mini|hochkant=1.4|Die Reiseroute von Peñarol Montevideo 1927. Zwischen Anfang April und Ende Juni 1927 unternahm der uruguayische Fußballverein Peñarol Montevideo eine Reise durch Europa.European trip of Club Atlético Peñarol 1927 – Match Details. Abgerufen auf rsssf.org (Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation) am 14. April 2017. Diese reiht sich ein in eine Serie ähnlicher Touren (mit dem spanischen Wort gira bezeichnet), die andere südamerikanische Klubs in den 1920er Jahren bestritten. Sie waren vor allem darauf ausgerichtet, einen Austausch zwischen den einander nahezu unbekannten Fußballkulturen beider Kontinente herzustellen.

Die Mannschaft aus der Hauptstadt Montevideo – wegen ihrer Trikotmusterung auch als „Schwarz-Gelbe“ (sp.: Aurinegros) bezeichnet – absolvierte in sechs Ländern 19 Spiele gegen 16 Teams und konnte dabei sieben Siege erreichen. Insbesondere die erste Hälfte der Reise war geprägt von schwachen Leistungen der Uruguayer, was sich auch in teils negativer medialer Berichterstattung niederschlug. Obschon sich das Team anschließend stabilisierte und sehr publikumswirksamen Fußball bot, zog die Vereinsführung letztlich – auch unter Berücksichtigung unzureichender Planung im Vorfeld und des entstandenen finanziellen Verlustes – ein kritisches Fazit der Gira. Gleichwohl war durch die Tour immerhin das Ziel erreicht worden, internationale Aufmerksamkeit zu erzielen und den südamerikanischen Fußball in Europa bekannter zu machen.

La gira Vorgeschichte Bis in die 1920er Jahre existierten die Fußballkulturen Europas und Südamerikas relativ unabhängig, ohne allzu viele Schnittpunkte und Wissen übereinander. Als erster europäischer Verein war 1904 der Southampton FC nach Südamerika gereist und hatte in Argentinien sechs Spiele bestritten. Weitere britische Klubs und 1914 der FC Turin folgten, wobei die Zielländer stets Argentinien, Brasilien und Uruguay waren. Ohne dass es im kriegsgeplagten Europa allzu aufmerksam zur Kenntnis genommen worden wäre, wurden 1916 in Südamerika mit der CONMEBOL der erste Fußballkontinentalverband und mit dem Campeonato Sudamericano de Fútbol – dem Vorläufer der Copa América – der weltweit erste Wettbewerb für Fußballnationalmannschaften ins Leben gerufen. Dennoch betrachteten sich die Europäer im Vergleich zu den „Exoten aus der Ferne“ lange Zeit als überlegene Macht in diesem Sport. Dementsprechend groß war die Verwunderung im Mai und Juni 1924, als die uruguayische Fußballnationalmannschaft im Verlauf des olympischen Fußballturniers in Paris unter anderem die europäischen Teams Jugoslawiens, Frankreichs und der Niederlande in überlegener Manier besiegte und schließlich durch einen ebenso deutlichen Sieg gegen die Schweiz die Goldmedaille errang. Die Europäer waren begeistert vom kreativen und eleganten Spielstil der Uruguayer und begannen, sich vermehrt für die dortige Fußballkultur zu interessieren.

Ab diesem Zeitpunkt unternahmen deshalb auch mehrere südamerikanische Klubs Rundreisen durch Europa – um Kontakte zu knüpfen, Spielpraxis gegen neue Gegner zu sammeln und Anerkennung für das eigene fußballerische Wirken zu erwerben. Zwischen März und August 1925 absolvierte beispielsweise der Club Nacional de Football aus Montevideo 38 Partien in Frankreich, Spanien, den Niederlanden, Belgien, der Tschechoslowakei, Portugal, Österreich und der Schweiz, von denen die Südamerikaner 26 gewannen.European trip of Club Nacional de Football 1925. Abgerufen auf rsssf.org (Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation) am 14. April 2017. Ebenfalls ab März – allerdings nur bis Anfang Juni – tourte das argentinische Spitzenteam Boca Juniors aus der Hauptstadt Buenos Aires durch Spanien, Frankreich und das Deutsche Reich und gewann 15 seiner 19 Begegnungen.European Trip of CA Boca Juniors 1925. Abgerufen auf rsssf.org (Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation) am 14. April 2017. Sehr bekannt ist auch die Reise des chilenischen Hauptstadtklubs CSD Colo-Colo,CSD Colo-Colo (Santiago de Chile) Tour to America and Iberia 1927. Abgerufen auf rsssf.org (Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation) am 14. April 2017. der zwischen April und Juni 1927 22 Spiele in Portugal und Spanien bestritt und zwölf siegreich beendete.

mini|Auf dem Field de Villa Peñarol bestritt der CURCC 1905 sein erstes Spiel gegen ein europäisches Team. Peñarol Montevideo war bis dato zu Hause in Montevideo viermal auf europäische Gegner getroffen: Am 11. Juni 1905 gastierte der englische Nottingham Forest FC auf dem Field de Villa Peñarol.British Clubs in Argentina and Uruguay (1904–1929). Abgerufen auf rsssf.org (Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation) am 14. April 2017. Damals kaum mehr als ein gewöhnlicher Sportplatz war es die Heimspielstätte des Central Uruguay Railway Cricket Club (CURCC), der ab 1913 als Club Atlético Peñarol firmierte. Die Aurinegros verloren diese Partie deutlich mit 1:6. Am 10. September 1922 machte der tschechoslowakische Teplitzer FK – Meister 1921 und 1922 des Deutschen Fußball-Verbandes für Böhmen (DFVfB) innerhalb der Československá associace footballová (ČSAF) – während seiner Südamerika-Tournee in Peñarols Estadio Pocitos Station. Die Partie musste allerdings beim Stand von 1:0 für die uruguayischen Hausherren wegen starken Regens abgebrochen werden.European Clubs in Argentina and Uruguay (1914–1935). Abgerufen auf rsssf.org (Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation) am 14. April 2017. Ebenfalls im Estadio Pocitos traf man am 4. Juli 1923 auf den Third Lanark AC aus dem schottischen Glasgow und verlor 0:2.Río de la Plata Trip of Third Lanark 1923. Abgerufen auf rsssf.org (Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation) am 14. April 2017. Schließlich spielte Peñarol Montevideo am 18. Juli 1926 im Estadio Gran Parque Central gegen den spanischen RCD Espanyol Barcelona. Man konnte sich mit 1:0 durchsetzen.South American Trip of RCD Español 1926. Abgerufen auf rsssf.org (Rec.Sport.Soccer Statistics Foundation) am 14. April 2017. In Uruguay war Fußball um 1927 noch Amateursport; die 1900 ins Leben gerufene Primera División wurde erst 1932 professionalisiert. Bis 1922 hatte Peñarol Montevideo (beziehungsweise der CURCC) sieben Mal die uruguayische Meisterschaft gewinnen können. Dann jedoch wurde der Verein Ende des Jahres zusammen mit Central aufgrund gravierender Differenzen von der Asociación Uruguaya de Fútbol (AUF) ausgeschlossen und es wurde mit der Federación Uruguaya de Football (FUF) ein weiterer Verband gegründet, in dem sich ein Teil der uruguayischen Vereine parallel organisierte. Man richtete für zwei Verbände eine eigene Meisterschaft aus und stellte auch eine eigene Nationalmannschaft auf. Beide Ligen wurden 1926 wieder zusammengeführt und im sogenannten Torneo del Consejo Provisorio die Meisterschaftsteilnehmer für die Saison 1927 bestimmt. Diese Spaltung hatte allerdings insofern drastische Konsequenzen für die Spieler von Peñarol Montevideo, als dass sie von der AUF nicht in das Aufgebot für die Olympischen Sommerspiele 1924 berufen worden waren und somit nicht dem in Europa gefeierten Team angehörten.

Dank steigender Mitgliederzahlen und einer verantwortungsbewussten und kompetenten Vereinsführung stand Peñarol als wirtschaftlich überaus solider Klub da. Anfang des Jahres 1927 entschied man sich dazu, selbst eine Rundreise durch Europa zu organisieren. Dies sollte sowohl eine Belohnung als auch eine Entschädigung für die Spieler sein, die im Vorjahr das Torneo del Consejo Provisorio gewonnen hatten und wegen der Spaltung um die Möglichkeit gebracht wurden, schon 1924 in Europa zu spielen.

Kader Spieler Tor Abwehr Mittelfeld AngriffLuis BiscardiJuan LegnazziDenis D’AgostoJosé BenincasaAlberto NoguésJuan SanteroAntonio AguerreGildeón SilvaPascual Ruotta Alfredo BoccardoLadislao PérezPascual PaolaAntonio SaccoPablo TerevintoJuan Pedro ArremónPeregrino AnselmoAntonio CámpoloArturo Suffiotti Betreuerstab Name Funktion Vicente Rubino Delegationspräsident Pablo Perazzo Hochrangiges Vereinsmitglied Leonardo De Lucca Cheftrainer Alberto Nogués Mannschaftsarzt Roberto Fígoli Physiotherapeut hochkant|mini|José Piendibene, einer der berühmtesten Spieler in der Vereinsgeschichte von Peñarol, musste verletzungsbedingt in Uruguay bleiben. Mit Ausnahme des 36-jährigen Stürmerstars José Piendibene, der nach einer Verletzung zur medizinischen Rehabilitation in Uruguay blieb, stand die komplette erste Mannschaft für die Reise zur Verfügung. Aufgrund der zeitlichen Überschneidung wurden die Spieler aus der nationalen Meisterschaft abgezogen, die man stattdessen mit der zweiten Mannschaft bestritt. Nichtsdestotrotz belegte Peñarol 1927 den zweiten Platz hinter dem Rampla Juniors FC.

Einige der Sportler hatten bereits internationale Titel gewonnen. So gehörten Juan Legnazzi, Antonio Cámpolo und Pascual Ruotta der uruguayischen Nationalmannschaft an, die siegreich aus dem in Chile ausgetragenen Campeonato Sudamericano 1920 hervorging. Ladislao Pérez (damals allerdings noch für die Montevideo Wanderers spielend) siegte mit Uruguay vor heimischer Kulisse beim Campeonato Sudamericano 1923 und wurde dabei von Leonardo De Lucca trainiert, der nun vier Jahre später Peñarol betreute. Er blieb dem Verein treu und war nach der Liga-Professionalisierung 1932 noch mehrfach für kurze Zeit Trainer der Aurinegros, mit denen er 1932 die Meisterschaft gewinnen konnte.

Zwar begleitete offiziell kein Mannschaftsarzt die Reise, doch Abwehrspieler Alberto Nogués war in Uruguay als Arzt tätig und kümmerte sich in Europa um die medizinischen Belange des Teams. Nach seinem Karriereende 1936 setzte er die Arbeit in der medizinischen Abteilung des Vereins noch einige Jahrzehnte fort.

Entgegen damals üblicher Praxis bei derartigen Giras entschlossen sich die Verantwortlichen von Peñarol Montevideo, keine Spieler anderer Vereine mitzunehmen und für die Dauer der Fahrt ins eigene Team zu integrieren.

Verlauf der Reise Schwieriger Start in der alten Welt Am Dienstag, den 15. März 1927, legte die Mannschaft an Bord der SS Conte Verde in Montevideo ab. Das großzügige Dampfschiff bot Gymnastik- und Sportmöglichkeiten an Deck, was insbesondere für die Sportler relevant war, da sie so ihre körperliche Fitness aufrechterhalten konnten. Nach Zwischenstopps in den brasilianischen Städten Santos und Rio de Janeiro wurde der Atlantische Ozean überquert. Geplant war, in Barcelona an Land zu gehen, von dort mit dem Zug in die französische Hauptstadt Paris weiter zu reisen und dort ein erstes Spiel zu bestreiten. Einige Tage vor der Ankunft informierte der mitreisende Vereinsvorstand, der in Telegraphenverbindung zum Festland stand, das Team allerdings darüber, dass es eine Planänderung gäbe und das erste Spiel in Wien stattfinden würde. Die Conte Verde lief am Morgen des 23. März in Barcelona ein. Die Reisegruppe wurden von lokalen Sportlern begrüßt und erhielt eine kurze Stadtführung, ehe man gegen 12:30 Uhr mit dem Schiff weiter nach Genua fuhr. Es war vorgesehen, in wenigen Wochen nach Spanien zurückzukehren und Partien gegen den FC Barcelona sowie RCD Espanyol Barcelona zu bestreiten. Auch in Genua feierten einheimische Athleten die Ankunft der Reisenden. Zu diesem Zeitpunkt waren die vorgesehenen Spiele in Deutschland noch nicht final angesetzt, da es finanzielle Unstimmigkeiten zwischen den deutschen Vereinen und Peñarol gab. Zwar sahen die Uruguayer die Reise als Freundschaftsspiele an und beabsichtigten nicht, Einnahmen zu erzielen – dennoch wollte man durch Antrittsgelder die eigenen Unkosten decken. Man forderte dieses Geld in US-Dollar, was den Deutschen nicht passte.Álvaro Cabrera: Am 23. Oktober 2013 auf campeondelsiglo.com. Abgerufen am 14. April 2017. Außerdem war in Genua noch ein Spiel gegen den CFC Genua geplant, ehe die Reise nach Wien fortgesetzt werden sollte. Dieses kam aber nicht zustande.