACA Galleries: Judy Chicago, the Second Decade, 1973–1983: Exhibition , May 5-26, 1984. ACA Galleries, New York 1984Cäcilia Rentmeister: Frauenwelten – Männerwelten: Für eine neue kulturpolitische Bildung. Springer-Verlag, 1985, ISBN 978-3-322-95493-0, S. 75Mithu Sanyal: Vulva – die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009, ISBN 978-3-8031-3629-9Marie E. P. König: Am Anfang der Kultur.: Die Zeichensprache des frühen Menschen. Gebrüder Mann Verlag, Berlin 1973; Ullstein, Frankfurt/Berlin/Wien 1981, ISBN 3-548-36061-0, S. 210 Die Zahl 13 korrespondiert mit der Anzahl der Personen beim Letzten Abendmahl. Für Chicago ist das eine wichtige Referenz, da dabei nur Männer anwesend waren.
Die Künstlerin verfolgte mit The Dinner Party das Ziel, „den andauernden Zyklus des Weglassens zu beenden, mit dem Frauen aus der historischen Aufzeichnung geschrieben wurden“. Die ausgewählten Persönlichkeiten sollen beispielhaft auf die historischen Errungenschaften von Frauen in der westlichen Kultur hinweisen.Sarah Cascone: How—and Why—’The Dinner Party’ Became the Most Famous Feminist Artwork of All Time. In: artnet News vom 7. November 2017. Abgerufen am 21. September 2019 Das Werk würdigt die oft als Kunsthandwerk gering geschätzten traditionell weiblichen Formen des Kunstschaffens wie Textilkunst (Weben, Sticken, Nähen) und Porzellanmalerei. Chicagos Anliegen war, dass The Dinner Party als Kunstwerk mit Intention und Aussage anerkannt würde.Amelia Jones: The Sexual Politics of "The Dinner Party": A Critical Context. In: Reclaiming Female Agency: Feminist Art History After Postmodernism. (Hrsg.) Norma Broude, Mary D. Garrard. University of California Press, Berkeley 2005, S. 409–427
Es dauerte sechs Jahre bis zur Fertigstellung der Dinner Party. Chicago arbeitete drei Jahre lang allein an dem Werk, bevor sie andere hinzuzog. Die letzten drei Jahre trugen über 400 Menschen, meist ehrenamtlich, zur Umsetzung bei. 125 von ihnen wurden als „Mitglieder des Projekts“ bezeichnet, was auf ihre langfristige Mitarbeit hindeutet. Unter den Helfern befanden sich weibliche und männliche Keramiker, Näher, Sticker und Rechercheure. Die Kosten beliefen sich auf ca. 250.000 US-Dollar, worin die Arbeit der Freiwilligen nicht eingerechnet ist.
Ausstellungen Zur Eröffnungsveranstaltung im San Francisco Museum of Modern Art am 14. März 1979 besichtigten 5.000 Besucher das Kunstwerk, während der dreimonatigen Ausstellungsdauer waren es etwa 100.000. Die anschließende internationale neunjährige Tournee startete in Clear Lake City (Texas) an der University of Houston-Clear Lake im Verbund des University of Houston System, gefolgt vom Boston Center for the Arts 1980 in Boston,Jane F. Gerhard: The Tour That Very Nearly Wasn’t: The Dinner Party’s Alternative Showings, 1980–1983. In: The Dinner Party: Judy Chicago and the Power of Popular Feminism, 1970–2007. University of Georgia Press 2013, ISBN 978-0-8203-4568-0, S. 200. dem früheren jüdischen Gotteshaus in Cleveland Heights, Cleveland im Jahr 1981,Jane F. Gerhard: The Tour That Very Nearly Wasn’t: The Dinner Party’s Alternative Showings, 1980–1983. In: The Dinner Party: Judy Chicago and the Power of Popular Feminism, 1970–2007. University of Georgia Press 2013, ISBN 978-0-8203-4568-0, S. 204. Chicago, Atlanta und drei Museen in Kanada.Jane F. Gerhard: Debating Feminist Art: The Dinner Party in Published and Unpublished Commentary, 1979–1989. In: The Dinner Party: Judy Chicago and the Power of Popular Feminism, 1970–2007. University of Georgia Press 2013, ISBN 978-0-8203-4568-0, S. 246. In Europa sahen über eine Million Menschen das Werk, unter anderem beim Edinburgh Festival Fringe in Schottland, 1984 im Londoner WarehouseCamden New Journal: DISHING UP MEANINGFUL ART: A feast of 'Dinner Party' artist Judy Chicago's work, vom 13. Dezember 2012. Abgerufen am 30. Juni 2017 und der Schirn Kunsthalle Frankfurt im Mai/Juni 1987.Leserbrief, in: Frankfurter Rundschau, 8. Juni 2002, Seite 8. Die Tournee endete 1988 mit der Ausstellung im australischen Royal Exhibition Building in Melbourne und der anschließenden Einlagerung im National Museum of Women in the Arts in Washington, da es nicht genügend Ausstellungsraum gab, um es zu präsentieren.
1990 schenkte Chicago ihr Werk der durch den Kongress verwalteten University of the District of Columbia. Es sollte in der früheren Carnegie-Bibliothek, die Teil des Campus der Universität war, als Teil der wachsenden Sammlung multikultureller Kunst dauerhaft ausgestellt werden. Die Treuhänder planten den Umbau und die Instandsetzung des vorgesehenen Gebäudes aus Mitteln, die nicht den laufenden Haushalt der Universität belasten würden. Letztlich verwarfen die Treuhänder dieses Vorhaben, nachdem Kongressabgeordnete sich im Fernsehen gegen die in ihren Augen pornografische und beleidigende Installation aussprachen und die Washington Times fälschlich berichtete, das Werk sei von mehreren Kunstgalerien im ganzen Land verboten worden, weil es weibliche Genitalien auf den Tellern darstelle, und dass die Treuhänder fast 1,6 Mio. US-Dollar ausgeben würden, um ein derart umstrittenes Kunstobjekt zu erwerben und auszustellen.Lucy R. Lippard: Uninvited Guests: How Washington Lost "The Dinner Party". In: Art in America, Vol. 79, Nr. 12, Dezember 1991, S. 39–49
Die einzige weitere Ausstellung der Installation fand 1996 im Armand Hammer Museum of Art statt unter dem Titel Sexual Politics: Judy Chicago’s Dinner Party in Feminist HistoryWellesley Archives Space, kuratiert von Amelia Jones. Danach wurde das Werk wieder eingelagert.
Elizabeth Sackler, Philanthropin, Kunstsammlerin und Vorstandsmitglied des Brooklyn Museums, begann die Möglichkeiten für einen Kauf des Kunstwerkes abzuwägen. 2002 erwarb die von ihr gegründete Elizabeth A. Sackler Foundation die Installation und stiftete sie dem Brooklyn Museum. Die folgende Sonderausstellung im Museum wurde von 80.000 Personen besucht. Nach Fertigstellung des Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art im Gebäude des Brooklyn Museums wird The Dinner Party seit März 2007 als zentrales Kunstwerk dauerhaft ausgestellt, begleitet von wechselnden Ausstellungen feministischer Kunst. Bis Ende 2017 besuchten 1,5 Mio. Menschen die Ausstellung. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Sackler-Zentrums wurde die Sonderausstellung Roots of ‘The Dinner Party’: History in the Making gezeigt, und zeitgleich Inside ‘The Dinner Party’ Studio im National Museum of Women in the Arts in Washington.
Beschreibung Die Tafel Die massive Tafel ist dreieckig und misst 48 Fuß (14,63 m) auf jeder Seite. Mit 13 Gedecken an jeder der drei Seiten gibt es insgesamt 39 Plätze. An der ersten Seite der Tafel sind Sitzplätze für historische oder fiktive Personen von der Urgeschichte bis zu Entstehung und Niedergang der Klassischen Antike angeordnet. Der Abschnitt beginnt mit Ur-Göttinnen und endet mit Hypatia von Alexandria zur Römischen Kaiserzeit. Die zweite Seite beginnt mit der Heiligen Marcella und deckt den Aufstieg des Christentums ab. Er schließt mit Anna Maria von Schürmann im siebzehnten Jahrhundert zum Zeitpunkt der Reformation ab. Die dritte Seite repräsentiert das „Zeitalter der Revolution“. Sie beginnt mit Anne Hutchinson und führt von der Amerikanischen Revolution durch das zwanzigste Jahrhundert bis zur ersten und zweiten Welle feministischer Umwälzung und endet mit den Plätzen von Virginia Woolf und Georgia O’Keeffe.
Die 39 Frauen mit Plätzen an der Tafel sind: Seite I: Urgeschichte bis zur Römischen Kaiserzeit 1. Urgottheit 2. Fruchtbarkeitsgöttin 3. Ištar 4. Kali 5. Schlangengöttin 6. Sophia 7. Amazonen 8. Hatschepsut 9. Judith 10. Sappho 11. Aspasia 12. Boudicca 13. Hypatia
Seite II: Christianisierung bis zur Reformation 14. Marcella 15. Brigida von Kildare 16. Theodora I. 17. Hrotsvit 18. Trota von Salerno 19. Eleonore von Aquitanien 20. Hildegard von Bingen 21. Petronilla de Meath 22. Christine de Pizan 23. Isabella d’Este 24. Elisabeth I. 25. Artemisia Gentileschi 26. Anna Maria von Schürmann
Seite III: Amerikanische Revolution bis zur Frauenbewegung 27. Anne Hutchinson 28. Sacajawea 29. Caroline Herschel 30. Mary Wollstonecraft 31. Sojourner Truth 32. Susan B. Anthony 33. Elizabeth Blackwell 34. Emily Dickinson 35. Ethel Smyth 36. Margaret Sanger 37. Natalie Clifford Barney 38. Virginia Woolf 39. Georgia O’Keeffe